Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1908)
- Date
- 1908-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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WM 4 17. Veptemv« LA» Spaniolen im Oriente, die vom russisch-polnischdeutschen Jargon nicht die leiseste Kenntnis haben, gar nicht mehr zu reden. Wir wären die letzten, die Grund hätten, der neuhebräischen Literatur das Wort zu reden und ihren Streit gegen die sie perhorreszierenden Jargonisten zu führen. Aber die Sache geht doch viel weiter und ist von nicht zu unterschätzender symptomatischer Bedeutung. Die Herren, die das Hebräische entthronen und an dessen Stelle den Jargon, die Sprache des Golus zur Nationalsprache des jüdischen Volkes erheben, stellen sich in einen offenen Gegensatz zu aller jüdischen Ueberlieferung, zum jüdischen Bolksempfinden, das seit Jahrtausenden in den Worten des Gebetes seinen schönsten Ausdruck findet, „Du hast uns auserwählt von allen Völkern, liebtest uns, hattest Wohlgefallen an uns und hast uns erhoben vor allen Zungen." — In praktischer Hinsicht dürfte die Wirkung dieser Resolution wie aller anderen Resolutionen dieser etwas eigenartigen Konferenz gleich Null sein. Indessen kann sie doch für gewisse Herren eine ungemein nützliche Lehre in sich bergen. Wir meinen die Herren in der neuhebräischen Literatur, die jetzt so überrascht und frappiert sich zeigen, ob der unerhörten Anmaßung ihrer Jargon-Brüder, die ihnen die Gefolgschaft kündigen, und sich anschicken, sie schon zu Lebzeiten zu beerben. Die neuhebrätsche Literatur hat seit den. Zeiten, da die ersten blendenden Strahlen der Zivilisation von Berlin hinüberlächelten, besonders aber seit den Zeiten des Smolensky und I. L. Gordon nicht aufgehört, das Thorajudentum zu entstellen, zu verspotten, seine Träger und Hüter zu verleumden und zu verdächtigen und es dem Herzen der Jugend zu entfremden. Der so künstlich heraufbeschworene Kulturkampf konnte nicht ohne Folgen bleiben, und die Folgen sind von der Art, wie wir sie jetzt in Czernowitz erlebt haben. Eine jüdische Generatton wurde durch die Einflüsse der „hebräischen" Literatur im Haffe gegen das Judentum herangezogen, das hat sich nun bitter gerächt. Die Liebe zur Thora hat man bei der Hachkalajugend gewaltsam unterdrückt, mit ihr aber mußte naturgemäß auch die Liebe zur Sprache der Thora verloren gehen. Kann es da wunder nehmen, daß nun eine Gruppe so gearteter Juden in der zweiten Generatton die letzten Konsequenzen zieht, der hebräischen Sprache den Krieg erklärt und sie zu Gunsten des Jargon ihrer Würde als Nationalsprache enthebt? Und nun tut man im Lager der Hebräisten sehr erstaunt über den Feind, den man selber groß gezogen und zieht gegen ihn ins Feld. Man wird mit dieser Fehde nicht mehr viel auszurichten vermögen. Was man in mehr als Gämehälschen herabgegangen war. Sandel, der, die Hände in seinen Hosentaschen, eben seiner Frau, der Schnuffelregine zugerufen hatte, fühlte sich Plötzlich mit einem eisernen Griff im Nacken gefaßt und die Baßstimme des Schlossers brummte ihm zu: „Wart nur, du schlechter Jud, ich will dich lehren, den armen Awrom um die Gans betrügen zu wollen, die du ihm schuldig bist." Ehe Sandel noch wußte, wie ihm geschah, war ihm eine Maske aufs Hinterhaupt und eine mächtig lange Nase vor's Gesicht gebunden und eine Narrenkappe auf den Schädel gesetzt worden. Neben sich sah er den weingrünen Heinrich, der ihn untrrf-rßte, io lang gewachsen aber der Mnschtopfer auch war, der „Weingrüne" überragte ihn dennoch um mehr als anderthalb Häupter, und so mußte Sandel seinen Arm fast ausrenken, um von seinem Nebenmann nicht fortgefchleist zu werden. Nun kam Bewegung in oi; noch immer festgestaute Masse. Das Ehepaar Ammelburger hatte sein Scheuchen, dem Jemand einen knallroten, goldbordierten „Brautmantel" und ein anderer einen grünen mit zahllosem Flitter überstreuten „Brautschleier" umaelegt hatte, zwischen sich genommen, damit dem gebrechlichen Weibchen kein Schaden zugejügl würde. Und dann begannen ein paar stimmen das neue ,Fastnachtslied zu singen: „Du mein lieber Heinerich, weil du so schöne bist, Komme her und küsse Mich, du lieber schöner" Heinerich...... Der ganze Zug setzte sich singen-,'schreiend, johlend und jauchzend in Bewegung, durch die Neugasse nach der Judengasse. Als der aus alten und jungen