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Der Israelit · 1908-10-22 · Heft 42 (22.10.1908) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 42 (22.10.1908)
Date
1908-10-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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2% Oktober 1908. Der Israelit. Nr. 42. Seite 7. . Karlsruhe, 18. Okt. Gleich nach den Synodalwahlen, die eine so erdrückende Mehrheit für die orthodoxen und konservativen Elemente brachten, war davon die Rede, daß sich der Oberrat nunmehr der Berufung eines orthodoxen Mitgliedes in sein Gremium nicht länger werde entziehen können. Wie es scheint, haben die nach dieser Richtung geführten Verhandlungen nunmehr zu einem definitiven Ergebnis geführt, da verlautet, daß Herr Universitätsprofestor Dr. Loewy in Freiburg demnächst in den Oberrat berufen werden soll. Gleichzeitig wird bekannt, daß auch der bekannte Führer der „Liberalen Vereinigung", Rechtsanwalt Dr. Kaufmann in Freiburg zum Mitgliede des Oberrates ernant werden soll. Geste weirtz. Wien, 13. Okt. Zu der Wochenrundschau „Kultuspolizei" in der letzten Rümmer des „Israelit" schreibt uns der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien: „In der Rr. 41 Ihres geschätzten Blattes vom 8. Oktober 1908 hat unter der Ueberschrist „Wiener Kultuspolizei" eine auf die- Sperre des Bethauses „Linas Hazedek" bezughabende Veröffentlichung Raum gefunden, die den Tatsachen nicht entspricht. - Durch ähnliche, in den Wiener Zeitungen erschienene Berichte veranlaßt, hat der Präsident der israelitischen Kultusgemcinde Wien in der öffentlichen Plenarsitzung des Kulrusvorstandes vom 6. Oktober d. Js. eine ausführliche, aktenmäßige Darstellung des Vorfalles gegeben, welche vollinhaltlich in hiesigen jüdischen Blättern reproduziert erscheint. An Hand der Akten wurde festgestellt, daß die Intervention der Polizeibehörde am zweiten Rosch-Haschonoh-Tage im Bethauses des Vereines „Linas Hazedek" keineswegs vom Kultusvorstande oder sonst einem Organe der Kultusgemeinde, sondern von der * politischen Behörde I. Instanz veranlaßt worden ist und zwar in Handhabung des § 27 des Gesetzes vom 21. März 1890, R. G. Bl. Rr. 57. Die politische Behörde hat ihre Maßnahme in dem Erlasse an das k. k. Polizei Kommissariat, welcher der Kultusgemeinde in Abschrift erst am 29. September 1908, also zwei Tage nach Rosch-Haschonoh zugekommen ist, damit motiviert, daß die gesetzlich erforderliche Zustimmung der Kultusgemeinde fehlt und die bezüglichen Lokalitäten von feuersanitäts- und sicherheitspolizeilichem St-andpunkte nicht geprüft werden konnten. Es wurde ferner festaestellt, daß seitens des Vereines „Linas Hazedek" gelegentlich des Polizeilichen Einschreitens die Intervention eines Organes der Kultusgemeinde nicht in Anspruch genommen wurde, obwohl dies ohne Schwierigkeiten geschehen hätte können. An den diesjährigen hohen Feiertagen hat in 55 ständigen und 52 temporären Betstätten mit 31000 beh ördtich genehmgten Sitzplätzen der Gottesdienst stattgefunden, wobei Hausandachten nicht mitgezählt erscheinen und es ist jeder Unbemittelte, über Verlangen mit unentgeltlichen Betsitzen in einem der seiner Wohnung zunächst gelegenen Betlokale betritt worden." (Von dieser Berichtigung nehmen wir mit Befriedigung Kenntnis, ob auch die eine Frage noch offen bleibt: Woher soll die Polizeibehörde, die doch gewiß noch etwas anderes zu tun hat, als illegalen Gottesdiensten nachzu spüren, vom „Vergehen" des Bethausvereins „Linas Hazedek" Wind erhalten haben? Die Red.) Seftgoflesülenfle der jödifdien Gemeinde. Sarajevo, 19. Okt. Anläßlich der Angliederung Bosniens und der Herzegowina an die Monarchie und der Ausdehnung der kaiserlichen Souveränität auf diese Länder haben sowohl am Tage der Proklamation, am Mittwoch den 7. d. M., als auch am Samstag den 10. eine Reihe von Festlichkeiten und Dankgottesdienste hier stattgefunden. Am Prottamationstage selbst hielt um 2 Uhr nachmittags der Vorstand der hiesigen österr.