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Der Israelit · 1908-10-22 · Heft 42 (22.10.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 42 (22.10.1908)
Date
1908-10-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8. Nr. 49. D« Israelit. UrrManv. Petersburg, 15. Okt. Der Petersburger Stadthauptmann hat soeben eine neue Verordnung erlassen, laut welcher Juden, die, ohne das Wohnrecht in Petersburg zu haben, nach der Stadt Petersburg kommen, sofort auf administrativem Wege mit einer Geldstrafe von 500 Rubeln oder mit drei Monaten Gefängnis bestraft werden. Dieselbe Strafe trifft auch die Inhaber von Wohnungen und Hotels oder die Vermieter von möblierten Zimmern usw., die solchen Personen Unterkunft gewähren Diese Verfügung richtet fich vor allem auch gegen diejenigen Juden, denen, wie berichtet, in letzter Zeit das Wohnrecht entzogen wurde, und die nun natürlich noch mancherlei Angelegenheiten in Petersburg abzuwickeln haben und deshalb wohl öfters noch auf kurze Zeit nach Petersburg ^urückkehren mußten. Noch vor einigen Monaten als die bekannten sinnlos strengen Ausnahmebestimmungen über den Aufenthalt der Juden in Moskau erlassen wurden, die den Juden sogar verbieten, Moskau mit der Eisenbahn zu paffieren, wenn sie dabei etwa von einem Bahnhofe zum andern gehen müssen, konnten wir darauf Hinweisen, daß man in Peterburg wenigstens doch noch etwas liberaler ist, indem es den Juden gestattet sei, auch wenn fie kein Wohnrecht in Petersburg haben, sich doch unter bestimmten Bedingungen 24 Stunden in der Stadt aufzuhalten. Nun kommt diese neue Verfügung, die für Petersburg alles bisher Dagewesene übertrifft. Kiew, 9. Okt. Wie wir bereits mitgeteilt, es nach verzweifelter Agitation gewisser von der Regierung die Erlaubnis zur Gründung einer Jüdischen Lehrervereinigung zu erhalten. Diese Vereinigung hat sich nun unter dem Namen „Gesellschaft für gegenseitige Hilfe der jüdischer Lehrer und Melgmdim in Kiew und im jüdischen Rayon" konstituiert. Der Titel klingt wohl sehr harmlos, doch hat die erste Gründungsversammlung unsere bereits seinerzeit ausgesprochene Vermutung, daß es sich bei diesem Unternehmen um weit mehr als um eine Ges ellschaft zur gegenseitigen Hilfeleistung sozialer Natur handelt, vollauf bestätigt. Nachdem Über die Statuten verhandelt wurde und sich über jeden Punkt der Tagesordnung so viele verschiedene Meinungen geltend machten, als Mitglieder vorhanden waren, wurde noch ein Schritt getan, der über die Zwecke und Ziele der neuen Lehrergesellschaft volle Klarheit schaffen dürfte. Die Melamdim aus der alten Schule, die angesichts der neuen Gesellschaft auch etwas wie Organisationslust verspürten, begingen den großen, unverzeihlichen Fehler, statt ihrerseits Selbständigkeit und staatliche Anerkennung anzustreben, sich der neuen Gesellschaft als Vasallen anzubieten. Obzwar sie die weitaus größte Mehrheit der jüdischen Lehrer ausmachen, richteten sie eine Eingabe an die Lehrergesellschaft, in welcher sie ihren Anschluß unter der Bedingung, daß ihnen zwei Sitze in der Verwaltung gewährt werden sollten, in Aussicht stellten. Ueber diese Anmaßung zeigten sich aber die Herren Lehrer sehr ungehalten. Schon beim Verlesen der Einaabe wurde der Vorsitzende durch Pfeifen und Sohlen öfters unterbrochen. In der Diskussion brach nun der Sturm der Entrüstung los. Die Melamdim, wurde geltend gemacht, seien Vertreter des alten Systems, bildungsfeindlich und ständen dem Fortschritte, dem zu dienen die Lehrer in erster Reihe berufen seien, hindernd im Wege. Die anwesenden Vertreter der Melamdim wehrten sich aber tapfer, worauf ein unbeschreiblicher Tumult entstand, dem der anwesende Pristaw ein Ende machen mußte. Nachdem, die Ruhe wieder hergestellt war, wurde zu den Wahlen geschritten, an welchen aber die Vertreter der Melamdim fich nicht mehr betelligten. Söffentlich find die letzteren in der denkwürdigen ersammlung darüber belehrt worden, daß nicht hier, sondern ganz wo anders das Gebiet Üe^:,» auf welchem sie ihre Energie und vereinte Kraft zu entfalten haben. Servten. Belgrad, 12. Okt. Die polittschen Zei° tungen brachten u. a. auch die sonderbare Kunde, daß die hiesige jüdische Gemeinde der Regierunc zwei Millionen Francs für Kriegszwecke angeboten hätte. Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß diese Meldung als Hirngespinst und kindische Phantasie zu bezeichnen sei. Erstens gibt es in Belgrad zwei jüdische Gemeinden, deren eine aus österreichisch-ungarischen Untertanen zusammengesetzt ist und lange Zeit auch den Titel einer österreichisch'Ungarischen Kultusgemeinde führte, ferner sind beide Gemeinden notorisch arm, die mit aller Anstrengung ihren Haushalt zu bestreiten vermögen, sodaß die eine bis vor kurzem nicht einmal ihr eigenes Bethaus hatte, während die spanische Gemeinde aus den Ueberbleibseln alter Herrlichkeit ihr Dasein fristet. Bei den vielen Enten, die dieser Tage von hier in die Welt hinausgeflogen, ist es mehr als begreiflich, daß sich auch eine solche von jüdischer Kriegsunterstützung befindet. Der Uebereifer, mit dem aber die antisemitische Presse aller Länder sie aufgefangen hat, zeigt jedoch, daß es sich dabei um weit mehr als um eine harmlose Mystifikation handelt. MaläiUrra. Her neue bouoemem. Jerusalem, 3. Oktober. Die bereits telegraphisch gemeldete Demonstration eines Haufens halbwüchsiger Jungen, die am D12C stattfand, ist außerordentlich charakteristisch für die politische Methode der Allianceleute. Nachdem Herr Antöbi selbst — offenbar infolge eines energischen Winkes aus Paris — sich ein wenig zurückgezogen hatte, mußten seine Vertrauensleute die Führung bei dem Arrangement der berühmten „Volksaufstände" gegen Chacham Baschi Panisel übernehmen. Damit der neue Gouverneur Subhi Bey doch auch einen kleinen Eindruck von der „Unbeliebtheit" unseres geistlichen Oberhauptes empfange, stellte sich der Alliancelehrer A l m a l e ch kurz entschlossen an die Spitze von ungefähr 60 Burschen, hielt den neuen Gouverneur unter den Rufen „Freiheit l" „Konstitution!" „Absetzung des Chacham Baschi Panisel!" auf der Straße an und überreichte ihm eine Bittschrift, in der die sofortige Absetzung Chacham Baschi Panisels gefordert wird. Der Gouverneur erwiderte den lärmenden Jungen, es werde schon alles wach Recht und Gerechtigkeit geordnet werden und setzte seinen Weg fort, worauf die Demonstranten mit großem Geschrei durch die Straßen zogen und ausriefen: „Der neue Gouverneur hat entschieden, Panisel ist tot!" Man kann sich vorstellen, welche Entrüstung in der ganzen Bevölkerung über dieses freche und taktlose Benehmen einer Handvoll halbwüchsiger Individuen herrscht, die von dem zu ihrer Erziehung berufenen Alliancelehrer statt zur Ordnung und Sitte, zum Radaumachen angehalten werden! Wenn nch solche Vorkommnisse wiederholen, so könnten sich, fürchten wir, das nächste Mal recht ernste und weniger komödienhafte Aufstände entwickeln, die sich aber nicht gegen irgend welche geistliche oder weltliche Autoritäten, sonderst gegen den unleidlichen Terrorismus der Alliancebeamten wenden würden. Es ist auch eine Wahnvorstellung, daß Befehle oder Verbote des Zentralkomitees in Paris gegenüber Leuten etwas nutzen, die seit Jahrzehnten gewohnt sind, sich als unumschränkte Paschas zu geberden, und die fich als Vertreter der gefüllten Geldkassen der Alliance Jsraältte über allen Tadel erhaben fühlen. Daß der Gouverneur sich von der Straßenfzene nicht beinfluffen ließ, ist selbstverständlich. Er hat vielmehr anderen Tages Herrn Chacham Baschi Panisel einen fast eine Stunde währenden Besuch abgestattet, und es darf erwartet werden, daß die gesetzlich notwendige Chacham Baschi- Wahl unter der Leitung des Gouverneurs in. Achiger und gerechter Weise durchgeführt werden kannuj«? z«M» sm l 2S.OÜ«« m Der Direktor der Anglo Palästina-Bank, Dr- Levy, hat an den neuen Gouverneur einen offenen Brief gerichtet, in dem er, wie es uns scheint, in