Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 42 (22.10.1908)
- Date
- 1908-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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die Begeisterung für die nationale Vergangenheit wieder erwacht fühlen, und in der Gemeinsamkeit der Abstammung freudig das Band ihrer Zusammengehörigkeit erblicken. Bewußtes Judentum ist ihnen Erkenntnis und Anerkenntnis der jüdischen Nationalität. Die jüdische Geschichte, die hebräische Sprache, die jüdische Religion sind ihnen Dokumente dieser Nationalität. Der Uebermittlung der Kenntnis der jüdischen Geschichte und hebräischen Sprache sowie der Landeskunde Palästinas sind Fnxenstunden und Fuxenprüfungen gewidmet. Und es ist erfreulich, zu sehen, wie Studenten, die von Haus aus kaum mehr als einen notdürftigen Religionsunterricht genossen haben, mit jugendlichem Eifer am Fuxenunterricht sich beteiligen, der vom Fuxmajor oft mit grdßem Opfer an Zeit und Mühe erteilt wird. Auch der Stählung des Körpers wendet der V. J. $t. seine Aufmerksamkeit zu und vernachlässigt keineswegs die Kunst, des Fechtens. Denn es ist klar, daß das Selbstbewußtsein im Sinne des K. C. auch durch den B. J. C. erreicht wird. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer welthistorischen Nation imt heldenhafter Vergangenheit stählt von selber den Mjut und läßt Mißachtung nicht ungestraft zu. Auch der B. J. C: zählt daher manchen mit Ruhm bringenden Schmissen bedeckten Kämpen unter seinen Reihen. Wer immer von der Existenz des jüdischen Gesamtvolkes und der eigenen Zugehörigkeit dazu durchdrungen ist, erscheint dem B. J. C., willkommen. Gleich seinem Vater, dem Zionismus, hat auch er, von der religiösen Zerklüftung innerhalb der Judenheit abstrahierend, einen die Juden aller religiösen Schattierungen in gleicher Weise ausnehmenden Boden in der Nationalität gefunden. Von der jüdischen Religion als solcher schweigt daher der B. J. C. Wir haben nun an dieser Stelle nicht die Absicht, unsere schon oft vorgetragene Anschau- ' ung über die Prinzipien des Zionismus zum Ueberfluß zu wiederholen. Wir können das umso eher unterlassen, als unseres Erachtens die Beurteilung der B. J. C. von der des Zionismus völlig getrennt werden kann, ja muß. Nach unserer Ueberzeugung muh nämlich der gesetzestreue Jude, selbst wenn er dem Zionismus gegenüber noch im Zweifel ist, gleichwohl zu einer völligen und rückhaltlosen Ablehnung des B. J. C. gelangen. Der B. J. C. bedeudet eine ernste Gefahr für den gcsetzestreuen Studenten. Der Zionismus kann mit einem Schimmer von Berechtigung von sich behaupten, er sei zunächst und vor allem eine politische Bewegung, die mit den religiösen Differenzen unmittelbar nichts zu tun. habe, sich um die privaten Ueberzeugungen nicht zu kümmern -rauche. Das' trifft aber beim B. J. Cf. von vornherein nicht zu. In den Statuten des Br J. C. heißt es, daß er die wissenschaftliche Erkenntnis desJudentums fördern wolle.*) Die Erkenntnis des Judentums kann aber nun und nimmer von einer über die tiefften religiösen Gegensätze sich hinwegsetzenden Verbindung gelehrt werden. Die Erkenntnis des gesetzestreuen Judentnms ist eine ganz andere, als die des gesetzesuntreuen. Auch jüdische Geschichte lehrt der B. J. 0. Aber die Geschichtsauffassung eines Graetz ist' himmelweit verschieden von der eines Halevy. Welche lehrt nun der Fuxmajor des V. J. St.? Die biblische Geschichte, das Zeitalter der Tanaim und Amoraim, der Kämpfe des Maimonides, des Eibenschütz, man kann sie nur in gesctzestreuem oder in gesetzesuntreuem Sinne lehren. In welchem Sinne lehrt sie der Fuxmajor des V. J. St.? Und ferner: In dem jüngst versandten Berichte des B. J. C. (vergl. die letzte Nummer unseres Blattes) heißt es, „daß die jüngeren Mitglieder mit den wichtigsten Fragen der jüdischen Gegenwart vertraut" gemacht wurden. Sind wir denn wirklich schon so weit gekommen, daß die religiösen Fragen nicht mehr zu den wichtigsten Fragen der jüdischen Gegenwart gehören, und wenn sie dazu gehören, in welchem Sinne wurden sie behandelt? Hing das etwa von der Eigenart des jeweiligen Fuxmajors ab? Bon seinem Takte