Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-09-24 · Heft 39 (24.9.1908) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 39 (24.9.1908)
Date
1908-09-24
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449338--64909-2507521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 18. Nr. 39. Der FSraelii. 24 Sep^-mver 1908. 'teilt würden. Die . Kinder des Ostens kommen zu denen des Westens, legen ihr Bettlergewand ad und bekleiden sich mit dem Flitter der Mode. Das ist häufig genug die ganze Kulturerrungenschaft. Wieviel Tragödien und Lebensromane -spielten sich aber seit je auch dort ab, wo die Kultur als Wissenschaft erfaßt wird und wo man sich dann durch das flutende Licht der neu geschauten Sonne blenden ließ und wähnte, man habe den Lichtquell des Geistes entdeckt, der seit den "Tagen der Schöpfung der Weld entzogen ward. So kommen die Söhne Gottes, der Erziehung durch das Thoraftudium, zu den Töchtern des Abendlandes. In Sturm und Drang erzeugten sie vielleicht geistige Niesengeschlechter und führten doch die Welt ibrer Umgebung der Vernichtung entgegen. So war es; muß es darum so bleiben?. Ist die Geschichte nicht da, um aus ihr zu lernen. Wir glauben, so weit wir es heute verstehen, das richtige Verhältnis von «mn zu JHK ->-N für die Erziehung unserer Kinder gesunden zu haben. Wäre es nicht möglich auch den russischen und galizianischen Kindern diese Wohltaten unserer Anschauungen angedeihen zu lassen? Stellen wir uns einmal die tatsächlichen Verhältnisse vor, wie sie die landläufig gegebenen sind. Die arme Familie kommt.in eine Stadt der westeuropäischen Län- . der, ernährt sich kümmerlich von Hausierhandel oder kleinem Handwerk. Auch die Frau ist mitbeschäftigt und die Verwahrlosung der Kinder ist groß. Was geschieht nun zu deren Erziehung? Sie besuchen die Volksschule ihres Ortes. Nehmen wir den günstigeren Fall an, daß diese Schule, da es sich ja meist um Städte handelt, eine jüdische Volksschule ist. Wie sieht es in derselben häufig aus? Sagen wir es kurz Anders, ganz anders als wir esetzes treue Juden uns eine jüdische Schule vorstellen müssen. Die Lehrer sind nicht religiös und das heißt im jüdischen Sinne nicht gesetzestreu, oder wenn es mehr zusagt, uns orthodox oder schwarz oder sonstwie zu nennen, so mag er das tun. Wir erkennen eben nur den Juden als religiös an, der Thora, Talmud und Codices als für sich verbindlich erachtet. Das religiöse Vorbild entspricht daher nicht dem, was die Kinder bisher als solches gewohnt waren und was die Eltern ihnen weiter geben möchten. Der hebräische Unterricht ist recht mangelhaft. Die Jahre, in denen in Rußland und Galizien die wesentliche Grundlage zur Thorakenntnis gelegt wird, gehen dem Lernen völlig verloren. Und das Traurigste von allem: Die Empfindungen der Kinder werden oft aufs Schwerste verletzt, sie werden zur Treue gegen die Gebote der Thora so vorbereitet, wie es die neologe Praxis sich eingerichtet hat. Der Vater aber kommt auch noch dieser Heiratsantrag, der uns so passend und erwünscht schien." „Lieber Onkel, eä tut mir so leid, Euch Kummer zu bereiten, wß mich nach Hause und mit den Eltern überlegen. Sieh es nicht als Mißtrauen an, lieber Onkel, aber . . . aber . . ." „Laß gut' sein, Kind. Du hast doppelt Grund alles mit Deinen Eltern zu überlegen, denen Du eine Erziehung verdankst wie sie wenigen zuteil wird Glücklich der Mann, der eine Tochter solcher echt jüdischer Eltern sein nennen darf. Für einen Arnold Johnsen bst Du zu schade." „Onkel!" Mit einem Aufschrei fiel ich ihm um den Hals. Er hielt mich fest und streichelte mich sanft, bis meine Erregung sich etwas gelegt hatte. „Du bist überrascht, liebe Klara, Du erwartetest von mir zu der Heirat zugeredet zu bekommen. Nun, in der Tat, als Arnold den Wunsch äußerte, freute ich mich von Herzen. Er ist ja scheinbar eine glänzende Partie durch soziale und pekuniäre Stellung, dabei ein hübscher, guter Junge. Das, was Du heute von ihm gehört hast und was Dich mit -Entsetzen