Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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G«e 4 1. jbftoBet M08 ' Uebersetzung: An Seine Exzellenz, den Herrn- Mntessaris. Euer Exzellenz! Zunächst gestatten wir uns. Euer Exzellenz unfern herzlichsten und besonderen Dank dafür auszufprechcn, daß das Werk Seiner Heiligen Majestät, des Kalifen, unsere Reichsverfafsung, durch das bekannte Kaiserliche Jrade wieder in Kraft getreten ist und daß infolgedessen der Wohltaten der Freiheit und Gerechtigkeit fernerhin, ohne Ausnahme, sämtliche treuen Untertanen teilhaftig werden sollen. Im Einklang mit den Bestimmungen der Reichsverfassung wagen wir es, wie folgt, Eurer Exzellenz einige unserer berechtigten Forderungen zu unterbreiten. Wie Eure Exzellenz wohl wissen, wird jede religiöse Gemeinde durch ein weltliches Laien-Kvllegium repräsentiert. Die Wahl der Mitglieder dieses Kollegiums ist ourch'ein besonderes Gesetz bestimmt. Herr Panizel, der unter dem alten despotischen Regiere die Stellvertretung des Oberrabbi nats in Jerusalemwiderrechtlichansichgerisscn hatte, setzte auch durch gesetzwidrige Eingriffe und Mißbräuche die Mitglieder des Laien-Kollegiums der mosaischen Gemeinde willkürlich ein, so daß diese Versammlung bei der Erhebung der Militär- Pflichtbeiträge, sowie bei Regelung an - dere r Angelegenheiten der Gemeinde höchst ungerecht vorging und die Armen schwer belastete, während ein Teil der Reichen diese Lasten nicht zu tragen brauchten. Da aber an dem heutigen glückverheißenden Tage die Gerechtigkeit und Gleichheit proklamiert und sämtliche Rechte der Osmanischen Untertanen gewährleistet sind, bitten wir, 1. um Absetzung des genannten Kollegiums und dessen Ersetzung durch eine nach den gesetzlichen Bestimniungen durch die Bevölkerung zu wählende Versammlung und 2. um Pie Ersetzung des als Mitglied des Verwaltungsrates des Regierungspräsidiums von Jerusalem fungierenden Laien durch einen vom Herrn stellvertretenden Oberrabbiner zu ernennenden Geistlichen, wie dies durch die Gesetze bestimmt ist. Denn dieses erwähnte Mitglied des Berwaltungsrates ist nicht nur kein Geistlicher, wie dies das Gesetz verlangt, sondern ist auch ein Kaufmann und Bankier, der nur auf Pie Durchführung seiner persönlichen Pläne bedacht ist und van theologischen Dingen keine Ahnung hat, o wie er überhaupt das Vertrauen der Gemeinde nicht besitzt. Da augenblicklich der Man-, gel an Zeit und die Notwendigkeit der Berücksichtigung anderer wichtigerer Stäatsgefchäfte eine definitive Erledigung unserer Forderungen nicht zulassen, ,o bitten wir wenigstens entsprechend der jetzigen Gerechtigkeit, den, — infolge der ungesetzlichen Eingriffe des (bereits erfreulicherweise abgesetzten) stellvertretenden Oberrabbiners von Äonstantinopcl, Mosche Levi, zum stellvertretenden Oberrabbiner von Jeru- Der salem ernannten — Herrn Panisel abzusetzen und die Wahl seines Nachfolgers bis auf weiteres aufzuschieben sowie unsere übrigen Bitten gütigst berücksichtigen zu wollen. In diesem, sowie in jedem anderen Falle, gebührt das Befehlen, Eurer Exzellenz (übliche Ergebenheitsphrase). Den 29. Juli 1324 gleich 2. August 1908. Albert Antsbi. Eine Gesuchsstempelmarke von 1 Piaster, ferner eine Hedjasbahn-Beitragsmarke von 1 