Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1908)
- Date
- 1908-09-24
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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24. Gepttmber 1908. _ und zwischen dem nächsten liegt, mit dem der Eheschwan-Monat eingeleitet wird. Der Tischri- Monat ist doch der einzige, der nicht vorher verkündet, dessen Bedeutung als Monat zurücktritt, vor der Fülle dessen, was weit über die Monatsspanne hinausreicht und das ganze Jahr umfaßt. Der ganze Elul-Monat stellt sich uns so nur als eine Vorbereitung zum Tischri dar. Wir hatten daher nicht nur ihn, sondern vielleicht in erster Reihe den Tischri im Auge, als sich an der Schwelle des Elul aus unfern Herzen die heiße Bitte rang: für Leben und Frieden, nnour?) JW&b für Wonne und Freude, TiDniVi nyw1? für Hilfe und Trost und als wir diese vielsagenden, inhaltsschweren Bitten durch unser Amen besiegelten! D't6 dem Leben! Ihm gilt damit unser höchster sehnlichster Wunsch in den ersten gehobenen Weihestunden des Tischri, daß er den letzten Tagen des scheidenden und den ersten des neuen Jahres ihr ganzes Gepräge verleiht. Wir wissen durch unsere Ueberlieferung, daß in diesen Stunden die Entscheidung über Leben und Tod für die nächste Jahresfrist fällt, über das Leben und die Mittel zum Leben, also über Reichtum und Armut, über das Leben in seiner ungebrochenen Fülle und seiner schmerzlichen Verkümmerung, also über Gesundheit und Krankheit, über unser Leben und über dasjenige aller derer, an die wir mit zahllosen innigen Banden der Freundschaft und Verwandschaft geknüpft sind, über unser Leben in dieser Zeitlichkeit und über seine Fortdauer in der Ewigkeit und kleiden früh und spät laut und leise dieses unser banges Hoffen in den heißen „Lebenswunsch": 1212t Gedenke unser zum Leben! Leben ist Zeit und Zeit ist Leben. Wenn die Lebensuhr abgelaufen ist, kann man für alle Schätze der Erde nicht eine einzige Minute kaufen. „Kein Mensch hat Herrschaft über den Geist, zurückzuhalten den Geist,- es giebt keine Macht am Tage des Todes" sagt der Weiseste der Weisen (Sprüche Sal. VIII, 8) und die den lichten Spuren ihres großen Vorbilds folgenden Weisen merken zu diesem Worte an:. „Kein Mensch kann zum Boten des Todes sagen, warte nur so lange, bis ich meine Rechnungen abgeschlossen habe, dann will ich dir folgen." Und dennoch giebt es Menschen, die ihr teuerstes Gut, die Zeit vertändeln, und geradezu zu „vertreiben" suchen! Mögen im Laufe des Jahres auch jüdische Menschen diesem Wahn verfallen,- aber der Schofarruf am Ausgang des scheidenden und beim Eintritt des neuen Jahres weckt mit der Sehnsucht nach neuem Leben auch das Bewußtsein vom Wert des Lebens, vom und wollte sie dieser Sorge entheben. Als ob ich nicht hätte wissen können, daß Deine Eltern Dich lieber unverheiratet sehen würden, als mit jemandem, der die Gebote Gottes nicht hält. Verzeih' mir, Kind, was ich Dir Schweres angetan habe." Ich brach in Tränen aus. Onkel, wie darfst Du so etwas sagen! Weiß ich doch, was Du unseren Eltern stets für ein treuer Bruder warst." „Laß gut sein," wehrte er ab, „ich danke ihnen mehr, als sie ahnen. Sie waren mein letzter Halt all die Jahre,- die Freude, ihnen helfen zu können, gab mir allein Mut zur Arbeit. Denke daran, Klara, es könnte ein Tag kommen, daß Dein Herz sich für einen Mann entscheidet, der Dir als Jehudi ebenbürtig istdann wisse, daß ich glücklich bin, Dir zur Gründung eines jüdischen Hauses helfen zu dürfen." Damit verließ er mich. Recha, Recha, was hat der arme Onkel für ein Leben. Ich kehre heim um eine Erfahrung reicher. Wie recht hattest Du Kluge, mir von einer Reise zu Verwandten abzureoen, die durch eine Welt von uns getrennt find! Deine Klara. (Fortsetzung st-lgt.) Der JSraelit._ Wert der Zeit. Sie wird nicht mehr verkürzt, sondern