Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1908)
- Date
- 1908-09-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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.Seite 13_9*r. 37 10. September 1908. die Behörden die schleunige Heimkehr Ihrer Mutter wünschen, um die Hinterlassenschaft zu übernehmen. Und nun denken Sie sich die Lage Ihrer armen Mutter. Dem Wunsche der Behörde mußte sie Folge leisten, das betrachtete sie als Pflicht, und kommt nun heim in tiefster Trauer um den vermeintlich dahingeschiedenen Vater, und dieser selbst denken Sie sich das Entsetzen der Armen - steht auf dem Bahnsteig und lacht ihr in's Gesicht! — Können Sie sich eine größere Gemeinheit, eine gemeinere Nie dertracht denken? Und dieser gemeinetl, verstockten Judenseele hofften Sie die heiligen Lehren unserer heiligen Religion zugänglich zu urachen! - Vielleicht, mit dem Beistand des Herrn, wird es Ihnen doch noch gelingen, ist doch auch aus einem Saulus ein Paulus geworden. Ihr Verdienst wäre um so größer. - Jedenfalls fjiett ich mich verpflichtet, Ihnen Obiges mitzuteilen, damit Sie wissen, mit welchen Menschen oder vielmehr Unmenschen Sie es zu tun haben. Und nun, geliebter Sohn, beherzigen Sie meine Worte, die ans weisestem väterlichem Herzen kommen, seien Sie stark und mutig. Nur dem Mutigen gehört die Welt, nur dem Mittigen erblüht das Heil, t Es segne Sie der .Herr und behüte Sie, er lasse sein Antlitz Ihnen leuchten und schenke Ihnen seine Gnade, er wende sein Antlitz Ihnen zu und verleihe Ihnen Frieden. Mit wärmstem Händedruck Ihr Ihnen wohlgeneigter Pater Anastasius. Der Doktor hatte den Brief zu Ende gelesen und faltete ihn mechanisch zusammen, er fühlte den Blick seines Schülers auf sich ruhen und als er demselben begegnete, fand er darin einen seltsamen Ausdruck, ben er nicht zu deuten wußte. „Der Brief enthält eigentlich nichts Neues", sagte er, „nichts, was Sie nicht bereits gewußt haben." Edwin atmete tief auf, wieder flackerte es seltsam in seinen Augen, aber er erwiderte mchts. „Sie habest neulich das neue Testament, das ich Ihnen gebracht hatte, nicht ansehen wollen Sie sollten doch einen Blick hineinwerfcn, auch eilt flüchtiger Blick wird Sie überzeugen, daß ein sehr großer Teil wörtlich dem jüdischen Schrifttum entnommen ist. Hier haben Sie die Uebersetzung von Luther, der überall, wo er zitiert, die Quelle angibt. Hier lesen Sie: 2. Mose 13, 9. 4. Mose 15, 3cS, 39. Hesek. 22, 25. Spr. 29, 23. Hiob 22, 29. Hesek. 21, 31. 2. Mose 29, 37. 3. Mose 27, 30. Micha. 6, 8. Dieses alles finden Sie ans einer einzigen Seite, und fast auf allen Seiten finden Sie nicht weniger Zitate aus jüdischen Schriften. Wo Sie aber eine Sittenlehre finden, bei der nicht angegeben ist, von woher sie enb sianmrt, können Sie trotzdem überzeugt sein, daß sie in dem Alten Testament begründet ist; der Pentateuch enthält nämlich das Sittengesetz in seiner höchsten Vollkommenheit, darum ist dasselbe auch keiner Entwickelung fähig, mehr als vicrthalbtausend Jahre sind verstrichen seit unser großer Lehrer Mose uns dasselbe überbracht hat, und während die Gesetze aller anderen Völker dem Wechsel unterworfen sind — was heute als Tugend gilt, galt vielleicht vor Jahrtausenden als Laster und umgekehrt — ist das jüdische Gesetz, das Gottesgesetz unwandelbar wie der Lauf der Gestirne. Und nun lesen Sie hier die sogenannte Bergpredigt, vielleicht der bedeutendste Teil des Evangeliums, auch sie ist auch zum weitaus größten'> Teil Satz für Satz dem jüdischen Schrifttum entnommen, ebenso wie das bedeutendste Gebet, das „Vaterunser" bis auf die letzte Hälfte des letzten Fatzes. — I Uebrigens haben Sie mir doch gesagt, daß pte