Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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No. 41 8. Oktober 1908. Der JSraelit. dannsehr verlegen nach ihrem Manne. Dieser hatte/'Sie ist keine Städterin dieSurb und kennt das die Frage des Alten gehört und sagte nichts, ' sondern erwiderte sie mit einem vielsagenden Blicke. „Siehst Du, las die Frau in diesem Blicke ihres Mannes, ich sagte es dir oft, er paßt nicht hierher mit seinen kleinen Begriffen und Wünschen. Darum wäre es wohl besser gewesen, man hätte ihn daheim gelassen." Sanwel sprach kein Wort mehr. Schweigend ging er in sein Zimmer und schlies die ganze Nacht nicht. Den Morgen darauf ging er nicht aus, sondern blieb still und gedankenvoll in seinem Sessel. Erst am Abend heiterte sich sein Gesicht wieder auf. Denn ein langer Brief aus Negendin wurde vom Postboten chm, dem Großvater eigenhändig, überreicht. Der Jomkippur, schrieben seine Lieben, sei gut vorüber. In der Schul aber wollte es ohne ihn einfach nicht klappen. Bär, der sich schon am Roschhaschonoh mit seinen Tekiaus furchtbar blamiert hätte, konnte sich mit seinem Neilloh gar nicht zurecht finden. Er vergaß die Melodien und verwechselte Pismaunim und mehr als einmal hörte man sagen: „Sanwel fehlt." — — Benno habe für's erste Mal sehr gut gefastet. Mirjam könne bald fließend „oren" und hätte die „Owinus" und „Al chet" wacker mitgebetet. — Sie arbeite jetzt fleißig an den Blumen und Körben für die Sukoh. Die Kinder seien ganz untröstlich und wüßten gar nicht, wie sie ohne den Großvater die Sukoh fertig bringen —. DaS war genug für den alten verbannten Sanwel. Er las den Brief ein übers andere Mal. Er las ihn auch mit großem Pathos feiner Tochter und seinem Schwiegersohn vor. Und als diese dabei furchtbar gleichgiltige Gesichter machten und die Tochter sogar sich in einigen Spötteleien über die Kleinbürger, die sonst keine Sorgen hätten, erging, da steckte Sanwel tief gekränkt den Brief wieder ein und sagte einfach: „Sie sollen die Sukoh nicht ohne mich Herrichten." Man nahm diese Worte nicht ernst. Doch als Sanwel in früher Morgenstunde des folgenden Tages aus seinem Zimmer kam, waren seine Koffer gepackt und er selber vollständig reisefertig. Es half kein Bitten und Flehen, keine Tränen und Vorhaltungen. Sanwel fuhr an den Bahnhof. Er sah sich auf dem langen Wege zwischen den endlosen hohen Häuserreihen nicht um. Eilig drängte er sich durch das Menschengewühl aus dem Bahnhof, als gälte es einer Gefahr zu entfliehen. Er wollte nichts mehr sehen und hören von dieser kalten und fremden Stadt. Erst als der Zug aus der düsteren Halle hinausfuhr und die Riesenmauern und qualmenden Schornsteine verschwanden, öffnete Sanwel weit das Fenster seines Coupees' und atmete tief und erleichtert auf. Da lagen die lieben Felder, schon grau, und kahl von der Herbstsonne beschienen. Sie waren schon abgemäht und er hat sie dieses Jahr nicht blühen und heranreifen sehen. Die Birnbäume am Wege haben sich bereits ihrer Früchte entledigt und während sie in Blüthenweiß gehüllt waren, während sich ihre Aeste immer üppiger ausgebreitet und sich mit runden saftigen Früchten gefüllt hatten, war er einsam und verlassen im Exile, zwischen hohen finstern Mauern eingekeilt, von wllden fremden Menschen hin und her gestoßen..! Dort standen noch die halb verdorrten Kartoffelstauden. Sie wußten, daß er wiederkomMt, die guten, ihm stets so lieben Kartoffeln und haben seiner treulich ausgeharrt. Auch die winterlichen Graucheräpfel, die er so liebte, hatten feiner Ankunft gewartet. Sie standen noch am Baume, die lieben rotwangigen Kügelchen und viefen ihm ein frohes „Willkommen" zu. Siehe da, auch der Rebenfiftich stand noch unversehrt da, ganz in goldene