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Der Israelit · 1908-09-17 · Heft 38 (17.9.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 38 (17.9.1908)
Date
1908-09-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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17. September 1908. Der JSraeltt. Seite S. Ro. 38 vorgelesen wird. Ihr Gebetbuch enthält auch einige Gebetstücke aus der jüdischen Gebetvrdnunc nach dem sephardischen Ritus, aber sonst pflegen sie viele mohammedanische Gebräuche. Wie die Muselmänner, so ziehen auch die Karaiten bet der Andacht die Schuhe aus.' Interessant und bezeichnend für die inneren Widersprüche in ihrer Religionsübun.q ist auch, daß der Synagogendiener, dessen Amt es ist, die Thoraspenden zu verzeichnen, diesen Dienst auch am Sabbat nicht einstellt, sich aber bei dieser Arbeit, um den Sabbat und seine Gemeinde nicht zu verletzen, in ein Nebenzimmer zurückzieht. Im übrigen klagte der Chacham, daß die karaitische Jugend auf die Religion nicht mehr viel hält und den neuen Strömungen sehr zugänglich ist. Die „Karaiten" bemerkt der „Heb Hasman", haben sich vom jüdischen Volkstum längst losgesagt. Lassen sie doch ihre Kinder nicht mehr im Hebräischen unterrichten, und ist doch ihr einziges erstrebenswertestens Ideal, sich mit den Russen vollständig zu assimilieren. Im Besitze aller Bürgerrechte, deren die Juden entbehren, versäumen sie auch keine Gelegenheit, ihren offenen Haß gegen die Juden zu zeigen. Während der furchtbaren Pogrome in Jekaterinoslaw haben die karaitischen „Brüder" nicht nur keine Spur von Teilnahme mit den Unglücklichen gezeigt, sondern fraternisierte^ sogar offenkundig mit den Holigans. Es sollen sogar viele jüngere Karaiten in nahen Beziehungen zu dem „Echtrussischen Verbände" stehen. Warschau, 7. September. Das Gesetz der Sonntagsruhe existiert bis anhin hier im eigentlichen Sinne nicht, und die Polizei, die auf anderen Gebieten arbeitet, bekümmert sich wenig darum, ob jemand Sonntags ruht oder nicht. Nun aber ist auch diese Frage aufgerollt worden, und zwar durch die Arbeiter und Arbeitgeber. In einigen hiesigen Fabriken entstanden Streitigkeiten zwischen den christlichen und jüdischen Arbeitern, von denen die ersteren am Sonntag, die letzteren am Sabbat den Betrieb eingestellt haben wollten. Eine Zeit lang schien es, als ob die Sache dadurch eine friedliche Lösung erhalten sollte, daß die jüdischen Arbeiter, die Sabbat hielten, am Sonntag zu taufe ihre Arbeit verfertigten. Mit diesem ustand wollten sich aber die Fabrikanten für die Dauer nicht zufriedengeben, und bestimmten, mit Rücksicht auf die christlichen Arbeiter, die die Mehrzahl bilden, die vollständige Sonntagsruhe, wodurch nun viele jüdische Arbeiter, die den Sabbat nicht entweihen wollen, brotlos geworden und auch viele schwächere Naturen sich zur Sabbat-Entweihung entschlossen. Die Fabrikanten und Arbeitgeber sind in allen Fällen Juden, und ihr Vorgehen wird allerseits sehr scharf verurteilt. Charakteristisch für die hiesigen Verhältnisse unter denen die Juden leben, leiden und lernen ist folgender Fall: Ein reicher Jude, möchte seinen Sohn, der mit gutem Erfolge die Vorschule absolviert hat, in der Handelsschule unterbringen. Es wird ihm aber der Bescheid, daß der Prozentsatz bereits erreicht sei und daher sein Sohn nicht mehr ausgenommen werden kann. Die Not macht aber erfinderisch. Nach einigem Suchen gelang es dem Juden, drei geeignete arme christliche Jünglinge zu finden die er nun auf seine Kosten in der Handelsschule unterbrachte. Durch die derartige Vermehrung der christlichere Schülerzahl ergab sich noch ein Platz für einen Juden, den nun sein Sohn, der auf diese Weise die vierfachen Unterrichtsgebühren zahlt, einnehmen wird. Lodz, 8. September. In unserer Stadt wird gegenwärtig ein Verein gegründet zum Zwecke des Ankaufs von Land in Palästina. Dieser Verein wird vorläufig aus 200 Personen bestehen. Jedes Mitglied zahlt beim Eintritt in den Verein einmalig je 300 Rbl. in barem Gelde, also wird das Kapital des Vereins auf diese Weise 60,000 Rbl. erreichen. Der Verein hofft bei der „Angly Palästina-Äank" ein Darlehen