Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-09-17 · Heft 38 (17.9.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 38 (17.9.1908)
Date
1908-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449337--64865-2507476
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 88. D« JSraellt. Seite L. 17^ GepteWSer MU gelangt. „Seid stark und fest" möchten wir unfern Brüdern in Jerusalem zurufen. vis Salaldias. Die Falaschas, jenes versprengte Häuflein Juden, die von der jüdischen Masse losgerissen, geistig und körperlich verkümmern, beschäftigen seit einigen Jahren die leitenden jüdischen Kreise sehr -lebhaft. Man hat nicht nur eine, sondern gleich zwei nicht mit, sondern gegen einander arbeitenden Expeditionen zur Erforschung ihrer Lage und ihrer Verhältnisse ausgeschickt, und heute nach jahrelangem Suchen und Forschen find wir noch nicht einmal so weit, um nur annähernd die Zahl der abeffynischen Juden angeben zu können. Sie schwankt in den Angaben beider sich befehdenden Parteien zwichen 700 Familien und 100000 Seelen. Der bekannte Pariser Professor Josef Halevy, wohl der beste Kenner der Sprache der Falaschas, war der erste, der die jüdischen Kreise für die Falascha-Frage interessierte. Sein eifriger Schüler, Dr. Feitlowitsch, der sich etwa 16 Monate in Abessynien aufhielt und ssmrL Material sammelte, da ß -er ^endlich den Schlüssel zur Erforschung dieses versprengten Teiles unserer Brüder zu haben glaubte, entschloß sich mit Hilfe eines von Italien aus geleiteten Komitees, eine zweite Reise nach Abessynien anzutreten, um den Falaschas so gut es geht zu helfen und sie dem Judentums zu erhalten. Da entstand aber dem italienischen Pro Falascha Comite eine Konkurrenz in der „Alliance Jsraelile Universelle", die ihr Monopol, Juden zu entdecken, sich nicht gern von. irgend einem italienischen Komitee und einem Herrn Feitlowitsch entreißen lassen wollte und auch ihrerseits ohne im Geringsten Fühlung mit den ersten Initiatoren zu nehmen, eine selbständige Expedition ausrüstete, die von einem der Ihrigen geleitet, auch bald die schönsten Erfolge erzielte. -- Bald konnte man in vielen politischen und allen jüdischen Zeitungen ellenlange Berichte lesen. von glänzenden Empfängen in Märchenschlössern, von rauschenden Festen, die in orientalischer Pracht zu Ehren der jüdischen Abgesandten veranstaltet wurden. Der Negus und sein Volk waren beglückt und entzückt.- Und die Hauptsache, die Falaschas? Waren sie entdeckt, war ihnen geholfen, war über ihr Leben und ihre Verhältnisse Klarheit erlangt? Nein. Davon hörte man nicht viel. Herr Nahoum, der mittlerweile von der Alliance zum Oberrabbiner der türkischen Juden proklamiert wurde, hat nun wahrlich Besseres zu tan als sich „mit den paar hundert Falaschas abzugeben, die gar keine Sehnsucht nach ihren Glaubensgenossen in den Kulturländern empfinden, und denen an einer Intervention von auswärts nicht gelegen ist." So kann man es als einstwelliges Resultat der so viel verheißenden Reise Nahoums in der letzten Nummer des Organes der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance „Ost und West" lesen: „Der Notschrei, den die Falaschas seiner Zeit an den Groß-Rabbi Zadok Kahn gerichtet haben sollen, konnte ihnen, nach der Vermutung des Nahoum'schen Berichtes, nur suggeriert worden sein, da in Wirklichkeit die Falaschas durchaus nicht in mißlichen Verhältnissen leben." Es wird fernerhin im Berichte Herrn Dr. Feitlowitsch vorgeworfen, daß