und seiner Toleranz? Nur wer die studentischen Verhältnisse kennt, vermag zu beurteilen, welch überragenden Einfluß der Zuxmajor auf seine Füxe hat, ein Einfluß, der den des Professors weit übertrifft. Der Fuxmajor tritt dem Fuxe mit der ganzen Autorität des alten Semesters entgegen. Er, sowie der Bursche haben über den Fux eine weitreichende Besehlsgewalt. Aber ganz abgesehen von dieser Autorität müssen wir fragen, ob denn der frisch vom Gymnasium kommende junge Student wirklich hinreichendes religiöses Wissen hat, um das Richtige vom Unrichtigen zu unterscheiden, um gefahrlos religiöse Disputationen zu führen, gefahrlos dem Witz und dem Lächeln sich auszusetzen, die der Unglaube so leicht bei der Hand hat. Man wende nicht ein, daß sowohl der Gymnasiast wie der Student vom Katheder und im Leben genug hört und sieht, was ihm zu Schaden gereichen kann. Denn man vergißt hier, daß es sich beim B. J. C. um eine innige Lebensgemeinschaft handelt, eine Lebensgemeinschaft, die besonders in gemeinsamen Mahlzeiten, in steten gemeinsamen Spaziergängen, oft auch in gemeinsamen Wohnungen *) Bgl. Kartellstatuten des B. J. C-. § 3. sich äußert, eine Lebensgemeinschaft, die durch den allgemeinen obligatorischen Duzkomment eine nicht unwesentliche Steigerung erfährt, und wir müssen wiederholt ftagen, ob denn wirklich die jungen Leute, wenn sie die Universität beziehen, hinlänglich gefestigt sind, um sich freiwillig dem unmerklich zersetzenden gesellschaftlichen Einfluß der religiösen Indifferenz, ja des religiösen Nihilismus auszusetzen. Indem der B. J. CL einerseits von den religiösen Differenzen absieht, anderseits aber nicht umhin kann, doch wieder in das religiöse Gebiet überzugreifen, kränkt er an einem inneren Widerspruch, an dem er schon längst hätte zu Grunde geben müssen, wenn nicht — die religiöse Indifferenz der weitaus größten Zahl seiner Mitglieder wäre. An den gesetzestreuen Studenten aber ergeht die ernste Mahnung, daß nicht auch er, dem religiöse Jntereffen noch am Herzen liegen, durch seinen Beitritt sich dieses Widerspruchs mit schuldig mache und mit die Verantwortung dafür übernehme, wenn aus dem Herzen auch nur eines Kommilitonen der letzte Rest von Anhänglichkeit an das überlieferte Gesetz durch Beispiel der Bundesbrüder, durch Einfluß des vom Fuxmajor erteilten Unterrichts oder durch Diskufsionsabende verscheucht wird. 'Daß letzteres durchaus nicht zu den Seltenheiten gehört, wird uns zuverlässig bezeugt. Zum Schluß nur wenige Worte über die im B. J. A. zusammengefchlossenen Vereine jüdischer Akademiker (V. J. A.) Auch der B. J. A. lehrt jüdisches Selbstbewußtsein. Unser ererbtes jüdischesGesetz hat er auf seine Fahne geschrieben, und welcher jüdische Student, dem noch nicht alles Pflichtgefühl entschwunden, könnte da zaudern? Das Selbstbewußtsein des B. J. A. ist ein religiös-nationales. Er lehrt seine Glieder die Zugehörigkeit zum jüdischen Volke als Grundlage der unverjährbaren Verpflichtung zur Wahrung des Gesetzes, das der Nation anvertrau 1 ist, erkennen, er lehrt sie als Glieder des Gottesvolkes mit echten» Stolz sich erfüllen, mit einem Stolze, der sich niemandem aüfdrängt, der Verachtung aber mit Verachtung begegnet. Er lehrt sie die Hände rein halten vom Blute des Nächsten und Schmisse als Armutszeugnisse erachten. Er lehrt sie endlich, wie ehedem Unwissenheit als Schande empfinden und spornt sie zum Studium des Gesetzes an. Im Gegensatz zum K. C. und B. J. C. verschmäht er Farben und Bierzipfel und drängt sich nicht in bie nichtjüdische Oöffentlichkeit. Still im Kreise der Juden will er die große Ausgabe erfüllen, die er übernommen: Seine Mitglieder zur treuesten, zuverlässigsten Kerntruppe des G o t t e sgesetzes zu erziehen. Nach den Testen. Bon einem Kaufmann. -21V DV> 'tWtlD Nach den Festen und besonders nach den Tischri- Festen, wenn sie mit ihrem ergreifenden Ernst und ihrer beseligenden Freude uns rns werktagige Leben entlassen, quillt auch regelmäßig ein namenloses Weh, eine Art Heimweh, ein Jömtofweh, das mit den Jahren zunimmt und das ich mir vom Herzen herunter schrewen muß, wenn es mich nicht üoermannen soll. Ich