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Der Israelit · 1908-10-01 · Heft 40 (1.10.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 40 (1.10.1908)
Date
1908-10-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Nr. 40. Der Israelit. 1. Oktober 1808. derung der Sabbatheiligung an allen größeren Orten der Schweiz ernannt worden. — Sämtliche Mitglieder sind aus die Zeitschrift „Der Sabbath" abonniert worden. Ferner wurde auf Vereinskosten „Der jüdische Sabbath" (v. S. R. Hirsch) allen Mitgliedern gespendet. — Es wurde für die Gründung ritueller Speisehäuser Sorge getragen und es wurden Gutachten über das Schächten bei den bedeutendsten Physiolozie- und Anatonneprofessören der Schweiz eingeholt. — Es sind gute Schriften erworben worden, die Interessenten geliehen werden. In Vorbereitung stehen verschiedene schöne Werke, wie Ferienversorgung, Einrichtung und Förderung von niMpö und — was wohl das bedeutsamste sein wird — eine Volksküche in Zürich. Vieles hat das alte Jahr vorbereitet, was das neue erst bringen soll; vieles hat das alte Jahr ausgestreut, gesäet, gepflanzt, was im nächsten zur Reise, zur Vollendung erst gedeihen und geerntet werden wird. Was das äußere Leben uns bringen wird, ob Freud oder Weh, das soll das Herz uns nicht beschweren und den Mut uns nicht lähmen, 'nb nnnDJn Aber in unserer Gewalt steht es, wie. wir das Leben uns gestalten -wollen: Ob wir uns damit trösten, daß das arme Judenkind in Lugano auch in Lugano begraben werden soll, oder ob wir unseren Obolus dazusteuern, es nach einer Stadt transportieren zu lassen, wo Juden wohnen und so auch den Eltern den Frieden geben; ob wir denken, in der Schweiz ist nun mal btenöTUP verboten und was die andern Länder anbetrisft, so kümmern wir uns nicht darum, oder ob wir uns aufrütteln, der Wahrheit zu ihrem Rechte .zu verhelfen; ob wir den losen Spottreden dieses und jenes Klüglers Wert beimessen und ohnmächtig und willenlos eine Beute des Tags, ein Raub des Augenblicks werden, oder ob wir den heiligen Beruf, Jude zu sein uns zum Bewußtsein kommen lassen und ehrlich und ernst das Leben nach seinem höheren Werte fassen und nützen. Manches ist geschehen, viel bleibt zu tun übrig. Wenn wir alle von einem höheren Wollen beseelt sind, so kann es nicht fehlen, daß wir unsere Ziele erreichen und das Gesetz und seine ewige Verpflichtung zu ihm das ewig unverlierbare Band der Einigung aller Juden bildet. Dann werden die kommenden Jahre uns wahrhaft sein: o’iSpV» Rußland. Odessa, 15. September. Die Odessaer jüdische Hofgesellschaft für arme und kranke Juden „Esrath Cholim" veröffentlicht in den Odeffaer Zeitungen einen Brief, deffen Inhalt von rem wahrhaft erschreckenden Elend eines großen Teiles der Odeffaer Juden berichtet. Nach einer genauen von der Gesellschaft geführten Stattstik leben gegenwärttg ungefähr 50 000 Juden, d. h. ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung von Odessa in großer Armut und Not. Die allermeisten von diesen 50000 haben überhaupt keinen ständigen Verdienst und sind also darauf angewiesen, von der Hand in den Mund zu leben. Aber sogar diejenigen, die ziemlich regelmäßige Einnahmen haben, verdienen so blutwenig, daß sie kaum das trockene Brot aus ihrem Verdienste erwerben können. So verdienen z. B. die Obstverkäufer größtenteils 30, 20, ja viele sogar nur 10 Kopeken täglich Eine andere Kategorie aber verdient höchstens 30 bis 50 Kopeken täglich, wovon sie noch zumeist 10 — 15 Kopeken pro Tag an Abgaben bezahlen müssen. Die Wohnugen, in denen diese Aermsten der Armen Hausen, sind feuchte, stnstere und kalte Löcher, und oft wohnen noch drei bis vier Familien in einem einzigen dieser sogenannten Zimmer! Bei diesen hygienischen Verhältnissen nimmt es natürlich nicht Wunder, daß die Leute an allen möglichen ansteckenden Krankheiten leiden, und daß Diphterie und Scharlach, Typhus und