Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1. Oktober 19Ö8. Der JSraettt. Nr. 40. Seite 5 und gelöst. Immer kühneren Flug entfaltet sein Geist, wer vermag zu folgen? Dazwischen leuchten — farbenprächtig — duftende Blüten, am Baume der Agada, im Garten des Midrasch gepflückt. Die Zuhörer haben gerade genug zu tun, den leitenden Faden nicht zu verlieren. Der Rabbi bringt aber auch „kräftigen ^Oiv", und wo es gilt Gebrechen der Zeit .zu geißeln, da reißt es den Redner förmlich hin. Seine innere Ergriffenheit äußert sich in lebhaften Gestikulationen. Zuweilen entringt sich der bewegten Brust ein schmerzlicher Seufzer, der auf die Anwesenden seines Eindrucks nicht verfehlt. Schon isi eine Stunde dahin, die Hörer merken es kaum. Die nuni geht zu Ende. Sie war belehrend und erbauend zugleich. Noch lange spricht man von ihr, denkt über sie nach. Die heilige Ehrfurcht vor dem Rabbi aber erfährt mit einer jeden solchen „Derascha" noch eine beträchtliche Steigerung. Wie gesagt, die Derascha ist weit mehr als eine Predigt. Sie sucht nicht durch glänzende Rhetorik zu ersetzen, was an innerem Gehalt abgeht. Sie ist tiefgeistig an Inhalt, dabei gemütanregend und veredelnd. Sie kann mit Recht verzichten auf brillierende Form und bombastische Redewendungen. Ihr innerster Kern und Wert bleibt der 12112, die Zurechtweisung der großen Oesfentlichkeit, die v^'v? nrtsin. Mit dem Schabbos ranpn kommt uns alljährlich der Kontrast zwischen Predigt und mehr als sonst zum Bewußtsein. Schmerzerfüllt muß ein Kenner der Verhältnisie in dieser Hinsicht den Gegensatz zwischen „Ost und West" wahrnehmen. Warum ist eine Ermahnung zur echten n«T bei uns nur so selten und nur in so schwacher Art zu finden? Mannigfach sind die Gründe, welche da mitsprechen. Suchen wir uns zunächst die Frage zu beantworten: Welches ist das Wesen und der Sinn der nnnn, der Zurechtweisung? Die Pflicht der Zurechtweisung zählt zu den ausdrücklichen Geboten der Gotteslehre, kann also von niemandem bestritten werden. n2in„ "jrvop ntf irznn, Zurechtweisen, zurechtweisen sollst dn deinen Nächsten, daßDunicht feinethalben Sünde trägst." (3. B. M. Kap. 19) Hiermit ist zugleich der Satz proklamiert, nt*? nt Q'any *72, Ganz Israel ist gegenseitig solidarisch haftbar." Wir unterschreiben durchaus nicht den mißbräuchlich als höchste Toleranz proklamierten Satz: „Jeder muß seine eigene Haut zu Markte tragen." Die jüdische Lehre bekämpft solche Anschauung als eine falsche ja verhängnisvolle. Wohin müßte es auch konsequenterweise führen, wollte man diese Redensart wirklich ernst nehmen? Könnte ein Vater, eine Mutter je ein Wort der Belehrung und Mahnung an das Kind richten? Wäre ein Erziehungswerk überhaupt denkbar? Müßte man nicht, wie jener französische Philosoph seinen Zögling, sich selbst überlassen, frei in der Wildnis aufwachsen lassen? Nein, bei uns hat jeder nicht nur „seine eigne Haut" zu Markte zu tragen! in*>3 "§3X2 mntt^ VT2 irsru »rrp 'vwa rps bv nrra x^i bz bv trsna ,1^2 cSirn S22 /rvr 'inx bp 1^2 D^irn „Wer die Macht besitzt, seinen Hausleuten zu wehren, es aber unterläßt, der wird für deren Sünden zur Rechenschaft gezogen,- wer den Leuten seiner Stadt wehren könnte und tut es nicht, der wird für deren Vergehen büßen müssen. Wer die Kraft hat, der großen Welt mahnend und bessernd Lntgegenzutreten und diese Pflicht verabsäumt, der trägt die Verantwortung für die Verfehlungen aller." Es ist somit heilige Pflicht für jedermann, nicht etwa nur für den Lehrer der Religion, zu mahnen und zu belehren, wo nur immer möglich. Aus jeder Zurechtweisung klingt die Bruderliebe, das Bewußtsein der Verantwortlichkeit dem Abgeirrten gegenüber, die süße Hoffnung, den Fehlgegangenen feinem Gotte und seinem.Heile wieder zuzufüh- - ren. Liebe, nichts als innige und wahre Nächstenliebe ist die Quelle aller Mahnung und Zurechtweisung) Liebe, nichts als innige und wahre Menschenliebe heißt uns'Mitarbeiten und mitforgen für das Heil des Bruders, der Schwester. Die Nächstenliebe kann keine schönere Blüten treiben, als die der Führung anderer auf den Weg des Edlen und Guten. Das lehrt uns der heuttge