- ung. israelitischen Kultusgemeinde eine Festsitzung ab, bei welcher der Präsident der Gemeinde Herr Advokat Dr. Rothkopf die Festrede hielt, welche mit einem „Hoch" auf Seine Majestät den Kaiser schloß. Sodann wurde ein Hildigungstelegramm an seine Majestät nach Budapest abgesendet. Rach dieser Festsitzung begab sich eine achtgliederige Deputation des Vorstandes zu Seiner Exzellenz dem Landeschef und kommandierenden General FML. Edlen von Winzor, wo Herr Rabbiner Dr. Weszel eine der Feier entsprechende Ansprache hielt, auf welche Seine Exzellenz erwiderte. Samstag 10 Uhr vormittags, fand im isr. österr -Ungar. Kultustempel ein feierlicher Dankgottesdienst anläßlich der Annexion Bosniens und der Herzegowina statt. In einer schwungvollen Rede hob Rabbiner Dr. Weszel die Bedeutung des vollzogenen Staatsaktes hervor und schloß seine Rede, indem er Gottes Segen auf Se. Majestät den Kaiser und König und das Haus Habsburg herabflehte. Die Synagoge war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Se. Exzellenz der Landeschef und kommandierenden General FML. Edlen von Winzor in Begleitung seines Personaladjudanten Oberleutnant Klar, sowie viele andere Vertreter der Militär- und Zivilbehörden wohnten der Feier bei. Buczacz, 10. Oktober. Ein unerquickliches Nachspiel zu der jüdischen Konferenz in Czernowitz trug sich hier dieser Tage zu. Vor einigen Tagen machten die gefeierten Jargon- Schriftsteller, Peretz und Asch, die sich auf einer Agitationsreise in Galizien befinden, auch unserer Stadt einen Besuch. Selbstredend wurde zu Ehren der Gäste der obligatorische Literarische Abend veranstaltet, der aber seinen Ehrenzweck nicht erreichen sollte. Beide Schriftsteller sprachen über die Bedeutung des Jargons im Leben des jüdischen Volkes und schilderten ihn, getreu der Resolution in Czernowitz, als die einzige Nationalsprache d e r I u d e n. In der Diskussion, an der einige eifrige Hebraisten und Zionisten teitnahmett und nicht gerade mit gewählten Worten die hebräische Sprache gegen die Angriffe des Herrn Asch in Schutz nahmen. Platzten die Gemüter so scharf auseinander, daß die sachliche Diskussion bald in eine persönliche Schimpferei ausartete. Als ein junger, feuriger Student ein besonders hartes Wort Herrn Asch entgegenwars, da konnte sich der Verfasser des. „Gott der Rache" nicht mehr halten und applizierte seinem jugendlichen Gegner eine heftige Ohrfeige, worauf ein allgemeines Handgemenge entstand. Diese schlagenden Beweise wirkten jedenfalls mehr als all die theoretischen Auseinandersetzungen, und sie wurden von beiden Parteien, nachdem 7>er Vorsitzende die Versammlung geschlossen, noch aus der Straße zum Gaudium der ganzen Bevölkerung eifrig fortgesetzt. Damit aber nicht genug, wurde Herr Asch, der bereits wähnte, das letzte, schlagende Wort gehabt zu haben, als er um die Mitternacht nach seinem Hotel zurückkehren wollte, von seinen Gegnern überfallen und ernstlich mißhandelt. Wie man hört, wird der ganze Handel zum gerichtlichen Austrage gelangen. So wird man bald im öffentlichen Gerichtssaale zum zweiten Male die ganze Verhandlung pro et contra Jargon, mitsamt den Beschlüssen und Resolutionen hören können. Man sieht, die Agitation zu Gunsten der „Nationalsprache" wurde kräftig eingeleitet, und Herr Dr. N. Birnbaum kann nun die Jargonbewegung als Ausdruck der jüdischen Kraft und jüdischen Schönheit feiern. Prag, 12. Okt. Zu unserer