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Der Israelit · 1908-09-17 · Heft 38 (17.9.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 38 (17.9.1908)
Date
1908-09-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Nr. 68. L« Israel«. 17. September 1908. treibung jener revolutionären Grünschnäbel und Prahlhänse ihre bejammernswerten Früchte getragen. Unsere nie schlummernden Feinde machten Miene, als ob sie in der Tat jene eitlen, törichten Prahlereien ernst nehmen und schmiedeten aus denselben neue unerhörte Anklagen gegen Juden, als Schöpfer und vorzügliche Träger der das Vaterland ruinierenden, den Staat untergrabenden Revolution, und so sind es eben die Juden, welche die harmlose, leichtsinnige russische Jugend zu den schlimmsten Staatsverbrechen verleiten. Diese bildet nun die stehende, von'der antisemitischen Presse überhaupt und von dem leider allgewaltigen „russischen Volksverband" insbesondere gegen Juden geführte Beschuldigung, die um so gefährlicher ist, als es 'ferne autoritative jüdische Institution gibt, welche dissÄbe kräftig widerlegen könnte. Die Verleumdungen unserer Erzfeinde, gestützt auf die Artigkeit, auf die noch mehr närrische als arrotfcrnte Selbstverherrlichung der jüdischen revolutionären Jugend finden in maßgebenden Regierungskreisen wie unter den breiten Volksschichten um so leichter Glauben, als dieselben auf keinen Energischen Widerspruch von Seiten der überwiegend starken Majorität der russischen Juden- -Heit stoßen, welche nichts weniger als revolutionär und ihrem Grundwesen nach durchweg loyal und stäedfertig ist. - - h (Fortsetzung folgt) LVr*. orrespond enzen und ^Machrichten. Berlin, 15. September. Der Hilfsverein der Deutschen Juden übersendet uns die nachstehende Mitteilung: Wiederholentlich war es vorgekommen, daß bei der Landung in Jaffa die türkischen Beamten Persönlichkeiten, die ste für Juden hielten, den Paß abnahmen und ihnen zur Legitimation auf dem Lande statt des Paffes einen roten Zettel gaben. Diese Einrichtung war darauf zurückzuführen, daß die türkische Regierung eine Maffeneinwanderung von Juden in Palästina zunächst zu eontrolieren und alsdann zu verhindern wünschte. Bei dieser Procedur ereignete es sich nicht selten, daß auch Reisende, die gar keine Juden waren, nur weil ihr Außeres, oder ihr Name den türkischen Beamten jüdisch erschien, sich die zeitweise Confiscation i'wes Paffes und die Ausstattung mit dem roten Zettel gefallen laffen mußten. Alle Proteste gegen dieses Verfahren, das unsere Glaubensgel,offen einer anderen Behandlung unterwarf, als die Nichtjuden, war msher erfolglos geblieben. Als Herr Dr. Nathan am 14. Mai des Jahres gleichfalls in Jaffa landete, wurde auch ihm der Paß abgenommen, und er erhielt statt dessen den üblichen roten Zettel, und das geschah, obgleich der kaiserlich deutsche Vize-Consul in Jaffa die Güte gehabt hatte, seinen Cavaffen zu schicken, damit aus diese Weife alle Weitläufigkeiten beim Landen vermieden würden. Es gelang auch alsdann dem Vize-Consul nicht, trotz energischer Bemühungen, die Aushändigung des Passes für Herrn Dr. Nathan zu erlangen. Diesen Anlaß benutzt Dr. Nathan, um die Frage der Behandlung fremder Juden in Jaffa, wenigstens insofern als es sich um deutsche Juden handelt, zum prinzipiellen Austrag zu bringen. In einer Beschwerde an das Bize- Consulat in Jaffa legte HE Dr. Nathan dar, daß die differenzielle Behandlung deutscher Staatsangehörigem je nach ihrer religiösen Zugehörigkeit seitens der türkischen Behörden als eine Ungesetzlichkeit zu betrachten sei, und daß es dem Ansehen Deutschlands nicht entsprechen könne, wenn einzelnen seiner Staatsangehörigen von türkischen Beamten eine Ausnahmestellung zugewiesen würde. Es wurde in dem Schreiben alsdann noch besonders darauf aufmerksam gemacht, daß der Paß eines Reisenden sein Eigentum sei, und daß der Paß bei Reisen in orientalischen Ländern überdies als ein besonders wertvolles Eigentumstück zu betrachten sei, da man ohne Paß erhebliche Gefahren laufen kann. Die