Piaster. Es hieße das Gewicht der Tatsache an sich abschwächen, die mit diesem empörenden Schriftstück gegeben ist, wollte man auf den Inhalt selbst mit seinen faustdicken Unwahrheiten ein* gehen: von der ungeheuerlichen Behauptung, der durch seine beispiellose Bescheidenheit ausgezeichnete Chacham Baschi Panisel habe die Stellvertretung des Oberrabbinats „an sich gerissen", bis zu der unsinnigen Forderung, Herr Bankier Valero müsse seiner Würde als Vorsitzender der Administration enthoben werden, weil er — kein Theologe sei! Herr Antsbi verfolgt seit Jahren das Systenr, vor seinem Centralkomitee in Paris und vorder Oeffentlichkeit sich selbst als den einzigen Großpächter der Ehrlichkeit in Jerusalem aufzuspielen und im übrigen mit allgemeinen Verdächtigungen um sich zu werfen, die, nach dem Ersahrungssatze äemper aliquid haeret angelegt, zwar niemals bewiesen worden, von der Alliance aber dann, leider in gutem Glauben nachgesprochen worden sind. Als Beispiel verweisen wir auf die skandalöse Affäre nn Dezember 1907, als die Alliance (von Herrn Antöbi inspiriert) der ganzen jüdischen Presse kaltblütig mitteilte, es seien in Jerusalem, anläßlich der Hungersnot 5000 Frs. für Depeschen ausgegeben und.30,000 Jrs. aus Amerika unterschlagen worden. Wir haben auf Grund unparteiischer Berichte diese Angaben damals ziffernmäßig widerlegt, und laut und vernehmlich eine Untersuchung gefordert. Der Rest war Schweigen. Zwar meldeten sich die angeblich geschädigten amerikanischen Spender keineswegs, aber Herr Antöbi der seine Glaubensbrüder verleumdet und denunzirt, der einen unbequemen politischen Nebenbuhler ins Gefängnis wirft, die Gemeinden (Ae meniten und Sefardim) gegeneinander hetzt, und Hintertreppen - Politik treibt, statt sich um seine Schule zu kümmern, bleibt weiter der Vertrauensmann der Alliance israölite universelle in der Stadt Jerusalem! Wir sind gespannt, ob auch nach diesem neusten, diesmal gewiß dokumentarisch belegten Streiche das Zentralkomitee in Paris Herrn Antebi weiter väterlich schützen oder sich was .X'"' ssnBKscsafls=ses«ssscs^as9saaesaa±sa£CsaEssssssaaaS38aBSSSsa^äasErBtaMc dasselbe wäre — wiederum mit einer leisen Verwarnung an die Adresse des unbotmäßigen Herrn begnügen wird. Die AbberufungAntöbis von Jerusalem und seine Versetzung in einen andern, rüinder gefährlichen Wirkungskreis wäre unseres Erachtens die einzige Maßregel, durch welche die Alliance Jsraelite dem beleidigten Empfinden der jüdischen Gesamtheit Genugtuung bieten könnte. .raien rw Von A. Mannheimer in Dettelbach. Auf dem Wege vom n"n-Feste zum Versöhnungstage begegnet uns ein alter Bekannter, der wöchentliche Sabbat. Eine andere Brücke führt nicht zum DV hin. Bei unfern Brüdern im Osten sieht man dem Bußesabbat mit besonderer Spannung entgegen. Findet doch an diesem Tage eine „nitm" statt. Hierzulande ist eine derartige Auszeichnung des rawn kaum bentbav; kennt man doch die „Derascha" auch nicht dem Warnen nach. Es fehlt das ganze Milieu hierzu: Das Bet-Hamidrasch, die lernbefliffenen Baale-Batim, die grenzenlose Verehrung und Hochschätzung dem 2*i gegenüber, Faktoren die irr unseren Verhältnissen leider wie ausgeschaltet erscheinen. Was ist eine nam? Man versetze sich in ein Bet-Hamidrasch in Rußland oder