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Der Israelit · 1908-09-24 · Heft 39 (24.9.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 39 (24.9.1908)
Date
1908-09-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Regierung keinerlei Differenzierung ihrer Staatsangehörigen direkt oder indirekt Vorschub leisten will. Ebenso unverständlich erscheint die Angabe des Nürnberger Blattes, daß Jüdische Reisende ein Attest -er Handelskammer beizubringen haben, »daß die betreffende Firma eine angesehene der Branche ist". Ein solches Attest wird meines Wiffens von keiner russischen Gesandtschaft und ebenso wenig von irgend einem russischen Konsulat zur Bedingung für das russische Visum gemachtem solches Verlangen würde auch den bestehenden Handelsvertragsbestimmungen widersprechen, zumal der Begriff „angesehene Firma" doch ein sehr dehnbarer ist. Die russischen Vertretungen im Auslande können vielmehr nur die Vorlage einer Bestätigung der Handelskammer bezw. eine . Abschrift des Handelsregistereintrages, aus welcher hervorgeht, daß der Paßinhaber Teilhaber einer handelsgerichtlich eingetragenen Firma ist, verlangen. Wenn von altersher vielleicht in Nürnberg noch andere Gepflogenheiten herrschen, so Wäre es Zeit, mit diesem Zopf aufzuräumen, zumal, wie ich bestimmt weiß, die russische Gesandtschaft in München nichts anderes als die Feststellung der Tatsache des handelsgerichtlichen Eintrages der betreffenden Firma als Voraussetzung für ihr Visum fordert. Wenn nun in der erwähnten Korrespondenz weiter behauptet wird, daß durch die Bezeichnung des Paßinhabers als ^Hebräer" späteren Unannehmlichkeiten des Reisenden während dessen Aufenthalts in Rußland Tür und Tor geöffnet sei, so kann dies angesichts der bekannten russischen Verhältnisse nicht bestritten werden. Aber auf das entschiedenste dürfte der in der ftaglichen Nürnberger Korrespondenz enthaltenen Behauptung entgegenzutreten sein, daß „keine andere Regierung ihre Staatsbürger nach der Religion klassifizieren lasse". Wer dies schreibt, hat keine Ahnung von den einschlägigen Verhältnissen und insbesondere von den Bemühungen, die sich die Reichsregierung bei den letzten Handelsvertragsverhandlungen gegeben hat, um die russische Regierung zu einer anderen Auffassung der Dinge zu bestimmen. Das Auswärtige Amt in Berlin hat erst vor wenigen Monaten in einem Rundschreiben an die Bundesregierungen zur Weiterabe an die deutschen Handelskammern darauf ingewiesen, daß die Behandlung deutscher Staatsangehöriger israelittschen Glaubens auf Geschäftsreisen in Rußland durchaus keine differenzielle zu Ungunsten Deutschlands ist, daß vielmehr, wie die in Paris, London und Washington durch die dortigen deutschen Geschäftsträger eingeholten Berichte erwiesen haben, auch dort seitens der ruffischen diplomatischen Vertretungen derselbe Konfessionsvermerk in den Pässen fran- Der Mraekw zösischer, englischer und amerikanischer Bürger bei Reisen nach Rußland eingetragen wird, wie dies in Deutschland bedauerlicherweise der Fall ist. Die mir von befreundeter Seite aus Frankreich, England und Amerika gewordenen Informationen bestätigen durchaus die Richtigkeit der erwähnten offiziösen Mitteilung und ich erlaube mir, etwaigen Zweiflern gegenüber nach dieser Richtung hin insbesondere auf den im „American Hebrew" und „Jewish Messender" in Newyork vom 14. Februar 1908 abgedruckten Sitzungsbericht des amerikanischen Kongresses vom 11. Februar zu verweisen. Auch in dieser Sitzung wurde von den verschiedenen Rednern in beredter Weise der Entrüstung über diese Differenzierung der amerikanischen Bürger Ausdruck gegeben und der russischen Regierung die Berechtigung bestritten, „das Religionsbekenntnis eines amerikanischen Bürgers auszuforschen." Fn dem September-Heft des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, das einen Auszug in deutscher Uebersetzung auS den bezüglichen Kongreßverhandlungen enthält, ist auch mit Recht daraus aufmerksam gemacht, daß das Parteiprogramm des demokratischen Nationalkonvents in den Bereinigten Staaten gerade im Hinblick auf diese unerquicklichen Dinge für die zukünftige Präsidentenwahl ausdrücklich als Parteiforderung das Prinzip aufstellt: „Wir verpflichten uns an dem rechtmäßigen Schutze unserer Bürger daheim und in der Fremde festzuhalten und ihnen ohne Unterschied von Rasse und Glauben den Schutz unserer Gesetze zu sichern." Aber auch die erwähnte