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Der Israelit · 1908-09-24 · Heft 39 (24.9.1908) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 39 (24.9.1908)
Date
1908-09-24
Page
– (sequence 27)
Language
German
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4* Jahrgang M 9. üdiscber Volköfreund h«4 Monats-Beilage zum „Israelit Yerantwortitcbe Redaktion t Rabbiner Dr. B. (Qolf to Köln. Var ausländische Problem im Inland. Die großen und kleinen Hilfsorganisationen für unsere osteuropäischen und außereuropäischen Brüder haben wohl alle ein wirtschaftliches Ziel. Wie könnte es auch anders sein? Muß doch zumeist sofort der ersten und ärgsten Not gesteuert werden. Nur im Auslande wird durch den dortigen ° Mangel staatlicher Einrichtungen und allgemeiner Kultur auch noch eine geistige Not anerkannt. Dort werden für Bildungszwecke aller Art große Summen gegeben. Dahingegen in Deutschland steht einzig und allein ein wirtschaftliches Problem bezüglich der eingewanderten russischen und galizischen Familien iw Vordergrund. Und doch ist auch hier die geistige Not noch sehr groß. Allerdings ist sie nur für gesetzestreue Kreise verständlich und daher nur von diesen Kreisen zu lösen. Es handelt sich für uns darum, die große Bewegung auszunutzen, die den osteuropäischen Teil unseres Volkes ergriffen hat. Solche Bewegungen wollen von großen, welthistorischen, teleologischen Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Die Bemerkung, die Raschi zum ersten Vers des Pentateuchs ansührr, die ganze Welt sei wegen der Thora, Israels wegen geschaffen, die ganze Weltgeschichte diene nur dazu, der Thora Anerkennung und ihren Trägern um des Prinzip es willen den Sieg zu verschaffen, gewinnt bei geschichtlicher Betrachtung einen Ehrfurcht gebietenden Ernst. Im Brennpunkt der politischen Geschichte der Zeiten steht Israel und das Strebeziel aller Kulturgeschichte hat die Erreichung des Thora-Israels zum Gegenstand. R. Eliah Gutmacher7"Xt hat vor etwa 50 Jahren schon, gesagt: „Wir hatten auf dem europäischen Kontinent in allen Ländern schon Blüte- - Perioden der Thora: in Spanien und Frankreich, Italien, Deutschland und Rußland. Und hier im letzten Jahrhundert in hervorragendem Maße. Es kann nicht anders sein, als daß unsere russischen Juden von der Vorsehung dazu ausersehen sind, .Pioniere der Thauroh in den neu entdeckten Erdteilen zu werden." So ist es gekommen. Der schürfe Geistesblick des großen Mannes war nicht der eines Propheten. Er betrachtete nur die Gänge der Zeiten mit ehrfurchtsvollem Aufblick zu Gott, der dieses unser Volk sich erwählt hat, um seinen Ruhm zu verbreiten. Das Psalmistenwort: „ich will mit Bewußtsein unter den Völkern seine Taten verkünden", muß das Leitwort und das Leitmotiv unserer geschichtlichen Betätigung bilden. Weshalb die wirtschaftlichen Verhältnisse und die > politischen Ereignisse der europäischen Länder wie ein Sämann mit voller Hand unsere Brüder aus jenen Gegenden in den westlichen Kulturboden pflanzen, können wir als Zeitgenossen mit Bestimmtheit nicht wissen; wir können nur Vermutungen darüber haben und Ahnungen hegen. Beides bleibt praktisch unfruchtbar und hat für die Anforderung, die die Tatsache dieser vorhandenen Bewegung an unsere Pflichtbetätigung stellt, keine Bedeutung. Nur das rririn mpjff mim b'nvn und Srntr rnpR“l RlpJtf klingt seit dem ersten Raschi-Unterricht in der Jugend uns in den Ohren. Und dieses thorazentrische System echt iüdischer Lebensauffassung ist stark genug über alle noch so hervorstechenden Kulturunterschiede des Ostens und des Westens, hie sich gar oft bis zur Unmöglichkeit der äußeren Gemeinsamkeit steigern, die innere Zusammengehörigkeit nicht vergessen zu lassen. Gerade im Hinblick auf eine große jüdisch-menschliche Aufgabe, die die Geschlechter der Zukunft erwartet, werden wir uns daher der Kinder derer, die heute in einer kulturfeindlichen SUmmung zu uns kommen, wie der eigenen Kinder anzunehmen haben. Was immer der tiefere historische Sinn dieser Einwanderung sein mag, unsere Kulturaufgabe, die wir an diesen Brüdern in unserer Gegenwart zu lösen haben, ist klar. Welches Verbrechen würden wir auf uns laden, welchem Unglück würden wir diese Irgend entgegenführen und welches Unheil würden wir zugleich unseren Kindern und Enkeln bereiten, wenn wir uns diesen Ruf einer ernsten Pflicht, die von der größten Tragweite ist, gegenüber gleichgültig verhalten würden. Hat doch ein hochgestellter Nichtjude, der leider allzufrüh verstorbene Herr v. Balau, Regierungspräsident in Köln, als er die glänzenden Gymnasialzeugnisse zweier im Ausland geborener.Kinder sah, den spontanen Ausspruch getan: „Hier haben wir eine Kulturaufgabe zu erfüllen" und er bewilligte