Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1908)
- Date
- 1908-09-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Vrzidfjung and Lei; Ein Manöver. Das Lehrbuch der „jüdischen Religion" von Dr. Coblenz, „Rabbiner" der Synagogengemeinde Bielefeld, ist von uns bereits gebührend beleuchtet worden. Zwei unserer geschätzten Mitarbeiter haben ausführlich gezeigt, welche handgreiflichen Schnitzer und Entgleisungen das Buch aufweift, haben den unjüdischen und unreligiisen Charakter dieser „jüdischen Religion" aufgezeigt und darauf hingewiesen, daß dieses Merkchen schou wegen seiner den geistigen Horizont der Schüler übersteigenden Darstellungsform als Schulbuch unbrauchbar ist. Auf die Gefahr hin, durch eine nochmalige Beschäftigung mit diesem Buche ihm ein Bedeutung zuzuerkennen, die es an sich gar nicht besitzt, kommen wir heute noch einmal darauf zurück. Veranlassung dazu bietet uns das Organ des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reich, die „Blätter für Erziehung und Unterricht." Man kennt die Kämpfe, welche iunerhalb des Verbandes zwischen den verschiedenen Richtungen sich abgespielt haben, man kennt die Versicherungen, welche der Verbandsvorstand gegeben hat, daß im Verbände alles vermieden würde, was den Frieden der „Parteien" stören könne, man weiß, daß der letzte Berbandstag es als überflüssig betrachtet hat, Lauteten zu schaffen, daß die gesetzestreue Richtung nicht verletzt werde, weil das selbstverständlich sei. Nun was von alledem zu halten ist, das lehrt uns die jüngst erschienene Nr. 34 des Verbandsorgans vom 30. August 1908. Man hätte geglaubt, daß ein Organ einer Vereinigung die auch gesetzestreue Mitglieder umfaßt, kein Platz sei für die Empfehlung eines Buches, das radikalen Tendenzen huldigt, das auf einer unjüdischen und unreligiösen Grundlage aufgebaut ist. Es erscheint als eine so selbstverständliche Forderung, daß es überflüssig ist, sie erst noch zu begründen. Doch die Leitung des Verbandsorgans denkt darüber anders. Sie gewährt in 'der genannten Nummer einer Besprechung des Coblenz'schen Lehrbuches Aufnahme, in welcher dasselbe über den grünen Klee gelobt und dringend empfohlen wird. Der Rezensent hat sich mit seinem Urteil über das Buch selber das Urteil gesprochen, daß ihm nämlich die Urteilsfähigkeit völlig abgeht. Wer ein vom pädagogischen Standpunkt aus so' unbrauchbares Buch als ein pädagogisches Meisterwerk preist, der macht sich einfach lächerlich und ist nicht ernst zu nehmen. Aber nicht um den zur Partei des Verfaffers gehörenden Rezensenten handelt es sich, sondern um das unparteiisch sein wollende Berbandsorgan. Wie ist die Aufnahme der Empfehlung eines so gearteten Buches im Verbandsorgan mit den angeblich unparteiischen Tendenzen des Verbandes in Einklang zu bringen? Der Verbandredakteur weiß sehr wohl, daß eine solche Empfehlung eine Ungehörigkeit ist. Um jedoch das Odium der Parteilichkeit von sich abzuwälzen, nimmt er noch eine zweite Besprechung, deren Autor mit den jedenfalls flngierten Anfangsbuchstaben N. T. zeichnet, in derselben Nummer des Blattes' auf. Es wäre nun eine selbstverständliche Forderung der Parität gewesen, in dieser zweiten Besprechung einen gesetzestreuen Rezesenten zu Worte kommen zu lassen, der den Charakter des Buches ins rechte Licht gesetzt hätte. Das geschieht jedoch (selbstverständlich!) nicht. Zwar lehnt Herr N. T. das Buch als ungeeignet ab, weil es dem Subjektivismus Tür und Tor öffne, und. weil es seiner Diktion wegen für Volksschulen völlig ungeeignet sei. Aber die ganze Besprechung ist ein Manöver,- denn Herr N. T. ist, wie aus dem Tenor der Rezension hervorgeht, augenscheinlich ein Herrn Dr. Coblenz nahestehender Mann, der von dem Buche nicht mehr zu sagen weiß, als daß es „den Talmudismus perhorresziere" und lediglich die Bibel als Quelle der jü)ischen Religion betrachte, daß Dr. Coblenz auch die Bibel