Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 43 (29.10.1908)
- Date
- 1908-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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©fttclfh.48 Der Israelit 29. Oktober 1908 giösen Richtungen und kirchlichen Gestaltungen unterdenJuden in keinerlei Berbinoung steht. Alle politischen Parteien sind einig darüber, daß der die Juden emanzipierende Gesetzartikel . aufMeJuden ausgedehnt werden müsse, wenn sich in ihrer Mitte auch verschiedene Konfessionen gebildet hätten oder gestalten würde." Und eben auf Grund, des erwähnten Reichstagsbefchluffes haben sich die orthodoxen Gemeinden in Ungarn zu einer autonomen orthodoxen Religionsgesellschast konstituiert, deren Organisationsstatuten von Sr. Majestät dem König am 22. Oktober 1871 sanktioniert worden sind! Da es bis zum Auftreten der Chorin, Löw, Fasset re. nur ein einheitliches (und zwar, was aber die Herren Neologen klug verschweigen: orthodoxes) Judentum in Ungarn gab, und da das Emanzipationsgesetz vom Jahre 1867 auch nur von einem Judentum spricht, welchen Umstand aber schon die erwähnten Worte Löws ins rechte Licht setzen, — so folgt hieraus mit Mezeischer Logik, daß die wackeren Kämpen der alleinseligmachenden Kongreßbeschlüffe ihr Fangnetz auch über die widerhaarigen Orthodoxen auswerfen dürfen und müssen! Dies ist in aller Wirklichkeit des Pudels einziger Kern. Doch nein! Eine solche Logik wäre noch jedenfalls eine, wenn auch nur Mezeische Logik. Es wird aber zur Förderung des neologen Hochzieles, der Knechtung der Orthodoxen, eine solche besondere — sagen wir: Hypothese zur Irreführung des Kultusministers vorgetragen, die unmöglich dem Advokatenverstande des Herrn Franz Mezei, des hochmögenden Sekretärs der neologen Landeskanzlei, der der Verfasser des neologen Opus ist, entsprungen sein kann, die ihm vielmehr irgend ein loser Spottvogel zwecks Diskreditierung der ungarischen Neologie, aufgebunden haben muß. Es wird nämlich dem Kultusminister vordemonstriert, daß die in der heutigen Judenheit klaffenden Gegensätze zwischen Orthodoxie und Neologie, daß — höret und staunet — diese Differenzen seit jeher im Judentume existierten und doch war das Judentum immer einheitlich und nur den bösen Orthodoxen in Ungarn blieb es Vorbehalten, die altgeheiligte Einheit Israels zu sprengen. Wirklich eine ganz neue originelle Hypothese! Also auch vor dem Auftreten der Jakobssöhns, Philipsohns, Löws und Konsorten und vor der Begründung der Reformtempel in Hamburg, Leipzig, Berlin, Pest, FünfÜrchen rc. gab es Orgeln, die der nichtorthodoxe L. A. Frankl „daS tönende Christentum" nannte, gemischte Chöre, von Schauspielerinnen gesungene Kol-Nidres (im Wassenhaustempel der Pester Gemeinde) und ähnliche ästhetische Neueinrichtungen in den Synagogen?! Vielleicht find dieselben sogar rD*?n 'ivv nttw?! Und auch vor dem Auftreten der modernen Neologie gab es vielleicht jüdische Seminardirektoren vom Schlage eines Bacher, die die Aufgabe der jüdischen Belletristik in einer glattzüngigen Persiflieruna der 11L2 oi' ntPHp erblickten, gab es jüdische Seminar- und Präparandenprofefforen vom Schlage eines Kraus, die offenkundig st der radikalsten Bibelkritik huldigten, den rwe* Glauben verhöhnen, gab es Rabbiner, die wie die Zöglinge der Pester sogenannten „Rabbiner"- schule, nach dem eigenen Geständnis des neologen Unifikation sm ä rtyrers und Redakteurs terrn Max Szabolcsi „die biblischen estalten für Fabelwesen, die Offen» barung für eine Allegorie, dieWunder für Mythologie" deklarieren (Siehe Egyenlösöa 1890, Numero 30)?! Das ist in der Tat eine funkelnagelneue Entdeckung, vor der selbst der Nimbus eines solch hochgeseierten Geschichtsfabulisten, wie z. B. Grätz, zu erblassen hat. Und mit solchen bodenlosen — Unwahrheiten wagt man es, vor die höchste staatliche Behörde hinzutreten!! Mit S. R. Hirsch rufen wir aus: Vor Gott gerichtet und vernichtet ist eine Sache, die sich nicht