Parlamentsverhandlung in Washington hat mit einer sehr nichtssagenden Erklärung des Staatssekretärs des Aeußern geendigt, wonach die amerikanische Diplomatie von Neuem die bezüglichen Verhandlungen mit Rußland aufnehmen werde. Jedenfalls ergibt sich hieraus zur Evidenz, daß diese Unannehmlichkeiten, über welche wir deutsche Juden uns beklagen, vorläufig auch unsere amerikanischen, deutschen und englischen und französischen Glaubensgenossen in gleicher Weise berühren. Diese Misere könnte nur ein völliger Umschwung in der inneren russischen Polittk ein Ende bereiten, weil nach meinen Informationen, die russische Regierung dem Drängen des Auslandes auf gleichmäßige Behandlung ausländischer Kaufleute ohne Unters chied der Konfession stets das Argument entgegenhält, daß Rußland israelitischen Kaufleuten des Auslandes keine Vorzugsstellung gegenüber seinen eigenen jüdischen Kaufleuten, die dort Steuern und Abgaben zu zahlen haben, gewähren kann. Glaubt doch die russische Regierung, daß sie schon ein ganz besonderes Entgegenkommen dem Auslande dadurch betättge, well sie die israelittschen Teil- Haber ausländischer Geschäftssinnen ihren eigenen israelittschen Kaufleuten erster Gilde, die eine Minimalgewerbesteuer von 10(0 Rubel bezahlen müssen, in vielfacher Beziehung z. B. bezüglich der Aufenthaltsberechttgung in Moskau etc. gleichsteüt! Nur ein völliger Systcmwechsel der gesamten inneren Polittk in unserem großen östlichen Nachbarlande wird m. E. endlich einmal mit diesen bedauerlichen, mittelalterlichen, aller Sitte und Kultur hohnsprechenden Zuständen gründlich auftäumen. Karlsruhe, 10. September. Der berühmte Rabbi, der den bekannten Ausspruch getan haben soll, „alles schon dagewesen", ist nun von einem Rabbisohn Lügen gestraft worden. Denn daß ein Jude, zudem noch der Sohn eines angeblichen Rabbiners, in äußerst gehässiger Weife gegen Juden und Judentum und besonders gegen die Schechito-Institution öffentlich und im Feindeskreise auftritt, dürfte doch noch nicht dagewesen sein. Es geschah aber vor einigen Wochen bei der letzten Tagung des „Verbandes der badischen Tierschutzvereine" in Heidelberg, als ein gewisser Herr Edgar Löwy von hier, der sich als Sohn eines badischen Rabbiners vorstellte, sich auch kompetent fühlte, sich über die Schächtfrage zu äußern. Nachdem der Redner seinen ganzen Stammbaum aufgeführt und die Beziehungen seines rabbinischenVaters zu Stein, Geiger und Rießer geschlldert hatte, gab er auch einiae Stichproben seiner rabbinischen Gelehrsamkeit, indem er zunächst die so viel gepriesene und so viel mißbrauchte Geduld Hillels wiederum auf eine sehr harte Probe stellte. Hiüel, meinte er, habe nach Grütz (!) die ganze jüdische Religion auf die Nächstenliebe beschränkt, in welcher das Schächtverfahren unmöglich mit inbegttffen sein kann. Dann erzählte der gelehrte Redner, nach Fürst, den Zusammenstoß Jacobs mit dem Engel bei Peniel, um daraus ebenfalls zu folgern, daß weder das Schächten den Juden geboten, noch der Genuß der Aderteile verboten sein könne. Daß der Opferdienst aufgehürt hat und die Gesetzesvorvorschrift des Joweljahres nicht mehr einaehalten wird, ist für den Rabbinersohn der beste Beweis, daß auch Gesetze der Thora wandelbar und abänderlich seien. Das Schächten, sagte er, habe nur den Zweck, das Tier so blutleer als nur möglich zu machen und hänge mit dem Verbote des Blutgenusses zusammen. Er erklärt aber sodann in einem ganz eigenarttgen logischen Zusammenhang, daß das Schächten — also das Schächten, das seiner Meinung nach das Verbot des Blutgenusses bei den Juden vor aller Welt dokumentiert, — viel zum Ritualmordmärchen, unter dem die Juden von jeher so viel zu leiden und gebrochen. Zn den höheren Lagen kam tozU tez nichts als ein unangenehmes Lallen heraus. Trotzdem schien er sehr textsicher und die üblichen Melodien waren ihm geläufig. Sie waren, wenn sie auch nicht klar zum Bortrag gelangten, so doch deutlich markiert. Dieser Umstand und der Ernst des Momentes, wie die Helligkeit des Ortes mußten Zusammenwirken, um unangenehme Zwischenfälle seitens der unzufriedenen Gemeindemitglieder, deren Blicke mehr als einmal vorwurfsvoll, ja oft drohend den Chasan und die Borsteher streiften, zu vermeiden. Noch am gleichen Abend fand sich der Vorstand zu einer Beratung darüber zusammen, ob der „fremde Chasan" weiter vorbeten solle. Die vrrsöhende Roschhaschonostimmung kam auch dem Fremden zu