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Der Israelit · 1908-10-01 · Heft 40 (1.10.1908) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 40 (1.10.1908)
Date
1908-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israeli Ein Centralorgan für das orthodoxe Jndentin Begründet oob Dr. Lehmann in nainz 49.3ahroana. __*___. _ m a._ 1. Obtober 1908. Sranhfurf a. IN.. Sen ß T|S(}h1 gggg M 40 1 U i $)tx Israelit erschrittt jeden Donnerstag. Adonnttnents t Ettvöhnlichc Ausgabe Mk. ILO vterteljLdrlich» Hcftausgabc auf KunstdruckdaHier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oekerreich-Ungarn S Kr„ RuKandlBud., Englands stu, Amerika so eis., Niederlande 1,80 L) Abonnements bei allen Poßanstalten, Buchhandlungen,sowie direkt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserate: 30 Pfennig für die fechSgefpaltme Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Inserat enannahme nur durch inH aase »stein n.. Bo gier L^G. dkoiot» tei der JT. ». Postsparkasse Wie» Sko. 79605. Frankfurt s. SR. und derm Filialen. «moto bei der Rigaer «onooooerzVank in Riga «00»» *A de« Jt* PostsparkassenaMt Budapest Ro. 18424. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialvstvk, Reval und Lodz Der ttadrörudi 9er flrtihel un9 £orrefpon9en?en 9es „Israelit“ Iff nur unter genauer Quellenangabe, un9, foroeif es ficfi um gröbere Duffäfee ban9elf, nur nadi norheriger Genehmigung geRaftef. Die Gärung Innerhalb der ru$$i$cben Jndenbeit. Bon Speetator (Schluß.) Wie schon oben hervorgehoben, hat diese loyale Mehrheit keine, wenn auch nur halbwegs legale, oder selbst irgend welche Vertretung, die in ihrem Namen zu sprechen befugt wäre und daher erfrecht sich jenes Häuflein Revolutionäre auf den Willen der jüdischen Gesamtheit sich zu berufen. Daher finden jene gegen uns geführten Verleumdungen und Beschuldigungen unserer Todfeinde Glauben und ist deren verhängnisvolle Tragweite garnicht abzusehen. Wenn bis jetzt bloß einzelne Preßorgane antisemitische Ausfälle hin und wieder sich erlaubten und diese dennoch völlig ausreichten, unsere politische Lage so erheblich zu verschlimmern, so ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wozu es führen muß, wenn gar eine ungeheuere überaus mächtige Organisation, wie der „Russische Volksverband" es ist, welcher schon über mehr als 1000, sage Tausend, Filialen verfügt und hinter welchen die allgewaltige Kamarilla steckt, ununterbrochen mit größtmöglichem fanatischen Eifer die Juden als gefährliche Revolutionäre verfolgt und in ihrer Bekämpfung die Hauptaufgabe seiner Existenz proklamiert. Es ist leider schon so weit gekommen, daß Jude und Sozial-Revolutionär oder Anarchist fast gleichbedeutend sind, und daß daher die mörderischen „Juden-Pogrome'* nicht IM geringste Enstrüstung bei Regierung und. Volk Hrvorrufen, daß man in denselben vielmehr ein wirksames Mittel, von Juden sich zu befreien, erblickt. Diese gar zu traurigen, aber unleugbaren Tatsachen benehmen jede Aussicht, auf eine bessere politische Zukunft der Juden in Rußland und lassen auf die verstärkte und immer wachsende Emigration als auf den einzigen und lebten Rettungsanker der russischen Judenheit schauen. Am schädlichsten hat die oben besprochene Gärung auf die ökonomische Lage der russischen Judenheit gewirkt. Die außerordentliche Armut der gegenwärtig russischen, früher polnischen Juden,' die schon längst sprichwörtlich geworden ist, hat ihre historischen Ursachen, welche in den politisch-ökonomischen Bringungen Polens und der Stellung der Juden im. Lande ihren Ursprung hat. Diese Arnnst hW Wtden nphm dHeuwnd und in der Folge durch die Ausweisung der Juden aus den Dörfern und Flecken, die Verbote des Landbesitzes und die Einpferchung von Millionen Juden in die Städte des bettelarmen „Ansiedlungsrayons", die äußerst niedrige Kultur der örtlichen Bevölkerung und demzufolge ihre verhältnismäßig geringe Kulturbedürfniffe Der noch sehr schwach entwickelte kommerzielle Verkehr mit dem Auslande und noch schwächere inländische industrielle Betrieb boten den jüdischen Produkten, dem jüdischen Handwerker und Kaufmann nur eine sehr beschränkte Abnahme ihrer Produtte und Leistungen. Ihr Angebot übertraf immer vielfach die Nachfrage auf die letzteren. Zudem konnte der Jude bei dem uralten gegen ihn