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Der Israelit · 1908-10-08 · Heft 41 (8.10.1908) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 41 (8.10.1908)
Date
1908-10-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Der Israeli». 8. Oktober 190 \ «r. 41. «eite 10. _ Grund dieser weitgehenden Befugnisse begann l. Herr Schumuleanu seine Tätigkeit und zwar f- »ur bei den jüdischen Schankwirten, die er denn auch alle für schuldig erklärte und einfach die in ihren Kellern eingelagerten Weine auf die Straßen k au$taufen ließ. Dabei hat Herr Schumuleanu | die gesetzlichen Vorschriften nicht beachtet, indem P er von den entnommenen Weinproben den \ Betroffenen keinen unter Siegel gelegten Teil »urückließ und, ohne ein gerichtliches Urteil ab- % zuwarten eigenmächtig zur Exekution schritt. Ja, ff wie die Schankwirte behaupten, soll er sogar den \ Wein aus ganz anderen Fässern als jenen, aus % denen er die Proben entnommen hatte, ausgeschüttet f' haben. Die solcherart moralisch und materiell? geschädigten Wirte erhoben Klage beim Minister. •>" des Innern, Herr Schumuleanu klagte nun auf p dieses Memoire hin gegen die Schankwirte wegen | Verleumdung durch die Presse und zerrte 88 ff jüdische Kaufleute vor die Geschworenen, indem k er als Zivilpartei eine Entschädigung von nicht | weniger als 150 C00 Le forderte. Zum Termin h erschienen als Verteidiger oes Herrn Schumuleanu ff die Professoren Jorga Cuza und der ganze Stab r der antisem tischen Partei. Im Saale hatte der |v ganze antisemitische Anhang Platz genommen und f ' außerhalb des Saales übten auch Anhänger des l antisemitischen Chemikers ihren Terrorismus aus. ff: Es galt in dieser Weise einen Druck auf die | Geschworenen , die auch sonst vielleicht dem Ein- | sluffe des Antisemitismus unterlagen, auszuüben, t Der Prozeß wurde vertagt, weil einige der I Schankwirte nicht erschienen waren. Nunmehr liegen beim hiesigen Kaffationshof zwei Gesuche vor, um Verweisung des Prozesses an ein anderes Schwurgericht, das eine von den Schankwirten, das andere von Herrn Schumuleanu selbst. Seine Verteidiger, die Herren Cuza und Jorga, haben mittlerweile gegen sämtliche Jaffyer Richter den Vorworf der Bestechlichkeit erhoben, weil sie in einigen Prozessen gegen Juden nicht nach anttsemittschen Wunsche geurteilt haben. Man darf auf den Ausgang des charakteristischen Prozesses gespannt sein. tänglanb. London, 1. Oft. Die jüdische Gemeinde von Capetown in Südafrika veranstaltete vor Kurzem zw Gunsten ihrer Talmud-Thoraschule, deren Erweiterung geplant wird, einen zweitägigen Bazar. An der Eröffnung dieses jüdischen Wohttätigkeitsfeftes hat der Premier-Minister der Kolonie, Mr. Merriman teilgenommen und bei dieser Gelegenheit eine bemerkenswerte Rede gehalten. Der Minister führte aus, daß es ihm zur besonderen Freude gereiche, öffentlich erklären zu können, welch ein wertvolles, die Gesetze achtendes fleißiges Element die Juden in der Bevölkerung des Landes bllden, deren wohltuender Einfluß auf die übriae Bevölkerung sich angenehm fühlbar mache Besonderes Interesse habe es für ihn, zu sehen, daß die Juden hier eine Schule aufrecht erhalten, ' deren Zweck es ist, die Traditionen desjenigen Gesetzes ernstlich zu Pflegen, unter welchen sie zum Volke geworden. „Manche dieser Juden, führte er aus, sind aus einem Lande zu uns gekommen, in denen ganz andere Verhältnisse herrschen, als in Südafrika, sind hier brittsche Bürger geworden, mit allen Vorteilen, die ein britischer Bürger besitzt. Ihre Pflicht war es, sich dieser Privilegien würdig zu zeigen, gute Bürger zu werden, ohne aufzuhören, gute Juden zu sein. Es ist sehr interessant zu sehen, daß die Talmud- Thora, eine freiwillige Schule, von der ärmeren jüdischen Bevölkerung viel mehr unterstützt wird, als dies sonst bei freiwilligen Schulen der Fall zu sein pflegt. Welcher Natton man auch angehören mag, kann man nicht daran vergessen, daß wir den Juden den moralischen Sinn des westlichen Weltteils zu verdanken haben, der in seiner Grundlage auf das