scheut, zu solchen Mitteln ihre Zuflucht zu nehmen! Die leider nur in der Phantasie existierende religiöse Einheit der heutigen Judenheit wird noch mit einer Fülle theologischer Einzelbeweise zu erhärten gesucht, die wirklich mehr das bedauernde Lächeln für die in dieser Beweisführung sich aussprechende geistige Armseligkeit, als den Aerger herausfordern. Daraus, daß die Zöglinge des Pester Seminars zum großen Teil aus den Jeschiboth entsprungenen Bachurim bestehen, und diese natürlich orthodoxe Eltern haben — lassen doch nur orthodoxe Eltern ihre Söhne Jeschiboth besuchen — wie auch zufolge des vielleicht zweimal vorgekommenen Falles, daß in orthodoxen Gemeinden wirkende Rabbiner später eine neologe Stelle angenommen haben, daraus folgtdatz neologes und orthodoxes Judentum einer, lei ist!! Mit demselben Rechte könnte man füglich behaupten, daß Judentum und Christentum einerlei ist, war doch Paulus ftüher ein — Saulus und hat ganz gewiß ftomme orthodoxe Ellern gehabt, und war doch auch Salomo Burgensis früher Rabbi und später katholischer Bischof. Oder, um bei einem talmudischen Beispiele zu bleiben, ist aus Elischa ben Abujah erst später ein — Acher geworden! So schauet die theologische Beweisführung des Herrn Advokaten Mezei aus. Doch schwingt sich der Herr Advokat auch zu einer höheren theologischen Beweisführung empor. Da die Orthodoxen für den Eintritt eines ehe maligen Mitgliedes einer neologen Gemeinde in den Verband einer orthodoxen Gemeinde kein besonderes kirchliches Zeremoniell vorschreiben, so folgt hieraus die Einheit und — was die Hauptsache ist — das kaudiniscke Joch der Kongreßstatuten. Ja, woher sollten denn der Herr Advokat und seine an jüdischer Gelehrsamkeit ebenbürttgen Genossen eigentlich wissen, daß selbst für einen zum Christentum übergetretenen und dann wieder zu seiner früheren Religion zurücktretenden Renegaten ^V1!2 btmtr nur pnTTÖ — vorgeschrieben ist! (Jore Deah, 286, Schluß.) Und mit noch einer — Erfindung wird die Einheit bewiesen. Es sollen nämlich Zöglinge des Pester Seminars auch in orthodoxen Gemeinden als Prediger angeftellt sein. Eine total aus der Luft gegeriffene Behauptung, deren Verlogenheit dann erst ins rechte Licht tritt, wenn man erwägt, daß zurzeit die Wahl des Dr. Spira als Prediger der orthodoxen Gemeinde in Miskolcz laut ministerieller Entscheidung des damaligen Kultusministers Csäkv nur deswegen die Bestätigung erhielt, weil die Vorstellung der gegen die Wahl des Dr. Spira Protestierenden, als hätte derselbe das neologe Seminar in Pest absolviert, sich als unbegründet erwies, sonst aber wäre die betr. Wahl annulliert worden. Mit solchen offenkundigen Unwahrheiten erdreisten sich die neologen Herren im schönen Ungarlanbe den Kultusminister irreführen zu wollen. Auch die Toten werden in diesem famosen Memorandum aus ihrer Grabesruhe aufgescheucht. Aus dem Umstante nämlich, daß in manchen Ortschaften des Landes das Begräbniswesen und der Friedhof noch gemeinschaftlich sind, folgern die guten Leute und schlechten Advokaten, daß auch die Lebenden einig seien in bezug auf jüdi^ sche Auffassung und Lebensweise. Und diese Behauptung stellen dieselben Herren auf, die nach sensationeller Mitteilung eines der hervorragendsten Kongreßrabbiner, des Dr. Schnitzer in Komorn, gegebenen Falls selbst für die Beerdigung von Nichtjuden auf jüdischen Friedhöfen plaidierten: DfTns*lä *7öki V'POILNI v'tzn bv pbin ’fia dp 'ii!2 anaip N2122 K’on 'tarm! (Siehe den Brief Dr. Schnitzers an Rabbiner Kuttna in Eisenstadt, abgedruckt in eines Feuilleton. Sie Mud wir. Skizze aus Littauen von 'S. Schachnowktz. Er hatte eigentlich nichts gegen den Sommer, der alte Kussel, er war ihm nicht im Wege und belästigte ihn in keinerlei Weise. Die Sonne schien nur matt und gedämpft durch die kleinen, teilweise zerbrochenen Fenster seiner dumpfen Stube. Grüne Felder und Haine lenkten seinen Blick nicht ab — denn vor seinem Hause breitete sich die von vielen