Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1908)
- Date
- 1908-10-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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8. Oktober 1908. __ haben. Und dieses Erfreuliche ist, daß es an der.. Hand dieser sonst bejammernswerten Erscheinung dock nicht allzuschwer zu beweisen ist, daß die von den Herren Neologen so eifrig bestrittene Behauptung von zweierlei „Judentümern" doch mehr als ein bloßes Hirngespinnst sein muß! Da auf einer Seite die zum Schutz oer Sabbatruhe als der ewigen Grundlage des Judentums mit Aufbietung aller Energie kämpfende Schar der Gesetzestreuen, und auf der anderen Seite der lärmende Troß der der Sabbatinstitution feindlich gesinnten neologen Hochfinanz und Großkaufmannswelt, die der schon von der elementarsten Humanität gebotenen Rücksicht auf ihre gesetzestreuen Brüder derb ins Gesicht schlagen! — : s w mm« Budapest, 3. Okt. Im vergangenen Winter hatte bekanntlich der hoch mögende Sekretär der neologen Landeskanzlei eine perfide Preßkampagne gegen die autonome Organisation der Orthodoxie in Ungarn eröffnet. Das offizielle neologe Wochenblatt allein genügte dem Herrn Dr. Franz Mezei nicht, sondern auch die ihm zugängliche ungarische Tagespreffe, namentlich aber das Blatt eines getauften Juden „Magyar Szo" wurden als Werkzeug verwendet, um über die heimatliche Orthodoxie, und deren Organisation und Institutionen allerlei Jnsinilmionen auszustreuen. Der bescheidene Herr wünschte nichts geringeres, als eine einfache Kassierung der orthodoxen Organisation, des Oessentlichkeitsrechtes der Preßburqer Jeschibah und ähnlickws mehr. Schon damals behauptete ein jüdisch-konsessionelles Wochenblatt, daß dieser ganze Sturm- Lauf des Herrn Franz Mezei we.iiger die Erstürmung der autonomen Organisation der Orthodoxen, als vielmehr die der — Präsidentenstelle in der neologen Landeskanzlei zum Ziele habe. Es verdri/ße nämlich den hochmöqenden Sekretär der neologen Landeskanzlei, daß der ueologe Landespräses wohl Mezei heiße, nicht «her Franz, sondern — Maurus! Diese Mutmaßung hat nunmehr durch eine Mitteilung in der letzten Nummer des Herrn Mezei nahestehenden neologen Wochenblatts bas bündigste Zeugniß erhalten. Jenes Blatt hat cs nämlich für gut gefunden, in seiner Doppelnummer zum Rosch-haschonoh das neologe Lager mit einer sensationellen Enthüllung und einem sensationellen Angriff auf den neologen Landespräses Maurus Mezei als Neusahrsgeschenk zu überraschen. Wie erinnerlich, hat Kultusminister Graf Apponyi zufolge der neologen Wühlereien am 16. Januar d. I. an beide Landeskanzleien eine Zuschrift gerichtet, worin er dieselben aüffordert, ihm schleunigst «ine Unterbreitung darüber zu machen, auf welche Weise ein jüdischer Kongreß behufs Schaffung „dereinheitlichen Organisation der jüdischen Konfession" einzuberufen wäre. Hierauf antwortete die orthodoxe Zentralkanzlei bereits am dritten Tage, daß die Orthodoxie in eine einheitliche Organisation nicht einwiüigen könne und -einen eventuellen Kongreß gar nicht beschicken würde. Die neologe Kanzler aber hat erst etwa B Monate nachher die neologen Distriktspräsidenten zwecks einer gemeinschastlichen Beratung über die dem Minister vorzulegende Antwort rinberufen, die damals auch fixiert wurde. Nun enthüllt das neologe Wochenblatt die Mitteilung, daß die Antwort der neologen Kanzlei an den Minister auch jetzt noch nicht abgegangen ist! Da wird nun der neologe Kanzleipräses wie ein Schulknabe abgekanzelt, es wird ihm vorgeworsen — und das scheint der wohlbedachte und vielsagende Kernpunkt des Angriffes zu sein —, daß nicht bloß er selbst in lässigster Untätigkeit verharrt, sondern daß er auch seinen „hochbefähigten Unterführer" an jeglicher Tätigkeit verhindert! So