Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1908)
- Date
- 1908-09-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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L DptÄer 1SV8, „Ethik und Wirtschaft" anerkannt. Wozu denn existiert ein Recht, wenn es nicht gerade im praktischen Leben in wirtschaftlichen fragen zur Anwendung kommen soll? Was wir cwer aus der dankenswerten Belehrung des Herrn Loeb festgehalten und zum Gemeingut unserer alten und jungen Leser, unserer Prinzipale und Angestellten machen wollen, ist das, was die Firmen und die Stellesuchenden anscheinend bisher wirklich noch nicht gewußt haben. So tun wir euch denn, st ellensuchende jungen Leute, gemeinsam mit Herrn Loeb kund zu wissen: § 74, Abs. 3 des H. G. B. lautet: „Tie Vereinbarung ist nichtig, wenn der Handlungsgehilfe zur Zeit des Abschlusses minderjährig ist." Das ist es ja gerade. Die in Betracht kommenden Firmen scheinen es in der Tat — das nehmen wir zu ihren Gunsten an — nicht zu wissen, daß sie einem jungen Lehrling den Vertrag überhaupt nicht vorlegen können. Wir wollen diesen Gedanken, etwas nicht zu können und doch zu tun, nicht weiter spinnen. Wir haben lediglich ein sachliches Interesse an der Gerechtigkeit und Lauterkeit und wollen niemandem zu nahe treten. Es kann mit uns aber jeder nur das Interesse haben, den Unerfahrenen zu schützen. Im Uebrigen 'kann ich Herrn Loeb doch verraten, daß, wenn es ihm auch nicht zu Ohren gekommen ist, der in der vorigen Nummer des „Volksfreund" angeführte Fall in meiner Praxis nicht der einzige ist, in dem die Konkurrenzklausel als große Härte empfunden wurde und wegen der Unannehmbarkeit ihrer Bedingungen monatelange Stellenlosigkeit zur Folge hatte. Wir schließen hiermit die Diskussion über diesen Punkt und danken ohne einschränkende Klausel Herrn Loeb sowohl wie dem geschätzten Herrn Verfasser von „Ethik und Wirtschaft" für ihre stets willkommene Konkurrenz in allem Guten. Gedanken Ober das (Uesen der Gefillob. (Fortsetzung.) Hier in diesem Chanun Werachum Hascheim oder in dem Wort: „Gott stützt alle Fallenden", haben wir wiederum eine typische Eigenart unserer Gebete. Selten erflehen wir Gottes Waltung in der sonst üblichen beliebten imperativischen Form. Wir vermeiden auf das weitestgehende die persönliche Bitte. An Stelle einer Bitte von der Form: „Und gieb uns unser täglich Brot", ziehen wir es vor, in positiver Bestimmtheit auszudrücken: „Gelobt seist du Hascheim, Hason es Hakaul, der alles speist", und drücken damit das vollkommenste Vertrauen in seine Waltung aus. Sy liegt in unserer ganzen Tesiloh die undefinierbare Diskretion, das zarte Takt-Gefühl eines empfindungsvollen Menschen, welcher sich die Zuneigung eines Freundes nicht durch zu viele Bitten verscherzen möchte. Selbst dort, wo wir ganz unumwunden und persönlich bitten, da treten wir ungern als Einzelperson hervor, sondern tauchen in der Gesamtheit unter. So kommt ks, daß ein großer Teil unserer Gebete in der Mehrzahl ausgedrückt ist, „haschivenu, refoenu" u.s.w., sodaß also die Gesamtheit für den einzelnen und jeder einzelne für die Gesamtheit betet. Und was ist es nun, um was wir vornehmlich beten? Von den 13 inneren Berochaus der Schemonoh Esrei zielen nur zwei auf unser körperliches und materielles Wohl hin, die elf übrigen erflehen unsere geistige und sittliche Vervollkommnung und die Förderung des Menschheit-Baues zu dem Ziele der allgemeinen Gottes-Erkenntnis. Ja, ja, unsere Tefilloh ist unpraktisch und unzeitgemäß, sie kann und kann nun einmal nicht mit dem alten ideellen Kram ausräumen. Was Wunder, daß die Menschen, deren höchste Selig- Der JSraelit. keit in einem Jahres-Monnement auf die Hofoper, einer