Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1908)
- Date
- 1908-09-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 38. Der JSraelit. 17. September 1908. Genf/ 11. September. In der ungewöhnlich stark besuchten Generalversammlung der jüdischen Gemeinde am letzten Sonntag wurde über die Rabbinerwahl entschieden. Als Kandidaten waren vom Vorstande die Herren Rabbiner Günzbourger aus Paris und Rabbiner Wolf aus Sedan ausgestellt. Mit kleiner Stimmenmehrheit wurde ersterer zum Rabbiner der Gemeinde Genf gewählt. Der gewählte Rabbiner ist 1876 in Hericourt in Frankreich geboren und funktioniert seit 8 Jahren als Directeur des „Cours Religieux" am Pariser Konsistorium/ in welchem Amte er oft den Grand Rabbi zu vertreten hatte. Dem Rabbiner geht der Ruf eines strebsamen, tatkräftigen Mannes voraus und gilt er im Verhältnis zu seinem Gegenkandidaten mehr als Vertreter der sogenannten „Mittelpartei". Eine durchgreifende Aenderung, wie sie den im Argen liegenden religiösen Gemeindeverhältnisse in Genf so bitter not tut wird auch von dem neuen Manne nicht erwartet werden dürfen. Oesterdeich. Czernowitz, 10. September. Die Jiddische Konferenz wurde heute mit einer Ansprache des Herrn Dr. Birnbaum geschloffen, nachdem einstimmig eine Resolutton folgenden J«h«tzLtes gefaßt^warde: „Die erste Konferenz für die jiddische Sprache ernennt das Jiddische als die Nationalsprache des jüdischen Volkes an und fordert für dieselbe politische, gesellschaftliche und kulturelle Gleichberechtigung." Diese Resolution bedeutet den offenen Bruch mit den „Hebraisten" und Zionisten, der aber von den letzteren, die der Konferenz keine prakttsche Bedeutung beimessen, nicht allzu tragisch genommen wird. Der erwartete Dichter Mor. Rosenfeld ist trotz wiederholter Ankündigung nicht eingetroffen und hat sich weder an den Verhandlungen noch an den literarischen Abenden beteiligt. Der Grund seines Ausbleibens soll in persönlichen und prinzipiellen Zwistigkeiten mit Asch liegen. Ein unangehmer Zwischenfall ereignete sich an dem literarischen Abend, der am Dienstag im Musikvereinssale abgehalten wurde. Unter den geladenen Gästen befanden sich auch die Gemeindevorsteher mit ihrem Präsidenten Dr. Straucher und die Vertreter aller befferen Streife von Czernowitz, die ein Herr Singer, in seiner Eröffnungsrede auch besonders zu begrüßen für gut hielt. Dieses verletzte die Gefühle der Bundisten, die in ihrer tapferen Bundesschwester Ester Frumkin aus Rußland sowohl an den Verhandlungen wie an den Veranstaltungen eine resolute Vertreterin hatten. Kaum hatte der Redner seine Lobeshymne auf die jüdische Intelligenz der Stadt Ezernowitz beendet, als die aufgeregte Bundistin gegen den Protest des Präsidenten die Rednerbühne bestieg und in echter Bundiftenfprache gegen die Bourgeoisie, die hier an Stelle der Arbeiter zu Gast geladen wurde, losdonnerte. Sie machte den Veranstaltern des Banketts den Borwurf, die Arbeiter in.empörender Weise beleidigt und benachteiligt zu haben. Da die Demonstrantin, von ihrer Rede ganz erschöpft, mit einigen Anhängern den Saal verließ, so konnte sich das Programm nun ungestört abwickeln. Die Redner waren immer die gleichen: Dr. Birnbaum, Peretz, Asch, Prilutzki, usw. Ungarn. Simonie. (Bon unserem Korrespondenten^ Budapest, 5. September. Die Altofner neologe Gemeinde hat bereits vor Monaten den Prediger der neologen Gemeinde in Preßburg Dr. Funk zu ihrem Seelsorger gewählt. Es sollte bereits die Installation erfolgen, als der Dr. Funk feindlich aeflnnte Vorstand der Altofner Gemeinde, der als Nachfolger der wahrhaft großen Männer, die einst, als die Gemeinde in Attofen noch eine 7*0EPH OKI 1^7 war, den Rabbinatssttz