Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1908)
- Date
- 1908-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit. 29. Oktober. Seite 3 Kr. 48 „Staat und Religion" von Rabb. B. Schücke, TemesvLr, hebr. Beil. S. 41—43.) Bald hätte ich nun ein köstliches Juwel der vom Advokaten Herrn Mezei geleisteten theologischen Beweisführung vergessen. In einem Bezirksrabbinate, wo die Stadt- und Muttergemeinde fast ausschließlich aus neologen Juden, die Bezirksgemeinden hingegen aus Orthodoxen bestehen, haben sich die streitenden Parteien dahin geeinigt, daß für die Stadt ein neologer, für den Bezirk aber ein orthodoxer Rabbiner angestellt wird, aber auch in die Stadtsynagoge keinerlei Reformen eingeführt werden dürfen, damit auch der ebenfalls in der Stadt domizilierende orthodoxe Bezirksrabbiner, wie auch die wenigen in der Stadt wohnhaften Orthodoxen dieselbe besuchen können, wie auch einer der von der Stadtgemeinde angestellten Schochtim ausschließlich unter Aufsicht des orthodoxen Rabbiners zu stehen hat. Aus dieser von lokalen Interessen gebotenen Verständigung, wobei aber alle orthodoxen Interessen gewahrt wurden, soll nunmehr für die ganze Orthodoxie der Strick gedreht werden. Fürwahr famos! Auch die bedauerliche Tatsache, daß in der Hauptstadt — aber nur in der Hauptstadt, sonst gibt es überall im Lande gesonderter Religionsunterricht für die orthodoxen und neologen Mittelschüler — zufolge eigentümlicher lokaler Ver- Mtnisse auch von orthodoxen Eltern stammende Mittelschüler am neologen Religionsunterrichte tellzunehmen gezwungen sind, soll einen Beweis für die Einheit abaeben! Diese Argumentation blldet entschieden den Höhepunkt der neologen Beweisführung. Zuerst machen es die Herren unmöglich, einen gesonderten orthodoxen Religionsunterricht für die orthodoxen Mittelschüler einzusühren, dann aber soll dieser offenkundige Gewissenszwang als ein Hauptbeweis für die innere Zusammengehörigkeit der beiden Richtungen dienen! Und nun folgt die Krone des Ganzen, das eigentliche neologe Toleranz-Edikt. Wollen die Orthodoxen Ungarns durchaus nicht in eine mit den Neologen gemeinschaftliche Organisation einwilligen, so wollen sie, die Neologen, wahrscheinlich von „Hillelscher Milde" angehaucht, Gnade vor Recht walten lassen, und den bösen, widerspenstigen — nebenbei bemerkt, die Majorität der ungarischen Judenhett bildenden — Orthodoxen erlauben, sich in einem neuen, durch den Kultusminister einzuberufenden gemeinschaftlichen Kongreß „von der in der Weltgeschichte bekannten jüdischen Religionsgenosfenschaft" loszulösen und als eine „neue" Konfession zu konstituieren! Wirklich ganz nett! Unsere neologen Brüder möchten in der Tat ganz gern die Rolle des lachenden Erben antreten! Sie, in deren Mitte man Diogenes gleich mit Laternen nach einem ITD^H D’HöItt rvniD» nibüKö irobro ros? itaw ,rn: re. re suchen kann, sie, in deren Pester Hauptgemeinde z. B. das nntw der Fleischbänke auf solch schwachen Füßen steht, daß Hunderte der etwas jüdischer gönnten neologen Gemeindemitglieder für die halbe Welt kein Stückchen Fleisch aus den unter Aufsicht des neologen Rabbinates stehenden Fleischbänken in ihre Küche kommen ließen, sie, in deren Kreis wahrhaftige ü'üü min selbst mit den schärfsten Vergrößerungsgläsern nicht zu entdecken, sie — die mit einem einzigen, genau abgewogenen Worte — außer der nplS/ äußerst wenig Gemeinschaftliches mit der großen jüdischen Vergangenheit haben, in deren höheren Schichten die Taufe zum guten Ton gehört, womit man in den Augen mancher neologen Juden nur gewinnen kann, — sie haben die Stirne, sich als die Vertreter des alten in der Weltgeschichte gekannten Judentums aerieren zu wollen! Sie, deren Kultusinstituttoncn größtenteils durch unjüdisches Wesen entheiligt ist, sie, deren Seminar und Präparandie, wie zur