Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 42 (22.10.1908)
- Date
- 1908-10-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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W Oktober 190*. Der Israelit. Sette 9 No. 43 Hc he von einer Million Seelen erreicht hat, nur etwa 25 Prozent der Gesamtbevölkerun; «usmacht, war der Gedanke, daß wir doppelt so stark an den Verbrechen, als an der Bevölke rungszahl beteiligt sind, für jeden ehrbaren Juden Höchst peinlich und beschämend, und auch der umstand, daß die Italiener, die etwa 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen, in demselbenArtikel mit 20 Prozent der Verbrechen belastet wurden, hat uns wenig zu trösten vermocht, da die Italiener bekanntlich ein großes Kontingnent der gefährlichsten und verwegensten Verbrecher stellen und mit ihnen aus gleicher Stufe zu stehen, für die Abkömmlinge des heiligen Volkes immerhin keine sonderliche Ehre ist' Nun hat sich die Föderation der jüdischen Organisationen (Federation of Jewish Organisations) vermittelst ihres tüchtigen Präsidenten Herrn Edward Lauterbach und ihres 'Sekretärs Herrn Mark I. Katz in dieser Angelegenheit ein großes Verdienst erworben. Sie ließ die Register aller Gerichte und Gefäng nisten seit einer Reihe von Jahren untersuchen und es stellte sich unwiderleglich heraus, daß die Zahl der Verurteilungen von jüdischen Angeklagten etwa 8 Prozent aller Verurteilungen waren, daß der Prozentsatz der jüdischen Ber brecher also, statt 50 kaum 8 sei, daß die jüdische Kriminalität/ also anstatt zweimal so viel zu sein als nach der Bevölkerungszahl normal wäre, kaum ein Drittel dieses Prozentsatzes erreicht. Bezüglich der entarteten Kinder wurde ermittelt, -aß der Herr Polizeikommiffär nur die Verhältnisse in einer einzigen Besserungsanstalt, wohin jugendliche Verbrecher jüdischen Ursprungs von den Gerichten geschickt werden im Auge hatte, -aß er aber außer Acht gelassen hatte, daß es noch eine ganze Reihe solcher Anstalten zieht, in welchen ausschließlich nichtjüdische Kinder sich befinden und daß, wenn man diese Tatsachen in Erwägung zieht, die Proportion der jüdischen jugendlichen Verbrecher auch bedeutend unter das Normale sinkt. Diesen Ermittelungen wurde -ie größtmögliche Publizität gegeben und die selben wurden auch dem Herrn Polizei-Kommissär vorgelegt. Derselbe hat dann auch gezwungenermaßen zugegeben, daß er sich ick Irrtum befunden, hatte und daß seine Behauptungen im Punkte oer jüdischen Kriminalität vollkommen unrichtig gewesen seien. Ja, er hat so gut wie eingestanden, daß seine Behauptungen nur auf seinem subjektiven Allgemeinempfinden (d. h. auf Vorurteil), nicht aber auf statistischen Eruirungen beruht hätten. So ist das Wort des Psalmisten in Erfüllung ~ gegangen: NpV TiötP rüttln 1121 m»J2 pnr pm by nramn. Für den rechtdenkenden Juden ist dieser Ausgang der Sache noch lange nicht befriedigend. Immerhin aiebt es sieben bis acht Prozent jüdischer Verbrecher, wenn wir auch zu 20 bis 25 Prozent „berechtigt" (?) wären. In Israel sollte überhaupt kein Proletariat und kein kriminelles Element existieren. Wir müssen der Aeußerung von terrn Louis Marschall beipflichten, daß die udenheit verpflichtet sei, daraus zu sehen, daß jedes jüdische Kind eine so tüchttge, religiös-ethische Erziehung erhalte, daß der unsittliche Instinkt ausgerottet