Galizien. Zahlreiche Talmudbestissene find anwesend. Einzeln oder gruppenweise vertiefen sie sich in die spröde Materie,', geistige Tourniere werden ausgesuchten, um die unumstößliche Lehrmeinung festzustellen. Es ist der Abschluß der wochenlanaen Vorbereitung auf die nttm, die der Rabbi halten will, wie es der althergebrachte Minhag erheischt. Endlich tritt der ein, in langem Kaftan, um den Leib den Gürtel geschlungen, ehrfurchtsvoll begrüßt von allen. Der Rabbi ist aber auch eine ehrfurchtgebietende Erscheinung. Der lang herabwallendß Bart und die großen Schläfenlocken umrahmen ein in heiligem Ernste dreinschauendes Gesicht. Welche min "Win mag der „heilige Mund" wohl künden? fragt jeder unwillkürlich!. Atemlos hängt alles an des „Rebbe" Lippen. Der lärmende Singsang weicht einer an dieser Stelle ungewohnten Ruhe. Der Rabbi stellt seine Thesen auf,- die zu verteidigen, seine Lehrsätze, die zü beweisen sind. nit<Pp2 und nifi'nn, Belesenheit und Scharfsinn sollen in gleicher Weise zur-Geltung kommen. Der Rabbi taucht in seinem Vortrage unter in das große Meer, den Talmud, um Perlen aus der Tiefe zu holen. Zwischen entfernt liegenden Stellen werden mit Hilfe einer scharfen Kombinationsgabe Gedankenbrücken geschlagen. Scheinbare Widersprüche werden ausgesucht fenes Büchelchen: „Die Maximen des de la Rochefoucauld". Hier blättert er rasch und mit wehmütigem Kopfnicken liest er halblaut die Sentenz des großen Menschenkenners: „Man schämt sich jeder Liebe, die vorbei ist." Nur damit kann er sich die Scham erklären, die tiefe, heiße Scham, welche rhn erfaßt vor diesen Heiden alten Leuten, die ihrem „Josefle" schrieben und nicht wußten, welche Kluft gähnte zwischen dem „Josesle" und Privatdozent Eddershausen. Vor dreißig Jahren hatte er den Großonkel zum letzten Mal gesehen — nicht seiner erinnert» Kr sich mehr, aber des ganzen Milieus damals: es war, bei feiner Barmizwa gewesen, als der Bätet, um sich sozusagen das Bürgerrecht iq heH Stadt zu -erwerben, in die er erst seit Kurzem gezogen war, eine Thorahrolle der Gemeinde gestiftet hatte — und sein einziger Sohn, das „Josesle" nicht nur aus der neuen Seser Thorah vorgelesen hatte, sondern sogar Söachnnttags beim Essen, im engen Kreise der „Frommen" ein auswendig gelerntes Talmuostück vortrug — es steht ihm wieder so! lebhaft vor der Seele — „vom Gerichtshof, der auch das Kind vom Verbotenen fernhalten möge" — und weiter erinnert er sich seiner „Doppel-Religion", wie er offiziell in der Schule jeden Mittwoch Nachmittag eine Religionsstunde hatte, bei einem höchst^ ehrwürdigen Seelsorger, der aber das Mißgeschick hatte,! daß er einem Teil der „Frommen" nicht konservativ genug war und da mußten dann die armen Kinder dieser „Frommen" und dazu hatte auch „Josefle" gehört, nochmals einen Extta-Unterricht haben, bei irgendwelchen Privatlehrern, die vierteljährlich wechselten und ein höchst mangelhaftes Deutsch sprachen, sodaß nicht nur der Tertianer verachtungsvoll auf den Lehrer herunterblickte,, sondern auch dieser ehrfurchtsvoll zum „modern gebildeten" Schüler herauf-- blickte und dem Ansturm seiner jugendlichen Weisheit rrur mit einem Vertrösten auf den „Mittwoch"- Unterricht beim Herrn Rabbiner begegnete. Diese bewundernde Achtung vor dem „gebildeten" Josefle teilten aber mit dem Lehrer auch Vater und Mutter, und ganz besonders der in Obereddershaufen gebliebene übrige Teil der Familie — sie Waren dort geblieben, weil die „Khikle" sonst gar zu Nein würde! Und als nun „Iolefle" — er.selbst.nannte sich schon längst Julius — gar die Universität besuchte und sich oem vornehmen Studium der Literaturgeschichte — bei dem gutgehenden, väterlichen Tuchgeschäfte konnte er sich das erlauben — widmete, seine erste Seminararbeit mit glänzendem Erfolg geschrieben hatte, da war auch er selber, überzeugt, daß er, wie er damals höchst geistvoll in sein Tagebuch -schrieb, „nur durch den äußerlichen Zufall der Geburt noch mit seiner Familie Zusammenhänge. .." * „Und doch, und doch", Mszt Professor EddershHuser, unablässig in feinem Studierzimmer auf und ab gehend, „damals war ich noch trotz aller Eitelkeit und Halbbildung ein ehrlicher, ganzer Mensch, wer gäbe mir nur diese Zeiten zurück; aber die letzten zwanzig Jahre...." — Dreiundzwanzig Jahre alt war er gewesen, als er im stolzen Gefühl seiner Jugendkraft ' und seines Tatendrangs bei seiner Ankunft in der Reichshauptstadt sich so stürmisch und heiß danach gesehnt hatte, zu „erlbben". Er hatte zuviel „gelebt" war zerzaust worden vom Schicksal, war sich selbst ein Fremder geworden, einer, der vom „Baum der Erkenntnis" gegessen und nunmehr an d.en geschlossenen Pforten des Paradieses der Dafeinsfreude steht und nichts ist ihm gebliehen, als stumpfe, trübe Re- . signation. * In Berlin hatte er schon längst das zw. Hause nur gewohnheitsgemäß geübte Judentum verloren; freilich hatte er guten Grund, diesen Verlust nicht allzu deutlich vor dem väterlichen Ernährer zu Tage treten zu lassen, sein Gewissen aber war ruhig. Dessen Pochen fing erst an bei seiner ersten großen Lebenslüge, als er zufällig durch einen früheren Studienkollegen auf eine Auffassung des Judentums gelenkt wurde, die grell abstach, sowohl von der „Mittwochs"-- als auch von der „Samstags"-Religion. Noch erinnerte er sich, wie er trunkenen Geistes und übervollen Herzens den Briefwechsel Benjamins und Naphthalis beendet, wie er dirnn schirm ^um’ ,^CHaurew" greifen wollte, .... als ihnbei der -Uraufführung seines ersten Schauspieles in einem Dilletanten-Vercin, lene töttchte, heiße Liebe zu Olga Pordten — einer Nichksuoin — ergriffen, die dann die Seine wurde,.... wie fand er sich mit „Naphthali" ab? Seinem Kommilitonen sagte er: „Ach, weißt du, das ist ein supranaturalistischer Standpunkt, und dazu noch in solch' unmodernem Satzgefüge; die Lektüre widerstrebt meinem ästhetischen Sprachempfinden." In sein Tagebuch aber schrieb er — und das war das letzte, was er hinein schrieb — „Ich fürchte mich vor der Lektüre der übrigen Schriften dieses Autors, er schreibt zu herb und strenge und schließlich zwingt er mich noch daM, Olga zu entsagen." Und' doch das Wenige, was er gelesen, ließ ihm keine Rühe mehr. Ec hatte das Bewußtsein, den Moment versäumt zu haben, wo er sich eine harmonische Weltanschauung hätte verschaffen können. Von da ab war sein Leben eine große Kette von Lügen. Er hatte wohl recht, wenn er in seinen berühmten^ gefürchteten Theaterkritiken hohe Anforderungen an die Schauspieler stellte, war e r doch der vollendesten einer. :-