erfüllt, gehört leider unter den jungen Leuten zum guten Tone. lächelt darüber; Jugend will austoben, unfnp gißt, wieviel Kraft und Gesundheit dabei verWsrr geht. Ob es nicht zum großen Teil der früheren yohen Sittenreinheit zu verdanken war, daß sich die Juden trotz oller jahrhundertlangen Vermuß tatenlos Zusehen, wie seine Kinder vom richtigen Wege durch die Schule, die jüdische Schule abgeleitet werden. Sein Baterherz kann ihm schier darüber brechen. Aber als armer Mann, der von der Gemeinde unterstützt wird, darf er kein Wort der Klage wagen. Ist es doch stets die Politik der Neologie gewesen, die wirtschaftliche Abhängigkeit zu mißbrauchen, um ihre eigenen religiösen Ideale zu propagieren. Und wenn nun gar den Kindern dadurch ein „Mitverdienen" winkt, daß sie in den Synagogenchor eingereiht werden —, dann bleibt der ärmste Familienvater nur noch zu bedauern, der so in die Versuchung geführt wird, zwischen Brot und Hunger sich entscheiden zu müssen. Wenn nun aber doch der Vater dem Kinde noch etwas Thora übermitteln möchte? Dann entsteht zumeist ein neuer Feind. Denn der Vater hat im Cheder gelernt, so muß das Kind es auch. Nur wenige, die Verständnis genug besitzen, den veränderten Verhältnissen entsprechend die Erziehungsweise zu ändern. Ein erfreuliches Einzelbeispiel, in dem die Kinder den neuen Verhältnissen des Westens unter größten Kämpfen und Entsagungen angepaßt, erzogen wurden und doch unentwegt und in immer steigendem Maße der Thora treu blieben,, haben wir oben angeführt. Meistens versucht man vergebens den Eltern über den Unterschied zwischen „Daheim" und hier die Augen zu öffnen. Und wirklich, die Alten sehen hier denselben Lebenskampf, dasselbe Goluth und durch die gemeinsamen Wohnungen in einem Viertel — auch dieselben Gesichter. Aber die Kinder sehen, und die Jünglinge und Jungfrauen verschlingen mit den Blicken die neue Welt. Da kann das alte Cheder keine Wehr mehr bieten. Es -ist darum völlig verfehlt, daß die Kinder diese Chadorim besuchen. Ohnehin wird zumeist dort nur Chumisch mit Raschi gelernt. Denn mehr kann der „Melamed" selbst nicht. Es wird zudem kein Schüler ausgenommen, der nicht bezahlen kann. Die Leute bringen Opfer — und das vergebens. Die Art und Weise, wie dort gelernt wird, bewirkt unbewußt — durch den Gegensatz zur Schule — das Gegenteil von dem beabsichtigten Zweck. Für das Leben muß man die Sprache der Zivilisation lernen und für die Tauroh genügt das Jiddisch, auf das die Kinder doch verachtend herabzusehen schon hei der Ueberschreitung der Grenze gelernt haben, — das muß schaden. Sie lernen nie die Umgangssprache richtig gebrauchen. Denn im Cheder und zu Hause üben sie fortwährend die von ihren Eltern als heilig angesehene Sprache des Jiddisch. Sie lernen nicht Jüdisch denn der Melamed, der nicht einmal im Taurohwissen hervvrragt und von sonstigen Bildungselementen keine Ahnung hat, kann weder in denr folgung erhalten haben. Ihr Heim war heilig. O daß mit dem Verlassen der Tauroh auch diese Gesetze von den meisten nicht noch beachtet werden. Du wunderst Dich über mich, liebes Kind. Deine Stellung Arnold Johnsens Antrag gegenüber weckt beschämend in mir auf, wie ich, der Mann, vor Jahren mich in ähnlicher Lage benommen habe. Du weißt, daß wir früh verwaisten Geschwister nach dem Tode der Eltern von den Verwandten erzogen wurden. Mich nahm ein Onkel, der als Jude lebte, aber, kinderlos, wie er war, wenig Fühlung mit der Jugend hatte. Er brachte mich in einem Geschäft unter, in dem Schabbos gehalten wurde - aber um meinen sonstigen Verkehr kümmerte er sich nicht viel. So lernte ich durch Zufall Tante Rosas Vater kennen. Er hielt mich für tüchttg, bot mir eine gute Stellung in seinem Büro aner arbeitete am Schabbos, aber ich sollte dispensiert sein. Natürlich nahm ich sie an, und nach wenigen Monaten ließ er mich wissen, daß er mich gern zum Schwiegersohn und Teilhaber machen würde. Seine Tochter, ein bildschönes, gebildetes Mädchen, hatte mir sofort gefallen, ich hätte aber nicht