geschmückt haben, viel lieber einen waschechten Zögling des Pefter neologen Seminars gesehen hätte, sich noch zu einer Tat entschloß. Er schrieb eines schönen Tages dein, von der Majorität der Gemeinde zum Rabbiner gewählten Dr. Funk, daß er auf seine Berufung verzichten möchte, da 4 Mitglieder der Gemeinde, ihrer eigenen Aussage nach, für ihre für Dr. Funk abgegebenen Stimmen Geld erhalten hätten. Hieraus erklärte Dr. Funk dem Vorstande, daß es ihm gar nicht in den Sinn komme, auf die Altofner Stelle zu verzichten, um so weniger, als er weder Geld, noch Aufträge jemand gegeben hätte, für seine Wahl zu agitieren. — Nun wird die Sache einem neologen Schiedsgericht übertragen werden. Bisher wütete die Simonie bloß in kleineren Gemeinden, woselbst bei Rabbinerwahlen leider sehr häufig der Geldsack des reichen Schwiegerpapas eines Kandidaten den Ausschlag gab. Nun scheint dieses Uebel auch in größeren Gemeinden Platz zu gewinnen. -r- # Die orthodoxe Gemeinde in Szabadka hat Herrn Anselm Jungreiß aus Hermannstadt zum Rabbiner gewählt. Derselbe ist ein sehr .tüchtiger! Talmudist. Es ist jedenfalls ein sehr erfreuliches Symtom, daß selbst in den Zentren des religiösen Verfalls, zu denen leider auch Szabadka gehört ein n’ntftP sich findet, der die Fahne des überlieferten Judentums aufs neue aufhißt. Her Biidiof und leine Partei. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 11. Sept. Der katholische Bischof von Kaschau hielt sich dieser Tage in Nagymihäly auf. Auf die an ihn gerichtete Ansprache einer Deputatton der dorttgen jüdischen Gemeinde erwiderte er folgendes : „Ich bin Ihnen dankbar für den freundlichen Empfang. Wenn wir auch nicht einer Religion angehören, so haben wir dennoch als Kinder eines gemeinschaftlichen Vaterlandes Berührungspunkte, wo wir uns miteinander Zusammentreffen können. Zudem ist das „Alte Testament" unser gemeinschaftlicher Schatz, unser gemeinsames Fundament. Gott segne Sie und die, die sie gesendet." Schade nur, daß die politische Partei, der der hochwürdige Bischof von Kaschau, Herr v. Fischer- Colbrie — wahrscheinlich aus pietätvoller Erinnerung an seinen früheren Aufenthalt in der schönen Kaiserstadt an der blauen Donau, wo er lange Jahre hindurch als Professor an dem berühmten katholischen Priesterseminar „Plasmaneum" wirkte — mit Leib und Seele angehört, nämlich die von Wien aus auch nach einigen Gegenden Ungarns hereingeschmuggelte „christlich-soziale" Partei, nicht vom Geiste der obigen schönen Worte ihres bischöflichen Patronatsherrn durchgedrungen zu sein scheint, da sie überall, wo sie Wurzel fassen kann, den Vernichtungskampf gegen die Juden auszunehmen sich bestrebt. Mögen doch die schönen Worte des Kirchenfürsten vor allem in seiner eigenen politischen Partei auf fruchtbaren Boden fallen. Budapest, 10. September. Die ungarischen orthodoxen jüdischen Groß- und Kleinkaufleute, Fabrikanten und Kleingewerbetreibenden hielten eine Landeskonferenz ab, deren einzigen Gegenstand die Gesetzvorlage über die Sonntagsruhe bildete. Den Vorsitz führte Dr. Jakob Schächter. Die in der Konferenz erbrachten Beschlüsse werden, in ein Memorandum gefaßt, dem Handelsminifter unterbreitet werden. Zum Schluffe wurden an den Handelsminister Franz Koffuth und den Staatssekretär Joseph Szterenyi Begrüßungstelegramme gerichtet. gtaftlanir. Petersburg 10. September. Dem Befehl des hiesigen Generalgouvereurs an die Polizei vom August liegt eine Liste von 281 jüdischen Handwerkern bei, die im Verdachte stehen, sich nicht ausschließlich mit ihrem Handwerk zu befassen und daher aus den Gewerkschaften administrattv ausgeschloffen wurden. Diese 281 Familien, die in der Tat ehrbare Handwerker sind, und