Sonnenstrahlen gehüllt. Sanwel kommt nicht zu spät. Nein nicht zu spät! Hier waren schon die rebemunkränzten Berge zu sehen, dort erhoben schon die stolzen Pappun ihr Haupt, hinter denen die Surb langsam und vertraulich fließt. Hasten und Treiben nicht, sie läßt sich Zeit Und nun hielt der Zug in Negendin. Sanwel stieg allein aus. Denn wer vom Dorfe sollte an diesem Tagereisen? Die Bauern waren im Felde beschäftigt und die Juden mit den Vorbereitungen zum Feste. So freudig hoch schlug Sanwel das alte Herz als er durch die bekannten heimeligen Gaffen uno Gäßchen wandelte. Dort sah er schon das rote Dach seines Hauses. Noch ein paar Schritte und nun stand er, noch von keinem beachtet, vor der viereckigen aus Brettern zusammengestellten, mit weißen Tüchern von innen umhängten und mit grünem Tannenlaub bedachten Suckoh. Drinnen war ein ohrenbetäubender Kinderlärm. Wie bezaubert und an seinem Platze festgebannt blieb Sanwel mit vollem Herzen und feuchten Augen stehen und horchte: „Der Mogen-Dowid soll mehr vorne, in die rechte Mitte" — kommandierte Benjamin. „Nein hier an diesen Nagel!" protestierte Benno. „Du zerreißt die Blumen und die Körbchen!" jammerte Mirjam. „Dahin mit dem Stern! sage ich — schrie Benjamin — so hat es auch immer der Großvater gemacht!" „Nicht wahr, der Großvater hat ihn dorthingemacht!" Länger hielt es den alten Sanwel draußen' nicht. - „Wartet liebe Kinder, ich sag's euch wie's recht ist!" Und er trat in die Suckoh. Ein Schrei, des Schreckens und der Freude zugleich durchfuhr die kleine Hütte. Die Kinder fielen den Alten um den Hals. Dann vergaßen sie Blumen, Stern und Suckoh und liefen in die Wohnung. Jeder wollte zuerst die freudige Botschaft von der Rückkehr des Großvaters bringen. Bald kamen sie alle, der Sahn, die Schwiegertochter die Kinder, die Verwandten und Bekannten und begrüßten freudig überrascht den so plötzlich unerwartet Zurückgekehrten. „Du bist vor allem hungrig und müde, so komme ins Haus!" — baten die Kinder. „Nein! — lehnte Sanwel entschieden ab, — Ich bin nun daheim und habe Zeit", und indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte und den Rock abwarf, fügte er hinzu. „Bor allem an die Arbeit. Auf Kinder! Wir wollen die Suckoh fertig Herrichten!" von dt» jüdischen Kolonien in Palästina. Bei der großen Bedeutung, die die jüngsten Umwälzungen in der Türkei für die weitere wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der palästiniscken Judenheit, vor allem aber der landwirtschaftlichen Kolonien Palästinas haben, wenden sich heute die Blicke der Juden mit erneutem Interesse dem Kolonisationswerk im Orient zu. Immer weitere Kreise der Judenheit sind geneigt im Eerez Jisroel das eigentliche jüdische Kolonisationsland der Zukunft zu erblicken, dem sich besonders die Juden des Ostens in immer steigendem Maße zuwenden werden, je günstiger sich die Entwicklung Palästinas gestaltet, und je mehr sich die^ Kolonisationsmöglichkeiten in der übrigen Welt vertngern und verschlechtern. Bei den gesetzestreuen Juden gesellt sich in der Hauptsache den ökonomischen Gesichtspunkten noch das Jntteffe an der Mizwäs Jischuw, dem heiligen Gebote der Besiedelung des heiligen- Landes. 30 Jahre sind dahingegangen, seitdem der erste Versuch, landwirtschaftliche Kolonien in Palästina zu gründen — wenn wir von unwichtigen oder inzwischen fast zur Bedeutungslosigkeit herab gesunkenen Gründungen absehen —, von einigen kühnen Jerusalemer Juden unternommen wurde. 