Korrespondenz aus Brünn in der letzten Nummer des „Israelit" erhalten wir eine Zuschrift von Herrn Simon Pollak, Redakteur der „Pof mik" in Prag, der die Behauptung unseres dortigen Berichterstatters, „er, Herr P., mache in Judenmission" auf das entschiedenste zurückweist und des ferneren wörtlich schreibt: „Ich gebe Ihnen die ehrenwörtliche Erklärung, als Jude und jüdischer Familienvater, daß ich jeder sogenannten Judenmission nicht nur vollständig fernstehe, sondern mit Gut undBlut und mit den größten Opfern seit dritthalb Jahrzehnten für das überlieferte Judentum offen und insgeheim kämpfe usw. Ich erwarte von Ihrer Loyalität, daß Sie nichts anderes als konstatieren, daß ich mit einer Judenmission nichts zu tun habe un daß ich mir auch keine Blamage mit dem Re^ datteur der „Oesterreichischen Wochenschrift" gehol habe, da diese meine Berichtigung tatsächlich gebracht hat. Indem ich Sie nochmals versichere, daß alle meine Handlungen wesentlich und zu allererst von dem Gefühle für unsere heilige Religion diktiert erscheinen, bitte ich Sie nochmals, der Wahrheit die Ehre zu geben und die Myftifikatton richtig zu stellen, deren Opfer Sie offenbar geworden sind." (Wir nehmen keinen Anstand, die Erklärung des Herrn Pollak hier wiederzugeben, obzwar es befremden muß, daß die Beteuerungen desselben ganz allgemein gehalten sind, ohne auf den Kern der Sache, die seine Stellungnahme in der Feilbogen-Affäre betrifft und seine Behauptung, die "jüdischen Gemeinden in Wien und Prag hielten es mit F. und sammelten Geld für ihn, nur mit einem Worte einzugehen. Die Red.) Der üngliichsfall ln fllarmaros-Sjigel. Budapest, 9. Okt. (Von unserem Korrespondenten.) Ter letztverflossene Kol-Nidre-Abend wird ein trauriges Datum in den Annalen der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Marmaros- Sziget sein. Beim Beginn des Gottesdienstes in der dortigen großen Synagoge, w^rin etwa dreitausend andächtige Beter und Beterinnen versammelt waren, entstand plötzlich ein grundloser Feuerlärm. Hierauf folgte ein schreckliches Gedränge, das um so gefährlichere Dimensionen annahm, als dieser große, Tausende fastende Raum, nur einen einzigen Eingang zur Männersynagoge besitzt. Auch in der Frauensynagoge kam es zu lebensgefährlichem Gedränge. Hierbei suchten einige Männer und Frauen sich vor der angeblichen Feuersgefahr durch einen Sprung aus den stockhoch liegenden Fenstern der Gallerie zu retten. Hierdurch, wie auch durchs Gedränge entstand großes Unglück. Und nachdem sich das Publikum von der Grundlosigkeit seiner panischen Furcht überzeugt hatte, zählte man leider vier Tote und zwanzig schwer Verwundete, doch sind von letzteren bereits vier gestorben, so daß diese Panik bis zum heutigen Tage schon acht Opfer gefordert. Die Gemeindeverwaltung in Sziget wird es gewiß als ihre Pflicht betrachten, ihre sträfliche Fahrlästigkeit — denn es ist gewiß unerhört, daß ein für die Aufnahme Tausender bestimmte Raum, wie die sogenannte Männerschul, blos einen einzigen Ausgang haben soll, — teilweise wenigstens damit zu sühnen, daß sie sich der Hinterbliebenen der Verunglückten annehmen wird. Zu Vorbeugungen gegen ähnliche Eventualitäten — glauben wir — wird schon das städtische Munizipium die jüdische Gemeindeverwaltung anzuhalten wissen. — Auch in der Preßburger Hauptsynagoge ereignete sich am verfloffenenen Rosch-haschonoh ein unliebsamer Vorfall. Es löste sich nämlich während des Gottesdienstes ein großes Mauerstück vom Plafond ab und siel mit einem donnerähnlichen Krach auf den zum Glück eben leer stehenden Dajan-Sitz nieoer. So war man glücklicherweise mit dem bloßen Schrecken davongekommen. i

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