werde und der jüdische Verbrecher «in rara avis werde. * $ * Die Ankunft der Herbstfeiertage hat wiederum reges Leben in das jüdische Lager gebracht, um wieder leider nach Jom Kippur fast spurlos zu verschwinden. Nach der großen Zahl neuer Synagogen aber zu urteilen, die in verschiedenen weit von einander getrennten Städten seit kurzem «ingeweiht worden sind, oder gegenwärtig im Bau begriffen find, dehnt sich das Judentum stetig und rapide nach allen Teilen des Landes uns. In folgenden Städten wurden vor dem Neujahrsfeste neun Synagogen eingewecht, Paterson im Staate New-Aersey, East Boston im Staate Massachusets Atlantic City, im Staate New-Aersey und Easton im Staate Pensylvania. Neue Synagogen werden gebaut oder find projeziert in folgenden Städten, Rockland, im Staate Maine, Borough Park im Staate New-Aork, Troy im Staate New-Aork, Shraense in New- Aork, und Baton Ronge im Staate Louisiana. Diese Gotteshäuser gehören sämtlich dem ortho boxen Ritus an, aber auch zwei Reform-Tempel wurden vor kurzem eingewecht, der Tempel Ansche Chesed in New-Aork und der Tempel B'nei Jehudah in Kansas City. Angenehm ist das schöne Verhältnis zu bemerken, welches zwischen Christen und Juden, besonders in den Landstädten herrscht und welches bei diesen Ge legenheiten zum Vorschein kommt. Ein Beispiel hiervon wurde in Easton gegeben. Zum Bau der dortigen neuen Synagoge 'haben christliche Einwohner etwa 5000 Dollar beigesteuert. Sie waren auch bei der Einweihung in großer Zahl anwesend. * * * Amerika zeitigt immer etwas Neues, in der alten Welt Unbekanntes. Wer würde in Europa denken, daß in der Metropole der neuen Welt der Gebrauch des Taschlich-Machens geradezu zu einem Stadt-Ereignis geworden wäre? Aber dennoch ist dem so. Das jüdische Viertel von New-Aork, größtenteils von Exulanten des Zarenreiches bewohnt, liegt an dem Ufer des sogenannten Ost-Flusses (East River), welcher von zwei mächtigen Hängebrücken, der Brooklynbrücke und der Williamsburgbrücke überspannt wird. Diese Brücken werden seit einigen Jahren von den Taufenden östlicher Juden, die noch tteu an den überlieferten Gebräuchen festhalten, mit Vorliebe als geeignete Stätten zur Vornahme des Taschlich-Ritus gewählt. Am zweiten Tage des Neujahrsfestes dieses Jahres schätzte man die Zahl der betenden Männer Frauen und Kinder, die sich im Laufe des Nachmittags auf die Brücken begaben, auf über hunderttausend. Es war ein merkwürdiger Anblick und viele Nicht-Juden hatten sich eingesunden, um dem Akte zuzuschauen. Am folgenden Tage brachten sämtliche Zeitungen Berichte darüber, oie in durchaus sympathischem Tone gehalten waren. Der „Evening Sun" hatte sogar einen Leitartikel darüber gebracht, der in ganz gelungener Weise eine Erklärung des Brauches als Symbol der sittlichen Reinigung und der Befreiung von Sünde gibt, die dem Juden in dieser Zeit von seiner Religion zur Pflicht gemacht wird. üermisdms. Reichelsheim, t. Odenw. 