sofort den bis dahin verweigerten Gewerbeschein. Wie sehr hätten wir Anlaß, uns diese goldenen Worte eines Nichtjuden ins Stammbuch zu schreiben, damit sie uns selbst unvergessen blieben; denn diese allgemeine Kulturaufgabe hat für uns Juden — und dabei spreche ich ausschließlich zum Kreise der Gesetzestreuen — einen noch ganz besonderen hohen und ernsten Sinn. Was wäre uns, tvas wäre der Zukunft, was wäre der Thora, der Sache des Judentums und auch der mit ihm aufs engste verbundenen Judenheit damit gedient, würden die Kinder einer fremden Welt wirklich die Werte der westlichen Kultur nur äußerlich einschätzen lernen? Als wenn man nicht bei solchen Uebergangszeiten noch immer erlebt hätte, daß wo Welten Welten begegnen, sich die Sachen hart im Raume stießen und manche Abbröckelung des Alten zu Gunsten des Neuen erfolgte. Als wenn'wir nicht wüßten, wie leicht fremde neue Dinge nach ihrem Aeußern beur- Fe« €lne Berliner Reise. (Fortsetzung.) Liebe Recha! Die Ereignisse überstürzen sich förmlichjeder weiteren Ueberlegung bin ich enthoben. Ich werde nicht Arnolds Frau werden. Gestern nachmittag war ich zu einer Kaffeegesellschaft eingeladenobgleich mir der Sinn nicht danach stund, wünschte Tante dennoch meine Begleitung. Es waren mehrere junge Mädchen da, denen ich mich zugesellte. Nachdem die neuesten Theaterstücke mal wieder besprochen waren, wendete sich die Unterhaltung dem Lieblingsthema, dem Klatsch, zu, wie immer wenn man ganz, ganz unter sich ist. Das Thema interessierte mich eigentlich gar nicht, ich kenne ja die Betreffenden oft nicht. So ging es mir auch heute - da lagen einige Abbildungen berühmter Gemälde, in denen blätterte ich zerstreut, meine Gedanken waren ja wo anders. Plötzlich trifft der Name Johnson mein Ohr. Du kannst Dir denken, daß ich aufmerkte. Lachend erzählt eine der feinen, gebildeten, jungen Damen da eine Geschichte, die zwischen ihm und einem Ladenmädchen vorgefallen ist, die wiedMngeben sich meine Feder sträubt. „Wie können Sie so ,etwas von einem anständigen Herrn sagen, das kann nicht wahr sein," fahre ich die Sprecherin an, „das ist Berläumdung!" Spöttisch sieht mich das Fräulein an. „Aha, Unschuld vom Lande. Die Geschichte ist gut verbürgt, mein Bruder war ja dabei, natürlich nur teilweise! Sie kennen unsere Herren hier schlecht, Johnsen ist noch einer von den anständigen. Die Jugend muß sich austoben, das gibt nachher die besten Ehemänner. Brrr, so ein Tugendlamm, das die Mädels nur aus der Entfernung anschmachtet, möchte ich wirklich nicht haben." Ich war starr. Inzwischen ging die Unterhaltung weiter. Und all die jungen Damen, die sonst so fein tun, schämten sich nicht, die schmutzigsten Sachen von Herren zu erzählen, zu denen sie in freundschaftlichem oder verwandtschaftlichem Verhältnisse stehen. Ich schlich mich leise davon und war froh, als Tante Rosa mich zum Fortgehen ries. Meine Erregtheit fiel natürlich der Tante auf, und ich erzählte ihr das Erlebte. „Nun, liebe Tante, stehst Du ja, daß ich Herrn Johnsen nicht heiraten kann," schloß ich. „Aber, liebes Kind, was geht Dich denn das an?" rief die Tante erstaunt, „wenn Ihr verheiratet seid, wird Arnold sich schwerlich mehr mit anderen Mädchen einlaffen, er ist ein durchaus treuer, guter Mensch." „Tante, und oll die Mädchen, mit denen er sich bisher ein gelassen hat, war er denen auch treu?" fragte ich empört. »Liebes Kind, - das verstehst Du nicht," sagid Tante Rosa herablassend lächelnd, „Du kannst Dich auf mich verlassen, Arnold ist nicht schlechter als andere junge Leute seines Alters, er wird imnier gut gegen seine Frau sein." „Ich weiß aber sicher, daß meine Mutter neulich mit Vater sprach, daß sie niemals einen Schwiegersohn aufnehmen würde, der nicht ebenso rein in die Ehe tritt wie ihre Tochter, das jüdische Sittengesetz gebe den Männern auch keinen Freibrief zur Unsittlichkeit." „Deine Mutter hat immer nur an einem kleinen Platze gelebt, ihre Ansichten über diesen Punkt sind etwas veraltet, ich fürchte, wenn sie dabei beharrt, wird sie keine Tochter verheiraten. Nun, Du wirst Deinem Onkel vielleicht eher vertrauen als mir, wenn er Dir zuredet," setzte sie etwas gekränkt hinzu. Schweigend gingen wir weiter. Ich zog mich bei der Ankunft zu Hause gleich auf mein Zimmer zurück um mir die Ereignisse zu überlegen. Es dauerte nicht lange, da klopfte es und Onkel Karl trat herein. „Armes Kind, Du hast Schweres durchgemacht. Ich hatte es gut mit Dir vor, als ich Dich emlud und Du hast manche schwere Stunde hier." „Aber, Onkel . . .!" „Nein, nein, bestreite es nicht, ich sah sehr bald, daß unsere ünjüdische Lebensführung Dich fremd halt trotz besten Willens der Tante. Und. nun

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