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Der Israelit · 1908-10-01 · Heft 40 (1.10.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 40 (1.10.1908)
Date
1908-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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*,«**«*. 40 _ Der Israelit 1. Oktober 1SV8. aufnehmen. Das unvermeidliche Resultat ist die Arbeitslosigkeit, welcher die jüdischen Arbeiterklassen immer mehr anheimfallen und deren rapid wachsende Not, welche die meisten in die ferne Weite, andere in die wildeste Verzweiflung, in die wüste Anarchie treibt. So hat denn die innerhalb der russischen Judeuheit vor sich gehende Gärung einen nie geahnten inneren Feind geschaffen, welcher sich ihrer wirtschaftlichen Lage weit gefährlicher erwies, als alle ihre äußeren Feinde zusammen genommen, well dieser innere Feind sie nicht bloß in das größte materielle Elend und einen Teil ihrer Jugend auch in geistige Verzweigung stürzte, er hat auch künstlich, ja gewaltsam den Bruderzwist geschaffen und die uralte brüderliche Einheit und Einigkeit, worin von jeher unsere eigentliche Stäne bestand, unbarmherzig zerstört, was bis jetzt keinem äußeren Feinde gelungen ist. Die besagte Gärung hat aber auch von einer ganz anderen Seite die jüdische ökonomische Lage schon erheblich geschädigt und schädigt noch immer mehr, und daraus möchte ich zum Schluß dieses vielleicht zu weit für Ihre gastlichen Spalten sich ausdehnenden Briefes nur in aller Kürze Hinweisen. Die neu erwachte jüdisch-nationale Bewegung, besonders in Polen und Litauen, hat die Mißgunst und die Erbitterung der Polen gegen uns angefacht. Diese, glaubten in den jüdischen Kompatrioten natürliche Bundesgenossen in ihrem Ringen nach politischer Freiheit und nationaler Autonomie zu besitzen. Nun kommen die jüdischen Nationalisten und fordern, im Herzen Polens lebend, jüdische, nationalpolitische Selbstständigkeit und Autonomie und verfolgen somit Ideale, die an sich ebenso unberechtigt weil „cujus terra ejus lingua," — als unrealisierbar, — weil der jüdisch-deutsche Jargon, der niemals die nationale Sprache des jüdischen Volkes war, unmöglich zu einer solchen und zudem noch auf fremdem Boden, erhoben werden kann und weil man in keiner Weise als eine winzige Minorität in, der Mitte eines fremden Volkes nationalpolitische Selbständigkeit, wenn auch bloß in kultureller Beziehung, erlangen kann. Aber indem sie solche utopistifche Forderungen stellen, bekunden sie, unpolitisch genug, ihre Abneigung gegen Polen, welche auch in der jüdischen nattonalen Bewegung eine feindliche Provokatton zu sehen glaubten uno diese begegneten derselben unter anderem mit 'einem ökonomischen Boykott, um die Juden ihre Macht fühlen zu laffen. Ihr kultureller Zustand erlaubt den Polen nicht, Juden durch „Pogrome" aus ihrer Mitte zu vertreiben, ihre eigene politische Unselbständigkeit läßt sie nicht die Juden politisch bekämpfen, aber in ihrer Macht steht es, ökono- C&-C, Bon I. II. Zweimal vernehmen wir am BersöhnunaStage das belehrende Wort des Gesetzes und zweimal sprechen die Propheten zu unS mit ihren eindringlichen E. Mahnungen. Zuerst ist es die erhabene Rede JesajaS, die uns zeigt, welches Fasten ein Gott wohlgefälliger ist, und dann lesen wir bas Buch des Propheten Jona. SS ist eine merkwürdige Geschichte, die er uns erzählt. Gott fordert ihn auf, nach Ninive zu gehen, Und dieser Stadt, die von Frevel und Gewalttat erfüllt ist, den Untergang zu verkünden. Der Prophet will dem göttlichen Willen entfliehen, er geht auf ein Schiff, um wett übers Meer nach Tarschisch zu entkommen. Aber der Sturm, der seinetwegen entsteht und das Schiff zu zertrümmern droht, zwingt die Schifflmte, ihn ins Meer zu werfen, und nachdem er in wunderbarer Weife gerettet worben war, führt er den von neuem ihm geworbenen göttlichen Befehl aus. Das Wort des Propheten veranlaßt jedoch die Einmisch den Juden zu gründe zu