20. Ott. In Gadernheim Kreis Benshetm beabfichtgte ber Metzger Phillipp Knapp ein Rind durch Bolzenschuß zu töten. Der Schuß ging jedoch fehl und verletzte den Metzger tätlich Ein neuer Beweis für die Betriebsunficherhett dieses so viel gepriesenen Schlachtverfahrens. Rühl, i. Baden 18. Ott. Im nahen Lichtenan mir ungefähr 30 jüdische r Familien, feierten, resp. feiern innerhalb weniger Wochen 3 Israel. Ehepaare in voller Rüstigkett bas seltene Fest ber goldenen Hochzett und zwar die Eheleute Moses Weil, Josef Kaufmann, und Marx Kaufmann. Dievenhofen, 12. Oktober. In der Nacht zum Sonntag gegen 11/2 Uhr brach in der hiesigen Synagoge Feuer aus. Dasselbe wurde glücklicherweise bald bemerkt, sodaß es noch im Keime erstickt werden konnte. Verbrannt sind einige Sitzplatze, sowie ein Teil des Geländers des oberen Wiens' eines der Fenster des Gotteshauses ist zersprungen und die Gipsverkleidung der Decke ist teilweise zerstört. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Ueber die Ursache des Brandes war noch nichts zu ermitteln. Borkow. Galizien, 8. O-t. In ber Nacht von Dienstag auf Mittwoch den 7. d. M. wurde, wie uns der dortige Rabbiner mitteilt, die Zumeist aus Juden bestehende Einwohnerschaft in Borszow durch ein Erdbeben aus dem Schlafe geschreckt. Dre Bewegung der Erde war so heftig, daß Tische und Stühle umstürzten. D ch hielt fie nur einige Sekunden an, so daß kein Schaden angertchtet wurde. Helsngssors, 16. Okt. Inden nächsten Tagen wird, dem Fraind" zufolge tnHelstngfors ein neues Preßorgan erscheinen, das den Zweck h t, den Interessen der Ftnnlänbtfchm Juen zu dienen. Das Blatt wird in den zwei Landessprachen erscheinen. Konßtantinopel, 6. Ottover. Das Bankhaus S. Mttrani & Co. in Konstantinop l, das fett IS Jahren arbeitete, hat m>t dem 1. Oktober zu bestehen aufgebört. SS wurde von dem Jewish Colonial Trust London übernommen, welche fie als Zweigniederlassung unter der Firma The «nglo Levantme Banttng & Co. Limited, weiterführt. Die Zweigniederlassung arbeitet mit einem Kapital von 100000 türk. Pst.. OereiMwese«. Frankfurt a. M.. 20. Ottover 1908. Die Bereinigung zur Pflege jüdifcherLebenSanschauung '22t zu Frankfurt a. M. versendet ihr Arbeitsprogramm für baS Wintersemester 1608/1909. Die Be etnSabende finden, wie bisher, je am Mittwoch Abend, dom 18. Oktober ab, S Uhr präzise statt und gab sich der Borstand redliche Mühe durch reiche Abwechslung in der Wahl . der Themata den Wünschen aller Mitglieder gerecht zu werden. Der Tendenz der Bereinigung gemäß, bewegen sich sämtlich' Vorträge auf dem Boden der von dem jüdischen Gesetze erzeugten Gedankenkreise, und wollm auf diese Weise die Pflege der jüdischen LebenSanschauung zu fördern versuchen. Es find folgende Borträge vorgesehen. 28. Oktober: „Die SiMfiut in Geschichte und Volksglauben," Bettachtung zum Wochenabschnttt N), Reda teurS Schachnowty.4.November:„Sechzig Jahre Reformjudentum," Herr Moritz A. Loeb. 11. November „Der Jargon und feine LtteratuHerr S. cha chn 0 w i tz. 18. November: „Betrachtungen über Pädagogik des Talmud," Herr Prof. Dr. A. Sulzbach. 35. Nov. „Bettachtungen zum Wochenabschnttt rnj?1J>* Referent: teer Emil Gottliev, Dozent Herr Prof. A. Wehl, Dezember: Thema Vorbehalten, Herr A. Mannheim e r-Dettelbach. 9. Dezember: «Die jüdische Ehe." Referent: Herr Josef Bamberger. Dozent Herr Prof. A. Wehl. 16. Dezember: „SelbsterhMtung um» Lebensverkürzung," Referent: Herr Julius Lew in, Dozent Herr Jakob Rosen he im. 33. Dezember: „Chanucka-Feter" (laut besonderem Programm). 30 Dez.: „Mendelssohn als jüdischer Religionsphilosoph," Referent: Herr stud. med. Willy Weil, Dozent Herr Pros. A. Weyl. 6. Januar: „Naturwissenschaftliche Hhvotyesen im Lichte jüdischer Anschauung," Herr Prof. Dr.E. Fink. 13. Januar: „Staats- und Bürgerpflichten der Juden," Herr Prov.Rabbiner S. Dr. Bamberg er-Hanau. 