1878 zogen sie hinaus an den Meeresstrand nördlich von Jaffa und gründeten _Sette 23 , am Flusse Nähr el Audfche die erste Kolonie, die sie das „Tor der Hoffnug" (Pethach Thikwa) nannten. Die Geschichte dieser einen Kolonie ist ein verkleinertes Abbild jener großen Leidensgeschichte, deren Helden von uns noch Zimmer zu wenig gewürdigt werden. Das schwere Ringen der ersten Pioniere, die, bar aller Mittel und Erfahrungen, auch bar der notwendigen Sprach- und Gesetzeskenntniffe, unter dem Druck eines ausbeuterischen Beamtentums und unter der Geißel des mörderischen Wechselfiebers, das ganze Familien dahinraffte, einen seit Jahrhunderten verwahrlosten Boden zu sanieren und zu bebauen begannen, — dieses Ringen, das gar zu oft zu bitteren Enttäuschungen und Mißerfolgen führte aber eine natürliche Auslese der besten Kräfte schuf, hat schließlich jenem siegreichen Vordringen des jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina die Wege bereitet, das heute der Besucher des heiligen Landes mit stolzen Gefühlen „auf dem Marsche" sieht — auf dem Marsch zu einem herrlichen Ziele. Unser altes Erez Jisroel ist unter den Werkzeugen fleißiger Bauern zu seiner altgepriesenen Fruchtbarkeit erwacht, und der als unfruchtbar geschmähte Boden spendet heute in der Ebene Saron und der Ebene Schephela und anderwärts wie in alten Zeiten wieder die herrlichsten Schätze: Gerste und Weizen, Wein und Mandeln, Oliven und Orangen. Mehrfach mußten einzelne Kolonien von den Bauern verlassen werden, eine für immer, eine andere, um' nach einiger Zeit von neuem, ja zum drittenmalen Male besiedelt zu werden. In Chederah rafften Malaria, und Schwarzwasserfieber, solange der Sumpfboden nicht bepflanzt war, einen großen Teil der Ansiedler dahin. In Katta begannen russische Studenten die Bearbeitung des Bodens mit den primitivsten Werkzeugen, und ohne daß sie sich vorher hätten Häuser errichten können. In den neunziger Jahren vernichtete die Reblaus einen großen Teil der Weinpflanzungen. Und trotzdem erlahmte der Eifer, versiegte die Begeisterung nicht. Neben dem Idealismus dieser Pioniere war es der Munisicenz des Baron Edmund von Rothschild zu danken, daß das Werk seinen gedeihlichen Fortgang nahm. Der Baron, durch die russischen Chowewe-Zion für die Palastma- Colonisation interessiert, übernaym nicht nur die von rumänischen Juden gegründeteten Kolonien Rosch Pinah in Galiläa und Samarin in Samaria, iowie die von russischen Juden gegründete Kolonie Rischon le- Zion bei Jaffa, sondern gründete auch neue Kolonien, vergrößerte die bestehenden, schuf Fabriken, organisierte die Verwaltung. Seit 1900 ist die JCA. an des Barons Stelle zetteten, die ebenfalls neue Kolonien, in Galüäa auch eine Lehrfarm begründet hat, deren Interesse an der Colonisation in Palästina indes in steter Abnahme begriffen ist. Anders wie diese aus rein philanthropischen Motiven gegründeten Colonien, ähnlich vielmehr wie die zu Anfang erwähnte Kolonie Pethach Thikwah, war inzwischen aus eigener Initiative der Kolonisten und ohne jede Unterstützung durch Außenstehende eine Anzahl Kolonien, besonders in Judäa, entstanden, zumeist durch die russische Genossenschaft Menuchah w Nachlah begründetdie bekannteste ist Rechoboth, südlich von Jaffa. Eine 20—30jährige Erfahrung hat nun zur Evidenz erwiesen (eine Lehre, die bei den letzten kolonisatorischen Gründungen in weitgehendstem Maße beherzigt worden ist,) daß die Kolonien, die einem Att der Wohltätigkeit ihren Ursprung verdanken, in denen die Kolonisten zeitlebens der Administration unterstellt bleiben, ohne eigenen Besitz erwerben zu können, fast niemals reüssieren — während jene unabhängigen Kolonien, in denen die Bauern mtt ihrem eigenen bescheidenen Kapital an der guten Fortentwicklung des Werkes interessiert find, in denen die Unterwerfung unter den Zwang einer Organisation eine freiwillige ist, und weitgehendste wirtschaftliche Freiheit herrscht, — rasch und sicher zu Wohlstand und Reichtum gelangen. Gerade die