richten und durch Hunger chn aus ihrem Lande zu vertreiben, und das tuen sie nun. Der Erfolg der polnischen Antisemiten auf diesem Gebiete war für ihre russischen Gesinnungsgenossen, besonders für den russischen „Bolksverband" nur zu verführerisch. So propagandieren sie nun mit wahrhaft diabolischem Eifer den ökonomischen Boykott gegen die Juden, und ist es kaum zu bezweifeln, daß sie auch hierin bei der großen Macht und ungeheuren Verzweigung ihrer Organisation Erfolg haben wer» den. Aber auch jetzt schon macht sich diese ihre fluchwürdige Agitation fühlbar. Jüdische Produzenten büßen immer mehr und mehr ihre Konsumenten ein, jüdische kommerzielle und industrielle Etablissements werden trotz der erheblichen Herabsetzung der Preise ihrer Leistungen immer weniger frequentiert und die jüdische Arbeitslosigkeit und ihre Begleiterscheinungdie entsetzlichste Not wächst mit jedem Tage zusehends und drückt Tausenden, ja Zehntausenden jüdischen Familien den Wanderstab in die Hand. Das sind in großen Umrissen die vorläufigen religiösen, politischen und ökonomischen Folgen der innerhalb der russischen Judenheit anhalten den Gärung. Wozu letztere führen könnte, wenn sie ferner fortdauert, ist nicht schwer vorauszusehen. Eine andere Frage ist, öd diese Garung weiter auch dauern wird oder fortdauern muß- und gibt es nicht irgend ein Mittel, dieser Einhalt zu tun und sie zu bekämpfen? Ein solches Mittel gibt es allerdings und auf dieses Mittel habe ich oft hingewiesen. Es ist auch einige Aussicht vorhanden, daß dieses Mittel in nächster Zeit in Kraft treten wird, nämlich die Bildung einer großen loyalen politischen Partei, welche die gesamte gesetzestreue und überhaupt ernst und nüchtern denkende russische Judenheit umfassen, und die fähig sein soll, den Kampf sowohl mit den inneren als den äußeren Feinden aufzunehmen. Das ist wohl durchaus nicht leicht, .jedoch sehr wohl möglich, weil einerseits eine solche Organisation mindestens 90 Prozent sämtlicher russischen Juden umfassen und andererseits, weil sie auf die Unterstützung aller besseren Elemente der Regierungssphären und des russischen Volkes mit Sicherheit rechnen könnte. ochmrMöscha« Religionsunterricht in Nürnberg. Wir haben in poriger Nummer bereits über den erfreulichen Erfolg berichtet, den die Nürnberger Orthodoxie durch ihre rührige Arbeit in der Religionsschulfrage errungen hat. Die jetzt im Wortlaut vorliegende Entscheidung des bayrischen Kultusministeriums, die der Petition der Israel. Religionsgesellschaft in Nürnberg stattgiebt, ist ziemlich umfangreich, sodaß wir sie wegen Raummangels leider erst in der nächsten Nummer zum Abdruck bringen können. Das Schriftstück zeigt einerseits, wie sehr der Minister bemüht war, im Rahmen des geltenden Rechts dem aus den Orthodoxen lastenden schweren Gewissensdruck Abhülfe zu schassen/ es beweist aber andrerseits auch mit unverkennbarer Deutlichkeit, daß es ohne eine Revision der Gesetzgebung einfach .unmöglich ist, der Orthodoxie den unerläßlichen Rechtsboden für ihre freie Entfaltung in Bayern zu schaffen. Der Minister hält daran fest — und muß auf Grund der lex lata daran festhalten — daß der „zuständige", alsy der neologe Rabbiner allein darüber zu befinden hat, ob der orthodoxe Religionsunterricht dem seinigen gleichwertig sei oder nicht! Ihm allein, dem neologen Herrn Dr. Freudenthal, ist die Ueberwachung des orthodoxen Unterrichts, die Abnahme von Prüfungen, die Genehmigung des Lehrplans ausdrücklich Vorbehalten — kurz, es hängt ganz allein von dem Belieben des neologen Rabbiners ab, den orthodoxen Ersatz-Unterricht anzuerkenen oder aber ihn zu Tode zu chikanieren. So widersinnig — objektiv betrachtet — eine Rechtsauffassung auch ist, die einerseits den tiefen religiösen Gegensatz zwischen Orthodoxen und Neolgen anerkennt, trotzdem aber der einen Seite das Recht zuerkennt, zu bestimmen,' was der andern Religion heißt — so muß man doch