Gute. „Er war müde, mit den Verhältnissen zu wenig bekannt", macht« man geltend. „Cs wird schon besser gehen!" Und es ging in der Tat besser. Das Mussasgebrt am ersten Roschhrschonotage siel besser aus als man nach dem ersten Debüt erwarten durste. Der fremde Chasan fand sich immer mehr in seine Aufgabe, seine Stimme war reiner und sicherer, die Melodien kamen besser zum Ausdruck und die Gemeinde war befriedigt. Am Nachmittag des ersten Festtages verließ der fremd« Chasan die Synagoge nicht. In einer Ecke, von reinem beobachtet, saß er und betete leise für sich hin. Die Röte war von seinem Gesicht gewichen. Er schien über Nacht älter, bleicher und magerer geworden zu fein. Ganz zusammengekauert faß er in sein Tillim vertieft, es merkte keiner, wie oft eine Träne sein Gesicht herunterrieseltr mtb von dem alten vergilbten Psalmbuche, in welches schon so manches Leid hineingefungen, aus welchem schon so mancher Trost g-schöpft ward, ausgenommen wurde. Am zweiten Festmorgsn fanden die ersten Synagogenbesucher den Chason schon in Talis gehüllt auf seinem Platze. Langsam trat er, als die Thora eingehoben war, an den Pult und sing sehr leise, aber fest und sicher den Mussafkaddisch an. Später als alle wurde der Borbeter mit der „stillen Andacht" fertig. Run begann er langsam und getragen mit feierlicher und gehobener Sttmme zu rezitieren. „Unsane taukef kduschas hajaum". Der Borbeter singt nichtsondern erzählt nur. Und jedes Wort fällt mjt solcher Wucht, daß die Herzen erbeben. Man hört das leise geheimnisvolle Flüstern der Engel, die sich bebend zurusen: „Siehe, der Tag des Gerichts." Und nun zählt er vorsichtig und behutsam wie der Hirte die Herde zählt.-„Am Rosch-haschonoh tvird es geschrieben und am Jomttppur besiegelt." — Me Gemernde steht begeistert, lauscht wie geistesabwesend den Tönen des Mannes, den sie gestern nochzu verdammen bereit war und der sie heute mit hinrrißt und in entfernte erdentrücttr Welten versetzt. „U tschuwoh utfilloh üzdokoh!" rufen sie, als Antwort, als Beifall, als Aeußerung der Zufriedenheit und Gottesbegeisterung zugleich. Der fremde Chasan scheint indeß immer mehr zu wachsen. Länger und gedehnter als sonst üblich betont er bas UtschuwoL. Wie ein Schmerzensschrei ringt es sich aus seiner Brust hervor, ein Schmerzensschrei, der zugleich von den Schweden erlöst und in seiner letzten Tönung schon wie ein Freuoenruf der Befreiung klingt ... Und nun erzählt der Borbeter ruhiger, aber mit wohlllingender und volltönender Sttmme von Gott, der „schwer zu erzürnen und leicht zu besänftigen sei, der auch nicht am Tode des Bösen Wohlgefallen hat. sondern auf seine reumütige Rückkehr bis zum Todestage wartet." Denn, „was ist der MensÄ der Erdensvhn? Ein zerbrochener Scherben . . ., verdorrtes Gras, eine verwelkende Blume... ein dahinhuschender Schal-, ten... eine schwindende Wolke... ein verwehender Wind... ein verschwommener Traum..." Mit dem fremden Chasan war eine Veränderung vorgegangen. Man hat die Kruste förmlich schmelzen sehen, die seine Sttmme und fern Herz erst bedeckte. Bor Augen und Ohren der ganzen Gemeinde spielte sich der wunderbare Vorgang ab. Wer man merkte es kaum. Der Uebergang war verwischt. Begeistert und hingerissen stehen sie und lauschen dem Gebete des fremden Mannes, der, wie es scheint, sich >um keinen kümmert und nur für sich Gott anrust und f ü r s i ch Seine allumfassende Liebe in Anspruch Nimmt, und doch die ganze Gemeinde Mit in oi: fremden, glückverheißenden, selig umrauschten' Welten hinaufträgt, in die lichtumflossenen Höhen Gottes, wo Liebe und Wärme, Güte und Beleihung wohnen, mit hiuaufzieht .... Es, singt und jubelt im Innern des fremden Mannes. Und bezaubernder Gesang erfüllt den ganzen Raum. Wie lange hatte er nicht miehr gebetet,' wie lange nicht mehr den Weg zu Gott gesucht. Und heut» »»ahm Er sich seiner in Liebe an. Wie unendlich groß ist die Liebe Gottes .... Ein verfehltes Leben lag hinter Ihm, 1mt Gott unb Menschen hatte er feit langem gebrochen. Aus Trotz und Leichtsinn und unter dem Drucke bitterer Not wollte er sich noch einmal den Spaß leisten, der Juden und ihres Gottes zu spotten und mittelst seiner in früher Jugend gelernten und geübten religiösen Kenntmsse einen Borbeterdienst an den höchsten Feiertagen anzunehmen. Wie wunderbar ist die Erziehunasweise Gottes. Er streckt ä»uh dem nur scheinbar $u ihm ‘s

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