künstlich verlängert, indem ihr Ernst vor dem ersten Morgengrauen uns aus der Nachtruhe reißt, um mit der Bitte um Verzeihung — Selichos — für alle Irrungen und Verfehlungen des vergangenen Jahres alle von dem gleichen Sühnebedürfnis Erfüllten vor dem b'am NDD nun' 'Jid 'K sich zusammenfinden zu lassen. Zu Gott zurückgekehrt finden wir auf diesem Wege die Quelle des Lebens, das sonst nirgends geschöpft werden kann. „Im Licht des Königs- Antlitzes ist Leben" (Spr. Sal. XVI, 15). Zu Gott zurückkehren, - heißt aber nicht, ihn in den Synagogen aufsuchen, heißt weder Fasten noch Beten. Zu Gott zurückkehren, heißt zu unserer verlassenen Lebens Pflicht zurückkehren, heißt das Unrechte, das wir bis jetzt geübt, für die Folge unterlassen und das Gute, das wir bis jetzt unterlassen von nun ab üben. Gebet und Fasten sind allerdings erprobte Mittel, um diesen Lebensvorsatz leichter zu fassen und auszuführen,' aber diese Stütze zur Aufrichtung müßte selber zur Krücke des Abfalles werden, wenn wir uns mit diesem Weg zur Rückkehr begnügten, ohne sie selbst zu vollziehen. Deshalb hat Gottes Gnade für diese Selbftbcarbeitung und Selbstheiligung, für diesen Entschluß zu einem neuen Leben, zehn volle Tage bestimmt, die ersten zehn Tage des neuen Jahres, die Tage von Rosch-Haschono zum Jom Kippur. Nur über aufrichtige Rückkehr zu Gott und seinem Willen führt der Weg zur vollen Verzeihung und Versöhnung, nur nawn führt zu m£j, nur die zehn Teschuwo-Tage führen zum Jom Kippur. Das Leben, das wir nun von Gott erbeten, muß somit auch von uns neu gelebt, mit neuem Inhalt ausgefüllt und alles alte Unrecht, aller Wahn, aller Trotz und Dünkel aus demselben ausgeschieden werden. Unser ganzes Dasein, unser tägliches Tun und Lassen muß am Maßstab des Gottesgesetzes einer gewisselihaften Prüfung unterzogen wscden. Wo unser bisheriges Denken und Fühlen, unser Wort und unsere Tat, unser Erwerben und Genießen sich in Bahnen bewegte, die dem Willen Gottes zuwider waren, muß die Reue über das Verfehlte unseres Lebens' und Strebens, und der Vorsatz ein neues gottgemäßes Dasein zu beginnen, zur rettenden Tat führen — das ist rown, das ist Rückkehr zu Gott. Sie ist nicht leicht. Sie erfordert den Einsatz unserer ganzen sittlichen Kraft, sie verlangt mit lebensvoller Energie allen Reizen und Lockungen von Sinnlichkeit und Sünde zu widerstehen, sie besteht auf dem Verzicht dessen, was uns bis jetzt süß und lieb dünkte, sie wird den Hohn und den Spott aller derjenigen entfesseln, die bisher Hand in Hand mit uns dem Leichtsinn und der Sünde fröhnten, aber sie gewährt uns dafür ein neues Leben, das auf keinem andern Wege zu finden ist. Der große Troß nennt diejenigen Männer, welche skruppellos jeder Leidenschaft folgen, „Lebe - Männer" und sie sind doch in Wirklichkeit Kandidaten des Todes. Der Sinnentaumel, dem sie erliegen, das süße Gift das sie schlürfen, führt sie mit jedem Schritt, mit jedem Genuß dem Tode näher. Ihr Leben ist zerrissen, zerfallen und geteilt zwischen dem was Gott fordert und dem was das Tier in uns heischt, ihr Leben ist ein Kampf ums Dasein, der keine Ruhe und keinen Frieden kennt. Aber das neue Dasein, das mit Rosch-Haschono beginnt und über die Tschuwotage zum Jom Kippur mit seiner Sühne, mit seiner Seligkeit und seinem Gottesfrieden führt, das ist die Erfüllung des Wunsches, der mit dem Leben auch den Frieden erfleht, der D"n‘? lautet. Hat uns eben der Jom Kippur den verlorenen Frieden mit Gott, mit uns selbst, mit unserer ganzen Umgebung wieder gegeben, war sein letztes Wort, das er uns in das neue Leben mit hinausgab die Zuversichtliche Verheißung: nttny I'vliv2 D^ar, daß Gott dessen Friedenswalten aus den Himmelskörpern zur Erde niederftrebt _Sette 19. Rr. 99 auch uns und ganz Israel den ersehnten Frieden geben werde, und treten