Schwindsucht bei ihnen ständige Gäfte sind Namentlich die Tuberkolose wütet furchtbar unter diesen armen Juden. Die Geselschaft wendet sich deshalb an die gesamte jüdische Bevölkerung von Odessa mit der dringenden Bitte, ihr Mittel zuzuwenden, damit sie diesem unsagbaren Elend einigermaßen steuern könne. Kiew, 20. September. Die Nolle, die die russische .Geistlichkeit bei der Verfolgung der russischen Juden spielt, beleuchtete der kürzlich in Kiew stattgehabte Mifsionskonkreß der orthodoxen (prawoslawny) Geistlichen. In der vierten Sitzung wurde ein Referat über das Judentum gehalten. In seinem Bortrage beharrte der Referent darauf, daß das Judentum die Basis aller rationalistischen Sekten sei; und zum Beweise dafür bezog er sich auf die Sekten der Jekoristen, der Subbotniky (die den Sabbat feiern), der Adventisten usw. In derselben Sitzung beantragten der Vorsitzende Antonius und der Wolynier und Zytomirer Erzbischhof, den Synod zu bitten, eine neue Bibelübersetzung in russischer Sprache, aber nicht aus dem hebräischen, sondern aus dem griechischen Texte zu veranstalten. Solange die Erzmutter aller Sekten — das Judentum — bestehen wird, erklärte in einer langen Rede der Geistliche Kulinsky, solange werden auch überall alle übrigen Sekten existieren. Es ist notwendig, alle Juden zum Christentum zu bekehren, ohne dieses wird man die Sekten nicht vernichten können. Nur ein Redner, der Odeffaer Pope Kaljenew trat dem geistlichen Judenfeind scharf entgegen und wies auf die Absurdität hin, das Judentum, dem alle Religionen ihren Kernpunkt die Gottesidee zu verdanken haben, als Sekte zu zu denunzieren. Wilna, 25. September. Die Cholera wütet in ganz Rußland. Während nun die volksverdummenden, antisemitischen Blätter die Herzlosigkeit besitzen, auch diesen traurigen Anlaß zur Hetze gegen die Juden zu benützen, treffen die jüdischen Wolsahrtsinstitute in den jüdischen Städten die nötigen Anstalten, der Gefahr Herr zu werden. So' har der Wilnaer Verein „Mischmeres Chaulim" unter Heranziehung der jüdischen Aerzte eine Beratung abgehalten, in welcher die folgenden wichtigen Beschlüsse gefaßt wurden: Herausgabe populär gehaltener Flugschriften zur Belehrung der jüdischen Volksmassen bei Eintritt der Choleragefahr. Ausbildung von jüdischen Krankenwärtern mit spezieller Berücksichtigung der Cholerakrankheiten. Aufforderung an die administrative Behörde behufs sofortiger Vornahme allgemeiner Maßnahmen zur Verhütung der Krankheitsverschleppung. Aufforderung an dieselbe Behörde, eine spezielle Cholera- Baracke für Juden zu errichten, in welcher die Kranken rituell verköstigt werden sollen. Ungarn. B u d a p e st, 25. Sept. Am verflossen en Stefanstage (20 Sept.) haben in der Hauptstadt Ungarns große katholische Prozessionen, und auch stürmische sozialistische Demonstrationen stattgefunden. Leider arteten letztere in Tätlichkeiten aus, so daß die Polizei Ordnung schaffen mußte, wobei dieselbe nicht gerade mit Glacehandschuhen angefaßt haben soll. Leider befanden sich unter den verhafteten Demonstranten auch einige halbreife jüdische Jünglinge, was aber noch bedauerlicher, stehen an der Spitze der, diese Katholikenhetze veranstalteten Sozialisten auch einige Demagogen jüdischen Namens, denn daß diese Herren nur noch dem Namen nach dem Judentum angehören, und zum Teil sogar getauft oder konfessionslos sind, die sämtlich aber den Heiligtümern ihres Stammes gegenüber eben so feindlich gesinnt sind, wie z. B. der katholischen Kirche gegenüber — ist eine allbekannte Tatsache. Doch nehmen bedauerlicherweise hieraus gewisse antisemittsche Blätter Anlaß, die ganze Demonstration den Juden in die Schuhe schieben zu wollen, die doch in ihrer überwiegenden Mehrheit eben so wenig Gemeinschaft mit den demagogischen Umtrieben einiger den Tradittonen ihres Stammes völlig fremd gewordenen Hitzköpfe haben, wie z. B. die an der