Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1908)
- Date
- 1908-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 29. Oktober 1908 Der J-raelit. *h. 43 gegen die jüdische Bevölkerung bilden einen wesentlichen Teil der inneren Politik Rumäniens. Tausende von Juden, denen von der Regierung alle Erwerbszweige abgeschnitten werden, verkümmern im Lande, dem sie zum Teile schon Kriegsdienste geleistet haben, viele Tausende von ihnen wandern jährlich aus, wandern in Scharen durch die Länder der Signaturmächte, denen es aber kaum je einfiel, sich nach diesen traurigen Zeugen der krassesten Verletzung des von ihnen Unterzeichneten Vertrages umzusehen. Nun aber soll es ernst werden. Es wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, zu einer neuen Konferenz der Großmächte kommen. Was haben wir Juden hinsichtlich unserer rumänischen Brüder von derselben zu erwarten? Nichts, rein nichts. Um weitere politische Komplikationen möglichst zu vermeiden, muß das Programm, die Basis für eine gemeinschaftliche Beratung, erst in allen Teilen durchgearbeitet werden. Das Programm wird, soweit es jetzt schon bekannt ist, sich ausschließlich auf die welterschütternden formalen Verletzungen des Vertrags erstrecken. In die „innere Politik einer unbeteiligten Macht" wie Rumänien wird die Konferenz sich nicht hineinmischen. Was auch die Umwälzung auf dem Balkan den dortigen Juden immer bringen mag, die rumänischen Juden haben leider nichts von ihr zu erwdrten. Wohl ist von englischer Seite diese Frage gestreift worden. Die große englische Zeitung „Daily Graphic" behandett die rumänische Judenfrage in einem bemerkenswerten Leitartikel sehr eingehend. Von jüdischer Seite wird wiederum die unverzügliche Einberufung einer internationalen Konferenz aller jüdischen Korporationen zu diesem Zwecke vorgeschlagen. Leider darf man sich von diesen an sich sehr natürlichen und löblichen Versuchen herzlich wenig versprechen und die Lage würde um nichts bester sein, - wenn die vielfach angestrebte „gemeinsame Spitze" der verschiedenen großen jüdischen Vereine schon vorhanden und aktionsfähig wäre. Die Erfahrungen der letzten Monate haben vielmehr gezeigt, daß selbst die allerkleinsten Balkanstaaten mit eifersüchtigem Stolze über ihre „souveränen" Rechte wachen, und daß sie bei dem Interestengesetz unter den Großmächten auch sehr wohl in der Lage sind, dieses nationale Selbstgefühl praktisch durchzusetzen: Da sollte Rumänien sich an ein europäisches Votum za Gunsten der Juden kehren? Wir möchten es hoffen, aber wir glauben es nicht. Jitöifdie Lehrer in Rußland. Unter den jüdischen Lehrer in Rußland gibt es drei Kategorien: 1. jüdische Lehrer, die an öffentlichen, vom Staats geleiteten jüdischen Volksschulen angestellt sind, 2. hebräische Lehrer alten Schlages, die sogenannten Melamdim, die in ihren Chedarim die Kinder in Thora und Talmud unterweisen, 3. hebräische Lehrer neuesten Genres, die ebenfalls in Privatschulen, welche an öffentlichen Rechten nichts von den Chedarim voraus haben, hebräische Sprache nach neuen Methoden, b. h. ohne Thora und Talmud unterrichten, die in sogenannten D'Jpinö D'vin, reformierten Chedarim nationale Juden ohne Judentum heranzuziehen bestrebt sind. Die erste Kategorie der jüdischen Lehrer bekümmert sich herzlich wenig um das Wohl und Wehe der Gesamtheit. Auf ihre staatliche Autorität pochend, geben sich diese Lehrer mit den kärglichen Vorteilen, die ihnen ihr öffentliches Amt bietet, zufrieden und fühlen sich im übrigen hoch erhaben über die Wünsche und Bestrebungen ihrer „niederen" Berufsgenossen. Die Melamdin aber, die den weitaus größten Teil der jüdischen Volksbildner ausmachen, sind sozial so tief gestellt, daß sie über die Sorgen fürs tägliche Brot selten hinauskommen und sich ihr Wettbewerb selten auf geistigem Gebiete geltend macht. Bon Organisation und einem gedeihlichen Zusammenwirken in beruflichen Angelegenheiten kann natürlich unter diesen Umständen keine Rede sein. Einzig die Lehrer der dritten Kategori e,dieneuen hebräischen Reformlehrer haben vom ersten Augenblicke an ihren Sinn auf Organisation und Zusammenschluß