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Der Israelit · 1908-09-17 · Heft 38 (17.9.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 38 (17.9.1908)
Date
1908-09-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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88. MWWWWWWWWWW 17. September 1SV8. - nten ibergiöse der zum jfttät chrohten mit rdem i deriinen tverchen, »gen, engchste nach und uge-;rzudaß itten :aels mit der >mer mit ehen und öüig lität rfen. rlich 'ung ons- »end, cheit olche Z in Un- :gale and, onsrisch eres zu heilranauf were von elbst ische itten lüdischen Tugenden, die seit uralten Zeiten unseren Stamm auszeichyeten, bieten heute nicht selten eine herzzerreißende Tragödie dar, m welcher die Mten religiösen Konflikte zwischen Eltern ndern die leitenden Motive bilden. Und dies nicht bloß in den oberen Gesellschaftsklassen, von welchen es heißt: fVW svV'»l", die antireligiöse Propaganda haust, hauptsächlich in den untersten Volksschichten. Die traurigen Folgen dieser fluchwürdigen Propaganda ließen nicht lange auf sich warten. Die Demoralisation der jüdischen Arbeiter- und Handwerkerjugend wächst zusehend mit jedem Tage. In verhältnismäßig kurzer Zeit ward dieser Teil unserer Jugend gar nicht mehr wiederzuerkennen. Tugenden wie: Fleiß, Sparsamkeit, Mäßigkeit, Nüchternheit, Enthaltsamkeit, besonders sexueller Natur, Barmherzigkeit, tätige Liebe, natürliche Scheu vor Grausamkeit und Gewalttätigkeit und dergleichen mehr, welche als ethnische Charaktereiaentümlichkeiten des jüdischen Stammes angesehen wurden und die vorwiegend in den unteren Volksschichten heimisch waren, werden unter dem Einfluß der obenbezeichneten demagogischen Propagande immer seltener und schlagen auch nach und nach in ihr Gegenteil, um. Wir, die wir seit uralten Zeiten mit gerechtem Grunde darauf stolz waren, daß wir keinen Pöbel, mit seinen pöbelhaften Lastern, sondern bloß arme, blutarme Arbeiter und Handwerker und Kleinhändler haben, die bei all chrer herzzerreißenden entnervenden Not, sittlich intakt, ja sogar die eigentlichen Träger des Judentums und seiner großen Tugenden wareu und blieben, so daß sie die Sentenz unserer Weisen: "*?*W*? jnvay rifrO,, zur lebendigen Wahrheit machten — wir haben uns nun, dank jener unglückseligen Propaganda, um einen lasterhaften Pöbel bereichert, welcher dem, unserer Umgebung mit der Zeit gleichkommen dürfte. Wenn die Behauptung: „Ohne Gott keine Moralität", des Beweises je bedurfte, so hat ihn nun der irregeleitete Teil unserer Jugend in eklatantester Weise dargebracht. So lange unsere Jugend vom religiösen Geist beseelt und durchdrungen war, konnten Freund und Feind sich zumal nicht vorstellen, daß jüdische Jünglinge und Mädchen an solchen Verbrechen sich beteiligen, in welcher wir sie heute zu unserer großen Schmach figurieren sehen. Schon diese traurige Tatsache, deren wir alle Zeugen sind, beweist mehr als ganze gelehrte Traktate, daß das Judentum in erster Linie und ganz vorzüglich eine religiöse Gemeinschaft ist, und daß alle seine charakteristischen Tugenden vorwiegend in seiner Religion und deren Betätigung wurzeln, welche Tugenden mit Vernachlässigung oder gar Verleugnung der letzteren unvermeidlich nach und nach geschwächt werden, bis sie im Verlauf der men- Kenseilosmdel nig 2 ihm weil inen Bei zu sah, er- »eardas eligs und eren auch ähr: Eheder hrer :omeb:n zähin uihlchen rage glich rges ahre grm Eine Zacbr-llemilliscenr. Das in diesen Tagen neu belebte Gedächtnis an Dr. Michql