gewagt, das Auge zu ihr zu erheben. Wohl kam mir der Gedanke, daß ich ein Märchen heiraten würde, das aus ganz anderen religiösen Grundlagen erzogen war als ich, auch daß ich mechalel Schabbos sein würde als Taurohwissen noch moralisch irgend welche Erfolge erzielen. Wir brauchen uns aber eine Zukunft nicht erst auszumalen, die von solchen Elementen gestaltet wird. Ohne Tauroh und ohne Bildung kann ein solches Geschlecht unseren Kindern sehr gefährlich werden. Sie vermehren das geistige Proletariat Und je mehr ihr 'Streben nach äußeren Erfolgen und Besserstellung ihrer wirtschaftlichen Lage von Erfolg gekrönt sein wird, um so mehr wird die Tauroh von ihnen verlassen werden. Dem Geschlecht der Entsagung folgt ein solches des Genusses. Die Armut wird durch Wohlstand ersetzt. Hemmnisse der Gesetzgebung und Verwaltung verdoppeln den Eifer, regen die Intelligenz an und der Enkel des Hausierers wird der König des Marktes sein. Werden diese Enkel dann noch Juden sein, dann werden sie dem Judentum, Talmud und Thora und Awaudoh und Gemilus-Chesed aus Dankbarkeit starke Stützen sein und der Aauroharme Westen erbt die Tau roh des Ostens. Und der kulturell und wirtschaftlich zurückgesetzte Osten dankt dem glücklicheren Westen sein Lebeusbrot. In brüderlicher Ergänzung hätten die vom Osten und vom Westen sich dann zusammengefunden und würden vereint aus den heutigen Druck zurückblickend, sprechen: „Ich danke dir Gott, daß du mir gezürnt Haft." Diesen Ausgang der geschichtlichen Erscheinung, die wir erleben, zu geben, ist unsere Pflicht, macht die Kulturausgabe aus, vor der wir stehen. Wo daher die Schulen nicht in jüdischen, gesetzestreuen Händen liegen, da ist es unsere Pflicht, die ausländischen Kinder unter besonderen Schutz zu nehmen, für sie vor allem einen ihnen angemessenen Unterricht in und D"tP einzurichten und sie für das Leben im Westen mit den Elementen zu festigen, die das jüdische Rüstzeug ausmachen. Es ist solcher Unterricht schon mancherorts eingerichtet worden. Unseres Erachtens müßte die „Freie Vereinigung" die Sorge dafür zu ihren anderen Sorgen nehmen. Schon unsere Weisen mahnen uns: „Beachtet die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thorah aus." Und der Prophet fordert uns auf, nachdenklich beobachtend die Geschehnisse der Zeiten zu erfassen zu suchen, denn die 0^117 ma’^n Gänge der Geschichte, die nur dem Gottesgesetze dienen, sind Gottes. ver Lkcdri-Monat. Als man am Schabbos vor Rosch Chodesch Elul den neuen Monat ankündigte, ging mir der Gedanke an alles das durch die Seele, was zwischen dem heutigen Rosch-Chodesch-Benschen Mitbesitzer eines am Schabbos arbeitenden jüdischen Geschäfts, auch wenn ich selbst Schabbos hielte, — aber der Glanz der Stellung war zu verlockend und die religiösen Grundlagen nicht fest genug, ich willigte ein und war bald Tante Rosas vielbeneideter Gatte. Sie ist mir immer eine gute Frau gewesen, aber unser Innenleben war und ist getrennt geblieben. Jüdisches Leben hat sie nie kennen gelernt, und mir fehlte es in den ersten Jahren nicht. Auf ihren Wunsch arbeitete ich gleich ihrem Vater am Schabbos. Nach dessen frühem Tode war ich Chef des Hauses und fühlte mich stolz und glücklich. Doch man gewöhnt sich an diesen äußeren Glanz schnell genug, innere Befriedigung fehltedenn trotz aller äußeren Harmonie — man hält uns für ein Musterehepaar — entbehre ich Seelenübereinstimmung. Ich michte gern wieder als Jehudi leben, einen Wunsch, den meine Frau für eine krankhafte Marotte hält. Kinder sind uns nicht geblieben, ich danke jetzt Gott dafür, denn Jehuoim wären sie doch nicht geworden. Da kam Tante Rosa der Gedanke, Dich zu uns zu nehmen, sie weiß, daß ich Deine Mutter ganz besonders liebe. Ihr Plan war dabei, Dich mit Arnold zu verheiraten, damit meinte sie, seiest nicht nur Du, sondern auch Deine Geschwister versorgt. Und ich, Tor, willigte ein. Ich weiß, daß Deine Eltern Dir keine große Mitgift geben können

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.