gerichtet. Es ist ihnen, wie unseren Lesern bereits bekannt, gelungen, für ihre Organisation die Legalisierung seitens der Regierung zu erlangen und nun haben sie sich, wie unser dortiger Korrespondent in der letzten Nummer unseres Blattes ausführlich berichtete, in Kiew zu einer „Gesellschaft für gegenseitige Hilfe der jüdischen Lehrer und Melamdim" konstituiert. Die „Legalisierung" ist zwar nicht allzu hoch einzuschätzen, es ist keinerlei Verpflichtung seitens der Regierung damit verbunden. Tie hebräischen Lehrer bleiben nach wie vor Privatlehrer an den von ihnen errichteten und erhaltenen Privatschulen. Irgend einen materiellen Vorteil oder einen öffentlichen Charakter bringt dieser Erfolg den reformierten Chedarim nicht. Allein in einem Lande und zu einer Zeit, wo der Schein vom Sein so wenig unterschieden wird, bedeutet auch dieser Scheinerfolg weit mehr als unter normalen Berhälinisten. Die Lehrer werden nun Gelegenheit haben, öffentlich über ihre Standesinteressen zu beraten und zu verhandeln. Si werden, im Besitze öffentlicher Rechte, die anderen hier zu Lande vorenthalten sind, sich als die Kulturträger des Volkes gerieren und auch imponieren. Ihre unter solchen relativ günstigen Verhältnissen entfaltete Tätigkeit muß aber, wie die Dinge zur Zeit liegen, mehr zum Schaden als zum Nutzen des Volkes gereichen. Und die Vertreter der alten Schulen, dieMelamdim? Sie fühlten die Zeit gekommen, die alten, nichts weniger als befriedigenden Chedarim-Zustände einer Aenderung zu unterziehen/ und da hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als sich ihren Totfeinden, den erfolggekrönten hebräischen Reformlehrern auf Gnäde und Ungnade auszuliefern. Sie gaben ihnen zuerst ihren Namen, der den Lehrern zur Erlangung der staatlichen Konzessionen unentbehrlich war und stellten erst dann ihre Bedingungen, die bescheiden genug sind. Sie wollen zwei Sitze, nicht mehr und nicht weniger als 2 Stimmen in der Zentralverwaltung des Vereins haben. Natürlich wurde von der Bereinigung, die sich stolz „Gesellschaft der jüdischen Lehrer und Melamdim" nennt, diese Anmaßung der „alten, bildungsfeindlichen Thoralehrer" mit sittlicher Entrüstung zurückgewiesen. Und mit Recht. Was sollten . die alten Melamdim da auch mitraten und mittaten, wo Lehrpläne für Reformschulen entworfen werden, wo unablässig nach einem Modus gesucht wird, den Kindern die Kenntnis der hebräischen Sprache mit möglichster Umgehung von n^n — von Talmud gar nicht mehr zu reden — beizubringen? In sozialer Beziehung wird beider Sache so wie so nicht viel herauskvmmen, und da hätten die Melamdim, die an der alten Methode sesthalten, sich auf die marktschreierische Reklame nicht verstehen und auch nicht die Mittel besitzen, an den gemeinsamen Institutionen sich finanziell zu beteiligen, erst recht nichts zu suchen. Was wollen sie also mit ihren Sitzen und Stimmen im Verwaltungsrat der neuen Gesellschaft, die ihnen nicht die geringste Interessengemeinschaft, nicht die geringste Basis für eine gemeinsame Tätigkeit bietet? Aber sie haben ihren Namen gegeben, die alten, arglosen Melamdim. Das war ein verhängnisvoller Fehler, der aber wohl noch gut zu machen ist. Das Bestreben, sich zu einigen und zusammenzuschließen ist nun einmal da und muß nutzbar gemacht werden. Was den Lehrern der alten Schule in Rußland bitter nottut, ist nicht eine Vertretung von 2 oder mehr Stimmen im Vorstande einer ihnen und ihren Bestrebungen feindlich gegen üb erstehenden Gesellschaft, sondern eine feste eigene Organisation, die der genannten Gesellschaft ein wirk¬ Kochraum bietet Gelegenheit, außer der Zeit Milä für Kinder oder dergleichen anzubereiten. Der Preis für volle Tagespension ist auf 2,bi Mark oder 75 Mark pro Monat festgesetzt. Soll fiti Kinder von 2 bis 12 Jahren serviert werden, ft kommen halbe Preise in Betracht. Ein generellei _ Zwang, sämtliche Mahlzeiten im Hause einzunehmen besteht nicht, jedoch setzt die Verwaltung voraus, das jeder Bewohner die Hausküche nach Möglichkeit in Anspruch nimmt, da ja sonst die ganze Einrichtung ihrer Zweck verlieren würbe. Von morgenßi 7 bis 10 Uhr wird