Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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«^vfl>»WB^^MV?WMK> ^^.ß^jHv^Kwj^ £»j'iy - J*,.*- JrJ*-.-7^.-^'-r 1 J ^5 l k. vie beimaillche S«kod. Eine Sukoth-Erzählung. Bon §. Schachuowitz. Nach dem Pessachfeste, als sich die Felder grün färbten, und im Gerten nur einzelne Grashalme aus oer grauen, durchfurchten Erde hervorkeimten, verließ er Haus und Hof, den Garten, das Feld, das Dorf und ging nach der Stadt. Dem Drängen seiner dort lebenden Tochter nachgebend, wollte er nun dort bei ihr dauernden Wohnsitz nehmen. „Hinaus aus dem kleinlichen, finsteren Leben — wie sie schrieb — um. den Lebensabend heiter in der Großstadt zu verbringen." Er kannte die Stadt nur oberflächlich, der alte Sanwel. Kam er ,früher einmal geschäftlich dorthin, so verließ er seinen Gasthof nur, um den nahen Viehmarkt zu besuchen. In den letzten Jahren, da seine Tochter in der Stadt wohnte, hatte er sich vom Geschäfte zurückgezogen und kam gar nicht mehr aus seinem Heimatdorfe, wo er bei seinem Sohne, dem er Haus und Hof und Geschäft abgetreten, ein beschauliches Leben führte, hinaus. Nun war er in der Stadt und konnte sich in den asphaltierten Straßen ergehen, an dem wogenden Großstadtleben berauschen. Alles war ihm neu und fremdartig und er freute sich anfänglich wie ein neugieriges Kind über dieses große, bunte, dahinflutende Leben. Stundenlang konnte er vor den Schaufenstern stehen und die verschiedenartigen buntfarbigen Auslagen, bewundern. Dieses rastlose Treiben, Rennen und Jagen hatte etwas unbegreiflich Komisches für ihn und belustigte ihn ungemein. Wo kam nur dieser reißende Menschenstrom her, wo floß er hin? Daheim im ftillen^Negendin gingen die Leute ruhig ihres Weges, hatten auch eine Minute für den Freund übrig und kamen doch ans Ziel. Wozu dieses kopflose Eilen und Drängen? Wie auf einen Narrentanz sah er von seinem dritten Stock auf das Treiben der Straße herabein buntes anregendes Schauspiel, dem er täglich umsonst zuschauen durfte. Was er aber draußen auf Schritt und Tritt sah und wahrnahm, war groß, schön, überwältigend. „Ja, Sanwel! So und noch viel mehr ist die Welt, die Du trotz Deinem Alter noch lange nicht kennst." Nach' und nach gewöhnte er sich aber an diese Bilder und sie boten ihm kein großes Interesse mehr. Die Freude und Bewunderung waren einem Gefühle der Beklommenhett und des Unbehagens gewichen. Er fühlte etwas wie Heimweh, Heimweh nicht nur nach bestimmten Personen, sondern auch, und noch weit mehr, nach dem Milieu, nach dem heimatlichen trauten Kreise, nach der weiten, von grünen Felsen umgrenzten Ebene, nach dem leise murmelnden Bach, an dem zu beiden Seiten die stolzen Pappeln in Reih und Glied die Wacht halten. Er sehnte sich nach den Kindern. Denn — und dies war das Fatalste — die Tochter in der Stadt hatte keine Kinder, die sich auf Großpapas Schoß wiegen, ihn ärgern und seine großväterliche Strafpredigt anhören konnten. — Er sehnte sich, Sanwel schämte sich, es sich einzugestehen, nach dem Stall, nach der braunen Kuh, die etwas störrig, gern ausschlug, vom rohen Knechte wohl auch kaum richtig behandelt wird, JadiscA* Steettu.ngd', JuiiffAi &*si£xun.g*t%** 4 ««***4/<V** wenn er nicht mehr dabei ist, ihn zurechtweist und der Störrigen gut zuredet!. „Du mußt dich an das schöne Großstadtleben erst gewöhnen", tröstete die Tochter, der das enttäuschte Gesicht des Vaters nicht entging. Und so ging Sanwel täglich hmaus, um seine kleinbürgerlichen Empfindungen im Großstadtgetriebe untergehen zu lassen. Der erste Morgenspaziergang, den er nach einigen Tagen unternahm, brachte Sanwel einige Enttäuschung und Erbitterung. In Pantoffeln, hemdärmelig, mit der Pfeife im Munde durfte er alle Ecken und Gassen seines Dorfes durchmessen, ohne etwas dabei von seinem Ansehen einzubüßen. Er blieb mit oder ohne Rock der ehrbare Sanwel, dem alle, vom Lehrer bis zum geringsten Bauer die notige Achtung zollten. Daß dies hier in der schönen, großen Stadt nicht anging, d. h., daß man nicht in Hemdärmeln durch' die belebten Straßen gehen, die Schaufenster bewundern, die vollbesetzten Trambahnwagen durchmustern konnte, sah er ohne Weiteres ein. Darum wollte er ohne jede Aufforderung ein übriges tun. Einen prachtvollen Schlafrock aus grauem Stoff mit rotem Gürtel hatte ihm die Tochter gekauft. Der sollte heute zu Ehren gelangen. Cr hatte nun den schönen tonten Rock eng um die Lenden gegürtet, setzte die buntgestickte Hausvaterkappe auf, zündete seine Pfeife an und machte sich auf den Weg. Nicht weit wollte er, nur vor dem Hause aus und ab gehen. Da erschrak aber die Tochter so hefttg, daß auch Sanwel bestürzt zusammenfuhr. „Aber Papa", schrie sie ganz fassungslos, „du wirst doch nicht so auf die Straße wollen?" Sanwel sprach kein Wort; an dem kreidebleichen Gesichte der Tochter sah er, daß er nahe daran war, ein großes Unglück anzurichten. Er wußte zwar nicht warum und wieso. Aber er sah. daß er noch vieles lernen mußte,^ um sich in der Stadt zurecht zu finden. Wie sollte ein solcher scheinbar harmloser und durchaus würdiger Schlafiock einem Menschen solchen Schrecken einjagen rönnen? Die Frage wich nicht mehr von ihm. Sie ging ihm auch im Kopfe herum, als er eine halbe Stunde später in voller Toilette vor dem. großen Schaufenster stand und mechanisch die riesengroßen federreichen Damenhüte, die spitzenbesäeten, weißblinkenden Blousen und die Mäntel und Kragen betrachtete. Das buntfarbige rauschende Leben verlor seine Reize. Er fühlte sich unsicher, es schien ihm überall, als habe er mit irgend einer Bewegung, einer Bemerkung, einem unstatthaften Blick, etwas Ungehöriges angestellt. Jemand beleidigt oder verletzt, als' stänoen hinter ihm tausende Menschen, die große, erschreckte Gesichter, ganz wie das seiner Tochter heute morgen, machten, und bestürzt riesen: „Aber Sanwel!" — Beschämt und eingeschüchtert ging er nach Hause. Dort war der Schwiegersohn, ein vielbeschäftigter Mann, den er nur während der Mittagszeit zu Hause sah, bereits bei Tisch. Er sprach freundlich und ehrerbietig mitdemSchwie-? gervater, vertiefte sich jedoch bald in seine Zeitung und entfernte sich gleich wieder. Sanwel ging bellommen in sein Zimmer, zog, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Türe von m»en fest geschlossen, seinen steifen, schwarzen Gührock >s $ :-&>y