bläst nun der mit dem Herrn Sekretär Franz Mezei allierte Redakteur in die Lärmtrompete; man merkt die Absicht und — lacht! Der JSraeltr. Budapest, 6. Oktober. Ueber ein schreckliches Unglück in der Synagoge zu Marmaros- Sziget wird heute berichtet. Sonntag abends waren in der orthodoxen Synagoge 3000 Personen zum '"na - Gottesdienst versammelt. Plötzlich entstand ein falscher Feuerlärm. Die Anwesenden wollten durch eine eineinhalb Meter breite Türe ins Freie flüchten. Hiebei wurden Vier Knaben tot gedrückt und 16 Personen mehr oder minder schwer verletzt. Die Bestürzung, die diese Kunde im ganzen Lande verursacht, ist unbeschreiblich. * * * Weitere Blättermeldungen über den Unglücksfall in Marmaros-Sziget lauten: Sonntags abends hat sich in der hiesigen orthodoxen Synagoge ein schweres Unglück ereignet. Um 6 Uhr war das Gotteshaus mit Andächtigen gefüllt, die sich, zum Vorabend des Versöhnungsfestes versammelt hatten: Plötzlich schrie jemand von der Straße, in ine Synagoge hinein: Feuer! Der Tempel brennt! Darüber entstand in dem andächtigem Publikum eine furchtbare Panik. Unter schrecklichem Geschrei und Gejammer drängte alles zu dem Ausgange und in dem Gedränge wurden viele Frauen und Kinder niedergetreten. Die Panik legte sich erst, als man erfuhr, das es sich um einen bösen Bubenstreich handelte. Allein die Schreckensszene hatte Opfer gekostet. Dem Unglücksfalle sind 5 Personen zum Opfer gefallen. Dieselben sind junge Leute im Alter von 20 bis 32 Jahren, die in de n riesigen Gedränge teils zerdrückt, teis zerteten. wurden. Eine Frau sprang von der Galerie hinunter und zog sich schwere Verletzungen zu. _ Nutzt and. Peters bürg, 1. Okt. In diesen Tagen, da die Bolksphantasie durch oie grausigen Erlebniffe ohnehin besonders üb rhitzt ist, treibt die schwarze Presse mit Rücksicht auf die aktuellen Vorgänge eine sehr gefährliche Agitation. Die „Pattioten" haben es nämlich herausgefunden, daß die Cholera überhaupt von den Juden und Intellektuellen herrühre. „Wie dürfe es gescheheu, k agt die „Rußkoje S amja", daß Juden, die schon 'dem Wesen ihrer religiösen Lehren nach unmöglich wissenschaftliche Sanitätsärzte sein können, als solche zur Verwendung kommen? Mau habe ihrerseits rm Laufe der der Jahre so viele Gemeinheiten und Verbrechen gesehen, daß man, auf den Gedanken komme, ob nicht auch die Cholera von ihnen verursacht ist. Das Volk stirbt. Es sollte etwas geschehen. Und was zu tun sei, das weiß jedes Kind. Weshalb wird es nicht es nicht vollbracht?" Und die Leser der „Rußkoje Snamja" verstehen sehr wohl diese Sprache. Durch eine ständige Schule eifriger Hetzpropaganda hindurch, die oft genug die Winke fallen läßt und zu richtigen Progromaufforderungen übergeht, haben es die patriotischen Massen gelernt, sofort zu begreifen, wenn von Tun und Vollbringen die Rede ist. Die Jünger des echtrussifchen Verbandes wissen es ohne weiteres, daß darunter die gewaltsame Abschaffung der Verfassung urd die Ausrottung der Juden gemeint sei. Denn dieser Leitsatz wir bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit den Verbandsmassen eingetrichtert. Uebrigens zeitigt die Hetze der schwarzen Hundertschaften auch bereits ihre giftigsten Früchte. Schon werden Krankenwärter, Äerzte und Hilfspersonal hier und da vom Pöbel angegriffen, und die dunklen Gerüchte) daß die Juden und Studenten absichtlich das Wasser verseuchen, verbreiten sich immer mehr und erschweren die Bekämpfung der Epidemie. Petersburg, 20. Sept. Zur Frage der Einbringung eines Gesetzesprojektes über die Gleichberechtigung der Juden in die Reichsduma hat „Der Fraind" unter seinen Lesern eine Enquete veranstaltet. Von den 82 beim „Fraind" eingelaufenen motivierten Antwortsschreiben, die übrigens in ihrer großen