Sabbath. Warum aber macht man so selten von diesem Mittel Gebrauch? Wir sahen soeben, daß die Pflicht der Zurechtweisung nicht nur eine heilige, sondern auch eine schwere ist. Jeder Mensch pflegt sich für sein Tun und Lassen „recht zu geben." Mit tausenderlei Gründen ist man bei der Hand, sein Verhalten zu entschuldigen. Der Mahner ist vielen unbequem, man betrachtet seinen Rat als Belästigung, als Eingriff in die freie Willensbestimmung des Menschen, als Anmaßung und Arroganz. Es gehört ein gewisser Mut dazu, auf Fehler hinzuweisen und sie mit rechtem Namen zu benennen. Hat man nicht die Propheten, welche die Wahrheit verkündeten, verjagt, Versionen, ja getötet? Sie ertrugen die größten Leiden wegen der nnDin, der Zurechtweisung. Ein Elijohu mußte sich drei Jahre dieserhalb vor dem pflichtvergessenen Achab verbergen. Jirmiahu, den greisen Gottesmann, warf man in den Kerker, in eine Schlammgrube. Selbst die nichtjüdischen Feinde hatten mehr Hochachtung vor Idem ehrwürdigen Greise als seine Volksgenossen. Secharja brachten ruchlose Hände gar ums Leben, weil sein Mund die Wahrheit kündete. So ist es kaum zu verwundern, wenn mancher mutlos die Hand läßt von einer höchst undankbaren Arbeit. Und doch, ja gerade deshalb drückt die min diese Pflicht in verschärfter Form aus: 111 renn min, zurechtweisen und zurechtweisen sollst du deinen Bruder, versuche es wiederholt, wenn es nicht sogleich hilft. Das wäre in der Tat ein schlechter Arzt, der es bei einem einzigen Heilversuch bewenden ließ, dessen Kunst sich in einem einzigen Rezept erschöpfte, der gewissenlos die Hände in den Schoß legen und den Kranken seinem Schicksal überlassen würde. Darum gehört Mut und Gottvertrauen zur Hebung dieser Pflicht. Im Talmud wird die Frage aufgeworfen: „Warum wurde Jerusalem zerstört?" Und es antwortet der eine: ritt i^nttf *7'2V3„ "raum, weil sie den Sabbath, diese starke Säule des Judentums, entweiht} „weil sie den Jugendunterricht eingestellt," meint ein anderer. '32H2» "O'3L nrn snb rrrr vbü' weil sie Schamlosigkeit gegeneinander gezeigt." So ein dritter, "ni nx rrT irrairr vbv ’3bö/, „weil sie sich nicht einander zurechtwiesen," gibt ein anderer als Grund an. Und man kann sagen, daß diese Antworten sich gegenseitig ergänzen. Was muß doch alles vorausgegangen sein, ehe man die schwersten Sünden skrupellos übte? Nicht gleich sinkt der Mensch von der Sonnenhöhe der Tugend in den Pfuhl des Lasters. nl2P flTTO N12P, eine Sünde zieht die andere nach sich, und schneller und leichter sührtj der Weg abwärts als aufwärts. Je weiter vorgeschritten eine Krankheit ist, desto schwerer ihrer Heilung. Sollen wir alle Gebrechen der Zeit auszählen, an denen unser Judentum krankte? Brauchen wir zu erinnern an den schweren 11DS von nsr® nb^'Ss an blbn n2tP/ an -lpra die Mißachtung der Gebote von rvrx ■pV'Brv N1112, nbn, ,rm die Vernachlässigung der Gemeindeinstituttonen für rH12P min re.? Ein ganzes Geschlecht ist' bereits abgestumpft gegen all diese Forderungen des jüdischen Pstichtlebens. Ist es da vom menschlichen — nicht jüdischen — Standpunkte aus nicht wenigstens erk lärlich, daß der Mut sinkt, wo ein Berg von Hindernissen sich auftürmt? So finden wir statt der lauten Stimme der Zurechtweisung — stumme Resignation .' In unserer Zeit kommt noch ein weiteres hinzu. Der Antisemitismus mit seinen höchst bedauerlichen Folgen für die soziale Stellung und wirtschaftliche En wicklung der jüdischen Gläubensgenossenschaft hat diese zur gemeinsamen Abwehr Wer hätte geahnt, daß im Herzen des eleganten Saloncauseurs des geistvollen Redners, der so schön vom „Kunstwerk eines harmonischen Lebens" *tt sprechen verstand, eine namenlose Zerrissenheit und dumpfe Leere herrschte. Einen Mittelpunkt für sein Sein und Sollen hatte er nicht, aber dafür immer und immer die elende, ihn selbst belügende Phrase auf den Lippen. Als Olga, die ein reiches Innenleben ihr ^igerr nannte, entsetzt von der Gemütsleere ihres Gatten, jenes frühe, tragische Ende nahm> das in der „guten Gesellschaft" allgemein besprochen wurde, was waren da seine stereotypen Worte, die er mit dem obligaten „müden" Ton den