nicht gerade taktvoller Weise ihn an die Pflichten seines Amtes erinnert und ihm allerlei gute Ermahnungen und Ratschläge ertellt. Der Brief, dessen Fassung wohl nur aus dem Wunsche, recht demokratisch zu erscheinen, erklärt werden kann, hat aber die günstige Folge gehabt, daß der Gouverneur eine Art Programm seiner Tätigkeit entwickelte. In dem Antwortschreiben an Dr. Levy sagt Subhi Bey folgendes: „Ich gebe im Nachstehenden eine Art Rechenschaftsbericht über meine erste Woche in Jerusalem. Ich habe alle Klagen und Beschwerden, die mir zugingen, geprüft und in jedem Falle die dem Gesetze entsprechende Entscheidung gefällt. Untec dem Vorsitze des Direktors Nury Bey habe ich eine Kommisston gebildet, deren Pflicht es sein wird, die Bedürfnisse der Landwirtschaft in der Provinz zu erforschen und mir darüber eingehend Bericht zu erstatten. Ich berief eine Versammlung der Jerusalemer Kaufleute zum Zwecke der Bildung einer Handelskammer. Auf Anregung der Juden jedoch, welche mit Rücksicht aur die Festtage nicht reilneh nen konnten, habe ich die Bildung der Handelskammer bis auf die nächste Woche verschoben. Bon derUeberzerchang durchdrungen, daß die Wasserfrage für Jerulalem von höchster Bedeutung ist, habe ich einer energischen Persönlichkeit die Erwägung eines ProjetteS ans Herz gelegt, das darauf hinausgeht, die Wasser der Arrubquelle nach Jerusalem zu leiien und eine Gesellschaft zu bilden, welche dasdazu notwendige Kapital aufbringen soll. Die Direktion der Jossa- Jerusalem-Eisenbahngesellschaft habe ich gebeten, zu erwägen ob ^ntcht eine Verbindung mit t>er Haiffi- und Damaskus-Linie hergestellt werden könne, und ich bemühe mich, durch den Bau weiterer Eisenbahnlinien eine rasche und leichte Verbindung mit allen Teilen des Landes herzust.llen. Endlich have ich den Mag strat von Jerusalem ersucht, die schleunige Anlage einer Kanalisation in der Stadt in Erwägung zu ziehen" Man sieht, daß es Subhi Bey weder am guten Willen noch an Gelegenheit zu dessen Betätigung fehlt, und es ist dringend zu wünschen^ daß ihm alle Parteien in der heiligen Stadt energische und redliche Unterstützung angedeihen lassen. Jedenfalls wäre.eine gemeinsame Förderung dieser auch für die jüdische Einwohnerschaft lebenswichtigen Aufgaben nützlicher als der fortgesetzte Ansturm gegen Chacham Baschi Panisel und die unverhüllten Versuche, die Leitung der jüdischen Gemeindeverhältniffe in die Hand radikaler Freigeister zu bringen. Haifa, 10. Okt. Das lang Ersehnte soll nun endlich Ereignis werden. Die Vorarbeiten für den Bau eines Hafens haben jetzt begonnen: Unternehmer des Baues sind ein sephardischer Jude und ein Araber. Mit dem Ausbau des Hafens wird * für Haifa eine vollständig neue Epoche beginnen, und man kann sagen, daß Haifa mit der Fertigstelluug des Hafens und der Vollendung des Baueder Eisenbahn Haifa-Jerusalem, die ebenfalls bereits in Angriff genommen ist, einer der zukunftsreichsten Plätze Palästinas fein wird. Amerika. Mgllcke Kriminalität - Neue Synagogen — TafdiliAmadien. New-Hork 10. Oktober. (Bon unserem Korrespondenten.) Seit einigen Wochen herrscht hierzulande große Aufregung unter unseren Stammesgenoffen infolge einer Aeußerung des Polizei-Kommissars von New-Dort, Herrn Bingham, derzufolme etwa fünfzig Prozent der Verbrecher von New- Aork Juden seien und die Zahl der entarteten Kinder, die in Besserungsanstalten untergebracht werden müssen, in einer noch höheren Proportton auS demselben Elemente sich rekruttere. Die gerügte Aeußerung des Herrn Polizei-Kommissars rer vielleicht kein direkter Antisemit, aber jedenfalls ein ausgesprochener Fremdenhasser ist, war nicht in einem offiziellen Bericht enthalten, fonrern in einem Artikel in der bekannten Monatschrist „North American Review", den der Herr öingham in der August-Ausgabe hat erscheinen affen. Da die jüdische Bevölkerung der Stadt, nach kompetentem Urteil, obgleich sie gegenwärtig die

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