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Der Israelit · 1908-10-29 · Heft 43 (29.10.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 43 (29.10.1908)
Date
1908-10-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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29. Oktober 1908. Der Mra äu. Nr. 43. Sette 8 saMes Gegengewicht zu bieten und den Kampf mit ihr aufzunehmen imstande wäre. Zunächst dadurch, daß sie alle Mißstände im eigenen Lager rücksichtslos abschafft und Licht, wahres Licht der Thora in die alten Chedarim bringt, das die Irrlichter der Gegenpartei dauernd überstrahlt. edamberlai«. Bon Rabbiner Dr. Cohn in Basel. (Schluß.) Dabei sind wir bei Chamberlain doppelt geschlagen. Denn wollen wir darauf Hinweisen, daß wir die Religion „der Liebe" häufig vergeblich gesucht haben bei den Völkern, unter denen wir wohnten, erbarmungslos verfehmt und aufs grausamste verfolgt, so hat Chamberlain diesem Einwand vorgebeugt; denn die schlimmen Eigenschaften des Christentums im Mittelalter, die er keineswegs in Abrede stellt, stammen nach ihm nur aus den früheren Beziehungen des, Christentums zum Judentum!! Wie die Zerstörung Carthagos für Rom und für die antike Welt eine Notwendigkeit und eine Lebensfrage war, ebenso — nach Chamberlain — die Zerstörung Jerusalems für die moderne Welt. Matt höre und staune! „Schlimmer noch als das Handelsmonopol der Phönizier wäre das Religionsmonopol der Juden gewesen; unter dem bleiernen Druck dieser Dogmatiker und Fanatiker wäre jede Denk- und Glaubensfreiheit aus der Welt entschwunden; die platt-materialistische Auffassung Gottes wäre unsere Religion, die Rabulistik unsere Philosophie gewesen. Denn was ist jenes starre engherzige, geistig beschränkte Dogmatisieren der christlichen Kirche, desgleichen kein arisches Volk sich jemals austräumte, was ist jener alle Jahrhunderte bis auf unser 19. hinab schändende blutgierige Fanatismus, jener der Religion der Liebe von Anfang an anhaftende F l u ch des Hasses, von denen Grieche und Römer, Inder und Chinese, Perser und Germane schaudernd sich abwenden? Was denn, wenn nicht der Schatten jenes Tempels, in welchem dem Gott des Zornes und der Rache geopfert wurde?" Mer hiermit nicht genug. Hier hat Chamberlain die Maske der wissenschaftlichen Objektivität fallen lassen. Aus seinen Worten spricht glühender fanatischer Haß gegen Juden und Judentum. Ist sein Haß am Ende auch ein ausdrückliches Erbstück aus dem jüdischen Heiligtum und für die fanatische Verfolgung des Judentums nicht die Religion „der Liebe", der er anhängt, sondern die Religion „der Rache und des Menschenhasses" verantwortlich, unter deren Einfluß er unbewußt steht?! Früher glaubte man, das Judentum habe den Glauben an einen Gott in die Welt gebracht. Chamberlain gönnt ihm auch diesen Ruhmestitel nicht,, raubt ihm auch diesen, seinen ältesten Glanz und Schimmer. Aehnlich wie später Delitzsch stellt er die kühne, aber durch nichts erwiesene Behauptung auf, die alten, angeblich den Götzen dienenden Völker hätten trotz der Vielheit ihrer Gottheiten die Idee eines allmächtigen Wesens vorausgesetzt. Ja, eigentliche Götzendiener habe es nicht gegeben, der Götze aus Silber und Gold, aus Holz und Stein sei nur ein Sinnbild der Gottheit gewesen, die der Mensch aufrichtig verehrete. Die Juden, die als eingefleischte Nationalisten bei jeder Sache immer zuerst fragten: „Was nützt sie?" hätten nicht begreifen können, daß man ein Götzenbild im Hause habe, als Gegenstand der Kunst, als ein Symbol, um sich daran zu erbauen und zur Andacht zu erwecken, und hätten darum mit Unrecht die alten Völker in den Verdacht des Götzendienstes gebracht! Die einzigen wirklichen Götzendiener seien die Juden gewesen, die ein goldenes Kalb, eine kupferne Schlange angebetet hätten! Man sieht hier wieder die wissenschaftliche Unparteilichkeit Chamberlams. Wenn der Australneger seinen Fetisch verehrt, so bewilligt ihm Chamberlain mildernde Umstände. Der Fetisch, von dem er Rettung in Not und Gefahr erwartet, ist nur ein Sinnbild der höchsten Gottheit, die nahe ist denen, die sie anrusen. Mit ganz anderem Maßstab müssen aber natürlich die Juden gemessen werden, wenn sie in Zetten der Verirrung vorübergehend den Götzendienst anderer Vöölker nachahmen. Ihr Götzendienst