Sachs ruft mir ein Vorkommnis aus seinem Leben in die Erinnerung, das ungemein charakteristisch ist und nur ganz wenigen bekannt fcnt dürfte. Bekanntlich hat Dr. Sachs die Einweihung der Synagoge in der Oranienburgerstraße nicht mehr erlebt. Man sagte damals allgemein, daß die schweren Kämpfe, die ihm auf die beabsichtigte Änführung der Oxgel und eines reformierten Gottesdienstes in ganz rücksichtsloser Weise aufgedrungen wurden, seinen Tod beschleunigt haben. Ernes Vormittags kamen einige Herren des Vorstandes und der Baukommission zu ihm und teilten ihm auf Wunsch des Architekten mit, die. fertiggestellte Synagoge auf ihre Akustik zu prüfen und danach den geeigneten Ort für Ausstellung der Kanzel zu bestimmen. Sie bemerkten, daß der Baumeister zur Zeit selbst in der Synagoge sei und ließen durchblicken, daß es ihnen angenehm wäre, wenn Dr. Sachs sie sofort zur Synagoge begleite. Dieser erklärte sich dazu bereit, obwohl es noch in früher Bormittagstunde war und er gesundheitlich sich nicht in bester Disposition befand. Er legt: Schlafrock und .Pantoffeln ab, hatte in wenigen Minuten Toilette gemacht und begab sich mit den Herren in die neue Synagoge, noch außerdem von dem kürzlich verstorbenen Herrn Dr. Sternheim begleitet, der gerade bei ihm zu Besuch war und dem ich dies: Mitteilung verdanke. Das Aeußere der Synagoge war vollständig vollendet und im Innern waren eben die Synagogenbänk: aufgestellt worden. Me begleitenden Herren verteilten sich auf verschieden: Stellen des großen Raumes um von jedem Orte aus die Schallwirkung prüfen zu __ Der Israelit. Zeit gäpzlich verschwinden und mit ihnen unvermeidlich auch der affizierte Teil des Judentums selbst. Nächst dem religiösen Zustand hat unsere politische Lage im Staate ungeheuer viel von der irregeleiteten Gärung zu leiden gehabt. Diese war von jeher einerecht klägliche. Von der vielgepriesenen russischen Gastfreundschaft und Gutmütigkeit haben wir Juden leider bis heute nichts Gutes erfahren. Das russische Volk hat uns nie in seiner Mitte geduldet. Jeder Versuch, in Rußland sich niederzulassen, hier Schutz und Obdach zu finden, war für Juden immer sehr verhängnisvoll. Als durch die Teilung Polens Juden in großer Anzahl wider ihren Willen unter die Oberhoheit des russischen Szepters gekommen sind, begann für sie eine sehr schwere Zeit. War auch ihre politische Lage in Polen, im Lichte der Gegenwart betrachtet, durchaus keine glänzende, so erfreuten sie sich immerhin vieler Rechte und sogar mancher Privilegien; bildeten sie ja doch im großen und ganzen den dritten Stand, und wenn man, wie es sich wohl gebühr«,. die politische Lage der Juden in Polen synchronistisch beurteilt, konnte man sie sogar als eine relativ günstige ansehen. Schon sollten sie laut Statut, welches aus den setzten» polnischen „Seim" eingebracht wurde, fast emanzipiert werden, als sie unter die Herrschaft Rußlands gekommen, hier trotz der humanen, Versprechungen Katharina I. in ein neues' Ghetto,«* eiusn sogencmnten „Ansiedlunasrayon" eingepfercht wurden, worauf Rechtsbeschränkungen auf Rechtsbeschränkungen sich häuften bis zur Regierung des Kaisers Alexander II., in welcher man Anlauf zu einer befferen Gestaltung der Lage der Juden nahm. Mit der Erweiterung der Bildungs- und Handelsrechte war dann auch die Freizügigkeit und das Wohnrecht für gewisse Kategorien von Juden verbunden. Schon" fingen die Juden an freier aufzuatmen, schon lächelten ihnen erfreuliche Hoffnungen für eine bessere Zukunft entgegen, als die