Leuten, Schulbuben und Schulmädchen, Bauern und Städtern znsammengesekte höchst grotesk aussehende Zug um die Ecke bog, begannen tue singenden Menschen Lied und Text zu ändern und sangen: Der Kksem. einem halben Jahrhundert. systemattsch und zielbewußt zerstört, wird sich durch eine unfruchtbare Polemik nicht wieder aufbauen lassen. Es gibt unseres Erachtens nur ein Mittel, um die dem Hebräischen drohende Gefahr abzuwenden und die Herzen der Juden für die Sprache der Väter zu gewinnen. Und dieses Mittel heißt: Rückkehr zum alten, zum jüdischen Hebräisch! — Es soll damit keineswegs gesagt sein, daß die neuhebräische Sprache in historischer Starrheit alle durch die neuen Begriffe des modernen Kulturlebens bedingten sprachlichen Neubildungen vermeiden müßte. Unsre Sprache ist entwicklungsfähig und konnte immer ohne die geringste Einbuße ihrer altgeheiligten Eigenart den Zeitverhältniffen angepaßt werden. Das beweist am besten die Sprache der Misch na. Es soll auch damit nicht gesagt sein, daß die hebräische Literatur allen Neuerscheinungen der Zeit, allen modernen Errungenschaften des menschlichen Geistes aus dem Wege gehen müßte. Gewiß darf eine moderne Literatur keinem Gebiete der Kunst und Wissenschaft sich Verschließern Aber all diese Gebiete sollten nicht wie bisher in einem willkürlich neugebildeten Hebräisch und vor allem nicht im Gegensätze zum Thorajudentum behandelt werden. ' sondern in .einer Sprache, die wir als die der Väter erkennen und im Gerste des Thorajudentums. Ist die Thora wieder souverän im Volke, so ist und bleibt trotz allen gegenteiligen Resolutionen auch die Sprache der Thora die einzige Nation alsprache der. Inden. Die Gärung innerhalb der russischen Judenbeit. Bon Speetator (Fortsetzung.) Unsere unreifen sozialistischen Wühler und Demagogen verschiedener Schattierungen und Benamsungen möchten um jeden Preis mindestens die gesamte russische Judenheit künstlich d. h. gewaltsam ins Proletariat hinabgedrängt wissen und geben sie sich alle Mühe, die besitzenden Klassen, durch rebellische Streiks nicht ausgenommen, zu proletarifieren, alias ruinieren und sie von Arbeitgebern in Arbeiter, oder richtiger in Arbeitsuchende oder Arbeitslose — da Nur der Jude in der Regel dem Juden Arbeit gibt — zu verwandeln. Wie schon hervorgehoben wurde, begnügen sich keineswegs die Führer der bezeichneten Parteien und Fraktionen mit ihren bloßen „Lehren", für welche sie propagieren, sie unterlassen auch „wir winden dir, den Junafernkranz, mit veilchenblauer Seide". Ein solches Bild der fröhlichsten Ausgelassenheit, in dem oas alt; Pärch;n den Mittelpunkt des Gau- . tüums bildete, war nie zuvor gesehen worden. Sandel vom weingrünen Heinrich unterm Arm gefaßt, und mit der doppelten Maske allgemeine Belustigung Hervorrufen-, bot ein fo drolliges Bild, daß selbst ein Hypochonder bei di?iem Anblick hätte lachen müssen. Awromchen, hoch über dem ganzen Schwarm aus Karlchens Schulte thronend, Scheuchen von der lustig tänzelnden Ammelb ärgern grstützt, in dem farbigen Mantel und Schleier, der nichts mehr von ihrer Gestalt erkennen ließen, das war allerdings ein Bild von so überwältigender Komik, daß das sonst Unbegreifliche und sonst den „Judengässern" als unmöglich Erscheinende zur vollendeten Tatsache geworden. Gitte Ellstein hatte der Dodfeindin Rechte zugerusen: „sie kommen!" ohne die Zunge herauszustrecken oder eine Grimasse zu schneiden und die Faust zu ballen. Das Weitere war bei dem Lärm nicht zu verstehen: es mußte sich aber aus die beiden Freigesprochenen bezogen haben, denn Rechte ries auch etwas hinüber und noch am selben Nachmittag sprachen di; beiden versöhnten Frauen von ihren Fenstern aus eifrig miteinander. Bor Awromchen und Schenchens Wohnung spielte sich aber noch eine weitere ergötzliche Szene ab. Frau Ammelburger, als Hauswirtin der Beiden, hatte an der Türe angelangt, laut zu den schreienden Menschen Lernsen: „So, Ihr Lcttt', jetzt geht das Brautpaar aus di; Hochzeitsreise und sagt euch allen Adjrs, und /bedankt sich vielmals für die ehrende Begleitung." „Wir wollen Trauzeuge sein", schrie einer, und ein anderer rief: „holt den Rabbiner, er soll sie trauen". Alle aber lachten und wünschten dem Scheuchen eine , . " v> «r. 88. nichts, jeder in seiner Weise, ihre sogenannten Programme in lebendige Wirklichkeit zu übertragen. In erster