mosaische Gesetz basiert ist." Minister Merriman ermahnte die Juden schließlich an der Thora, welche sie seit Jahrtausenden Zusammenhalt, festzuhalten, dabei aber nicht ein Volk im Volke bleiben zu wollen, sondern an allen Bürgerrechten und auch Bürgerpflichten — so wie sie es bis'ier getan — Anteil zu nehmen. $}0vtn&al. Lissabon, 1. Okt. Große Ausschreitungen haben, wie 'das Berliner Tageblatt erfährt, portugiesische Antisemiten in Lissabon, während der Bestattung eines jüdischen Kaufmannes namens Paul Cagy begangen. Sie bewarfen den Leichenwagen auf dem Wege von der Synagoge nach dem israelitischen Friedhofe mit Steinen und schlugen auf die Leichenträger mit Stöcken ein. Der Sarg kam rm Gedränge zu Fall. Nur mit Mühe machte die Polizei dem Skandal ein Ende. Mehr als zwanzig Juden wurden verletzt, darunter neun schwer. Die ganze portugiesische Presse verurteilt den Vorgang auf das schärfste. Türkei. (Wiederholt, da nur in einem Teile der Auflage der letzten Nummer abgedruckt.) Konstantinopel, 1. Oft. (Privat-Telegramm des „Israelit".) Die Stellung des Kaimakam Chacham-Baschi Nahoum gilt als erschüttert. Es geht das Gerücht, daß Nahoum sowohl wie der gesamte Mischlisch gischmani demissionieren wolle. Ualästirrn. (Privattelegramm des „Israelit".) Jerusalem, 2. Okt. Der Alliancelehrer Abraham Almalech hat am Montag ganze Demonstrationszüge veranstaltet, an denen hauptsächlich Alliance-Schüler teilnahmen. Die Demonstranten stellten den neuen Gouverneur auf offener Straße und verlangten die Absetzung des Chacham-Baschi Panisel. Das unerhörte Vorgehen ist vom Gouverneur natürlich lebhaft mißbilligt worden. (Privattelegramm des „Israelit".) Ieru salem, 2. Oft. Eine heute stattgehabte stark besuchte Versammlung^ von Rabbinern protestierte gegen die beabsichtigte Entsendung einer an und für sich schon voreingenommenen Delegation aus Konstantinopel zur Leitung der Chacham- Baschi-Wahlen. Anrertkn. N e w - A o r k, 28. September. Der Verband der orthodoxen Gemeinden von Amerika und Kanada hat sich durch sein Sekretariat an die verschiedenen amerikanischen Behörden mit dem Ersuchen gewendet, den jüdischen Soldaten,, sowie den jüdischen Staatsbeamten die drei hohen Feiertage dienstfrei zu geben. Das Kriegsministerium antwortete, daß es dem Ersuchen stattgegeben und allen ihm unterstehenden Kommandanten telegraphisch die Weisung erteilt habe, dem Wunsche der orthodoxen Gemeinden Rechnung zu tragen. Besonderes Interesse verdient das Antwortschreiben der Newyorker Postdirektion. Indem die Direktton sich bereit erklärt, dem Wunsche der Petenten zu entsprechen, teilt sie gleichzeitig mit, daß sie die folgende Kundmachung veröffentlicht habe: „Mit Rücksicht auf die große Zahl von Glückwunsch-Karten und Briefen, welche aus Anlaß der jüdischen heiligen Fe i tage, die Heuer auf den 26. und 27. September und den 5. Oktober fallen, zur Ausgabe zu gelangen pflegen, wird an die Parteien das Ersuchen gestellt, die fraglichen Postsachen nach Tunlichkeit bis spätestens den 24. oder 25. September, beziehungsweise 3. Oktober aufzugeben. Viele unserer Beamten sind Juden und wünschen diese Tage zu feieru. Es wird nun gebeten, in der obenbezeichneten Weise hierzu beizutragen, damit der Wunsch der jüdischen Beamten erfüllt werden könne, ohne hierdurch eine Störung des Postbetriebes herbeizuführen. Edward M. Morgan m. p. Postmeister." llermirchtrr. Lahr, 2. Okt. Ein interessanter Beleidigungs- Prozeß spielte sich gestern vor dem hiesigen. Schöffengericht ab. Angeklagt war der Rentier Joseph Kaufmann aus Lahr wegen Beleidigung des Hauptmanns v. Denicke vom Jnf.