in der Ortsbevölkerung herrschenden Vorurteil und Haß nur dann mit seinen christlichen Rivalen die Konkurrenz aufnehmen, wenn er seinen christlichen Konsumenten und Klienten bedeutende Vorteile bot, durch Herabsetzung der Preise seiner Leistungen. Um unter solchen Bedingungen sein Leben zu fristen und seine kulturellen Bedürfnisse wie die Erhaltung seines religiösen Kultus, seiner pädagogischen und phllantropischen Institutionen aus eigenen Mitteln ohne jede Hülfe seitens des Staates, der ihn doppelt oft vielfach mit Steuern aller Art. belastete, zn befriedigen^ war der Jude gezwungen,feine Lebensansprüche möglichst einzuschränken, seine Arbeits¬ und Spannkraft möglichst anzustrengen und den Arbeitslohn aufs äußerste herabzudrücken. Nur unter solchen Umständen konnte der Jude im Ansiedlungsrayon halbwegs existieren und das nur bei einem festen religiösen Seemannsglauben, welcher ihn auf sein irdisches Leben, als auf eine schwere Prüfung sehen ließ und mit einem umso lichteren Jenseits vertröstete. Der jüdische Handwerker oder Kleinhändler im Ansiedlungsrayon hatte hinsichtlich seiner bescheidenen Lebensbedürfnisse, seiner Ausdauer im Arbeiten, seines unermüdlichen Fleißes, nicht seines Gleichen und in dieser Beziehung war zwischen Arbeitgeber und Arbeiter nicht der geringste Unterschied. Ja, es gab fast gar keinen Unterschied zwischen ihnen, sie teilten redlich miteinander ihre Dürftigkeit und ihre rastlose Arbeit, dies um so mehr, als der heutige Arbeitgeber noch gestern selbst Arbeiter war und es morgen wieder sein konnte. Von einem „Klaffenkampf" konnte unter solchen Umständen nicht einmal die Rede^sein. Es herrschte zwischen Arbeitgeber und Arbeiter-ein brüderliches Verhältnis, bas den Gedanken an eine 83189 HOB ganz unerwartet der sogenannte „jüdische Bund" mit seinen aus dem Auslande importierten sozialdemokratischen Doktrinen, die total verschiedenen ökonomischen und sozialen Verhältnisse entkeimten und auch dort utopistisch sich erwiesen, und wollte seine Lehren partout um jeden Preis, vor keiner Gewalttätigkeit zurückschreckend, im Leben verwirklichen. Da er auf die religiöse Gesinnung der Arbeiter und auf den erziehlichen Einfluß der jüdischen Geistlichkeit stieß, welche chm den Weg zu dem Herzen der Arbeiterklassen sperrten, so galt es vor allem durch eine rührige religionsfeindliche Propaganda dieses Hindernis wegzuschaffen und sich den Weg zum ungehemmten Einfluß auf das Proletariat zu bahnen. War das einmal geschehen, so fiel es, bei der geringen intellettuellen Entwicklung der breiten Volksmassen, dem „Bund" nicht schwer, durch vielverheißende Vorspiegelungen und verlockenden Versprechungen einer glänzenden Zukunft nach und nach einen Klassenkampf anzubahnen und zwar einen ebenso erbitterten als sinnlosen. Der „Bund", der trotz seines sozialdemokratischen Programms weit, weit radikaler ist, als alle Bebel und Liebknechte zusammen genommen, betätigt sich, obgleich er es auch oft, wo es ihm beliebt, in Abrede stellt, mehr als eine politisch-revolutionäre Organisation, denn als eine bloß soziale Partei,' die politische Umwälzung auf demokratischer Grundlage geht ihm voran. Ihm ist mehr darum zu tun, die jüdischen Bolksmassen zu revolutionieren, als ihre materielle Lage zu heben. Zudem meist aus unreifen und in praktischen ökonomischen Fragen völlig unerfahrenen Jünglingen und Mädchen bestehend, wie meist höchst, oberflächlich die Doktrinen von Marx und Engels aufgeschnappt und nicht verdaut haben, aber mit blindem Eifer der Unwissenheit an ihnen festhalten, wie an heiligen, unantastbaren Wahrheiten, fragen sie sich in ihren ökonomischen Forderungen herzlich wenig nach den Bedingungen des Weltmarttes, der Konkurrenzfähigkeit der jüdischen Arbeiter und inszenieren gervaltsame Streiks, welche die Arbeitgeber und Arbeiter in gleicher Weise ruinieren. Wenn man mit dem Revolver in der Hand die Arbeite löhne in eine für die ökonomischen Verhältnisse des Landes unmögliche Höhe hinausschraubt und zugleich den Arbeitstag aus acht Stunden herabdrückt, so kann vor allem der Jude unmöglich mit seinem christlichen Rivalen, der pnter den bisherigen Bedienungen sein Fach betreibt, konkurrieren und noch weniger mit bgB JwgMet der viel wMWxren De" 1

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