war der einzig wirkliche, oem jede symbolisierende Entschuldigung fehlte! Noch mehr! Die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben, was Chamberlain über n"3pD, über den jüdischen Gottesdienst sagt. Der jüdische Gott ist ein idealistischer Götze! Richtig erkennt Chamberlain den klaffenden Gegensatz, der das Judentum von dem Heidentum scheidet. Die Heiden wußten nichts von einem Gott, der Üie Welt geschossen. Ihre Götter waren nicht allmächtig, sondern sewst dem Schicksal, dem Fatum untertan. Ganz anders der jüdische Gott. Er hat die Welt geschaffen und regiert sie nach seinem Willen, in Freist schaltend und waltend. Nach Willkür, sagt Chamberlain, ohne für diese angeblich jüdische Anschauung auch nur den Schatten eines Beweises zu erbringen. Ja, ist denn Willkür und Freiheit ein und dasselbe? Ist die Schweiz, weil sie das Land der Freiheit ist, auch das. Land der Willkür, herrscht in Rustland, dem Land der Willkür, Freiheit? Ist nicht Gott nach der heiligen Schrift der Richter der ganzen Erde, dem es fernliegt, Unrecht zu tun, der kein Ansehen der Person kennt, und den man auch mit edlen Taten, nicht bestechen kann, dermit Güte und mit Gerechtigkeit — denn das besagen die beiden in der Bibel alternierenden jüdischen Namen — die Welt regiert? Nicht Willkür war es, wie Chamberlain meint, daß Gott das Volk Israel zu seinem Dienste erwählt und ihm seine Thora gegeben hat. Er wußte, oaß Israel die Eigenschaften besaß, die Thora zu hüten und mit seinem Herzblute zu verteidigen. Er wußte, daß Israel nicht das materiellste,, wie Chamberlain es nennt, sondern das für seine Ideale opfersähigste Volk der Erde ist. Chamberlain selbst sagt, daß Israel das, was andere Völker Glück nennen, polittschen Glanz, nur etwa ein halbes Jahrtausend genossen habe. Welche unendliche Reihe der Leiden stand dieser kurzen Periode des Glückes gegenüber? Wo gibt es ein Volk, das so' viel gelitten, wie das Volk der Juden? Sie litten, weil sie die Thora hüteten. Sie hätten es so leicht gehabt. Sie brauchten nur ihre Religion auszugeben, und sie konnten an der Tafel der Nationen sitzen und alle Freuden und Genüsse der Welt standen ihnen offen. Sie aber duldeten lieber Elend und Not, ließen sich aus der menschlichen Gesellschaft ausstoßen und in Ghetti sperren, um ihrer Ideale, um ihrer Thora willen. Chamberlain sagt, die Juden hoffen darauf, politisch die Welt zu beherrschen. Das ist unwahr. Was wir von der messianischen Zett erwarten, ist die Erfüllung der Verheißung, die dem Abraham zu Teil wurde: „Du sollst zum Segen sein, und es werden sich mtt Dir segnen alle Völkersamilien der Erde." Dann wirb, wie es in unfern Gebeten heißt, „Gott König sein über der ganzen Erde, Gott einzig und sein Namen einzig." Verschwinden wird alle Lüge, alle Bosheit wird verstummen, und alle Menschen werden einen Bund schließen und einig sein in der Verehrung des Mmächtigen. Doch genug. Wie die Biene aus allen Blüten Süßigkeiten sammelt, um Honig daraus zU bereiten, so schöpft Chamberlain aus unserer ganzen Literatur nur Gift und Galle, die er über uns Juden ausschüttet. Das Bild, das er von Juden und Judentum entwirft, ist, wie in einem Hohlspiegel aufgefangen, ein Zerrbild, und hat mit der Wirklichkeit nichts gemein. Nur eines nimmt mich Wunder. Chamberlain verweilt gern bei der Verkündigung, daß Gott alle Völker Kanaans vor Israel vertilgen werde. Wörtlich und geschmackvoll übersetzt er: „Ihr werdet freffen alle Völker." Es wmwert mich nur,. Um für das Problem, das ich in der Hauptstadt zu lösen habe, besser vorbereitet gu sein, hielt ich es für das Beste, vorerst die größeren Städte zu besuchen und mich bei den daselbst wohnenden Juden zu informieren, was sie von einer Organisation der Juden in Mexiko dächten. So verließ ich Montag, den 8. Juni Juarez, eine Stadt, die gegenüber El Paso, aus der mexikanischen Sette des Rio Grande gelegen ist, um nach Chihuaahua, der Hauptstadt des gleichnamigen Staates zu fahren. Die Stadt, die ich schon von einem früheren Besuche her kenne, zählt 33000 Einwohner, darunter acht jüdische Famitten und sechs selbständige, unverheiratete jüdische Männer. Außer diesen gibt es noch drei gewesene Juden, die Mexikanerinnen geheiratet Haben. Es bleibt immerhin eine interessante Frage: Woher es