Kassee, Tee, Kakm oder Milch, je nach Belieben mit Gebäck und Butter vorgesetzt, das zweite Frühstück kann ebenfalls jeder nack Wunsch bestellen, eine Frühstückskarte wird in jeder Wohnung ausgelegt. Die Mittagsmahlzeit wird zwischen 1 und ya4 Uhr serviert und besteht in drei bis vier Gängen. Zur Abendmahlzeit stehen bis IC Uhr kalte und warme Speisen zur Verfügung. Bei besonderen Familienfestlichkeiten übernimmt die Zentralküche ebenfalls die Bewirtung. Sämtlrche häusliche Arbeiten in den Wohnungen besorgt die Wirtschaftsverwaltung, auch steht Personal für die Beaufsichtigung der Kinder zur Verfügung? Wenn wir diesen Ausführungen hier Raum geben, so geschieht es, weil wir glauben, daß sich hier vielleicht ein Weg zeigt, der den Klagen unserer jüdischen Hausfrauen über die Dienstbotennot ein Ende bereiten kann. Sind diese Klagen auch nicht von heute und gestern und auch nicht auf die jüdischen Kreise beschränkt, so ist doch nicht zu verkennen, daß gerade unsere jüdischen Hausfrauen einen doppelt schweren Stand haben. Handelt es sich für sie doch darum, nicht Nur tüchtige Mädchen, sondern auch religiös zuverlässige zu finden und wie schwer fl* beides vereint findet, bedarf keiner wetteren Erwähnung. In dem „Einkückenhaus" würde diese Not ein Ende haben. Hier konnte eine religiös zuverlässige, energisch veranlagte Dame an die Spitze gestellt werden. Durch die Einrichtung getrennter Küchen für Milch- und Fleischspeisen und für Pesach ließen sich weitere Vereinfachungen erzielen. Auch die oben erwähnten Preise dürsten selbst für den Mittelstand nicht unerschwinglich sein. Eine Familie von 5 Personen würde danach für Pension ungefähr 3000—3600 Mk. p. a. zu zahlen haben. Wenn man bedenkt, daß alle Ausgaben für Dienstboten, Heizung re. sortsallen, so dürste das nicht unerschwinglich sein. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt wäre die Einrichtung u. E. leicht zu verwirklichen. Vielleicht nehmen unsere Hausfrauen zu dieser Angelegenheit bas Wort. L. (Antisemitische Gelehrsamkeit.) In einem Artikel der „Deutschen Tageszeitung vom 21. Oktober, der die Zwistigkeiten in der Wiener Kultusgemeinde behandelt, ist u. a. zu lesen: „Wie drakonisch der Kulmsvorstand gegen die orthodoxen, aus Rußland zugezogenen Juden vorging, zeigt sich aber am deutlichsten in folgendem Vorfälle: Er verfügte die Sperrung des Bethauses des Betvereins „Linas Hazalek" (Hüter des Glaubens), just am zweiten Neujahrstage, so daß die dort versammelten Juden mitten im Gebete den Saal verlassen mußten. Hierauf wollten sie, etwa dreihundert Mann stark, angetan mit den Gebetriemen, zum Gebäude des Kultusvorstandes ziehen, um dort zu demonstrieren." Das Antisemitenblatt macht aus dem hazedek ein hazelek und dann aus dem ganzen Vereine eine polnisch-jüdische Sekte von »Hütern des 1 Glaubet", m $W Metten Rofchhafchomchtage in Mebetriemen herumtaufen. Man sieht der Wiener Kultusvorstand rst nicht oer einzige, der sich bei dieser Affäre unsterblich blamiert hat, wenn krasse Ignoranz noch für Töte antisemitische Presse eine Blamage bedeutet. Immerhin sollte man doch von einem Blatte, das Tag ein Tag aus kein anderes Sujet für seine Artikel kennt als „Juden" erwarten dürfen, daß es mit jüdischen Dingen besser vertraut ist. (Die jüdische Auswanderung im Monat September./ Im Verlaufe des Monats September sind im Newporker Hafen 6225 jüdische Emigranten angekommen u.s.w 2001 Männer, 2433 Frauen und 1791 Kinder. Es kamen aus: Rußland. 4607 Oesterreich.788 Ungarn.466 Rumänien.273 England .. 56 Deutschland. 29 Türkei. 19 Schweden.2 Sparrien. 2 Holland. 3 Aon den Einwanderern blieben 4659 in Newyork während die übrigen nach den verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten und nach Kanada weiterfuhren. Im September vorigen Jahres betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer im Newyorker" Hafen 9238. (Die jüdischen Matrosen in der amerikantschen Flotte.) Die amerikanische Flotte, die jetzt auf ihrer - Reise um die Welt begriffen ist, zählt auch 100 jüdische Marinesollmten als Reisegefährten. Gin Teil derselben stammt ans den MWwrker ugfr "Ehttdgoer Ghettos,