Genüge bekannt und unwiderlegbar erwiesen, eine Pstanzstätte des Antijudentums ist, deren Seminarlehrer und Zöglinge offenkundig und bewiesenermaßen np’jn anöia sind!! . Und wir Orthodoxen, in deren Mitte noch all die B'ätt m minn nsrtK zu finden ist, deren sich Ungarn noch zu rühmen hat, in deren Mitte all die Tausende TOK1 amsA 'n nm**/ all die Zehntausende rn'vva naVHfclV VVS2 sich befinden, die wir oft mit Aufopferung unserer persönlichsten Interessen die uns ewigen Anforderungen des alten Judentums zu erfüllen uns bestreben, wir sollen erklären, daß wir aus dem alten Judentum ausscheiden, und ein neues begründen wollen— wahrlich solch wahnwitziges Verlangen müßte ein schallendes Gelächter bei allen redlich Denkenden in allen Parteien und Religionen auslösen, faßte uns nicht der ganze Jammer der Zeit an, auf deren Boden solches Uebermaß der Begriffsverirrung gedeihen kann. Nein, Ihr neologen Herren! Losgesagt vom alten, historischen Judentume hat sich diejenige Partei im ungarischen Israel, deren grundlegende Organisattonsstatuten sich nach der einstimmigen, auch von dem Weisen der Nation Franz Deük, und dem Reichstagsbeschluffe vom 18. März 1870 berücksichtigten Entscheidung der größten Repräsentanten des alten, historischen Judentums, im krassesten Gegensätze zu diesem alten Judentume befinden, und daS sind nicht — wir! liche Störung krumm, oder schimpft ihn mit derben Worten aus, besto besser, desto größer die Mizwoh und die Freude Kussels. Mlein drefes Mal war doch die Sache weit bedenklicher. I a u n o h, das eiftigste Chewrohmitglied war am ersten Cheschwon aus seiner Wohnung ausgezogen. An seiner Stelle zog ins kleine Giebelhaus Iwan, der Steuerbote, ein roher Mensch und erbitterter Judenfeind. Und Kussel wußte von alledem nichts. „Jsroel am kdauschim!" rief Kussel singend und flehend am Fenster des schlafenden Steuerboten. Darin regte sich nichts. Kussel rief lauter, dringender, gebieterischer. Keine Antwort. Kussel klopfte an den Laden — darin aber blieb alles still und tot. Da wurde Kussel grob: „Jaunob", schrie er, ,^ruch schon ein müßiger Schläfer! Was, dort lernen sie und Du bleibst faul im Bette?!" Das wirkte. Zuerst vernahm er das Bellen eines Hundes, dann schwere Schritte, die sich näherten. Nun sah Kussel zu seinem Schrecken feinen Irrtum ein und wollte davonlaufen. Es war zu spät. Schon wurde er unter Drohen und Fluchen am Kragen gepackt. Schläge regneten auf das Haupt des armen Kussel, begleitet von Rippenstößen und Fußtritten. Kussel flimmerte es vor den Augen und halb bewußtlos siel er in den nassen Schnee. Jetzt hielt sein Angreifer inne und überließ ihn seinem Schicksal. Eine Weile lag Kussel hilflos und halb ohnmächtig da. Dann aber kehrten durch das kalte Naß des frnchtzn Schnees» das seine Schläfen berührte, seine Lebensgeister nach und nach wieder. Langsam erhob er sich. Er war voll Kot und Schmutz Und schauerte vor Schmer und Kälte. So schleppte er sich langsam und schwer nach dem BeShamroras ch. Als aber der helle Lichtschetv von der.Ferne schon so freundlich und einladend entgegenwinkte, wurde ihm immer wohliger und wärmer ums Herz. Run schüttelte er den Schnee von feinen Kleidern und trat in den hellerleuchteten warmen Raum. An langen Tischen saßen sie, die von ihm Geweckten und l e r n t e n, so froh, so eifrig und so glücklich. Eine warme wohlige Äthmofpäre umfing auch ihn den armen halberstarrten Schulerufer, berauschend und beglückend. Kussel war es sehr warm zu Mute geworden und die Schmerzen waren ganz gewichen. Er richtete die glückstrahlenden Augen zu Gott empor und sagte lerse und inbrünstig: „So sieh doch Ribaune schel aulom, welch großes Volk Du hast, und wie groß der Unterschied zwischen diesem und den ~ *■ "" ' ' ""- mit im — _ _ folgen meinem Rufe, und danken mir dafür, daß ich «sie