Perhorresziert und mit biblischen Lehren in freier Willkür umspringt, wie es ihm gerade paßt, daß er in Lehre und Leben sich über Bibel und Judentum hinwegsetzt, das verschweigt der Rezensent völlig. Er klärt den Leser nicht über den wahren Charakter des Buches auf. Er hebt hervor „daß Dr. Coblenz seinem eignen religiösen Empfinden gemäß schreibe, das für ihn eine Quelle reinster Befriedigung sein und auch auf die Gesamtheit befruchtend wirken könne," daß in dem Buche das Judentum der Zukunft mit seinen universalistischen Elementen, der reine Monotheismus — von allen Dogmen und Zeremonien befreit — der dereinst Gemein gut der gesamten Menschheit werden und alle Menschen zu einem Bruderbünde vereinigen werde, zur Darstellung gelange, er betont, daß das Judentum zwar diese Entwicklungsfähigkeit gewährleiste, daß aber die gegenwärtige jüdische Religion für die Schule eine andere Darstellung verlange. Man sieht, daß die Geistesrichtung des Rezensenten nicht allzuweit von der des Autors entfernt .ist. Wir haben nicht - die Absicht, gegen Herrn N. T. und gegen sein Liebäugeln mit dem Radikalismus zu polemisieren. Wir wollen nur konstatieren, daß im Verbandsorgan Blindekuh gespielt wird, und daß kein Raum ist für ein freies und offenes Wort, dort wo es sich um Erzeugniffe radikaler, auf negativem Standpunkte stehender Elemente handelt. Man weiß dort gut zu manövrieren. Neuerscheinungen ans dem Gebiete der jüdischen Schulbücher* Eiferatur. III. Viel glücklicher als mit seiner Fibel war Levy bei der Neubearbeitung des alten Rödelheimer Siddur,' hier hat er sich ein unbestrittenes Verdienst erworben und dafür mit Recht reiches Lob geerntet. Wohl gibt es noch recht viele Kollegen, die sich mit fV)£h '"iptff nicht befreunden können, aber alles Nene stößt anfangs auf Widerspruch und gar mancher hängt an dem liebgewordenen Alten, auch wenn seine Mängel offen zu Tage liegen. Und die alte Tefillah hatte deren eine ganze Menge,- sie entsprach nach keiner Richtung hin den Ansprüchen, die man an ein gutes Schulbuch stellen muß. Sie huldigte dem Grundsatz: billig, aber schlecht. Die beiden bekannten Verlagsfirmen machten sich scharfe Konkurrenz/ während diese aber sonst das treibende Moment für den Fortschritt ist, verhindert sie ihn hier. Schlechtes Papier, ausgelaufene Lettern und daher undeutlicher und schlechter Druck, ein enger, gedrängter Satz, sodaß ganze Zeilen ein zusammenhängendes Ganze bildeten und die einzelnen Wörter kaum voll einander getrennt waren Dabei waren die bisher benützten Typen nichts weniger als schön. Der böhmisch-mährische Lehrerverein hatre eine schöne und zweckmäßige Ausgabe des Siddur veranstaltet, nur bei ulls begnügte man sich mit dem Althergebrachten. Da war es wirklich das wahre Ei des Kolumbus,- etwas Neues und Besseres zu schaffen. Neu sind vor allem die sogenannten Verbandstypen. lieber ihre Notwendigkeit ulld Zweckmäßigkeit läßt sich streiten. Tatsache ist, daß die Typen in vielen in Oesterreich- Ungarn gedruckten Lehrbüchern — ich verweise hier nochmals auf die Fibeln von Fuchs, Klein, Gabel und nicht zuletzt auf die in Ungarn gedruckte Fibel von Rosenthaler — an Schönheit, Deutlichkeit und Unterscheidbarkeit die unsrigen bedeutend übertreffen und daß eine Verwechslung der formähnlichen Buchstaben auch bei jenen nicht so leicht Vorkommen wird. Was in Oesterreich-Ungarn möglich war, das hätten eigentlich auch unsere Verlagsbuchhandlungen leisten und auch ohne den großen Apparat, der dazu aufgeboten wurde, eine billigen Ansprüchen genügende Schrift schaffen können. Da sie es aber aus freien Stücken und aus eigenem Antriebe nicht getan, so ist es immerhin ein Verdienst Levys, die Sache in Fluß gebracht zu haben. Schön sind diese sogenannten Verbandstypen nun zwar auch nicht, aber für uns Lehrer kommt doch vor allem die Frage in Betracht: Sind die formähnlichen Buchstaben leicht zu unterscheiden? und