wir so „in Gotte- Namen" in das neu geschenkte Dasein ein, dann blübt aus diesem Dl}# ganz von selbst JlttW nnaan wie auf -vied ov ein Sukkos unnar jdt folgt. , , , . Jom Kippur verbürgt uns und ganz Israel seinen Frieden. Sukkos geht noch einen bedeutsamen Schritt weiter. Die Hütte, die uns am Sukkos vereint, ist allerdings eine ausschließlich jüdische Eigentümlichkeit. Das Hüttenfest ist das einzige der jüdischen Feste, das von unserer außerjüdischen Umgebung noch nicht angenommen wurde. Aber wenn sich die gesamte Menschheit einst feierlich die Bruderhand reichen wird, so wird er, nach dem Wort, das tn der Haftora der ersten Sukkostages zu unspricht, die große Völkerhütte fein, in welcher diese Verbrüderung erfolgte. Ein Strahl dieses einstigen Menschheitsglückes fällt schon heute in die Sukko und verklärt ihre Insassen, die im Vertrauen auf Gott, ihre festgefügten Wohnungen verlassen und sich unter einem leichten Laubdach freudig dem schirmenden Gottesschutz unterstellen. Wenn der große letzte Kampf ausgekämpft sein wird, der die Unzulänglichkeit aller menschlichen Kämpfe der ringenden Menschheit zum Bewu^- sein bringt, dann wird auch sie die jüdische Hütte und wir mit ihr den ausschließlichen Schutz und Schirm Gottes auffuchen, aus dem allein die wahre Lebenswonne fließt. Und wenn auch die große Menge zur Zeit die jüdischen Hüttenbauer leichgiltig und geringschätzig, fernab vom großen ebensstrom ihre Hütten bauen läßt, ja wen« sie ihnen selbst den ungeschmälerten Genuß aller Lebensgüter schmälern und verkümmern ^möchte, der Vater der Menschheit hat seinen au-erwählte» Herolden schon seit Jahrtausenden die Blüten und Früchte der Erde, wenn auch nur als Symbol in die Hand gedrückt, und lehrt sie mit ihrem Lulab die Freude vor dem Angesichte Gottes, ihres Gebers. Und wenn auch der Feststrauß mtt dem Ausgang des Festes unserer Hand entsinkt, es ruft nur noch einmal vor seinem Scheiden zur Sammlung msy und Besinnung vor Gott und entläßt uns nicht ins neu zu beginnende werktätige Leben, ohne uns unser höchstes Gut die Thora zu weihen und uns die Freude nnvw PHin zu lehren, die aus der treuen Erfüllung und Hochhaltung unserer Thora quillt. Mag die Hütte fallen, mögen die Früchte und Blumen in unserer Hand welken, die Thora bleibt uns auch nach dem Feste die treue Begleiterin in das neu beginnende wochentägige winterliche Leben. Das was uns in den gehobenen Feststunden freudig die Brust schwillt, mag in der rauhen Wirklichkeit des erwattenden Geschäftslebens schmerzlich von den heiteren Festsängern vermißt werden, unsere Umgebung mag diese Ideale und ihre Träger verkennen und lieblos bekämpfen, sie hoffen nz-ivv auf die Hilfe Gottes, die sich noch immer stärker erwiesen hat als alle Unbilden und Hindernisse. Und wenn selbst diese Unbilden und Hindernisse feste gesetzliche Formen annehmen, und uns schwerer staatlicher Druck, die Rechte und Wohltaten versagt, die anderen als etwas Selbstverständlicheeingeräumt werden, selbst dieses harte Geschick vermag uns den trostreichen Ausblick nana in die Zukunft nicht zu trüben, wenn wir sie mtt den Gedanken und Vorsätzen beleben, welche der Tischrimonat uns in reicher Fülle mit hinaus ins Leben giebt. Steht uns Gott in seiner Größe und Herrlichkeit da, und wissen wir uns getragen von der treuen Erfüllung seines Willens, so leben wir, wie es uns jedes Kaddischgebet täglich aufs neue in die Seele redet nmjro tnn in einer Welt, die sein Wille geschaffen und in der sein Reich waltet. Das bürgt uns dafür, daß noch in unfern Tagen das Morgenrot der Zeit anbrechen kann, anbrechen werde, welcher die ganze Menschheit unnacr pr ein von keinem Leid und Weh ungetrübtes Dasein bringen wird. Dann wird unser unn Wunsch seine ersehnte Erfüllung gefunden haben, und nicht nur die jüdischen Beter, die ganze