Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-10-22 · Heft 42 (22.10.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 42 (22.10.1908)
Date
1908-10-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449341--64957-2507572
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 49 Der JSraeltt. 32. Oktober. Seite 3 Tausend Einflüssen mannigfaltigster Art ist der Student ausgesetzt: Aus dm Horsälen schallt ihm das Wort des Professors entgegen, der ihm die allüberall herrschende Macht der Kausalität verkündet, die reiner Freiheit Rau n läßt. Aber schon läßt die Brandung des Lebens, deren erste Wellenschläge nur erst seine Füße netzen, schon läßt das Gefühl still reifender Eigenkraft ihn das Geheimnis und das Wunder der freien Persönlichkeit erahnen. Noch ist sein Interesse rege für alles, was neu und wißbar ist, noch hat er den jeder echten Jugend innewohnenden Zug der Polyhistorie nicht aufgegeben, aber schon wirft der in dunklem Drange erwählte Beruf seine Schatten voraus und droht ihn vorzeitig zum Knechte der Brotwissenschaft zu machen. Schon ist sein Blick für den Jammer und. den Bruch eschärft, der das Menschmleben erfüllt, und er ann gleichwohl den Anspruch auf Glück nnd Harmonie nicht aufgeben, kann nicht glauben, daß es ihm nicht besser gehen solle wie den anderen. Aus all diesem Widerstreit ruft der B. J. A. den jüdischen Studenten hinweg und weist ihn zum 'Gottesgesetz hin, das jedes neuen Geschlechtes harrt, auf daß es an ihm zur Persönlichkeit erstarke. Der B.J. A. will keine „separatistische Politik" — man verzeihe uns den Ausdruck — unter die Studenten verpflanzen. Der B. J. A. treibt überhaupt keine Politik. Der B. J. A. vertritt nur den selbstverständlichen Satz, daß die Heranbildung des jüdischen Studenten zur kraftvoll jüdischen Persönlichkeit nicht dem blinden Zufall deS Erziehungswerkes eines buntscheckig zusammengesetzten, die Gegensätze der Weltanschauung verhüllenden Vereines, vielmehr dem harmonischen Zusammenwirken gleich gesinnter Kräfte, nur dem ermunternden und belehrenden Worte erprobter Führer anvertraut werden könnedaß es im Tagesablauf des jüdischen Studenten mindestens eine Stunde geben müsse, in der er dem Gewirre der Gegensätze entflieht, in der seine Seele sich sammelt und sich der sieghaften Kraft der alle Subjektivität der Anschauung überwindenden Gotreswahrheit durch den vom erprobten Führer geleiteten Vere ins sch iur, in den von jüdischer Begeisterung getragenen Vortragsabenden und freien Aussprachen, in heiteren Gesprächen auf gemeinsamen Spaziergängen, in jedem irp^K "paa nach stimmungsvoller, gemeinsam denSabbath feiernder Mahlzeit bewußt wird. Der jüdische Student, dem sein Studium so viel Gegensätzliches, so viel Unjüdisches bringt, wenigstens in seinem Verein soll er ganz Jude, nichts als Jude sein, nicht aber auch hier dieselben dann aufgreift, wenn die anderen sie preisgeben, sich damit den Gewinn aller derjenigen sichert, die in ihrer Kurzsichtigkeit leichten Herzens ihn sich verloren gehen lassen, p DPPT’ lDtPStt ShW mn DK P12 “Dtr *?id 2"hki ,j-d p?nnm 21D2 ,minn ♦(K*ß ^KlDtP EhTö) Es sind das alles nichts als Konsequenzen der alten salomonischen Weisheit, welche verlangt, die Thora mit derselben Hingebung zu suchen, mit der wir nach Gold streben oder verborgene Schätze heben möchten, natrann d^ddödi *p22 natppan dk noari irr1 'n '2 Ktfön 'k nmi 'n njrr pan tk ■n '2 naani nrr Y»aa Daß die Beschäftigung, mit dem, was Gottes Mund entströmt, Weisheit, Kenntnis und Einsicht mehrt, wie unser Mischlewort lehrt, das wissen alle. Aus aller Lippen lebc's: „Wo min ist, ,st ND2N-" Aber es ist das eine von den Wahrheiten, die verurteilt zu sein scheinen, eben nur aus den Lippen zu leben, ohne in Fleisch und Blut zu dringen. Wohl haben sie heute die Thora hochgehalten, hcwen sie an's Herz gedrückt, und es in heiter schwellenden Weisen hinauSgesungen minn nKD HDtTKl b\3K- Aber als den heutigen Feusängern heute Abend zu die Worte über die Lippen gingen -jrnin '"1212 nettMl/ kam's so kalt und wochentägig nüchtern heraus, daß mir der schreiende Gegensatz ins Herz schnitt. Die einzigen, bei welchen die Freude mit der, Thora noch über das Fest hinaus Stand hält, das