von 40,000 Rbl. zu erhalten. Wenn ihm dann ein Kapital von 100,000 Rbl. zur Verfügung steht, wird der Verein mit dem Ankau' von Ländereien in Palästina beginnen. Diese Ländereien werden, wie der Verein beabsichtigt, der Aufsicht des Jüdischen Komitees in Palästina auf die Frist von 5 Jahren übergeben. Im Lause dieser Zeit wird das Land bearbeitet werden. Jedes Vereinsmitglied verpstichtet sich außerdem, jährlich je 100 Rbl. einzuzahlen. Dieses Geld fließt einem besonderen Fonds zu, welcher zur Auszahlung der Löhne an die Arbeiter, die das Land bearbeiten, sowie zur Errichtung einer Milchwirtschaft bestimmt ist. Nach Ablauf dieser Frist können die Bereinsmitglieder in der Kolonie sich niederlaffen. Bisher haben sich dem Vereine 100 Juden aus unserer Stadt als Mitglieder angemeldet. Die Idee der Gründung des Vereins hat unter der jüdischen Bevölkerung unserer Stadt viel Sympathie gefunden. ifrcmkreidj. Paris, 10. Sept. Der Journalist Gregori, der im Pantheon auf Major Dreyfus schoß, wurde heute von den Geschworenen freigesprochen. Die vom Angeklagten als Zeugen vorgeladenen Minister Clemenceau, Picquart und Doumergue haben unter Berufung auf ihr gesetzliches Vorrecht ihr Erscheinen verweigert, andere wie General Andre, General Dalstein, Major Cuignet, Abgeordneter Josef Reinach, Graf Montebello entschuldigten ihr Wegbleiben. Im Verhör suchte Gregori die Mordabsicht zu leugnen. Er sagte, er habe nicht auf Dreyfus, sondern auf den Dreyfusismus geschossen, er hege gegen Dreyfus keinen Haß, Dreyfus. sei aber ein Symbol. Die beiden Schüsse habe er unmittelbar nach einander abgefeuert, er habe nur eine Kundgebung beabsichtigt, als die Teilnahme der Truppen an der Pantheonfeier amtlich angekündigt wurde. Die -Zeugenaussagen stellten die Unwahrhei aller Aussagen Gregoris fest. Trotzdem gelangte das Gericht zu einem freisprechenden Urteil. Die Nationalisten haben verzweifelte Anstrengungen gemacht, einen Zusammenstoß herbeizuführen, um den Prozeß zu einer erneuten Dreyfushetze auszunutzen. Es gelang ihnen jedoch nicht und ihre Provokationen blieben unbeantwortet. Das sreisprechende Urteil, durch welches all ihre Pläne abgeschnitten wurden, kommt ihnen sehr ungelegen, obzwar sie Freude heucheln und ein Jubelgebrüll anstimmten. Die Verkündigung des Wahlspruches war von einem Sturm von Freudenrufen, in die sich auch vereinzelte Proteste mischten, begleitet. Der Tumult war so heftig, daß der Vorsitzende den Wachleuten befahl, den Saal zu räumen. In den Wandelgängen dauerte das Gebrüll fort, m bem Hochrufe auf Gregori und Todesschreie gegen die Juden weitaus vorherrschten. Vor dem Justizpalast waren in Voraussicht dieses Ausganges geworbene Banden der „Action Francaise" und der katholischen Jünglingsvereine versammelt, die den Wahrspruch mit Gejohl begrüßten und den herauskommenden Gregori im Triumph heimgeleiteten. Sie schickten sich an, nach den Boulevards und zu den Nationalisten-Blättern zu ziehen. Amerika. New York, 8. September. Vorigen Montag jat im Newyvrker Eaft-Eud, dem fast ausschließlich von eingewanderten Juden bewohnten Stadtteil ein großer Brand gewütet, der 31 Werkstätten, ogenannte Sweating Shops (Schwitzbuden) eingeäschert hat. Auch mehrere Menschenleben ind zu beklagen. Es besteht der Verdacht, daß!)as Feuer von frevlerischer Hand gelegt wurde,!)a in der vergangenen Woche gleichfalls an 25 verschiedenen Stellen des East-End gelegtes Feuer zum Ausbruch gekommen war, jedoch rasch unterdrückt werden konnte. Die Opfer des Brandunglückes sind zum Teile Werkstatthüter, die über Nacht in der Werkstätte schlafen müssen und nun dort den Feuertod gefunden haben. Außerdem pflegen arme Arbeiter, die den teuren Mietzins in dem dichtbevölkerten Ghetto n icht zu erschwingen vermögen, ihr Nachtquartier in den Werkstätten oder Geschäftslokalen ihrer Arbeitsgeber aufzuschlagen. Die übrigen rekrutieren sich aus frisch angekommenen Emigranten, die jeden Groschen zusammensparen, um den in der Heimat zurückgebliebenen Angehörigen das Geld zur Ueberfahrt schicken zu können. Auch diese Leute verzichten auf ein eigenes Ouartier und nächtigen in Werkstätten, woselbst manche