er zwei junge Falaschas von Abessynien mitgebracht hätte, deren einer verheiratet war (?) und deren anderer, der sich jetzt auf dem Rabbinerseminar zu Florenz ausbildet, längst dem Protestantismus augehöre. Der Bericht deutet an, daß unter diesen Umständen wohl die Absicht, zu Gunsten der Falaschas etwas zu unternehmen, aufzugeben sei. Daß die „Alliance" eine Intervention zu Gunsten der Falaschas nicht mehr der Mühe wert hält, Mag noch hingehen. Aber die Art und Weise, wie sie und ihr Vertrauensmann den Konkurrenten und Nebenbuhler aus dem Felde zu schlagen ' suchen, muß entschieden verurteilt werden. - Nach der Auskunft des Vorsitzenden des ^,Pro-Falascha-Komitees", des Herrn Rabbiners Dr. Margulies in Florenz ist der junge Falascha, den F. seiner Familie entrissen haben sollte, nicht verheiratet, sondern verlobt und' jetzt mit F. wieder auf der Heimreise, aber nicht um zu heiraten, da er sich noch zu jung dafür fühlt, sondern um seinem Lehrer Feitlowitsch auf seinen Forschungsreisen nützlich zu sein. Was aber den zweiten Jüngling betäfft, so ist er nicht zum Christentume übergetreten, sondern wurde als Knabe ohne sein Verschulden in eine protestantische Missionsschule gebracht, von wo aus er von Dr. F. ausgenommen und wieder dem Judentume zugeführt wurde. Herr Dr. Margulies bezeichnet den Jüngling alseinen begeisterten Juden, der ein streng jüdisches Leben führt und dessen sehnlichster Wunsch.es ist, einst als Lehrer und Verkünder des wahren traditionellen Judentums in seiner Hemmt zu wirken. In der Sache selbst dürfte aber die Aeußerung des Herrn Prof. Halevi in seinem im „Jewish Chronicle" veröffentlichten Schreiben an Herrn Dr. Margulies allein maßgebend und entscheidend sein. In diesem Schreiben heißt es u. A.: Als ich vor v erzig Jahren schrieb, daß die Anzahl der Filasias l'OOOO Seelen übers'eige, gründete ich meine Schätzung auf zuverlässige Gewährsmänner, welche mir Register der von ihnen bewohnten Distrikte lieferten,- und damals kämm ihre Aufstellungen der Wahrheit nahe. Indessen im Laufe der Jahre haben die Falaschcw infowe . der Leiden, von denen sie hetmaesucht wurden, eine starke Verminderung erlitten. In erster Reihe waren eS die. Verfolgungen beS Negus Johannes, der sämtliche Falaschas zwingen wollte, seinen Glauben anzunehmen. Wäre er nicht in einen Krieg verwickelt Hunten) dann würde dort nicht ew einziger Bekenner der jüdischen Lehre Übrig geblieben sein. Rach ihm waren eS die Derwische, welche gegen die verschont Gebliebmm wüteten und im westltchm Abessinien, wo die meisten Falaschas lebten, ihnen die Wewer und Kinder raubten. Die ihres Landes beraubten Flüchtlinge starben zu Tausenden vor Hunger ober nahmen, um ihr Leben zu retten, die Taufe an. Tausende fielen in die Netze der christlichen Missionäre, da fie in ihrer Hoffnung, von ihren Brüdern in Europa Hilfe zu erhallen, getäuscht wordm waren Aus diesen Gründen hat die Zähl unserer Glaubensgenossen in jenem Lande fortgesetzt abamommen, und wenn die HllfSvereine sich nicht beeilen, ihnen Beistand zu leisten, dann wirb in kurzer Zeit der letzte Funke des Judentums in Abessinien auS- «elvfcht fein. Wenn fie sehen, daß die übrige Judacheit e als Brüder betrachtet und ihre Sache zu der eigenen macht, dann werdm auch die zwangsweise Getauften zum Glauben der Väter zurückkehren. Ist ja auch die Anzahl nebensächlich denn 1^*0 DHK WEM □v'pDn «bv □Jny cpip. Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Die Schreiben, die von den Falaschas hierher gelangten und zwar nicht nur durch Vermittelung des Herrn Dr. Feitlowitsch, sondern auch durch den deutschen Gesandten in Tanger, Herrn Gebeimrat Rosen, lassen keinen Zweifel darüber, daß die Not, sowohl die materielle, als die geistige, unter den Falaschas groß genug ist, um eine Intervention zu ihren Gunsten, auch wenn ihre Zahl keine 100000 beträgt, zu rechtfertigen und sehr wünschenswert erscheinen zu lassen. Und es darf nicht gerade als großes Unglück angesehen werden, wenn diese Intervention und Hilfsaktion dieses Mal nicht von der Alliance ausgehen witt>. die Enffhronuna der hebrfiifdien Sprache- Die jiddische Sprachkonferenz in Czernowitz hat nun ihre Verhandlungen abgeschlossen. Die Delegierten gingen auseinander, nicht ohne erst einen .vielsagenden Beschluß gefaßt zu haben. Die Resolutton, die den Kernpunkt der ganzen Verhandlung bildete, die die Arbeiten der Ezernowitzer Woche so würdig gekrönt hat, erklärt den Jargon als Nationalsprache des jüdischen Volkes. Der Jargon, der wohl vom größten Teile, aber nicht von allen Teilen der Juöenheit, gesprochen wird, soll nunmehr das > einigende Band, das alle Teile Israels in seiner Zerstreuung verbindet, sein. Ein Jude ist also nach dem Beschluß der Konferenz nur der. der Jargon spricht und die Werk von Asch, Peretz, - Reisen und Hirschbein liest. Die deutsch-, französisch-, englisch und italienisch-sprechenden Juden zählen nicht mit. Bon den Hunderttausenden daß die Beiden sreigefprokhen würden. Aber wie der Richter diesen Freispruch ausdrücken würde, spannt: die Gemüter auss Höchste. Ob' dieser vornehme, für jede heitere Episode sehr empfängliche und zum Humor stets geneigte Richter, dem alle trockene und zopfige Justiz bisher fern gelegen, auch hier sich wieder als der seine Psychologe und dabei gewiegte Jurist bewähren werde? Ruhig, ernst, sinnend, saß er einig: Sekunden da, .den Blick abwechselnd aus Scheuchen und den demütig dasitzenden Atvromchen richtend. Es schien als wolle er den beiden alten Menschen etwas Liebes und Ermutigendes sagen. Da rief der Gerichtsvollzieher den Angeklagten in grob befehlendem Tone zu: „Stehen Sie aui!" Schönchen, die den lauten Befehl verstanden hatte, fuhr eftchrocken in die Höhe und faßte dabei unwillkürlich Awromchen, der neben ihr saß, am Arm und hielt ihn einen Augenblick fest. Es war ein rührender Anblick, wie das kleine unscheinbare und stark gebückte Weibchen an dem alten, gleichfalls schon gebeugten Greis in ihrer Hilflosigkeit -inen Halt suckle, und ihr Blick ängstlich an Awromchen und schon zum Richter glitt. Schenchen sing an, sichtbar zu zittern und chiett sich an Awromchen fest. Sie dachte, man würde sie und Awromchen jetzt ins Gefängnis setzen, von welcher Möglichkeit einige Frauen schon mit ihr tröstlich gesprochen hatten. Da begann der Richter, lauter wie sonst seine Gewohnheit war, um dem tauben Scheuchen verständlich zu sein, zu sprechen. „Die gegen Sie erhobene Anklage in wilder Ehe gelebt zu haben, ist durch die daraus bezüglichen Erhebungen nach keiner Seite hin erhärtet und begründet. Kraft meiner richterlichen Befugnis spreche ich Sie beide von der gegen Sie erhobenen Anklage ttei." Und sofort setzte er, M beide noch ganz steif stehen blieben, mit seinem humorvollen, herzgewinnenden Lächeln hinzu: „Gehen Sie ruhig nach Haus? und leben S^e ruhig weiter in Ihrer w ' loen Eh:, wbisher, u nd so lang es Gott gefallt." Eine