sind die kleinen Akeph-Beth-Schützen, die heute ihre Fahnen und Tricoloren der Thora bei ihren Umzügen vorangetragen haben. DaS werden einmal die ^#2 Gegensätze wiederfinden müssen, denen er kaum entflohen. Gerade weil der B. J. A. keine Politik treibt, gerade weil er nichts will, als jüdische Menschen mit bilden helfen, gerade darum beschränkt er sich aus gleich gesinnte Genossen. Wollte Gott, wir wären schon so weit, daß wir sagen könnten, jeder jüdische Student ist bereits ein so gefesteter, mit echtem Thorawifien erfüllter Kämpfer, daß ihm nur noch übrig bleibt, unter die verirrten Brüder zu gehen, um auch in ihrem Kreise denselben Geist zu entstammen. Klingt das nicht wie blutiger Hohn? Und somit ist es der B. J. A. allein, der der Forderung des Tages gerecht wird. Möge er mehr und mehr der Sammelpunkt aller gesetzestreuen jüdischen Studenten werden. Mögen diese sich stets bewußt sein, daß ihre Zeit allererst die Zeit der Vorbereitung und Kräftesammlung sei, und daß es ihnen schlecht anstehe, in leichtfertigem Irrtum über die eigene Reise Gefahr zu laufen, durch vorzeitige Kampfes- und Propagandatätigkeit unter entfremdeten Genoffen den harmonischen Abschluß der eigenen Persönlichkeit zu verabsäumen. Es ist viel Raum im B. J. Ai, viel Raum auch für innere Propaganda. Hier, in bewußter Selstbeschränkung, mögen die V. J. A.er ihre Kräfte stählen, auf daß die Hoffnung in Erfüllung gehe, die die jüdische Gesamtheit an sie knüpft, in ihnen dermaleinst treue und starke Vorkämpfer, prinzipienftste und harmonische Menschen zu finden. 'ochmrimöscha«. Rusgletdiende berecktlgkell in Baden Nach dem Rücktritt Proseffor Nosins durste man mit einiger Spannung der Neubesetzung der dadurch erledigten Oberratsstelle entgegensehen. Jahrzehnte lang war es in Baden geheiligte Tradition gewesen, daß die Anwartschaft auf die höchste religiös-administrative Würde des Landes durch ein waschechtes neologes Bekenntnis und einen von altjüdischen Vorurteilen freien Lebenswandel erworben werden mußte. Und das von „Rechts" wegen! Gab es ja —so lautete wenigstens die offiziöse Parole — in Baden überhaupt keine nennenswerte konservative Minderheit, und die paar orthodoxen Landjuden vermochten nun einpD'in, die Schild- und Bannerträger der verkannten Thora werden, bei ihnen pulsiert das Leben in ungebrochener, jugendlicher Frische, welches jedes Gemeinwesen vor dem Tode schützt, dem sonst alles verfällt. Wie sie mit hellem Jubel in dichten Scharen ihrem Rufe heute folgten, als sich die heiligen Rollen öffneten, und den Segen unseres großen, scheidenden Lehrers verkündeten: ,2222,^ nKTl* „Das ist der Segen!" Draußen, im Leben sieht man sie über die Achsel an, läßt es sie aus Schritt und Tritt empfinden, daß sie „Judenjungen" sind und sie folgen trotzdem in freudiger Begeisterung dem Ruf zur Thora, der sie Gott danken läßt, daß er uns auserwählt hat von allen Völkern und uns mtt seiner Thora dasjenige gab, was sie zu Judenjungen und zum Stichblatt für antisemitische Rohheit macht! Das ist der Segen, an dem aller Haß und alle Schmach wirkungslos abprallt. Der älteste von ihnen, ein 12 jähriger Realschüler, rivalisiert schon vier Jahre lang mrt einem gleichalterigen christlichen Mitschüler um den ersten Platz in der Klasse. Es war ein geistiger Ringkampf, der die Rivalen, bei gegenseitiger Achtung immer zu neuem Streben und Ringen anspornte, bis bei der jüngsten Versetzung der „Judenjunge" definitiv den Sieg davon trug. Das ließ den Unterlegenen alle Rücksichten der Achtung Und Freundschaft vergessen und preßte ihm in der Verbitterung über die geistige Ueberlegenheit auf dem Heimweg von der Schule die Worte aus: „Bist doch nur ein Judenbub!" Der so Angeredete, der ganz gut wußte, daß er seine Ueberlegenheit seiner Eigenschaft als Judenbub verdantte, sah seinen Konkurrenten mit einem halb mittewigen, halb ironischen Blick an und sagte: „Möchtest wohl auch einer sein!", machte Kehrt und ließ fernen Rivalen stehen. Das ist der Segen, mit dem der Ruf zur Thora alle diejenigen auSstattet, die mal keine durch „Bildung, soziale Stellung und verträgliche Gesinnung" ausgezeichneten Männer ins Feld zu stellen, die würdig gewesen wären, Kollegen