leider sagen, daß dieser Widersinn heute geltendes Recht in Bayern ist, und man TIttijj froh sein, daß diese Tatsache durch die neue Enffcheidung in ein besonders grelles Licht tritt. Unsere Gesittnunasgenoffett in Bayern werden dütuitt NNs dem Nürnberger Erfolg, Wie Wir hoffen, nicht nur neuen Mut zü weiterer rüstiger Arbeit, söndektt auch auch die Ueberzeugung wohner von Ninive zur Umkehr, fie tun^Buße, und dat drohende Verhängnis wird von ihnen adgywendet. " Ein eigentümliches Bild, das da vor ' unseren Auger entrollt wird! Ein Prophet, der vor Gott entfliehen will vor dem Gott, den er selber mit den Worten bekennt -!ük kt )K troirn '\2bK #n n»i '2SK ilEDTT flKI DVT DK ."TO Ein Hebräer bin «h, unk den Ewigen, den Gott deS Himmels fürchte ich, litt dak Meer und das Trockene geschaffen hat", dessen weltumfaffende Allmacht er also betont. Und auf der anderer Sette die Einwohner einer heidnischen Stadt, die durch dir göttliche Sttafandrohung zur Buße bewogen werben. Was hat das alles, fragen wir, mit dem Bersöhnnng-tage zu tun? Wenn uns ein Beispiel der N21VD gezeigt werben soll, warum muß es gerade eine nichtjüdische götzendienerische Stadt sein? Ist doch an diesem Berföhnungstage, der in keiner anderen Religion seines gleichen findet, alles so spezifisch jüdisch, das uns dieser Hinweis tanz fremdartig erscheint. Vielleicht aber gibt uns gerade dieser Umstand den Schlüffe! zur Lösung unserer Frage. Der DlfcS QV erscheint seinem ganzen Wesen nach als ein religiös-nationaler Festtag. In dem Muffaf-Vebet wird uns der Dienst in dem Heiligtum geschildert, das den religiös-nationalen Mittel- Punkt Israels bildete. Mit lebhaften Farben entwirft unS der Dichter etn Bild von der Feier dieses hochheiligen TageS, an dem nur der Hohepriester allein die Opfer darvrtngen und das Allerheiligste betreten durfte, schildert er uns die Freude und die Begeisterung des Volkes, wenn der Vertreter der Nation in Frieden den Tempel verließ und den sehnsüchtig Harrenden die erhoffte Versöhnung brachte. Aber während z. B. beim Laubhüttenfefte bemerkt wird, daß die 70 Opfer dieses Festes dm D1V1K BT2P, den 70 Völkerschaften entsprechend, daß also Israel «auch für fie opfert und betet, ist beim D1B2 QV immer mit von Israel selbst die Rede. IfpS 1221 1122 1S2l .biW b.1p bs 1221 „Er sühne für sich und für fein Haus und für die ganze Gemeinde Israels." DDT11 22'DKVN b2Ö 121 DB2b öbl2 Dpnb D2b DKT;nD1P2 nriK „Es sei euch dies zur ewigen Satzung, zu sühnen für die Kinder Israel von allen ihren Sünden einmal im Jahre." Und so könnte man glauben, daß das alles nur national beschränkt, daß der erhabene Gedanke der Versöhnung, dieser rein menschliche.Gedanke, der uns^Gott so nahe bringt, der unS ihn als 'best Batet der Menschen begreifen wßt, nur. füp Israel Geltung haben solle. Sollten also unsere Gegner recht haben, wenn fie behaupten, der Gott Israels sei ein Nationalgott, besten Liebe nur auf den engen Kr.ts der Nachkommen Jakoös beschränkt sei?! Da wird uns nach dem Musias-Grber, das uns von all der entschwundenen Herrlichkeit Zions und eerusalemS erzählt, die Geschichte von Nmive vorgetragen. n einer heidnischen Stadt erscheint ein Prophet Gottes und verkündet den nahen Untergang. D s Prophetenwort bewirkt eine vollkommene Umwälzung; die Einwohner ändern ihren Windelfie, die ihrer Menschenwürde der» geffen hatten, erinnern stch ihrer Pflichten, der Erfolg der prophetischen Strafandrohung ist bei diesen Heiden größer, der Eindruck seiner Worte tiefer und nachhattiger, als es jemals bei Israel der Fall gewesen war. Das war ja' auch der Gmnd, warum Jona fich zuerst weigerte, den göttlichen Auftrag zu vollführen. Er war gewiß nicht der Meinung, vor Gott entfliehen zu können, denn etn solcher Mann wäre niemals der Prophetie gewürdigt worden. Aber er wollte fich von dem geheiligten Boom Palästinas entfernm, auf dem allein

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