Tröstenden entgegnete: „Sie war seit jeher eine Art Nora-Natur". Lüge! Lüge! seine Begeisterung für ästhetische Kultur, für Friedensliga, für Esparanto und Hochschulfreiheit und wie alle die Surrogate für den verlorenen Seeleninhalt Hießen.... Wie hatte er doch gestern in seiner Vorlesung über „Moderne skandinavische Literatur" gesagt? „Man muß ein Höhenmensch sein, mit starkem Willen zur Tat, um der Jbsen'schen Forderung des „Alles oder Nichts", nachzukommen". Auch er steht vor der Wahl... „Alles oder Nichts", uno leise, leise hört er aus seiner Kindheit Tagen, die uralte Antwort seiner Ahnen und eines ganzen unsterblichen Volkes: ' inbll DBX 112^0 DES (Sine Heilte Anmerkung zum großen 11B3 Ol'-Gedarrke«. Von Dr. B. May. „Wer nie kein Brot mit Tränen aß, , Wer nie die kummervollen Nächte An einem Bette weinend saß. Der kennt Euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Ihr führt ins Leben uns hinaus Ihr laßt den Menschen fiutbig werden. Dann überlaßt ihr ihn der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden." Ein herrliches Lied! eine Blüte vom Baume der Lyrik, eine Blüte so schön, verzeihe moderner Jude, daß man kaum den tätlichen Tropfen merkt, der in ihrem Kelche ruht. Dies Lied, es ist bas Hohelied der Resignation, das Grabeslied der alten Wett. Vertiefe deinen Blick in die Geschichte des alten Orients, blättere in den Annalen des kunstgeübten Hellas, des weltbeherrschenden Rom und bald kommst Du an die Stelle, wo jene Welt sich ohnmächtig fühlt, weiter zu ringengegen die Götter, die den Menschen lassen schuldig werden,, um ihn dann seiner Ohnmacht zu überlassen, um ihn, wenn sein sittliches Bewußtsein ins Schwanken geraten, immer weiter hinabzuziehen aus der schlüpsrrgen Bahn, in den Sumpf stumpfer Gleichgültigkeit. So erstarb diese Welt und über ihre Ruinen hinweg schritt ein kleines Völkchen, das in ihrer Mitte lebte und laut und lebenskräftig einer neuen Welt bekannte, was jene Völker nie begriffen. Sie sangen das Lied vom alten Gott der Liebe. Moderner Jude willst Du den Text in deutscher Sprache hören: Nur wer sein Brot zufrieden ißt. Und selbst in kummervoller Nacht Den Menschenvater nicht vergißt Der erkennet Dich, Du Himmelsmacht. Du führst ins Leben uns hinaus. Es kann der Mensch wohl sündig werden Du rettest ihn von seiner Pein Denn auch die Schuld sühnst Du auf Erden. Das Schofar des Moses Montesiore. Hermann Sandel, Kantor in Ramsgate erzählt in einem englischen Blatte die folgende hübsche Geschichte. Das Schofor, das ich in Ramsgate während der letzten 33 Jahre gebrauchte, erhielt ich vom verstorbenen Moses Montesiore. Er hatte es aus Jerusalem mitgebracht. Als er es mir übergab, meinte er mit seinem gutmütigen Lächeln: „Es hat wohl bet allen bisherigen Versuchen versagt, vielleicht sind Sie glücklicher!" Das war nicht sehr aufmunternd: Als ich es versuchte, brachte^ ich wohl einen Laut aus ihm heraus, es kostete jedoch große Anstrengungen, die vorgeschriebenen „Kaulaus" zu produzieren. Mit Hilfe eines Augenglases und eines Spiegels untersuchte ich die Jnnenhöhlung und entdeckte daselbst eine braune Staubschichte. Nach Entfernung derselbm waren die Schofartöne tadellos rein und leicht ausführbar, und das Gesicht des seligen Sir Moses strahlte vor Bergflügen, so oft er die Töne „seines Jerusalemer Schofars" in der Synagoge hötte. In der letzten Zeit seines Lebens, als es ihm physisch unmöglich geworden, dem Gottesdienste in der Synagoge beizuwohnen, da wurde mir die Ehre zuteil, am Rofch-Haschonoh und am Ausgange des Jom- Kippur in seinem Krankenzimmer „seinen Jerusalemer Schofar" ertönen zu lassen. Ich erinnere mich noch eine« Freitag Abends als ihm wahrend des Nachtmahles ein Paket überreicht wurde. Es kam aus Hamburg. Seinem religiösen Sinne entsprechend, wollte er bas Paket vor Sabbatausgang nicht öffnen. Am Sonntag wurde daS Paket geöffnet. ES enthielt drei neue Echofroch. Als ich eines für mich auswählen wollte, sagte Sir Montesiore. „Nein, laffen Sie das! Während der ganzen Zett haben Sie den Schofar aus Jerusalem geblasen, ich will auch weiterhin keinen anderen hören." Unü dabei blieb es. üü