auf Gummirädern laufenden Equipage, einem dividenden-sicheren Kapital besteht, daß diese Menschen unsere unrentabel ideelle Anspruchslosigkeit höhnisch belächeln und für kindliche Wünsche, wie „Reinige unser Herz, dir in Wahrheit zu dienen" oder „Beuge unsere Triebe" nur ein fouveraines mitleidiges Achselzucken übrig haben? Es ist nur konsequent, wenn diese Achselzuckenden hingehen und ihren Gottesdienst nach dem Geschmack der Umgebung reformieren. Da sie keine Ahnung vorn Wesen der Tefilloh haben, so sehen sie immer nur die sich bewegenden Lippen, nie aber die „angestrengte Geist- und Herztätigkeit der Betenden" und noch weniger die Läuterung, welche das Gebet auf diese innig Betenden auszuüben fähig ist. Sie hören immer nur den Lärm der Judenschule, nicht das laute Herzpochen der im Gebete nach Wahrheit, Trost und Vergebung ringenden Menschen. Und da ihnen das ganze jüdische Gebet ein völlig unverstandenes Etwas ist, so treibt es sie, ihren Gottesdienst auf ein höheres ästhetisches Niveau zu heben und daher bauen sie Orgeln, und engagieren gutbefetzte Chöre, in denen zur Ehre Gottes die Herren Tenöre und Bässe, die Damen Alt und Sopran beileibe nicht fehlen dürfen. Und was geschieht, wenn den Gemeinden die Mittel zu solch kostspieligem musikalischem Apparat fehlen? Es ist noch nicht lange her, daß ich einem Gespräche zwischen dem Vorsteher und einem Mitgliede einer süddeutschen Gemeinde beiwohnte, im Laufe dessen der Vorsteher folgende Worte sagte: „Wenn Sie und Ihre Anhänger der Einführung einer Orgel in unserer Synagoge entgegenarbeiten, so gehen wir in die katholische Kirche." Was kann uns nach dem Voraufgegangenen die Orgel sein? Wollen wir uns in der Synagoge musikalisch ergötzen? Dazu sind unsere Opern und Operettenbühnen und unsere Konzertsäle da! Wollen wir überhaupt ästhetisch genießen im Gotteshause? Wollen wir in unserem Gotteshäuse untätig sein? Kann uns daran liegen, durch weihevolle Orgeltöne eine auf Minuten berechnete seelische Emotion zu empfangen? Liegt uns nicht viel mehr daran, uns in die Betrachtung von Gott, Welt und Dingen zu vertiefen und uns im Gebet fürs Leben, die Kraft und die Wahrheit zu holen? Was sollen uns die Präludien und kunstvollen Fugen? Der Verdurstende, der nach Wasser gräbt, was kann ihm der Schatz sein, auf dm er stößt? Ebensowenig wie auf die Orgel, sind wir in unserem Gebete auf irgend etwas anderes Aeußerliches angewiesen. Alles, was auf künstlichem Wege Stimmung produzieren soll, hat im jüdischen Gotteshause keine Stätte.. Wir brauchen nichts Nebulöses, nichts Zerfließendes. Kein Weihrauch braucht die Luft zu füllen, keine Plastik den Sinn zu fesseln und kein bunres Fenster das Sonnenlicht zu dämpfen. Unser Gotteshaus braucht und soll nicht im mystischen Dämmerlicht daliegen, unser Gotteshaus soll auch nicht die trichterartige, architektonische Gestalt der Kirchen besitzen, die ja den nichts irdischen Gedanken zu verkörpern scheint: Wir Menschen wollen zu dir kommen köirnen, wann wir dich suchen. Du aber sollst nicht zu uns kommen, dein Reich bleibe da oben in den Aeonen! Nein, hell und sonnenklar soll unsere „Schul" daliegen vor den Augen aller, die sie sehen wollen und das klare, goldenslutende Sonnenlicht soll ungebrochen von oben und von den Seiten zu uns hinein sich ergießen. Unsere Tauroh und unsere Tefilloh verträgt eben keinen Mysticismus, sie verträgt nur und nichts anderes als das läuternde Licht der Wahrheit, und darum wurde die Krias Hatauroh, also der Teil unserer Lithurgie, in dem unsere Sefer- Thora aufgerollt und verlesen wird, in den Mittelpunkt unserer Andacht verlegt und vom Schulchon aus kann nun das Majim chajim, das reine Wasser der