Einbehaltung des Passes käme also einer zeitweiligen Confiscation eines im Besitze eines deutschen Reifenden befindlichen Eigentumstückes gleich. Diese Reklamation hat Erfolg gehabt/ dank der überaus energischen und anerkennenswerten Bemühungen der deutschen Behörden ist nunmehr Remedur geschaffen. In einem Schreiben vom 28. August, das der kaiserliche Botschafter in Konstantinopel, Freiherr v. Marschall, an Herrn Dr. Nathan gerichtet hat, heißt es: „Ich teile Ihnen ergebenst mit, daß die Angelegenheit durch Absetzung des Paßbeamten Nefchat Effendi ihre Erledigung gefunden hat". Die unwürdige Behandlung von Juden, die deutsche Reichsangehörige sind, wird damit wohl endgültig in Jaffa beseitigt sein. Man kann aber auch zuversichtlich voraussetzen, daß das moderne Regiment in der Türkei es seinerseits sich angelegen sein laffen wird, Reisende, die Palästina aufsuchen, in einer liberalen, modernen Anschauungen entsprechenden Weise behandeln zu laffen. Die Cagung des bagerifdien Landes- Vereins. K. Nürnberg, 11. Sept. Der kurzen Mitteilung über Tagung des Landesvereins und deren Resultat möge noch folgender ausführlicher Bericht als Stimmungsbild folgen. Anwesend waren 35 Ausschußmitglieder, 18 Mitglieder hatten Vollmachten geschickt. Ueber' dieses Zahlenverhältnis nur eine kurze Bemerkung. Von den anwesenden 35 Herren waren 13 Rabbiner, von den restlichen 22 Anwesenden waren 9 aus Nürnberg, 5 aus München, 3 aus Fürth,' je 2 aus Augsburg und Bamberg, je eines aus Aschaffenburg, Würzburg und Kitzingen und endlich die zwei Delegierten des Lehrervereins. Von den 18 Vertretungen wurden fünf durch Nürnberger, drei durch Münchener Herren ausgeübt. Ergo hatten von den insgesamt 53 Stimmen die Vertreter der beiden Großgemeinden 22 Stinmien. Wir registrieren dieses Zahlenverhältnis einstweilen ohne jeden Kommentar, ebenso die Tatsache, daß abgesehen von den Lehrern höchstens vier Stimmen für die Orthodoxie reklamiert werden konnten. Trotzdem fühlt sich der Landesverein als Ausdruck der Anschauungen der Gesamtherrschaft Bayerns! Auch über die Vertretungen ein Wort. Es sollte wirklich beschloffen werden, daß Vertretungen nur durch solche Persönlichkeiten ausgeübt werden dürfen, welche mit dem bevollmächttgenden Ausschußmitglied demseben Bezirk angehören, dann wäre wenigstens einigermaßen ein Ausgleich zwischen Stadt und Land möglich. Wasman aber zu den Rabbinern sagen soll, die sich bei einer so wichttgen Abstimmung durch einen Nicht- Rabbiner, zu den Orthodoxen, die sich durch einen Neologen vertreten lassen, dafür fehlt uns der Ausdruck. Derartig also war die Korona zusammengesetzt, welche dem Werke vom 28. Mai die Krönung geben sollte. Der Antrag Ofner- Fränkel gab in der Tat der ganzen Tagung seine Signatur, auch schon im Beginn der Sitzung, als sich einige Herren über etliche journalistische Darstellungen beschwerten, welche sich an den Bericht über die Versammlung vom 28. Mai angeschlossen hatten. Doch dieses Vorwerke. Bei 'dem allgemeinen Interesse, welches auch viele Leser dieser Zeitung für die Juden der Stadt Kitzingen haben, sollen hier einige wesentliche Momente aus otejer Broschüre hervorgehoben werden. Schon im Jahre 1147 war die jüdische Gemeinde zu Kitzingen eine der größten Kreisgemeinden des Rabbiners und sogenannten Judenmeisters von Würz, bürg. Bon dem Gespenst« des Blutmär^ wurde auch Kitzingen nicht verschont und fe ,uuP mit Mitt» wach, den 15. Ab.5003 (5. Aug. 1273) eine Judenverfolgung statt, welche viele Opfer forderte. Diel er ttaurige Vorfall wiederholte sich unter gleicher Beschuldigung am 'Montag, den 19. Tamus 5058 (30. Juni 1298 und 28. Februar 1336. Trotz dieser Stürme besserten sich allmählig wieder die Zustände, und sicherte man den Juden Schutz und Schirm zu, wenn die Judensteuern gut eingingen. Gegen End: des 15. Jahrhunderts bedrohte die Juden Franksns eine ernste Gefahr der Ausweisung, welche von dem Fürstbischof Rudolf v. Schwerenburg ausging, doch wurde dieselbe durch Verfügung drs Markgrafen Friedrich von Brandenburg