Reihe ist es der religiöse Zustand der russischen Judenheit, welcher der innerhalb derselben vorgehenden Gärung zum Opfer fällt. Jüdische Religion und Religiösität wird von den einen verächtlich, als ein Anachronismus, ignoriert, von den anderen angefochten und hinwegdisputiert, wieder von anderen mit leidenschaftlicher Erbitterung, ja mit blindem Haß brutal verfolgt. Von öffentlicher, ja demonstrativer Uebertretung und Verletzung ritueller Vorschriften und Satzungen, die für einen gewissen Teil unserer Jugend ganz selbstverständlich ist, lohnt es sich nicht zu sprechen, angesichts vandalischer Ueberfälle über Synagogen, bewaffnet mit Dolchen und Revolvern, Sprengbomben und Höllenmaschinen, wobei frechste Heiligenschändung verübt wurde. Was nach dieser Seite hin in den letzten Jahren hier und da im jüdischen „Ansiedlungsrayon" sich zugetragen hat, sträubt sich meine Feder 'wi.ederzugeben. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß unsere schlimmsten Feinde nicht ärger hätten Vorgehen können. Die Heiligtümer Israels wurden von seinen eigenen Söhnen förmlich mit Füßen getreten und Das ovo den Angen der überwiegend großen Majotttät der noch immer Gott Lob glaubenstreuen Jehudim, welche es mit tiefster Verzweiflungim Herzen ruhig züsehen mußten, um nicht noch größeren Jammer und Olim V6n heraufzubeschwören, weil sie völlig ohnmächtig sind gegen die organisierte Brutalität jener fluchwürdigen Organisation zu kämpfen. Bis zu den letzten Jahrzehnten unerschütterlich fest auf dem Boden der religiösen Ueberlieferung stehend und von dem Rahmen des Religionsgesetzes .nicht um ein Haar breit abweichend, konnte die große Masse der russischen Judenheit unmöglich voraussetzen und vermuten, daß solche barbarische Feinde des väterlichen Glaubens in ihrer eigenen Mitte einst erstehen werden. Unorganisiert und dazu noch völlig ohne jede legale Vertretung und ohne jedes sie vereinigende Band, ist sie außerstande, der zersetzenden, religionsfeindlichen Tätigkeit jenes, obgleich numerisch winzigen, aber gutorganisierten Bruchteils unseres Stammes mit gehörigen Waffen wirksam zu begegnen, oder wenigstens vor seinem unheilvollen, demoralisierenden Einfluß die Heranwachsenden Generationen zu schützen, auf welche jene Jugend Verführer die ganze Schwere ihrer demagogischen Propaganda verlegen. Es ist leider so weit bei uns gekommen, daß von dem Gift jener ruchlosen Propaganda selbst Kinder nicht verschont werden. Die jüdische Familie, das jüdische Haus, die klassischen Stätten der väterlichen Sitte, die Grundfesten der jüdi- Qütc und angenehm; R.ise und reiche Nachkommenschaft. Nur ganz langsam zerstreuten sich die Menschen und erst ganz spät konnte sich Sandel von seinen doppelten Masken und seinen Begleitern losmachen, denn der Schlisser bestand darauf, daß Sandel für die dem Awromchen unterschlagene Gans einige Schoppen bezahlen und mittrinken müsse. Da ihm kein; Wahl blieb, tat er wie ihm geheißen und weil er nicht viel Wein vertragen kinnte, bekam er einen Rausch, worauf ihm feine ebenfalls angeheiterten Begleiter einen gelben Domino anzogen und ihn zu seiner Frau führten. AIS die Schnuffelregine sah, in welc^m Zustand ihr Sandel nach Hause kam, ergriff sie in ibrem Zorn einen Handbesen und bearbeitete damit ihren Ehegesponst bis er aus das Kanapee sank und einschlies; ein Relief zu Seligs Schilderung der wilden und zahmen Ehen. Lange Zeit noch bildrte der merkwürdige und an komischen Bildern so reiche Prozeß einen heiteren Gesprächsstoff in der ganzen Gegend und mußte auch noch für den Karneval im darauffolgenden Jahr: herhalten. Unter der „Aussicht" des Ammelburgrr'fchen Ehepaares lebte Awromchen und Scheuchen nun, wie der Richter ihnen selber geraten batte, friedlich in ihrer harmlosen wilden Ehe noch einige Jahre. Als Awromchen starb, war nichts mehr für Scheuchen zum Leben übrig. Da nahm die jüngste Schwester des Erzählers dieser Geschickt; di; Erhaltung Schenchens in ihre Hand und sicherte ihr mit Hisse einiger wohltätigen Menschen einen freundlichen und behaglichen Lebensabend. Das Liebrswerk, welches das blutjunge Mädchen an Schenken verrichtete, bracht; ihr tätlich von dieser einige Kapitel Tillim für ihr künfttg-s Lebensglück ein. Schenchen sagte noch volle zehn Jahre Tillim -für sie, Hann Folgte sie ihrem Bräuttgam Awromchen in die Ewigkeit.