Gotteslehre, hinausfließen in die Welt zu jedem Menschen hin, der ihm Behälter sein will. Sette 19. Nr. m Aus dem Bvrangegangenen geht hervor, daß auch die Sprache unserer Tefilloh, ihre Ausdrucks? weife und Form in erster Linie klar und wahr sein muß, in zweiter Linie erst schön und so ist es auch. Und dennoch erreicht die Sprache unserer Tefilloh häufig eine wunderbare dichte-! rische Schönheit, besonders durch die Schilderung der Naturerscheinungen zieht ein unaussprech^ lich zarter lyrischer Duft. Wer kann sich zum Beispiel dem Reiz der ersten Berochoh des Abendgebetes entziehen?. Und nun erst unser „Adaun Aulom", das kann man gar nicht auf deutsch wiedergeben. Keine der mir bekannten Uebersetzungen schöpft den ganzen Inhalt dieses herrlichen Gedichtes aus, keine erreicht die rhythmische Plastik des Originals. Und in welcher deutschen Prosa finden wir die kraftvolle Schönheit eines „Nischmas" wieder? Wenn wir uns fragen, ob das heutige Geschlecht das Wesen unserer Tefilloh vollauf würdigt, so müssen wir mit einem traurigen Nein ant-r Worten. Vor allen Dingen, wir gehen nicht mehr gern ans Gebet heran und wir können auch nicht mehr andächtig sein. Ueberall herrscht lebhaftestes, freudigstes Interesse, an der Börse, im Theater, auf der Rennbahn, und dem jüdischen Gebete wird immer nur matte Gleichgültigkeit entgegengebracht. Und so imposant der Menschenstrom ist, der sich — am Schabbos $u>neift — am Schlüsse des Gottesdienstes aus unseren großstädtischen Sy* nagogen auf die Straße ergießt, reine Freude können wir an diesem stattlichen Menschenaufgebot leider nicht empfinden. Man mische sich einmal unter sie, um zu erlauschen, was diese Synagogen-Besucher beim Hinausttitt aus der Synagoge am meisten befestigt. Von allem, allem wird da gesprochen, nur von der aus Krias Hatauroh und Tefilloh geschöpften Wahrheit wird nicht gesprochen. Wie wenigen kann da der Gottesdienst ein wirkliches Erlebnis geworden sein, wie wenige scheinen den Eindruck vertiefen und pflegen zu wollen, den sie im Gebete empfangen haben! Und dieses ist es doch gerade, was den ganzen hehren Zweck der Tefilloh ausmacht. In anderen Kreisen ist der Gottesdienst der einzige höchste Ausdruck des Lebens, dort beschränkt er sich auf die wenigen Stunden des Gretes, die vom Tische des Geschäftes und von der Tafel der Vergnügungen als Almosen für Gott abfallen. Unsere Tefilloh will aber nur eines der mannigfachen Mittel zum Zweck eines ganzen, gottesdienstlichen Lebens sein, wie es in noch höherem Maße das Studium der Thauro bildet. Unser Gottesdienst endet daher nicht mit Oleinu. Nein, er wird fortgesetzt in jeder Minute des Daseins. Das Leben sei unser Gottesdienst und das Gotteshaus das seien wir. Seh keili weanwehu. Das ist mein Gott, weanwehu und ich wilk ihm eine Stätte sein. Wir sollen Ihm derart eine Stätte sein, daß Er, Hascheim, gern bei uns einkehrt. Tenn das will Haschern. Ju Eurer Mitte' möchte ich wohnen. Weschochanti, Euer Schochen, Euer Nachbar möchte ich sein. Und für solchen Nachbarn sollte die Kammer unserer Brust nicht immer festtäglich geschmückt sein? Jecheskel hat die Bedeutung eines Gotteshauses allsgesprochen. Bevor er sich mit beit Einzelheiten des Tempel-Baues beschäftigt, spricht er im Lapidarstil den herrlichen, das ganze Prinzip unserer Gebete darstellenden Satz aus: „Das ist die Lehre des Hauses! Al rausch hohor, hinauf auf dieSpitze des Berges, der ganze Umkreis sei hochheilig, siehe, das ist die Lehre des Hauses." Und wenn auch auf der Zionshöhe der von Jecheskel besungene Tempel in Schutt liegt, al rausch hohor, hinaus auf die Spitze der Menschheitshöhen, das sollte der ewig strahlende Leitstern aller Juden sein und bleiben. rssn