wecke und an ihre Pflicht gegen ihren Schöpfer iervar £iMk9cbtitba«$. In Berliner Blättern finden wir unter dieser Ueberfchrift einen Artikel, der sich mit dem kü chenlosen Haushalt beschäftigt; die Einrichtung stammt aus Dänemark, wo zuerst und zwar in Kopenhagen das System erprobt wurde. Der Artikel Losgelöst vom alten Judentume haben sich diejenigen, deren Kultusstätten und Veranstaltungen das unjüdischste Gepräge an sich tragen, und das sind nicht — wir! Losgelöst vom alten Judentume haben sich diejenigen, deren Seminar eine Pflanzstätte der radikalsten bibelkrittschen Zerstörungswut, und deren Seminarzöglinge rrtlöK DnB13 sind, und das sind nicht — wir! Wir Orthodoxen aber, und vor allem unsere bewährten Führer, werden schon dafür zu sorgen wissen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und wir alle, Rabbinen und Baalebattm werden schon dafür zu sorgen wissen, daß man unser „altes, in der Weltgeschichte bekanntes Judentum" zu keinem Mezeischen Sch ein judentume verunstalte! Noch lebt der „alte" Hüter Israels, und noch ist Gewissensfreiheit zu keiner leeren Floskel geworden im schönen Ungarlande! mm Mochmrttnöscha«. Der Berliner Vertrag. Das Schicksal der Juden ist überall mit demjenigen der Völker, in deren Mitte sie wohnen, eng verknüpft, fodaß jede politische Umwälzung, wo und welcher Art sie auch immer sein mag, zugleich auch eine Veränderung der jüdischen Lage in dem betreffenden Lande mit sich bringt. Vom Balkan, diesem gefürchteten Wetterwin«l Europas, droht wieder einmal Gefahr und der Blätterwald hallt wider von Kriegsalarm. Der Berliner Vertrag ist durchbrochen, und eine neue Konferenz der Signaturmächte ist unvermeidlich. Der Berliner Vertrag! — Wie oft wurden wir Juden an dieses Stück Papier erinnert - daran erinnert, daß kein Vertrag der Welt, die Juden vor der Willkür einer judenfeindlichen Regierung zu schützen vermag. Der Berliner Vertrag enthält einen Artikel 44, der den Juden in Rumänien ungefchmälerte Bürgerrechte zusichert, und alle Artikel der rumänischen Verfassung sind gegen die Juden gerichtet- oder berühren, richtiger gesagt, dieJuden gar nicht, denn diese sind als Fremde außerhalb aller Gesetze und Rechte gestellt. Gewaltakte brutalster Art „Draußen am Lietzensee, in der Kuno-Fischerstraße, ... dem neu entstandenen Charlottenburger Prachtviertel, erhebt sich ein stolzer Bau, der in seinem Innern die Revolution des Haushaltes birgt. Bon außen sieht man dem Gebäude nichts Merkwürdiges an, nichts verrät seinen originellen Charakter. Wer innen weist es eine Neuerung auf, die der älteren Haussrauengeneration Entsetzen einflößen, der jüngeren aber frohe ungeahnte Perspektiven eröffnen wird. Ein großstädtisches, komfortabel eingerichtetes Mietshmrs mit einer Zentralküche. Wirklich, nur eine Küche für alle Bewohner. Losgelöst auf immerdar, weroen in diesem Heim die Hausfrauen fein von den „heißen" Leiden des Kvchtopfs, nimmermehr wird angebrannter Milchreis ein Donnerwetter des gestrengen Hausherrn auslösen, kein schwarz „angehauchtes Braten die heitere Mittagsstimmung stören. Fortan braucht sich die Frau nicht mehr das arme Hirncheu zu zermartern mit der schicksalsschweren Frage: „Wenn ich bloß wüßte, was ich morgen kochen soll?" Ach nein! Auf ein Zeichen wird der Aufzug „Herz was begehrst du!" heraufbringen und die Hausfrau braucht bloß die duftenden Speisen in Empfang zu nehmen, um sie aus den Tisch zu stellen. Das alte Märchen vom „Tischlein deck dich!" es ist zur Wirklichkeit geworden. Man geht anS Telephon und wünscht sich dies und jenes, was die Küche bietet und bald ist es auch zur Stelle. Das neue Einküchenhaus hat afle Annehmlichkeiten aufzuweisen, die man heute in den neueren, luxuriösen Wohnhäusern zu finden gewohnt ist. Gas und Elektrizität, Warmwasserversorgung, Bad und Zentralws uiras.