noch bei Lebzeiten Ihres Vaters den Pentalench übersetzen gelernt haben, Manches dürften Der JSraelit. Sie allerdings vergessen haben, aber alles doch nicht. Wenn es Ihnen recht ist, könnten wir an jedem Sabbath das Schriftstück, das in der Synagoge vorgeleseu wird, zu Hause wiederholen und übersetzen. Wollen Sie?" Edwin betvegte die Lippen, als wolle er sprechen, brachte jedoch keinen Laut hervor. Plötzlich ergriff er beide Hände feines Lehrers und drückte sie fest gegen die eigene Brust. Ter Doktor erschrack, das Herz des Knaben pochte unheimlich rasch. „Edwin! um's Himmelswillen! was ist Ihnen?" „Nichts nichts nichts ist mir." „Sie täuschen sich oder wollen mich täuschen, man sieht es Ihnen doch an, daß Sie sich nicht wohl fühlen. Wollen Sie mir nicht sagen, was Ihnen ist?" „Ich - ich kanrtts nicht." Plötzlich richtete er sich aus und mit vollständig veränderter Stimme sagte er: „Ich muß den Brief beantworten - ich möchte es gleich tun - Sie gestatten doch?" Und ohne die Zustimmung des anderen abznwarten, setzte er sich an den Tisch, nahm aus der Schreibmappe einen Briefbogen und begann zu schreiben. Tie Feder schien zu fliegen über das Papier, das sich in unglaublich kurzer Zeit mit Schriftzeichen bedeckte. Kopfschüttelnd beobachtete der Doktor das Tun des mächtig Erregten, so hatte er ihn noch nie gesehen. Schon die zweite Seite hatte er vollgeschrieben und nun schrieb er aus der dritten, es schieil, als würde er gar nicht überlegen, was er schrieb, obgleich er hin und wieder die linke .Hand gegen die Stirn preßte, dabei aber stelumte er ben linken Ellbogen auf den Brief und schrieb so unaufhaltsam weiter. Jetzt hatte er auch die dritte und vierte Seite herunter geschrieben, aber noch war es ihm nicht genug; er nahm den zweiten Bogen, schrieb die fünfte und nahezu die sechste 'Seite voll. Tann schrieb er mit großen Schriftzeicheil feinen Namen darunter und sprang aus, indcnr er die Feder aus den Tisch warf. „Fertig?" fragte der Doktor. „Fertig", flüsterte Edwin, indem er sich mit dem Tuche über das glühende Gesicht fuhr. „Darf ich lesen, was Sie geschrieben haben?" „Ich bitte sehr." Das klang so zitternd, als vrohten Tränen seilte Stimme zu ersticken, aber er reichte die vollgeschriebenen Blätter sei nem Lehrer uno dieser las. Doch kaum hatte er die erste Seite gelesen, da leuchtete es hellauf in feinen Augen. „Edwin!" ries er, „lieber, herrlicher Junge, wer hätte das bei Ihnen gesucht!" „Sind Sie zufrieden?" Er erhielt keine Antwort, der Doktor war schon wieder vertieft in seine Lektüre. Doch hin llnd wieder blickte er auf und begegnete jedesmal dem in Spannullg aus ihn geheftetell Blick seines Schülers, dem er jedesmal, verständnisinnig, zunickte. Doch Hill uitb wieder fuhr auch er sich mit dem Tuche über die feucht gewordenen Augen. Doch als er den Brief zu Ende gelesen hatte, breitete er die Arme aus. „Edwin!" rief er mit bebender Stimme. Da warf sich der Knabe an des Lehrers Brust und brach in ein lautes konvulsivisches Schluchzen aus. In diesem Augenblick ward die nicht fest geschlossene Tür des anstoßenden Zimmers leise geöffnet. Clementine, geängstigt durch die seltsamen Laute, die sie vernommen, blickte in das Zimmer; sie hatte sich nicht getäuscht, ihr großer Neffe weinte laut. Hastig rannte sie davon, hinaus in die Küche, wo sie die Mutter vermutete. „Mama, ich bi.tte dich, komm geschwind, ich weiß nicht, was ihm geschehen ist, Edwin weint so stark, der Herr Doktor kann ihn nicht beruhigen, du mußt kommen." Erschreckt eilte Irma hinüber, das laute Schluchzen hatte bereits aufgehört, aber Edwin hielt noch sein Taschentuch vor das tränenüberströmte Gesicht, sein Köpf ruhte auf der