Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 41 des „Israelit". euilleton. Samuel da ßagid. Sine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. (Fortsetzung.) Sie drangen oft tief in das Land ein, ihre Schiffe ihren Weibern und Kindern überlassend und selbst in den Engpässen der Gebirge hatten sie ihre Schlupfwinkel. Die Angst vor diesen Freibeutern war eine so große, daß in Spavien jeder Privatmann das Recht besaß, einen Seeräuber, sobald er als solcher erkannt war, unbarmherzig niedermachen zu dürfen. Aber bei der Zerstörung von Kordoba dachte niemand an die Verfolgung der Plraten, ja der neue Herrscher sah noch mit Wohlgefallen zu, wie sie die verhaßten Bewohner verfolgten. Samuels Eltern, Schwiegereltern und Braut befanden sich in einem Hause am Ufer des Flusses in der Nähe von Josephs Gerberei, als Seeräuber in dieses eindrangen. Mit ebenso erstaunten wie entzückten Blicken bemerkten sie Fatime und es gelang ihnen trotz der verzweifelten Gegenwehr der Eltern und Schwiegereltern sie zu rauben, Zum Lohne dafür, daß Samuels Vater dem einen Räuber den Arm abschlug, verschlossen sie, nachdem sie Fatime geraubt, das taus, um es dann in Brand zu setzen. Das lehegeschrei der dem Tode Verfallenen erfüllte die Lust.. Fatima aber wurde auf ein kleines den Räubern gehöriges Schiff gebracht, das auf dem Flusse vor Anker lag. Hier ward sie in ein besonderes Gemach eingeschloffen, zu dessen Türe nur das Weib des Räuberhauptmanns den Schlüffel hatte. Denn derartige „Ware" mußte vor den Kumpanen, ja selbst vor dem Hauptmann auf das sorgsamste gehütet werden. Die anderen Mädchen, die sich nicht so sehr durch Schönheit, Vornehmheit und Bildung auszeichneten, kamen in einen gemeinsamen Raum, wo sie den rohen Späffen der wüsten Gesellen Tag und Nacht ausgesetzt waren. Sehr bald ging das Seeräuberschiff den Fluß hinunter in See und gelangte nach vielen Irrfahrten und Abenteuern, während deren aber Fatime stets unbehelligt in ihrem Gemache verblieb, ja mit Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit behandelt wurde, nach Deilem an das kas- Pische Meer. Bei Ankunft der Seeräuber war gerade großer Sklavenmarkr. Ein buntes Treiben herrschte aus dem Markte, ein Schreien und ein Feilschen, daß der Neuankommende zunächst von dem Lärme ganz betäubt wird. Doch allmählich gewöhnt man sich an die Unruhe. Hier stehen eine Anzahl Mohren, die mit den Händen aneinander gebundeneine lange Kette bilden. Zähneknirschend lassen sie sich von den Käufern besichtigen, aber sie hoffen auf einen Tag der Rache und wehe dem Herrn, der sie erwirbt: die Peitschenhiebe, die er ihnen geben wird, muß er eines Tages mit einem martervollen Tode bezahlen. Jetzt sollen sie sagen, was sie gelernt haben, ob sie als Hausfklaven oder als Landbebauer Verwendung finden können. Hier liegen einige junge Burschen aus dem fernen Germanien. Räuber fanden sie auf einer Insel nahe dem Hunaertode, ihrer flachsgelben Haare, ihrer weißen Haut und ihrer blauen Augen wegen werden sie von aller Welt angestaunt. Trotzdem erzielen sie keinen hohen Preis, da sie der Landessprache nicht mächtig und die Sitten nicht kennen. Ein umherreisender Märchenerzähler und Gaukler phantastisch aufaeputzt erwirbt sie billig, sie sollen sich vor seine Bude stellen und das Volk durch allerhand Grimaffen anlocken. Dort in der Ecke stehen zwölf Männer mit langen Bärten, sie sind nicht gefesselt, denn man weiß, daß sie nicht flüchten, den Blick zu Boden