des Herrn Geheimrats Mayer zu werden. So las man's bis in die Märzentage des Jahres Eintausend neunhundert und acht. Der Ausfall der Synodalwahlen zeigte mit einem Male mit einer nicht mehr abzuschwächenden Wucht die ganze Haltlosigkeit und Ungerechtigkeit dieser reformjüoischen Parteipolitik, und als nun kurz nach der Synodaltagung — die von der «verträglichen Gesinnung" der Mehrheit ein leider allzu deutliches Zeugnis abgelegt hatte — Rosin zurücktrat, da war es eigentlich selbstverständlich, daß es nun endlich mit der einseittg parteiischen Besetzung der Oberratsstellen ein Ende haben müsse. Rein takttsche Erwägungen schon mußten Herrn Geheimrat Mayer die Berufung eines orthodoxen Oberratsmitgliedes nahelegen — denn es ist ja klar, daß dieses orthodoxe Mitglied zwar ein vorzügliches Beruhigungsmittel für die verträgliche Synodalmehrheit abgibt, daß es aber, isoliert, acht neologen Kollegen gegenüberstehend, kaum irgend welchen praktischen Einfluß zu üben vermag. Um so erstaunlicher klingt das an anderer Stelle registrierte Gerücht, daß der spiritos rector des Oberrats den armen Orthodoxen nicht einmal den Scheinerfolg gönnt, ein Neuntel im hohen Rat der Neune zu bilden! Er muß dem Zuckerbrot gleich die Peitsche folgen und mit lustigem Knallen hinter dem gesetzestreuen Herrn Prof. Loewy — keinen geringeren als den Heidelberger Orthodoxenfreffer Rechtsanwalt Dr. Kaufmann seinen Einzug in den Oberrat halten laffen! Das nennt man dann „ausgleichende Gerechtigkeit." Dr. Kaufmann gehört zu den Führern der „Liberalen Bereinigung" in Badenin der Synode ist sein Name nicht gerade mit besonderer Anerkennung gelegentlich des unbegründeten und beleidigenden Wahleinspruchs genannt worden, den er gmen die Wahl des Synodalen Carlebach in Heidelberg richtete und der von der blinden Voreingenommenheit seines Urhebers krasses Zeugnis ablegte. Die Berufung dieses Mannes in den Oberrat wäre eine so schallende Ohrfeige für alle nicht ganz radikal gesinnten Juden Baden-, daß wir die Nachricht zunächst für unglaublich halten. Zum mindesten darf man von oer badischen Regierung, die jetzt auch in der Frage des Religionsunterrichtes volles Verständnis für die Bedürfnisse der Gesetzestreuen zeigt, mit Sicherheit erwarten, daß sie nach der deutlichen Willenskundgebung der Synodalwähler den liberalen Ernennungseifer des Oberrats in seine Schranken zurückweisen und ihm die gebührende Rückihm freudig Folge leisten. Sein beglückendes Hochgefühl Jude zu sein, ließ ihn statt der Verachtung nur den Neid seines Gegners herausfühlen. Wird er dieses beseligende jüdische Selbstbewußtsein auch in der Schule des Lebens wie im Leben der Schule bewähren? Wird, wie seine geistige so auch ferne sittliche Ueberlegenheit ihn turmhoch über den Hohn und Spott antisemitischer Rohheit heben, die ihm die elastrsche Schwungkraft des Geistes in dem Wettkampf des Lebens nerdet? Wenn sie wie heute, die treuen, heiteren Pioniere und Fahnenträger der Thora bleiben, ganz gewiß. Aber wenn die Verlockung der Jugend, wenn der Krämergeist der Allen, wenn die sogenannte Wissenschaft, wenn jedes Zeitungsblatt einer auf Entfesselung der Sinnlichkeit spekulierenden Tagespresfe ihnen ihre Begeisterung für die Thora als sentimentale Ueberfpannthett hinstellt, ihre Anhänglichkeit an das Bätererbe als etwas Altväterliches belächelt, und die treue Hingebung an Thora und Mizwos als etwas Rückständiges, Unzeitgemäßes, verfehmt, so brauchen sie diesen Lockstimmen nur Gehör zu schenken und die Fahne der Thora entsinkt ihrer welken Hand und mit der Thora schwindet auch npin nciötr und ns-nn null die Freude und der Segen, die nur die treue Hochhaltung der Thora zu gewähren vermag. Als der jugendlichen Avant-Garde der Thora beute aus den heiligen Rollen der alte Jakobssegen “JK^ön vorgelesen wurde, wie habe ich>da für unsere Kleinen mitgebetet, daß ihr Dlgel sie' vor all dem Bösen hüten möge, das hinter jedem ihrer Lebensschritte lauert, daß er sie seanen^vröge mtt jenem höchsten Segen, daß sie den Namen , ihrer Väter in Ehren Wetter tragen, daß die Allen ewig jung und die Jungen treu dem Geist der Allen bleiben mochte»!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.