denn komme, daß in dieser Stadt, die einen Knotenpunkt einer wettverzweigten Eisenbahn und das Handels- und Industrie-Zentrum des Staates bildet, so wenig Juden wohnen? Die wenigen Juden, die hier wohnen, sind wohlhabend und in geachteten sozialen Stellungen'und ohne Zweifel würden hier noch zahlreiche jüdische Familien ihr gutes Auskommen finden. Der Vater dieser kleinen jüdischen Kolonie ist Herr H. Nordwald, der sich im Jahre 1867 hier angefiedelt Litte. Er kam mit aufgepackten Mauleseln vom Staate Kmrfas durch das Land. Die Antwort ans die oben aufgeworfene Frage habe ich bis jetzt in zufriedenstellender Weise noch nicht gefunden. In einer im Hause des Norowald abgehaltenen Beratung Haben fast sämtliche Anwesende fick dahin ausgesprochen, daß eine offizielle Bereinigung vex Juden dermalen nicht ratsam sei. Sie wären zu wenig, um regulären Gottesdienst halten zu können. Die Juden werden hier nicht E Personen qnderen Glaubens, sondern als die übrigen sind in den südlichen Hafenstädten und im Innern des Landes zu Hause. In den größeren Städten besuchten die jüdischen Marinesoldaten unter dem Kommando des Kapitäns A. M. Cohen aus Philadelphia die Synagoge. So wurde in Sidney (Australien) ein eigener Gottesdienst für sie veranstaltet und ihre dortigen Glaubensgenossen wetteiferten, die jüdische Garde zur See festlich zu bewirten. Die Juden werden in der amerikanischen Marine, der größten und bedeutendsten der Welt, sehr gerne gesehen und werden im Gegensätze zu den Matrosen im Allgemeinen, als wohlerzogene, mutige und intelligente Leute gelobt. Zahlreiche Juden nehmen in der amerikanischen Marine hohe Posten ein. (Die Juden i« Chihuahua-Gebiet von Mexiko.) Wie seinerzeit mitgeteilt wurde, ist Rabbiner Martin Zilonka aus Texas in das Chihuahua-Gebiet von Mexiko gereist, um die dorttge Judenschaft zu religiösem und sozialem Zusammenwirken zu organisieren. Erinnerlich ist auch, daß der Gouverneur von Chihuahua Herrn Zilonka feinen Schutz für dieses Gebiet zugesichert hat. Nun veröffentlicht der „American Jsraelite" den ersten Reisebrief des Herrn Zielonka, dem wir die folgenden interessanten Daten entnehmen: „Meine' mexikanische Invasion", beginnt Herr Zielonka, „ist eine friedliche. Sie hat einzig den Zweck, die Lage unserer Glaubensgenossen zu studieren und nach Möglichkett auf sie einzuwirken, daß sie sich in irgend einer Form vereinigen, ihrer Vergangenheit treu bleiben und ihren Kindern ein re- Ugioses Erbe zu überliefern. .Ein eingehendes Studvuy. der Lage in dem Grenzgebiet, brachte mir schon die Äeberzeugung bei, daß an eine namhafte Organi- ' ~°' “ Hauptstadt gchgch^ werden könnte. ', Deutsche, Franzosen re. betrachtet, sie nehmen in dem vornehmen „Foreign Club" diejenige Stellung ein, die /ihnen ihr persönlicher Wert sickert. Die größte« Geschäftshäuser sind in den Händen oer „Brüder Nordwald" und der Firma „Krakauer und Zorke". Ich war schon im Begriffe weiterzureisen, als mtt die überraschende Mttteilung gemacht wurde, daß in der Stadt außer den mir bekannt gewordenen Juden, auch noch ungefähr ein Dutzend syrischer Juden leben. Wettere Recherchen ergeben, daß diese Männer aus Saida, Syrien, kommen, wo sie ihre Familien zurückließen. Es sind zumeist Neuankömmlinge — der erste war vor zwei Jahren eingewandert — die im Gegensätze zu ihren westlichen Glaubensgenossen tten der Ren* gion der Väter anhängen. -Sie haben einen gemeinsamen Basar, der den Namen „Nigris Primos" führt. Während zwei Männer im Geschäfte stehen, gehen dre übrigen mtt ihrer billigen Ware hausieren. Trotz ihrer geringen Zahl, halten sie Rosch-Haschonoh.und Jomkippur gemeinsamen Gottesdienst in dieser Stadt. Diese Männer haben überhaupt nicht die Absicht, ihre Familien herüberzubringen und zwar wegen der großen Auslagen und dann auch deshalb nicht, weil hier für Koscherfleisch nicht gesorgt ist. Sie leben hier nur von Milch und. Früchten. Die Stadt Torreon ist eine der jüngsten Städte Mexikos, exttem amerikanisch und hat auffallend wenig Kirchen. Bis jetzt habe ich hier weder einen Haß gegen Juden, noch Intoleranz unter den Mexikanern wahrnehmen können. Von Torreon fuhr ich nach Aguascalietes und Guabalajaray, über welche Städte mein nächster Brief handeln soll.

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