-Regt. Nr. 169. Der Angeklagte hatte behauptet, der Hauptmamr habe einen Einjährigen Dreyfuß seines israelitischen Glaubens wegen bei seiner Beförderung übergangen. Die Anklage wurde aus Antrag des Regiments erhoben. Die Verteidigung des Angeklagten lag in den Händen des Rechtsanwalts Dr. Frank-Mannheim. In der Beweisaufnahme gab der als Zeuge einvernommene Oberst v. Randow auf Befragen oes Verteidigers zu, daß im Laufe des letzten Jahres eine kaiserliche Kabßnettsorder durch den Kriegsminister den Regimentern zur Kenntnis gebracht worden sei, in der bestimmt wird, daß bei militärischen Beförderungen keinerlei Unterschiede zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen gemacht werden dürfe. Er — der Oberst — fasse diese Kabinettsorder so auf, bist sich diese Order nicht nur auf die Beförderung von Katholiken und Protestanten, sondern .auch auf die Beförderung von Juden beziehe, und er fühle sich schwer beleidigt, wenn ihm jemand den Vorwurf mache, daß er einer Allerhöchsten Kabinettsorder zuwiderhandle. Das Urteil des Gerichts lautete auf., 50 Mark Geldstrafe. Der Prozeß ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil in ihm zum ersten Male authentisch die Existenz der Kaiserlichen Kabinettsorder betr. die gleichmäßige Berücksichtigung aller Konfessionen bei militärischen Beförderungen sestgestellt worden ist. Kiel, 1. Oktober. Die Synagoge in der Haßstcaße ist von der Baupolizei gesperrt worden, weil daS Gebäude baufällig ist. Die jüdische Gemeinde hält ihren Gottesdienst jetzt in einem Saale des HauseS der Landwirte ab. Unterhandlungen wegen Ankauf eines neuen Grundstücksfür die Zwecke einer neuen Synagoge find etngeleitet. Zweibrücker», 2. Okt. Der Streit in der israelitischen Gemeinde dahier scheint aufs neue entbrannt zu. sein. Am Rosch-Haschonoh fanden der Rabbiner und seine Anhänger, al» sie in die Synagoge wollten, verschlossene Türen. Dieser ließ die Synagogdurch einen Schlaffer gewaltsam öffnen, wobei fich stürmische Szenen absptelten. Die Lokalzeitungen berichten alle über diesen Vorfall. Wer diesen 2VN Sl^PI heraufbeschworen, hat eine große Rerantwortung auf fich geladen. Münde« a. d. Weser, 3. Okt. Am ersten Tag Rosch-Haschonoh brannte in Amelunxen, Kreis Höxter, das Haus ab, in dem fich der Betsaal der kleinen Gemeinde befand. Herr Kaufmann Albert Rosenberg konnte nur zwei Seforim retten. Als er im , Begriffe war, auch die dritte vorhandene Sefer Thora herauSz holen, stürzte das Haus zusammen. Und was noch darin war, wurde ein Raub der Flammen. Herr Rosenberg stellte alsdann seine Wohnung zur Abhaltung des Gottesdienstes zur Verfügung. Insterburg, 26. September. Durch die beschränkten Raumverhältnisse der hiesigen Synagoge, die den Anforderungen der jüdischen Gemeinde nicht mehr entsprechen, war ein Um- und Erweiterungsbau notwendig geworden, der in diesem Frühjahr begonnen und jetzt vollendet worden »ft. Die Baukosten betragen 21,500 Mk. Luxemburg, 29. Sept. Gestern weihte die jüdische Gemeinde zu Bad Mondorf in feierlicher Weise ihre neuerbaute Synagoge ein. Lemberg, 29. September. Im jüdischen Theater in Lemberg hat am Sonntag abend ein Brand das Garderobemagazin vollständig vernichtet; sämtliche Kulissen und Kostüme sind ein Raub der Flammen geworden. Petersburg, 29. September. Der bekannte antisemitische Agitator Kruschcwan macht in seinem Blatt „Drug" bekannt, daß er von nun ab keine Berichte über die Reichsduma mebr bringen werde, da er diese Institution nicht anerkenne. — Demnach ist die dritte Duma oock noch besser als ihr Ruf! London, 1. Oktober. Die Zeitungen berichten von einem merkwürdigen Fall, der zeigt, daß auch unter der Uniform eines strammen Hüters des Gesetzes ein menschliches Herz warm schlagen kann. Stand da ein armer bleicher russischer Jude ans der Straße' und bettelte. In seiner schüchternen Unbeholfenheit wird er aber bald von einem Polizisten festgenomm?n und vor den Richter gebracht. Der arme Jude erhält eine Geldstrafe, die er natürlich nicht entrichten kann und wird durch den Polizisten wieder heimtranstzortiert. Da sieht sich der Beamte in der armen, aber sauberen Dachstube um. Die Frau lag lungenkrank zu Bett. Die hungrigen Kinder, die den Vater mit Brod erwarteten, weinten nun, durch die Anwesenheit des Polizisten geängstigt, bitterlich. Da schmolz auch dem steifen kalten Beamten das Herz. Sr ging fort und kam bald tvieder, beladen mit Brod, Milch.

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