Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Gelte 22. Nr. 41. Der JSraeltt. 8. Oktober 1S0S. aus. Gegen den Schlafrock hatte er eine tiefe Abneigung gefaßt und er rührte ihn nicht mehr an. Nun saß er in Hemdärmeln und Pantoffeln, ganz wie daheim in Negendin auf dem Sopha, Vlies aus seiner Pfeife dicke Rauchwolken und dachte an das stille Dorf, an das Feld, an die Kinder, an den wiloen Bettno, an klein Mirjam, an Peter den Knecht, an die störrige Kuh. Am ersten Freitag gegen Abend fragte ihn die Tochter, ob er in den Tempel gehen wollte, ihr Oskar würde wohl nicht so früh heimkommen, um ihn dorthin zu begleiten. „In den Tempel?" fragte Sanwel erstaunt, „ich dachte wohl, es sei an der Zeit, „Schulen" zu gehen?" ' . -r r „ , 'I' v -'s ' -- -'< > r - - 'vT' ‘i, - .-5 -• T?-; , Gesamt'Anficht der jüdische« Kolonie Nechoboth bei Jaffa 1007» Da erschrak die Tochter nicht, sondern lachte aus vollem Herzen und erklärte, dem kleinstädtischen Vater heiter scherzend, daß die „Schul" hier Tempel genannt wird. Das fand Sanwel bald selber heraus, als er sich im großen, hellbeleuchteten, von geputzten Menschen gutbesetzten Gotteshause befand. Wie blank und groß und feierlich. Wie schön nahm sich doch der heilige Raum aus im Vergleich zu der kleinen staubbedeckten mit rostigen Messingleuchtern versehenen und von Talgkerzen schlecht beleuchteten Schul daheim. Und doch, und doch! Dort war er daheim. Jedes Win- ' kelchen und Eckchen war ihm heilig, lieb und teuer. Er kannte den Chasan und durfte ihn ob seines Gesanges loben oder tadeln, er kannte jeden und alle kannten ihn. Sanwel war Baal tefilloh an den Jomim noroim, konnte leienen, wenn der Chasen verhindert war. Und die fettesten Mizwaus wurden ihm zu teil. Hier aber durchschauerte Sanwel eine Kälte, er fühlte sich so einsam und verlassen auf seinem Platze und er sah -schüchtern nach allen Seiten, alles war fremd und kalt und ihm, wenn nicht feindselig, so doch gleichgültig gesinnt.- Und nun schien cs ihm, als habe er wieder in seiner llnbeh Offenheit und Unsicherheit irgend eine Ungehörigkeit begangen und hinter ihm die Menschen bestürzt riefen: „Aber Sannel!" ... Die Andacht war zu Ende. Er war im Geiste daheim, „benschte" seinen Sohn, seine Enkelchen und ließ sich von den munteren Kleinen heimführen. Er sah sie jetzt vor sich herspringen. „Kinder, nicht so toben!" Da huschte im Halbdunkel ein kleines Bürschchen an seinen Platz heran, seinen Vater suchend. Sanwel erhob wie im Traume seine Augen und legte beide Hände segnend auf das Haupt des fremden Kindes. — Das Kind sah den Alten mißtrauisch an und lief eilig davon. Der Vater des Kindes Warf aber Sanwel einen erstaunten, unfreundlichen Blick zu. Das Gesicht war Sanwel nicht unbekannt. Es war ganz wie das seiner Tochter an jenen! Morgen: „Aber Papa! Aber Sanwel!" Es war Sanwel sehr bange zu Mute. Ein lüKhtiges Heimweh ergriff ihn. Es war schrecklicks in dieser kalten fremden Zone, wo alles geschäftig vorwärts drängt, wo Keiner Zeit übrig hat für den alten Sanwel, wo selbst^ im Gotteshause, in der „Schul" die Menschen fremd und' stolz und einsilbig sind, ausharren zu müssen, und doch mußte er ausharren, wollte er sich nicht zu Hause, wo der Abschied groß gefeiert wurde, lächerlich machen, wollte er nicht die Tochter, den Schwiegersohn, die es ja im Grunde gut mit ihm meinten, und alles aufboten, um ihm das Leben in der Stadt so angenehm als irgend möglich zu machen, beleidigen und kränken. So verging der Sommer, eine Reihe eintöniger, langweiliger, oft peinvoller Tage für Sanwel. Die Schaufenster lockten ihn nicht mehr an, die gefüllten Trambahnwagen zogen gleichgiltig an ihm vorbei. Er gewann den Menschen und ihrem sinnlos wilden Treiben kein Interesse ab und er konnte in der großen herrlichen „Schul" nicht die rechte Andacht finden. Die Pfeife schmeckte ihm nur noch, wenn er des Rockes und der engen Stiefel entledigt, in seinem Zimmer saß und von „Daheim" träumte.Nach und nach hatte sich Sanwel aber auch an dieses öde kalte Leben gewöhnt und fand sich darin geduldig und ergeben wie in sein Schicksal hinein, als dreh oh en Feiertage, die Jomim naurorr'Ji m herankamen. „Wer wird nun dort Schophar blasen? "so fragte er sich, als