gesenkt, murmeln sie leise ein Gebet: Wer in dem Schutze des Höchsten fitzet, der ruhet im Schatten des Allmächtigen. Ich spreche zum Ewigen : meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, dem ich vertraue, denn er wird Dich retten, vor der Schlinge des Vogelstellers, von der Pest Verderben. Mit seinem Gefieder deckt er Dich und unter seinen Fittigen bist Du geborgen. Schild und Panzer ist seine Treue ... Es sind Juden, die auf ihrer Flucht aus Kordoba gefangen wurden und auch nun hier auf dem großen Markte verkauft werden sollen. Der Besitzer unterhandelt eben wegen Verkaufs mit einem jungen Mann, „Meine Seele zerfließt in den heftigsten Schmerzen, o Jüngling," sagte der Besitzer „aus Gram darüber, daß ich dir die Männer nicht zu dem gebotenen Preise überlaffen kann, aber es sind Schmucksachen für die menschliche Gesellschaft und die Wissenschaft ist ihre Schwester. Ein Vermögen wird .meist nicht ohne Beschwerden erworben, aber hier kannst Du Dir ohne viele Mühe große Summen verschaffen. Laffe sie Bücher abschreiben, Kinder unterrichten, Märchen erdichten und dein Geld wird wachsen wie das Gras des Feldes oder wie das einjährige Kameel. „Das was ich Dir geboten habe," erwiderte der Mann, „ist das Höchste von dem, was ich zu leisten vermag, bedenke die Leute sind nicht mehr jung, schon sind ihre Seelen schmeckend die Vorboten des Todes." „So nimm sie hin", sagte der Verkäufer, „nur weil ich Dich so sehr liebe, weil Milde aus Deinem Antlitze strahlt und weil ich weiß, daß Du mir aus eigenem Antriebe mehr geben wirst, als Du geboten, will ich Dein Gebot annehmen." Er ließ sich zwei große Beutel mit Zechinen aus den Tisch zählen. Der Käufer näherte sich den gefangenen Juden, diese fuhren in ihrem Gebete fort: „Nicht fürchtest Du vor dem Schrecken der Nacht, vor dem Pfeile, der fliegt bei Tage." Der Käufer vollendete: „Vor der Pest, die im Dunkel schleicht, vor der Seuche, die wütet am Mittage. Es fallen Dir zur Seite tausend und zehntausend zu Deiner Rechten — Dir nahet sie nicht." Erstannt und beglückt schauten die Männer auf. „Freunde, Brüder", sprach der Ankömmling. «Ihr seid frei. Wie spricht doch der Herr? Meine Diener sind sie und nicht Diener der Diener. Mein Name ist Niffim aus Kairuwan. Ich verwalte in meiner Gemeinde das Rabbineramt und leite die Talmudschule daselbst. Wir hörten daß hier gefangene Glaubensgenossen auf den Markt gebracht wurden und sind glücklich, die Pflicht von Pidjan Schibujim erfüllen zu können." Einer der Männer trat vor. „Wir danken Dir Bruder," sprach er, „für Deine Liebe und die Liebe Deiner Gemeindegenossen. Wir hoffen, daß Eure Tat gute Früchte tragen wird. Ich bin Talmudjünger. Auf einer Seereise, die ich zum Zwecke der Sammlung von Geldspenden unternahm, geriet ich in Gefangenschaft. Ich sehe, welch Me Söhne Israels sich in Eurer Stadt befinden und ich bleibe bei Euch. Vielleicht kann ich mit meinen geringen Kenntniffen Euch in Eurer Schule nützlich sein." „Wir danken der göttlichen Vorsehung, sprach Rabbi Niffim, „daß sie uns einen Mann zugeführt, der verufen ist, unserem Lehrhause neue Anregungen zu geben." Beglückt über den Erfolg seines edlen Wirkens wie über den kostbaren Fund, den er in der Person eines Talmid Chochom gemacht, zog Rabbi Niffim mit den geretteten Männern von dannen, wie wäre er aus dem höchsten Glück in den tiefsten Schmerz versunken, hätte er geahnt, daß einige Schritte von ihm entfernt, eine junge Jüdin als Sklavin