Mehrzahl charakteristi- __Seite 9. Ro, 41 scherweise von den Vertretern der breiteren jüdischen Bokksmaffen herstammen, haben sich 18 gegen die Einbringung eines solchen Projekteausgesprochen, während die anderen dafür waren. Von den Vertretern der jüdffchen Intelligenz äußerten sich 17 dagegen, 19 dafür. Von den jüdischen Reichsdumadeputterten ist einer dafür, einer dagegen. Interessieren dürfte es, daß von den Vertretern der Petersburger Juden nur Niffellowitsch und Dubnow gegen die Einbringung des Projektes sind, während namentlich die Vertreter der Provinz dafür sind. — Der Fraind schließt seine Betrachtungen mit der Folgerung, diese Enquete habe aufs deutlichste bewiesen, daß die Mehrheit der russischen Juden für die Einbringung eines Gesetzesentwurfes über die Gleichberechtigung der Juden in die Reichsduma sei. Petersburg. 25. Sept. Am 19. September hat der Senat in seiner Sitzung über ein Kaffationsg such verhandelt, das von einer Reihe von echtruffischen Leuten eingereicht worden war, die vom Bezirksgericht in Grodno wegen Teilnahme an dem Bialystoker Pogrom zu verschiedenen Strafen verurteilt wurden. Der Senat hat bemerkenswerterweise das Kaffationsgesuch zurückgewiesen, und die Herren Verbändler werden nun im Gegensatz zu ihren glücklicheren Berbandsgenoffen ihre Strafen abfitzen müssen, falls sie nicht etwa die kaiserliche Gnade noch zur rechten Zeit erreicht. — Die jüdischen Ackerbau-Kolonisten im Gouvernement Jekaterinoslaw hatten bei der Gouvernements-Regierung ein Gesuch eingereicht, daß man ihnen auf Grund des kaiserlichen Atzanifestes vom 11. August 1904 die restierenden ^Steuern erlassen möge. Die Regierung hat aber das Gesuch abgelehnt mit der Begründung, daß den Kolonisten, obwohl sie Ackerbaus sind, die Vergünstigung des kaiserlichen Manifestes, die sonst allen Ackerbauern zukommt, nicht gewährt werden könne, da sie Fremdnationale sind. Kiew, 1. Oktober. Im Monat Oktober findet in Kiew der Prozeß gegen den Sohn des bekannten jüdischen Millionärs Brodsky statt, der sich wegen Tötung eines Hooligans während des Kiewer Pogroms vor Gericht zu verantworten hat. Der junge Brodsky, der gerade beim Militär diente, wurde nach Erhebung der Anklage sofort auf der Hauptwache inhaftiert. Ein Gesuch, das er beim Kiewer Bezirksgericht um vorläufige Freilassung gegen hohe Kaution cinreichte, wurde vom Gericht abgelehnt. Es ist charakteristisch, wie fein die Gerichte zwischen den „echtrussischen" Pogromhelden und einem Juden, der in Notwehr gegen gemeine Raubmörder handelt, zu unterscheiden wissen. Interessant wird es sein, ob auch das Urteil diese feine Differenzierung erkennen lassen wird. Die Pogromleute, die bekanntlich das Blut nicht eines, sondern hunderter Unschuldiger vergossen, und in bestialischer Weise gewütet haben, sind nun fast durchweg mit geringen Strafen davongekommen und zum großen Teil sogar begnadigt worden. Welche Strafe hat nun der junge Mann, der mit der Waffe sich und die Seinen verteidigte, zu gewärtigen? Rumänien. Bukarest, 20. September. „Vor einigen Monaten ist vom Jassyer Schwurgericht ein Prozeß verhandelt worden, der großes Aufseben gemacht und den dortigen Antisemiten oder Nationalliberalen, wie sie sich hierzulande nennen, Anlaß gegeben hat, ihren Terrorismus zu entfallten. Der Tatbestand des Prozesses ist folgender: Die Stadt Jassy besitzt ein chemisches Institut, dessen Direktor Herr Schumuleanu, der gleichzeitig Mitglied des Exekutivkomitees der antisemitischen Partei ist, vom Ministerium des Innern den Auftraa erhielt, auf das Genauste die in Jassy zum Verkauf angebotenen Nahrungsmittel und Getränke zu analysieren und angeblich zu diesem Zweck mit außerordentlichen, den Gesetzen widerprechenden Vollmachten ausgestattet werde. Auf.