die Stimme der Posaune am ersten Elul im großen Raum ertönte. „Wer?" „Der Lehrer kann's nicht, er ist engbrüstig. Kein Wunder, wenn die leistungsfähigen Balebatim einer nach dem anderen wegziehen und sich sein. Einkommen dadurch immer mehr vermindert. — Es machte Sanwel fast Vergnügen, einen neuen Gxund zur. Selbstanklage ob seiner Flucht aus der Gemeinde gefunden zu haben. — Also wer wird blasen? Bär, der sich einbildet, alles zu können, und nun wohl stolz den von ihm oerlassenenPlatzeinnimmt " Er sah ihn jetzt da stehen, er Härte ihn blasen, das Herz wollte sich ihm zusammenkrampsen. Das sollte wohl eine Tekioh sein? „Pfui, falsch!" schrie er fast laut. Der Synagogendiener winkte ihm zur Ruhe und hinten glotzen ihn hundert fremde, unfreundliche Gesichter an. „Aber Sanwel!" — Sanwel hatte daheim nicht nur amRosch haschonoh Schophar geblasen, er hatte auch Jomkippur N e i l l o h vorgebetet. Er wuchs um diese Zeit fast aus sich selbst heraus, er glaubte sich seiner äußeren körperlichen Hülle zu entledigen und rückten Sphären zu leben, töne, die aus seinem ohne Ruhe, ohne Rast. Am Jomkippur zu Neilloh weinte er heiße Tränen in seinen alten von zu Hause mitgebrachten Machsor hinein. Es waren nicht wie daheim, nur reine Tränen der Andacht, sie waren auch vermischt mit Tränen der Beklommenheit, des beengenden Gefühles des Verlasscnfeins, die der fremde Raum, die fremden Menschen, die ihn umgaben, die fremden Melodien^ die an sein Ohr drangen, in ihni erweckten. Nun war Jom-Kippur vorbei. Dieses unsägliche beglückende Gefühl der inneren Befreiung und Erlösung vom Sündenjoche, das erhebende Bewußtsein nun als reiner freier Mensch den Festen der Freude entgegen zu gehen, er konnte es hier nicht finden. Es fehlte etwas, es fehlte die nötige Stimmung. Dort daheim sitzen sie jetzt und erzählen von den Erlebnissen des großen Tages. Benno hat wohl gefastet und erzählt von seinen Wechselempstndungen an seinem ersten Hungertage. Benjamin ahmt wie immer die Gesänge nach und Mirjam behauptet stolz, sich ebenfalls bis Mittag gut gehalten zu haben. Wie sie jetzt den Großvater bestürmen mit ihren Fragen und Wünschen. Und draußen stehen schon die Stangen, Bretter und Latten bereit. „Wartet liebe Kinder, einen Augenblick. Wir ruhten noch eine Weile aus, dann gehen wir hinaus und fangen mit der Aufstellung der Sukoh an." So war es daheim immer, auch voriges Jahr noch'. Die Sukoh. Daran hatte der alte Sanwel hier noch gar nicht gedacht. Er erschrak. Wie sollten auch in dieser Umgebung solche heilige Gedanken anfkommen können? Dort faß der Schwiegersohn, kaum, daß er einige Bissen zu sich genommen, schon an seinem Schreibtische, in seine Geschäftsbücher vertieft, die Tochter las eifrig bie Zeitung. Sanwel sah wie hilfesuchend nach oben, nach den) kunstvoll gemalten Plafond, von wo aus die vielarmige elektrische Lampe Lichtwellen im Zimmer verbreitete und den Hellen blitzsauberen Parkettboden beleuchtete. O du großer Gott, wo, wie soll in diesem Hause, innerhalb dieser großen unheimlich kalten Mauern die Sukoh errichtet werden? Oben, über ihm fremde Menschen, die schweigend vorüberhuschten, unten, fremde Gestalten, die er nicht kannte. Ganz unten soll auch ein Hof sein, er hat ihn nie ge¬ <Stn Bauernhof ta Rechodoth. in geistigen weltent- Die Schophareigenen Munde drangen, rückten seinen Geist während des Elulmonates immer, näher den warmen, sonnennmstrahlten lichten Gotteshöhen entgegen. Er war um diese Zeit nicht Sanwel, der gewesene Viehhändler, er fühlte sich gehoben und getragen von den Neülohgesängen, von den Schvpharklängen, die er täglich übte. Das war natürlich dort, zu Hanse. Hier war ein Dag wie der andere. Immer die gleichen geschäftigen Menschen, immer das gleiche Treiben und Hasten, sehen. Was soll es also mit der Sukoh werden? „Liebe Tochter!" rief er schüchtern. DieTochter hob unwillig denKopfaus der Zeitung^ sehr mißgestimmt darüber, Lei der Lektüre be* Romanes, just an der spannendsten Stelle gestör* worden zu sein, fragte aber dann mit. gezwum gener Freundlichkeit : „Du wünschest Papa?" „Sage liebes Ktnd, wie steht es hier mit einer Sukoh?" Die Tochter stotterte^twas wieGrrchftabt — unmöglich — kein Raum — Nachbarn, und schaute