Schulter feines Lehrers, der den einen Arm um ihn geschlungen hatte. Er kam der Frage der ihn angstvoll Anblickenden zuvor. „Fürchten Sie nichts, gnädige Frau," sagte er, „Edwins Aufregung ist nicht Folge irgend eines Unbehagens. Im Gegenteil, ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem wackeren Enkel." Irma blickte ihn betroffen an. „Herr Doktor wär's möglich? verstehe ich Sie recht?" ' , „Ja, gnädige Frau, Sie. haben mich richtig verstanden, unser teurer Edwin hat sich selbst wieder gefunden und hat dieses so eben dem Pater Anastasius geschrieben. Das hat ihn übermannl, hat auch mich mächtig angegriffen." Irmas Augen füllten sich mit Tränen, sie zog den Kopf des Knaben an sich und drüjckte einen Kuß ans seine Stirn. „Gott segne dich, mein teures Kind!" Er zog ihre Hand an seine Lippen: „Großmama, liebe Großmama, kannst du rnir verzeihen?" „Was könnte ich dir verzeihen, Kind? Tu hast doch nichts Böses getan." „Aber du weißt doch, was ich geplant hatte." „Das war nicht deine Schuld, du solltest systematisch verführt werden. Gott sei Dank, der dich zur Einsicht gebracht!" „Gott sei Dank!" wiederholte Edwin, „Gott und meinem unvergleichlichen Lehrer sei Dank!" Er warf sich abermals dem Andern an die Brust und umklammerte ihn mit beiden Armen. „So vielen Tank bin ich Ihnen schuldig! so unendlich vielen —" Er schien abermals in Tränen ansbrechen zu wollen, der Doktor wehrte beschwichtigend und drängte ihn sanft zurück. „Genug Edwin, genug! Sie müssen sich zusammennehmen, Fräulein C.emenrine sieht ganz ängstlich zu Ihnen herüber!" fügte er flüsternd yinzu. „Wollen Sie nicht Ihren Brief kuvertieren und aus die Post geben? Wenn er fort ist, werden oie sich leicht tcr fühlen." „Wenn du nichts dagegen hättest, Edwin, möchte ich deinen Brief zuvor lesen. Darf.ich?" „Bitte sehr." Er reichte ihr die Blätter und sie las: „Hochwürdiger Herr! Ihr wertes Schrei beit tjabe id) erhalten und danke Ihnen bestens dafür, denn es hat mit dazu beigetragen, mich die Wahrheit erkennen zu lassen. Dieselbe war mir allerdings schon von anderer Seite mitge teilt worden, doch ohne die Bestätigung Er. Hochwürden konnte ich es nicht glauben. Dennoch danke ich Ihnen von ganzem Herzen für die viele Blühe, die Sie sich in meinem Interesse gegeben haben, die Lehren der Wahrheit und der Liebe, die ich von Ihnen vernommen, werden nie ans meinem Herzen schwinden, denn jetzt erinnere ich mich deutlich und bestimmt, schon in meiner frühesten Jugend habe ich dieselbe aus der Thora, denk Buche der Bücher, in der Ursprache gelernt. Daß mir das nicht längst eingefallen ist, nicht gleich damals, als Ew. Hochwürden die Güte hatten, mich zu unterrichten, das ist mir gerade zu unbegreiflich. Mir ist als hätte ich Jahre in tiefem Schlaf verbracht und wäre erst jetzt er wacht durch die belebenden Worte meines über alles hochverehrten Lehrers. Jetzt ist mir wieder alles gegenwärtig, was ich als Kind gelernt habe, jene erhabenen Lehren der Wahrheit, des Rechtes und der Liebe, wie kein Gesetzbuch der Welt die selben vollkommener enthalten kann. Denn, hoch würdiger Herr, Sie sind im Irrtum, mit der Annahme, daß die heilige Schrift mir für Priester und Gelehrte geschrieben ist, wir ^sieben werden schon vom sechsten Jahre an in derselben unterrichtet und die Lehren sind doch so einfach und so klar, daß gar kein Mißverständnis möglich ist. Ich bitte Sie inständigst, hochwür digcr Herr, lesen Sie das Mte Testament, ich bin überzeugt, Sie werden nicht einen einzigen Satz in demselben finden, der Rache oder Haßgegen Nichtjuden lehrt oder der anssordert, daß die Juden die Nichtjuden betrügen sollen. Im Gegenteil, es steht ausdrücklich nicht nur „liebe