deren einzige Sünde darin besteht, datz sie, um ihre Familie zu ernähren, auf einen befferen Absatz ihrer Produkte bedacht waren, haben nun durch ihre Ausschließung das Wohnrecht in Petersburg und im Innern Rußlands eingebüßt und werden die Stadt verlassen müssen, um im Rayom das jüdische Proletariat zu vermehren, oder, wenn sie bei ihrem „Handel und Gewerbe" sich soviel als für die Reise nötig erspart haben, nach Amerika auszuwandern. Rostow, 5. September. In hiesiger Gegend herrscht die Cholera, worüber die Berbändler ganz besonders erfreut sind. Die Herren aus der Schule Dubrowins, Kruschewans und Purischkewitschs sind geschichtlich geschult und wissen, welchen Erfolg ihre antisemitischen Vorgänger im Mittelalter mit der Ausstreuung, die Juden hätten durch Brunnenvergistung die Pest heraufbeschworen, erreicht haben. Nun „haben die Juden auch die Choleraepidemie verschuldet." Wie dieses geschehen sein sollte, mußte man im Mittelalter angebeu, aber im heutigen Rußland fragt man danach nicht. Die Juden haben es getan! Das genügt und die Massen sind dann gleich bereit, das Volksgericht auszu'ühren. Umsomehr als auch die Geillichkeit mit all ihren Machtmitteln bestrebt ist, das Volk gegen die Juden aufzustacheln. So geschah es, daß dre hiesigen Geistlichen zur Abwehr der „Choleraepidemie" und der „Judengefahr" einen Kreuzgang mit den Kirchenfahnen und Heiligenbilder am letzten Sonntag veranstalten, an dem sich viele Tausende, zumeist aus den untersten Schichten der Bevölkerung, die nichts zu verlieren haben und zu allem fähig sind, beteiligten. Die Angst, die die Juden während der Prozession ausgeftanden haben, spottet jeder Beschreibung. In sicherer Erwartung eines Progromes verlebten sie in ihren dumpfen finstern Verstecken schreckliche Stunden, während in den dicht von Menschen gefüllten Straßen Kirchenlieder ertönten und die immer wiederkehrende Aufforderung: „Erschlagt die Juden!" Indessen kam der Pogrom nicht' zustande. Die Polizei, die auf vorhergehende verzweifelte Jnterventton der jüdischen Intelligenz von hier und Petersberg strenge Weisungen von Oben erhielt, tat dieses Mal mit Hilfe des Militärs gewissenhaft ihre Pflicht. Progrome sind in Rußland ausgeschloffen — wenn sie die Behörden nicht haben wollen. Jekaterinoslaw, 10. September. Ueber die karaitische Gemeinde in Jekaterinoslaw und deren Verhältnis zum Judentum und den Juden daselbst macht der Korrespondent des „Hed Hasman", der dieser Tage den Chacham dieser Gemeinde darüber interpelliert hat, einige sehr interessante Angaben. Die karaittsche Gemeinde zählt etwa 65 Familien. Es sind zumeist bemittelte Leute, einige sind sogar sehr reich. Da sie keine besondere Schechttahinstitution unterhalten, so benutzen sie die der jüdischen Gemeinde und decken ihren Bedarf an Koscherfleisch bei den jüdischen Metzgern. Die Gemeinde besitzt eine kleine, aber sehr schön ausgestattete Synagoge, die aber nur am Samstag und an den Festtagen geöffnet wird. Der Besuch ist aber so schwach, daß selbst an solchen Tagen oft ohne „Minjan„, (der auch bei ihnen vorgeschrieben ist, aber in der Regel nicht eingehalten wird,) öffentlicher Gottesdienst abgehalten wird. Die Gemeinde vesitzt '3 Thoraroüen, die von jüdischem Sosrim angefertigt, aber darin von der Tradition abweichen, daß sie je am Schluffe noch Namen und Familiennamen des Stifters enthalten. Die Mäntelchen und Futterale, in welchen die Rollen aufbewahrt sind, sind aus kostbarem Silber. Die Thorarollen werden sehr geschont, da sie nur an bedeutenden Sabbaten ausaehoben werden, während an gewöhnlichen Sabbathen aus einem gedruckten, m prachtvoller Silberfaffung gehaltenen Pentateuch der Wochenabschnttt NuiÜMMil