glaube, daß diese Stimmung, wie jede Trübseligkeit, nicht jüdisch ist, wenn sie auch gewiß von Bielen geteilt wtrü. Tfcfl sS 21V Ein gutes Herz hat Immer Feiertag, auch wenn uns der im Kalender verzeichnete verläßt. Wem sein Scheiden aber die Feiertagstinnmmg rauben oder auch nur trüben kann, der bemndet damit, daß die Güte des Herzens doch noch zu wünschen übrig läßt, daß er sich noch nicht auf der. Höhe weiß, auf welcher alle Tage des Jahres in gleicher Würdigung dastehen und alle Gegensätze in vollendete Harmonie cmsklingen. Mir hallt auch der Jubel im Ohre nach, der heute die ganze Gemeinde in einen begeisterten Sängerchor umwandelte, und sie mit ihrer Thora im Arme dieWorte hinausschmettern ließ:-p)1HD *?2JD 7NNV 21V '2 daß dre Beschäftigung mrt ihr das beste aller Geschäfte sei; und ich kann die wehmütige Frage nicht unterdrücken, wie viele, wie wenige der begeisterten Sänger heute, morgen und übermorgen das noch unterschreiben würden, was sie gestern gesungen haben! Unbewußt spinne ich den Faden weiter und ziehe eine Parallele zwischen der Beschäftigung mit der Thora und unserem Geschäftsleben, in welchem ich ja auch bereits wieder mit einem Fuße stehe. Wenn wir unsere Thora mit denselben Augen betrachten wie unser Ge- S und an junser Geschäft überall den Maßstab der r legten, ich glaube, wir würden in beiden besser reüssieren. Alle Welt klagt über's Geschäft, uud dennoch ist die Klage nicht begründet. Das Geschäft war im Allgemeinen und für uns Juden ganz besonders in früheren Zeiten viel ungünstiger als heute. Man braucht keine hundert Jahre zurüc^ugehen, um das un-, wrderleglich festen stellen. Die Fesseln und Schrankep, welche die harten Judengesetze der Gewerhesreiheit dM, Freizügigkeit auferlegten, dre religiöse Unduldsamkeit/ der Geschäftsneid, die fast unerschwinglichen .Judensteuern und unzählige andere Momente hatten sich Vereinigt, um dem Juden jede Ausbreitung und jeden Aufschwung seines Geschäfts zu erschweren und geradezu unmöglich zu machen. Atter Fleiß, aller Verstand, alle aufreibende Tätigkeit war nicht im Stande, dem Juden die Felsblöcke aus dem Lebenswege zu räumen, mit welchen ihn eine lieblose Gesetzgebung und ein fanatischer Wahn verlegt hatten. Heute steht die Welt dem Juden wie dem Nichtjuden offen. Er hat dafür Mellich statt wie einst nur mit einer Bannmelle jeAd dtzn Kampf mit einer ganzen Welt aufzunehmen. Wer in diesem Kampfe sichern persönliche Tüchtigkeit, rastlose Hingebung, tüchtige Geschäftskenntnis und alle sonstigen kaufmännischen Tugenden ihren Besitzern den Sieg; wenigstens, soweit Menschen Ihn in der Hand haben. Die Klage über den schlechten Gang des Geschäfts ist im Grunde genommen nur eine Klage über die erdrückende Konkurrenz«. Wer welch ein Segen in Wirllichkeit diese Konkurrenz ist, ohne welche fein blühendes Geschäftsleben denkbar wäre, das zeigt nichts anschaulicher als ein Vergleich mit der Thora. Wenn ihr Geschäft so schwer darnieder liegt, so liegt das nicht an ihr; ihre Qualität ist über jedes Lob erhaben. Was ihr fehlt, ist aber die Konkurrenz, die unsere Kurzsichtigkeit im Geschäftsleben beklagt. Gäbe es da mehr Konkurrenz, so wäre ihr geholfen. So aber haben wir keine Kenner und Pfleger der Thora, keine V'^LIO, weil wir keine V'^IVIL weil wir beit lauteren Wettbewerb nicht haben, den jede hingebende Pflege der Thora "Kur unerläßlichen Voraussetzung hat. Sähen wir die Beschäftigung mit Thora und Mizwos mit denselben Augen an, mit welchen wir unser Geschäft bettachten, so würde uns der Umstand, daß diese li dealen Güter gegenwärtig so tief tnt Kurs stehen, weit davon entfernt uns von ihrer AneigMng zurückzuhalten, uns im Gegenteil bestimmen,'uns ihnen eifriger als je zuzuwenden. Wenn für jede Ware, deren reeller Wert feststeht, gerade der Moment, in dem sie nicht begeht wird und daher leicht und billig zu haben ist, der geeignetste für ihre Erwerbung ist, wie müßte uns dann gerade die geringe Nachfrage nach Thora undMizwos bestimmen, sie begeistert aufzugrerfen und sie uns zu eigen, zu machen! Ms ist gewiß der tiefere Sinn des Wortes unserer Weisen, daß -Derjenige, der die Thora gerade