unbeschreibliche Szene entstand nach diesen Worten im Znhörerraum. Die Leute schrien Hoch, Hurra,, klatschten wie besessen in die Hände, ließen Schenchen, Awromchen, Selig und Wolf hoch leben, Und vom Saal aus brauste das Lärmen und Schreien der Menschen auf den Hausflur und auf die Straße, wo Hunderte von Menschen voller Neugierde auf den Ausgang des. Prozesses gewartet hatten. Und da auch zur selben Zeit die Schulen schlossen, entstand ein wahrer Höllenlärm. Dir Gerichtspersonen, Polizisten, Gensdarmen und Saaldienel:, wohl wissend, daß sie gegen diese ganz aus Rand und Band gekommene Menschenmasse nichts auszuricksten vermochten, drängten, kaum daß der Richter mit dem Aktuar in der Türe verschwunden waren, hinter diesen drein. Nun drängten die Leute zu den .hilflos dastehenden Freigesprochenen, denen sich Ändert Hände entgegenstreckten und Schenchen einigemal richtig Umrissen. Da schlvang sich Kärtchen über die Ballustrade, hob Schenchen in die Höhe und über dir Köpfe der Umstehenden dem weingrünen Heinrich entgegen, der sie wie ein Püppchen auf dem Arm hielt und den johlenden Menschen und i^en Händedrücken, unter deren herzlichen Kraft das schwächliche Weibchen sicher erlegen wäre, entzog, Karlche hatte dann seinen einstigen Retter, als fei dieser nur ein leichtes Federkissen, auf dir Schulter gehoben und so der jauchzenden. Hoch und Hurra schreienden Menge sichtbar gemacht und glrichfalls vor weiteren, gutgemeinten^ aber jedenfalls allzu kräftigen Händedrücken, die nur ein sehr starker Mensch aushatten konnte« beschützt. Nun, wo die sich immer wieder von Neuem stauende Menge, allmählig sich in Bewegung setzte, während „Karlche" gravitätisch ernst Awromchen auf feiner Schulter festhielt, dieser mit resignierter Miene, den ihm zurufenden Menschen dankend zunickte, begann der Fasching seinen Einzug im Städtchen zu feiern. -Da die aus. der Straße stehenden Menschen natürlich. Pie beiden Freigesprochene« - ebenfalls begrüßen unff fefeen wällte, drängten der j weingrünc Hemrich und Karlche, ohne ihre Bürde me- < derzustellen, die Leute vor sich her. Aus einem MaSkengarderobengeschäft in der nähen Neugasse hatte« - sich inzwischen und wohl auch schon vorher, zrchlreiche Leute allerhand Masken, Nasen, Dominos, Narren- - kappen, Pritschen und sonstige zum Mummenschanz ' bienenden Dinge geholt und so sah ein Teil ddk Men- ' schen schon halb maskiert aus, als die beiden Hünen - mit ihrer leichten Mlrde auf der Sttae erschienen. : Da aber legte sich das Ammelburger'sche Ehepaar inS Mittel und requirierten Schenchen «ich Lstvromch^ für sich, weil sieja auch bei thndn wohnten. Aber . nur der „Weingrüne" gab der Reklamation Folge. „Karlche" blieb dabei, daß der Awromchen ihm heute ganz allein gehöre und er ihn schon unversehrt «ach, Hause bringen werde. Jedoch konnte „Karlche" nicht verhindern, daß einer der ausgelassensten Burschen . dem Awromchen eine Narrenkappe aufsetzte, worin er gar nicht übel, sogar recht jugendlich anssah. Und noch immer wuchs der Lärm, der sich wie toll gebärdenden Menschen, die das „Ehepaar" immer wieder .hochleben ließen. Auch 'Sandel Blad, der Gänsestopfer, ward dazu '■ ausersehen, als Maske den Zug, der sich langhmt formierte, zu schmücken. Wähnend der Gerichtsverhandlung hatte ein Schlosser zugehört, wie @eabijvon der dem Awromchen angelobten Gaus, allmählich , zur Leber, dann zu den Krieben «Nd schließlich zum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.