Prozession beteiligten Laien und Geistlichen mit den sie mit gröbsten Insulten umbrausenden der katholischen und protestantischen Religionangehörenden sozialistischen Arbeitern. Selbst das potittsche Blatt „Nemzeti Allam" (Nationaler Staat) dessen Chefredakteur, der Reichtagsabgeordnete Julius Hody ist, welcher der Judenheit gegenüber gewiß nicht feindlich gesinnt ist, — war er es doch, der eine Deputation der sabbarhaltenden jüdischen Kaufleute in Angelegenheit der neuen Regelung der Sonntagsruhe zum Hanbelsminifter Franz Kossuth geführt und für ihr Ansuchen pläidirt hat, — selbü dieses Blatt sieht sich infolge erwähnter Demonstration veranlaßt, an die Judenheit Ungarns die Frage zu richten, ob dieselbe sich mit den internationalen .Sozialisten identtsizirt etc. Eine Stelle dieses Artikels verdient auch einem größeren jüdischen Publikum mitgeteilt zu werden. „Die ungarische Geschichte hat der Nachkommenschaft die unbestreitbare Wahrheit hinterlassen, daß der ungarische Jude für sein ungarisches Vaterland auf dem Schlachtfelde heldenmütig zu kämpfen und, wenn es sein muß, auch zu sterben weiß." Was aber die Fragestellung anbelangt, so ist es mehr als selbstverständlich, daß die Judenheit mit den Herren Jakob Wellner und Konsorten keine Art-von Gemeinschaft hat. eine Gemeindetrennung. (Bon unserem Korrespondenten.) Neutra, 20. Sept. Die zu den angesehensten Gemeinden des Landes zählende jüdische Gemeinde in Neutra könnte ein Schulbeispiel für die Unhaltbarkeit einer gewaltsamen Verbindung gegensätzlicher religiöser Elemente liefern. In Neutra bestanden vor etwa 20 Jahren zwei unabhängige Gemeinden, die Muttergemeinde, die die orthodoxen Organisationsstatuten und damit die uneingeschränkte Verpflichtungskraft des Schulchan-Aruch akzeptierte, und eine neologe Fraktion, die aus der Hauptgemeiude ausschied und eine besondere Gemeinde auf Basis der Kongreßstatuten bildete. Da sich aber die Trag- und Leistungsfähigkeit der neugegründeten neologen Gemeinde als sehr schwach erwies, besannen sich die Herren Neologen in. Neutra bald eines Besseren, die Kriegstrompete wurde beiseite gelegt und man blies in die Friedensschalmei. Die Neologen ergaben sich der orthodoxen Gemeinde auf Gnade und Ungnade und die Gemeindeeinheit war dem äußeren Scheine nach wieder hergestellt. Mit dieser Bereinigung war aber auch schon der Keim zu neuem Streit und Hader gegeben. Denn die zur orthodoxen Muttergemeinde zurückgekehrten neologen Herren, die sonst im bürgerlichen Leben meistens eine angesehene Position einnahmen, konnten doch ihre Niederlage nicht verschmerzen und dachten daran, die Gesamtgemeinde in ihre Gewalt zu bringen. Mit Hilfe ihrer sozialen Stellung und ihres bürgerlichen Ansehens hofften sie, das Heft in ihre Hand zu bekommen, . dann wollten sie schon die „spröden" Orthodoxen zur „Vernunft" bringen. Und nun begann ein bald offenes, bald verstecktes Ringen um die Oberhoheit in der Gemeinde zwischen den wieder in Einem Gemeindeverband sich befindenden gegensätzlichen Elementen. Jahrzehnte hindurch währte dieser Ringkämpf um die Herrschaft in der Gemeindestube,' und gar oft war es den neologen Herren gelungen^ sich in den Sattel zu setzen. Sie wollten sich in solchen Fällen keineswegs mit dem bloßen Titel abspeisen lassen, sondern bestrebten sich vielmehr, ihre Herrschaft mit den entsprechenden Taten zu krönen. Bald wollten sie der- Gemeinde einen Kongreß- Rabbiner als Oberrabbiner aufzwingen bald wieder einen neologen Prediger anstellen, bald wieder leisteten sie der neologen Landeskanzlei in Pest Auskunfts-Dienste über das orthodoxe Lager usw. Und die Orthodoxen in Neutra hatten dann mit vollen Händen zu tun, um die geheimen und offenen Angriffe der zur Macht gelangten Neologen zu parieren. Doch hatten sich in letzteren Zeiten die Orthodoren in Neutra

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