abgewendet. Wiederholt ergingen Ausweisungsdekrete 1516, 1540 und 160$, die jedoch nicht zur Ausführung kamen. Anno 1623 wurde von dem Fürstbischof Franziskus ein Schutzbries für die Juden Kitzingens erlassen, der jedoch 1637 wieder widerrufen wurde. Nach einer am 25. August 1640 vorgenommenen Zählung bestand die „Judeng:m:inde" aus 63 Köpfen, die, ttne aus den erzählte» Umständen sw schließen ist, wohlsituiert warm. Das Haus Rch. 6 Zn der oberen Bachgasse ist auf das bestimmtest; als die Synagoge aus jener Zeit zu erkennen (abgebildet Seite 16 der Chronik) Johann Philipp, Fürstbischof zu WÜrzburg und Herzog zu Franken (1642) war ein milder und gerechter Fürst, der auch den Juden wohlgesinnt war und dem Amtmann Werner Schenken von Atauffenberg in Kitzinaen dringend ans Herz legte, die Juden ms all: anderen Bürger zu behandeln. 'Um das Jahr 1678 siedelten sich auch etliche Juden in der Vorstadt Etwashausen in, di: vorher nt' Salzfeld gewohnt hatten. Als 1771 ein: schwere Teuerung dahier herrschte, wurden die Häuser der Juden geplündert und ihr Hausrat gestohlen und versetzt; viele zogen daraufhin .fort und tauben in Mainstockheim, Marktsfest und'Sickertshawen gastliche Aufnahme, bis im Jahre 1789 die Juden aus Kitzingencndgültig aüsgewiesen wurden. Zwar erhielten später wieder einige Juden der umliegenden Ortschaften die Erlaubnis hier zu hausizren, durften aber nicht übernachten. 1831 gestattete der Stadtmagistrat dem Kaufmann Joseph Silber und '1847 dem Kaufmann Hirsch, Stern, beide von Mainstockheim, Geschäfte hier zu gründen und Läden zu eröffnen. Durch das Emanztpationsedikt vom 10. November 1861 waren alle weiteren Schranken gefallen und am 15. Januar 1863 machte sich als erster Jude Herr A. B. Stern aus Mainstockheim hier ansässig, dem kurz darauf noch weitere folgten und nach einer am 20. November 1864 von der Kgl. Regierung von Untersranken und Aschassenburg genehmigten Statut?nordnung eine eigene Gemeinde gründeten. Diese pachtete alsbald ein der Stadt gehörendes, im protestantischen Schulgebäude befindliches größeres Lokal, welches zur Synagoge eingerichtet und 1867 eing:- weiht wurde. Äurch Entschließung der Kgl. Regierung von Unterfranren und Aschaffenburg wurde drr Rabbinatssitz von Mainbernhetm nach Krtzingen verlegt und erfolgte am 1. * August 1871 die Urbersiedlung des seit 1. September 1868 amtierenden Rabbiners hierher. Von'dieser Zeit an vergrößerte sich die Gemeinde immer mehr und mehr, so daß bald das Projekt eines .Synagogenbaues auftauchte. Am 27. September 1681 wurden zwei entsprechende Gebäude rn der Schrannenstraße angrkauft und am 31. Juli1882 fand die feierliche Grundsteinlegung d:r neuen Synagoge statt. Die feierlich: Einwnhung derselben erfolgte am 7., 8. und 9. September 1883. Heute zählt die israelittsche Kultusgem rinde 150 Mitglieder, die sich allgemeiner Achtung erfreuen. .) Auf dem Europischen Baptisten- Kongreß, der dieser Tgae unter starker Beteiligung aus alter Herren Länder rn Berlin abgehalton worden ist, führte Pastor Herrman (Berlin) in srinein Bortrage über die Arbeiterfrage u. a. folgendes aus: „Daß die sozialen Zustände der Gegenwart krine Ideale sind, beweist die Zerklüftung des Arbeitetttandes. .Gewiß, in der Bibel wird keine Nationalökonomie getrieben, aber dennoch verhält sie sich den sozialen Fragen gegenüber nicht verständnislos. Sie enthält eine soziale Gesetzgebung und löst das soziale Problem in Israel vollkommen. Bettler gab es in Israel nicht. Da nach Gottes Wort jeder ein Arbeiter ist, so gab es in Israel auch keine Zerklüftung zwischnr Arbeitgebern und Arbeitern. Die soziale Gesetzgebung Israels hinderte das AnwaMen riesiger Kapitalien und machte eine große Bedürftigkeit unmöglich. Sie schloß auch die Leuteschinderei aus. Die soziale Frage würde für uns ihre Schrecken verlieren, wenn Fabrikant und Arbeiter, Meister und Gesellen sich von diesen biblischen Idealen erfüllen lirßen. Wie anders ist die Arbeiterfrage bei uns geworden usw."

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