20. Januar: „Das jüdische Gerichtsverfahren," Referent: Herr Hermann Goldschmidt, Dozent Herr Prof Dr. E. Fink. 37. Januar: „Bettachtungen zum Wochenabschnnt »2,^ Referent:'Herr Leop. Schwab, Dozent Herr Prof. Dr. A. Sulzbach. 3. Februar: „Der fünfzehnte Schewat," Referent: Herr Gustav Kaufmann, .Dozent Herr Prof. Dr. E. Fink. 10. Februar: „Die Kodifizierung der mündlichen Lehre", Referent: Herr Leop. Oppenheimer, Dozent Herr Prof. Dr. A. Sulzbach. 17. Februar: Thema Vorbehalten, Herr Gustav Ansbacher. 24. Februar: „ScdtllerS Lieb an die Freude", Herr Leo Munk-Cöln. 3. März: „Das Buch Daniel", Referent: Jstüor Wohlfahrth, Dozent Herr Pro». Dr. A. Sulz Vach. 9. März: Purimstier' (laut besonderem Programm). 17. März: „Rtffangedanken" Schlußvorttag.) Herr Leop. Schwab. Die vierzehntägig am Sabbat unter Leitung des H-rrn Dr. I. H. Bon di stattfindenden Borlesungen der „Neunzehn Briefe," die sich im vergangenen Jahre so trefflich bewährt haben, werden auch tn diesem Jahre fortgesetzt werden. Tie für diesen Winter zum ersten Male getroffene Einrichtung eines regelmäßig vierzehntägig stattfimdenden Kursus für kursorische Lektüre des Pentateuchkommentars von S. R. Htrsch dürste vielfach gehegten Wünschen entgegenkommen Es ist zn hoffen, aß dieser Kursus, welcher unter Leitung des Herrn Redakteur S. Schachnowitz steht, fich recht lebhaften Zuspruches seitens der jungen und älteren Freunde der Bereinigung erstellen wird. Gleichzeitig mit dem Programm überreichte die Bereinigung die von ihr herausgegebenen „G. denkblätter" ihren Mitgliedern, wodurch eine sehr willkommene bauernde Erinnerung an die Samson Raphael Hirsch-GebächtntSfeter vom Juni dieses Jahres geboten wird. - Frankfurt a. M., 32. Oktbr. Der jüdische Frau ende rein" hat vielfach geäußerten Wünschen gemäß für diesen Winter nÄen dem der Erweiterung und Vertiefung jüdischen Wissens gewidmet« Abend einen zweiten Abend der Woche für die Pflege allgemeiner Bildung tn Ausficht genommen. Um die Teilna me der Mitglieder recht fruchtbringend zu gestalten, wird in den jüdischen Kursen die Lettüre von Bibettexten und in den anderen eine einschlägige, rasch orientterende Schrift die Grundlage der Behandlung btloen- Die jüdischen Kurse, mit Ausnahme des Testllo- Kurses, werdm am Mittwoch, die anderen am Montag Abend stattfinben. Für Mittwoch Abend find Parallel kurse vorgesehen. Außerdem find auch für diesen Winter Borträge und Referate vorgesehen, die sich zwischen die einzelnen Zyklen etnfügen werden. DaS vorläufige Programm lautet: A. Montagskurse: 1. ZyttuS: „Einiges aus der Psychologie und Pädtwogik" auf Grund von Kankeleit „Unsere Lieblinge in Schule und HauS". Herr Dr. med. Albert Feuchtwanger 3. Zyklus: „Einführung in die soziale Hilfsarbett" auf Grund von Alice Salomon, „Soziale Frauenbtldum". Herr Morst «. Loeb. 3. Zyklus: „Jüdische Gebest" Herr Jacob Rosenheim. 4. Zyklus: „Lcküre Besprechung moderner Dramen". Hert Oberlehrer. Ae» M. Schüler. B. Mittwochskurse (PrrallttkmchHft 1. „Lektüre und Erläuterung des Hiob". Herr Direktor Dr. Lange. 2. a) bis Ende Dezember: Thema und ^Dozent werben demnächst bekannt gegeben; d) ab Jan.: «Auswahl aus dem Pentateuch". Herr Professor Dr' Fink. Genauere Mitteilung über jede einzelne Bemst-