verklauft werden sollte, die die Braut seines treuesten Freundes auf Erden. Sechstes Kapitel. In Deilem auf dem Sklavenmarkte weilte stets ein Vertreter des Herrschergeschlechtes der Buweihiden oder Bujiden, der im Aufträge seiner Herren die ankommenden und zum Verkauf gestellten Sklavinnen einer Musterung unterziehen mußte. Die vorzüglichsten wurden für den Regenten erworben. Da der Koran verbietet, Glaubensgenoffinnen als Sklavinnen zu halten, wurden hier schöne Jüdinnen und Christinnen anaekauft,' den letzteren, die im Bewußtsein dessen, daß ein großes waffenbereites Volk als grausamer Rächer ihrer Ehre hinter ihnen stehe, stets Neigung zur Flucht zeigten, legte man ein bleiernes Band um Hals und Oberarme, auf das man nach deffen Verlötung die Namen der Käufer einmeiselte. Auf diese Weise konnten die fliehenden Mädchen immer wieder zurückgebracht werden, denn auf der Flucht , fand sich so leicht und so schnell Niemand, der die Bleiringe, ohne die Trägerinnen gefährlich zu verwunden, durchzusägen vermochte. Den Jüdinnen war diese barbarische Prozedur erspart, man behandelte sie schon ihres Glaubens willen mit der äußersten Milde> meist führten sie in der Gefangenschaft das Leben von Dienstboten oder Verwalterinnen. Die Bujiden, die ihre Herkunft vom altpersischen Königshause ableiteten, bestanden aus drei Söhnen des Häuptlings Bujeh. Sie bemächtigt n sich im Jahre 934 unserer Zeitrechnung der Provinz Pars und begründeten hier eine selbständige Herrschaft. Der jüngste der Brüder Mizzed-daula nahm elf Jahre später von der Hauptstadt ■ Bagdad Besitz und ließ sich vom Kaliftn al-Kadir die weltliche Regierung ryit dem Titel eines Emir el-Omara übertragen. Zur Zeit unserer Erzählung hatten sie sich ganz Mesopotamiens und Persiens bemächtigt und in das Haus eines Nachkommen dieses Bujiden, des Beha ed-daula wurde Fatima als Dienerin verkauft. Beha führte einen glänzenden Hof, der durch die größten Gelehrten und Dichter des Morgenlandes wie Biruni und Firdusi geziert wurde. Fatima ward zunächst in der Küche verwendet und gar bald wurden ihre Künste auf diesem Gebiete hochgeschätzt. Ihr Vater hatte kurz vor der Katastrophe ein Werk unter dem Titel: „Neftsch ha-Thaam" geschrieben, in dem er die Seele, die dem Geichmacke aller Speisen innewohnen soll, beschrieb und erläuterte, dieses Buch kannte Fattma, die es viele Mal abschreiben mußte, beinahe auswendig und nach dessen Inhalt behandelte sie die Erträgnisse der Jagd und des Fischfangs, die frischen Südfrüchte und die Hülsenfrüchte und die duftenden arabischen Gewürze, die in die Küche geliefert wurden. Daß sie selbst von all diesen Kostbarkeiten nichts genoß, sich vielmehr mit einigen frischen Feigen, gerösten Datteln und etwas Johannisbrod begnügte, fiel nicht auf, denn nach der Sitte am Hofe erhielten die Sklaven niederen Ranges kein Fleisch und keine gekochten Speisen. WaS aber an ihr bewundert wuroe, das war ihre Kunst in der Bereitung von Wundsalben und wohlriechenden Wassern. Vor dem Palaste erdröhnten fünfmal wäyrend des Tages die großen Heerpauken. Nach dem fünften Schlage, drei Stunden vor Sonnenuntergang durfte die Dienerschaft das Schloß verlassen, um sich kurze Zeit in der Abendluft zu erholen. Diese Zeit benutzte Fatima um die Flora des Landes kennen zn lernen und um aus den gesammelten Kräutern allerhand Medikamente, deren Wirkungen ihr durch die hervorragenden Antzte Kordobas, die in ihrem elterlichen Hause verkehrten, bekannt waren, zu