von ihnen jetzt den Flammentod gefunden haben. llermircdter. Köln, 15. Sept. Die Jüdische Kolonialbank (Jewish Colonial Trust) verteilt für das Geschäftsjahr 1907 eine Dividende von 6 Pence für jede Aktie von 1 Pfund Sterling — 0, 50 Mk. Der Kupon für das Jahr 1907 ebenso wie die älteren Kupons Nr. 1 im Werte von 0,40 Mk., Nr. 2 im Werte von 0,50 Mk-, Nr.'3 im Werte von 0,65 Mk. werden von der Bank (Schatzmeister Herr Wax Woll st einer, Charlottenburg 4, Sybelstraße 50) kostenlos etngelöst. Gloaau, 9. Sept. Grabsteine mit hebräischen Inschriften wurden hier bei den Schachtarbeitm für Errichtung des JustizgebäudeS hinter dem Gefängnis im Sande eingebettet befunden. Der eine Stein trägt den Ramm Chajlm Keslin, war hier Dajan (Rabbtnatsassefsor) ynä starb im Jahre 5566 a. m. — 1806. Ein anderer zeigt das Jahr 5563 ■ 1793, in der Inschrift ist der Name einer Frau verzeichnet. Der dritte Stein ist nur ein Bruchstück, auf vrm uas Jayr osso — %7ür bei aeto&fm* lichen Zeitrechnung erkennbar ist. Die Frage, wie diese Steine in diesen Grund kommen, auf dem wohl niemals ein Friedhof war und sicherlich in den letzten zwei Jahrhunderten niemand dort begraben wurde, wird wohl wahrscheinlich damit beantwortet werden können, daß fie nur durch Grabesschändung dahin gekommen find. Böswillige Mensche» haben oftmals auch vor Gräbern nichts Halt gemacht und Steine von dort weggeschleppt. Manchmal nahm man auch arglos solche Denkmäler, um fie aW Bausteine zu verwenden. So findet man beispielsweise alte Häuser, in welche Grabsteine, sogar künstlerisch wertvolle, eingemauert find. Hohensalza, 15. Sept. Die feierliche Einweihung der neuen Synagoge wird vorausfichtltch am 24. SeptVr. stattfinden. Zu der Einweihungsfeter haben Oberpräfident v. Waldow und Regierungspräsident Dr. v. Guenther ihr Erscheinen zugesagt. vsi* Schirmeck, 9. Sept. Heute fand hier die Grundsteinlegung zum Bau der Synagoge statt. Rabbiner Dr. Goldstein aus Mutzig hielt vor einer zahlreich versammelten Menge eine ergreifende Ansprache. Die neue Synagoge wird auf einem Grundstück des Holzhändlers JÄes.. Remh errichtet, das die israelitischer Gemeindea WvKichr .'erworben hat. Die Baukosten find tzurch SaMmlung-st»; der israelitischen Gemeinde, durch Subventtan^ümMe»/ gierung,sowie der Gemeinden Schirmt».«- BorbvEM voraus gedeckt. Göttmgen, 11. Sept. Die jüdische Synagogen^ und Schulgemeinde in Mollenfetde (Kr. Göttingen) an welche auch die israelittschm Bewohner von Hedemünden angeschlosfen waren, ist infolge «ussterbens und Wegzuges der Mitglieder aufgelöst worden. Die Synagoge wurde auf Abbruch verkauft. Bochum, 11 Sept. Am Sonntag, 20. September, findet in Bad Saffendorf die Grundsteinlegung zu dem Bau des israelittschen Kinderheims für Westfalen und angrenzende Bezirke statt. llereittsweze«. Berlin» 12. Sept. Es hat sich hier auf Initiative mehrerer Damen und Herren ein „Jüdisch-soziales Komitee" gebildet, das zunächst eines eingehenden Studiums der sozialen Fragen der Gegenwart, welche für Juden undJudentum vonJntercsse find, beabfichtigt. Folgende Zeitfragen sollen demnächst in Borträgen behandelt werden: die Stellungnahme zur Berufswahl) zur, Gewerkschafts- und G enossenschaftsbewegungr die hygienische und soziale Erziehung der Kinderdie Gefahren, denen die Jugend in der Großstadt ausgesetzt ist u. v. m. DaS Komitee beabsichtigt auch die Abfassung einer Denkschrift und eines Rundschreibens an die jüdischen Gemeinden und späterhin die Bildung einer „Jüdisch-sozialen Gesellschaft". Die nächste Sitzung findet am Donnerstag, den 10. Oktober in Dräfels Fcstsälen statt. Herr Dr. Zlocisti wird in dieser Zttzung aber die „Sozialhygiene des jüdischen KindeS" vortrazen, woran sich eine Diskuffion anschlirßen wird. Rawitsch, 11. Sept. Der seit langem bestehende Wunsch des geschäftsführenden Ausschusies des „Verbandes der Sabbathfreunde" auch in der altehrwürdigen Gemeinde Rawitsch eine Ortsgruppe zu besitzen, and am Sonntag, 6. September, seine Erfüllung. An fiesem Tage hatte fich im Saale des Hotels zum grünen Baum in Rawitsch eine ganz imposante Berfammlung

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