politische Gärung unter der jüdischen studierenden Jugend ihren Anfang nahm, welche für die gesamte russische Jndenheit verhängnisvoll werden sollte. Die Beteiligung der Juden an den politischen Unruhen der siebziger Jahre war den alten judenfeindlichen russischen Reaktionären sehr willkommen. Zur Beschwichtigung jeden Zweifels über die Zeitgemäßheit der Reaktion und zur Reinwaschung der russischen Jugend von der Schuld politischer Umtriebe war es sehr bequem die Juden allein, oder mindestens sie hauptsächlich für letztere verantwortlich zu machen. In der Rechtserweiterung der Juden erblickte man nun eine ernste Gefahr für das bestehende Regime. Die Juden wurden als prädestinierte können. Aber alle waren gespannt, was der gefeierte Kanzelredner für diesen ungewöhnlichen Moment vor dem leeren Raum improvisieren werde. Sachs hatte von dem Augenblick an, in dem die Herren bei ihm eintraten bis wo er die künftige Kanzel bestieg, keinen freien Augenblick, sich vorzubereiten. Wer wer ihn da stehen sah und seine klangvolle Stimme mit klassischer Ruhe in den oberen Raum bis in die letzte Winkelecke yineinschallen hörte, der hatte den Eindruck, als sei es ein: wohlgesetztr, sorgfältig vorbereitete Rede, die da über die gottbegnadeten Lippen floß und di: etwLr4folgendermaß?n 'lautete: - „Meine lieben Synagogenbänke! Es erscheint mir als ein: glückliche Fügung, daß es mir vergönnt ist, in traulicher Zwiesprache ein Wart mit euch zu sprechen, bevor in wemgrn Tagen der große Schwarm der Alltagsmenschen hier einzieht und euch und mich mit Beschlag belegt. Ihr seid in Gottes freier Natur geboren und herangewachsen und habt diese Freiheit und eure ureigene Form geopfert, bevor ihr die Schwelle dieses Heiligtums überschrittet um nun in dieser hier gebotenen Form in den Dienst dieses Heiligtums zu treten. Das tun die Menschen nicht, die pon euch hier Besitz ergreifen werden. Selbst an der Schtbelle des Gotteshauses legen sie ehre Freiheit oder richttger. ihr: Freiheiten nicht ab, ja der große Troß maßt sich an, daß die Launen und Willkürlichkeiten, daß sämtliche Mlüren seines Alltagslebens auch hier maßgebend sein sollen und er nennr diese Verletzung des Taktes und der Form — Reform, \ Ich kann es euch nachfühlen, wie dies: rücksichtslos: Gepflogenheit euch anwidern und verletzen muß, obwohl bei euch nur von einer Verletzung der Form und des aesthetischen, nicht aber des religiösen Gefühls die Rede sein kann. Und ihr müßt stumme Zeugen dieses iiü Rr. 38. -Sette 5 Revolutionäre gebranndmarkt und nun galt es um jeden Preis, sie unschädlich zu machen. Was die systematische, immer zunehmende Rechtsbeschränkung nicht ausrichten konnte, sollten die periodisch wiederkehrenden Judenkrawalle bewirken. Diese sollten den blutigen Beweis liefern, « daß die Juden auf das russische Volk nicht zü rechnen haben und daß nur die Regierung im- >' stände ist, sie vor dessen Wut und dem Berfotgungseifer der Volksmaffen zu schützen. Diese - machiavellische Politik, welche solche Meister der politischen perfiden Jntrigue, wie Jgnatieff, von " Plehwe es waren, zn ihren Urhebern und Ber- - ftchtern hatte, hat die politische Lage der Juden immer mehr verschlimmert, aber zugleich die jüdische Jugend um so mehr erbittert und sie in :• die Arme der verwegensten Demagogen getrieben. % Dies um so mehr, als die neuerlaffenen Beschränkungen der Bildungsrechte der Juden — wie die auf einen minimalen Prozentsatz begrenzte o Aufnahme der Juden in Mittel- und Hochschulen — die jüdischen Eltern