Psützen unterbrochene Sandebene aus, welche zum Memelstrome sührt. Blühende Bäume waren Kussel nicht 'im Wege, Bäume gibt es in Erfewit nur auf dem Friedhöfe. Die sah aber Kussel nur im Elul, da die gelben Blätter eines nach dem anderen abfielen. Er sah sie und freute sich über diese ersten und sicheren Borboten des nahenden Winters. Denn wahre Freude hatte Kussel nur am Winter. Im Winter mm sein Innenleben zur Entfaltung. Kussel betete am Rosch hafchonoh, weinte am Jom Kippur, schüttelte am Tukans, tanzte am Simchasthora. Aber all dieses war nur Einleitung, eine Vorbereitung, ein Vorspiel. Das richtige Leben begann mit dxnl Winter, dem Winter mit feinen langen Nächten, mit seinen wohligen beseligenden Stunden einladendenDsen in Beshamidrasch. t:übteMrssel ftiHU ejjentlithemLebens- Kussel hatte viele Berufe, wiewohl in feinem fasse geschrieben stand: beruflos. Er stieß täglich abakblätter zu einem feinen Tabakmehl, das wegen seines ganz besonderen Aromas als Schnupftabak in Ersewil berühmt war, er verfertigte allwöchentlich ans gekochtem Talg Sabbathkerzen, dre sich guten Absatzes erfreuten, er band vor Sudans Lulowim und verkaufte Hauschanaus und dergleichen mehr. Aber all dieses beschäftigte Kussel nur äußerlich, Geist und Seele hatten kernen Anteil an diesen profanen Verrichtungen, die der sündige Mensch, wie er sagte, zur Frrstung seines Daseins einmal nicht umgehen konnte. Sein eigentlicher Beruf, der Beruf, der ihn begeisterte und beglückte, in dem er wuchs und emporstieg, war das Schule rufen. Kussel war indeß kein gewöhnlicher S ch u l r u f e r. Als Schamefch des Talmudthoravereins hatte er die Mitglieder allsabbathlich morgens umvierUhr zum Schiur zu wecken. Und er tat es mtt Würde und Innigkeit, wie ein Künstler seine Kunst ausübt, an der er mrt alle« Fasern feines Herzens hängt.... Es ist noch stockfinster. ' Ein kaller Wind weht von Norden, begleitet von dünnen Schneeflocken. Die Lust ist eisig und schneidend. Alles liegt noch im tiefen Schlafe, da bewegt sich eine dunkle Gestalt jund ruft laut und erschütternd °m die düstere Nacht: „Israel am koauschim, steit uf, steit uf, laawaudas habaure•) Kussel, den altersgrauen, lückenhaften Mantel eng umschlungen, die hochbetagte Pelzmütze tief über die Ohren gezogen, geht und ruft. Er ruft nicht, er fingt, er bittet, er weint, er fleht, er lockt und er droht, und die eS hören, erschauern in ihren Betten, richten sich empor und lauschen dem Weckrufe, dem ergreifenden Gottesdienste der kalten, finsteren Nacht..... Und allmählich bekommt die Straße Leben. Einer nach dem andern erhebt sich und wandelt dem Rufe folgend durch die dunklen Straßen nach dem Beshamidrasch, wo der lange, hellbeleuchtete, mit heiligen Büchern vollbedeckte Tisch an der warmen Hsenwand feiner harrt: „Gut 'Schabbos, Rebb Kussel!" ruft ihm jemand zu. „Gut Schabbos, gut Johr!" antwortet Kussel mit Würde und stolzer Freude. Es ist sein Werk, hat sie, die Gleichgilttgen, die Schläfer und Säumenden in Bewegung gesetzt und er hat Teil an ihrem Verdienste. Und immer weiter geht Kussel, singend, jubilierend, werbend Änd lockend. Und immer neue Scharen heben fick aus dem Dunkel hervor der lichten, warmen Stätte der Thora zuströmenb. „Jsrocl am kdaufchim, steit uf, stell uf, laa-, waudas habaure!" Da passierte einmal Kussel ein fatales Mißgeschick, das einem anderen, einer foettiget ehernen Natur, gewiß die Freude an dieser idealen Ausgabe für 'Immer genommen hätte. Es war zu Anfang des Monates Cheschwon, zur Zeit des Umzuges und Wohnungswechsels tm littauischen Ghetto. Das war immer eine kritische und gefährltche Zeit für Kussel. Die Um- und Auszüge, diese Grenzverschiebungen verwirrten ihn und brachten ihn aus dem Gleichgewichte. Der Horizont hatte sich um diese Zeit verrückt, Die geographischen Grenzen feines kleinen Kreises waren verwischt. Kussel stand ratlos und wußte nicht, wo ein, wo aus, wo Freund und wo Feirü> des Mächttir" aufi stehe c