nötigte, ihre Kinder nach dem Auslande zu schicken, wo sie eine Beute der i russischen revolutionären Emigranten wurden,> 1 welche auf die beständige Zufuhr neuer Kräfte > zur Füllung ihrer Legionen lauerten. Im Auslande gewissermaßen für revolutionäre Tättgkeit ab- * gerichtet, kehrten sie in ihre Heimat oft bloß zurück, j um sich in den Strudel der Revolutton zu werfen, J ohne zu bedenken, welch traurige Folgen ihre Beteiligung an der letzteren für ihre Stammes- brüder haben könnte. Und wenn -sie es auch taten, wenn sie auch hin und wieder ihre revo- L lutionäre Tättgkeit vom jüdischen Standpunkte rechtfertigen wollten, so behaupten sie eben als H Juden Revolutionäre sein zu müssen, well Juden J als politische Partei prinzipell gegen die mo- I narchifche Autokratie und für die Bolksgewalt | wären, und prahlten, die russische Revolutton geschaffen und wesentlich gefördert zu haben. Selstverständlich ist dies, wie jede . J Prahlerei, übertrieben. Die russische Revolutton >“ datiert bekanntlich seit den Dekabristen, also sett § den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zur Zeit als die russischen Juden zumal nicht | ahnten, was Revolution sei, und hat bis heut« nicht aufgehört. Echte Bollblutrussen, die meist aus dem Adel und der Geistlichkeit sich rekrutter- Ä ten, waren und blieben ihre tonangebenden H Führer, während die polittsch völlig unreife % jüdische Jugend erst seit den siebziger Jahren 4 von den bereits vorhandenen polttischen unterirdischen Wühlereien sich nach und nach hat j verleiten und hinreißen lassen und meist als J blinde Werkzeuge, als eigentliches Kanonenfutter | sich ausbeuten ließ. Sie glaubten wohl zu' schieben, aber in Wahrheit wurden sie geschoben. Nichtsdestoweniger hat die oben erwähnte Ueber- Sakrilegiums fein, könnt es nicht hindern, könnt nicht einmal dagegen protestieren, und findet einen sckwachen Trost für euer: Ohnmacht nur darin, daß auch diejenigen, die sich mit flammendem Protest gegen diese Mißbräuche erheben, damit nicht viel mehr vermögen, als ihr mit euerer stummen Resignation. Ob ivir uns Wiedersehen werden? Ich, weiß es nicht, das liegt nicht in unserer Hand. Aber die staunende Bewunderung werde ich euch nie versagen, für das harte, kalte Schweigen, mit dem ihr alles ertragt, was sich vor euch vollziehen wird, ohne euch deshalb zu beneiden. Wenn , diese stille, .feste, sich ewig gleichbleibende Ruhr ohne Charakterlosigkeit, ohne Verrat an dem 'mir anvertrauten Heiligtum möglich wäre, möchte auch ich sie mir wünschen. So aber wünsche ich nur, daß der letzte Hammerschlag dieses herrlichen Baues bald vollzogen werden und es uns vergönnt kein möge, uns wiederzusehen; wieder sprechen werden wir uns nicht mehr?" Mit diesen Worten verließ der Redner seinen Platz. Tie.in dem großen Raum zerstreuten Herrn Vorsteher waren sprachlos und sahen sich starr gegenseitig an. Einer der dreistesten unter ihnen trat ouf den Redner zu und sagte: „Sehr gut? Ausgezeichnet, Herr Doktor, — die Akustik!" "'3 <Die Juden in Kitzingen.) Anläßlich der in den nächsten Tagen bevorstehenden Vollendung der Renovierungsarbeiten der Synagoge zu Kitzingrn und deren Neueinweihung gab im Austrage ber Kultusverwaltung Herr Naftali Bamberger, Lehrer und Kantor dahier, eine „Grschichte brr Juden in Kitzingen" heraus. Herr Bamberger sammelte mit großem Fleiße und Umsicht das sehr zerstreute Material und benutzte hierzu alte Akten, Handschriften und Gefchichts- ■Müli ■

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