Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1908)
- Date
- 1908-09-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449335--64836-2507445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton-Beilage zu Nr. 36 des „Israelit". euilleton Der €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „So Will ich es Ihnen sagen. Kommen Sie, setzen wir uns dort auf die Rasenbank und lassen Sie uns offen miteinander reden." „Also vor ungefähr drei oder vier Wochen, wir hatten erst vor wenigen Tagen unser gemeinschaftliches Studium begonnen, befand ich nrich eines Tages in einer Buchhandlung, wo ich etwas Nachsehen wollte, da kommt ein Bekannter, der längere Zeit verreist gewesen war, auf mich zu und sagt, sehe ich recht, Herr Doktor Groß? Herr Doktor Groß, belehrt ihn der Inhaber der Buchhandlung lachend. Darauf wendet sich eilt alter Herr, der die ganze Zeit neben uns gestanden und in einem Katalog geblättert hatte, zu mir und sagt: Gestatten Sie, Herr Doktor, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Heinrich Schröder. Ihren Namen habe ich so eben nennen gehört und daraus erkannt, daß ich das Vergnügen habe den Lehrer meines Enkels Edwin Gotthold vor mir zu sehen. — Wir unterhielten uns ein Weilchen, Herr Schröder erzählte mir, daß er im Begriffe wäre, Ihre Bibliothek in Althof zu vervollständigen und bat um meine Beihilfe. Auf seinen Wunsch begleitete ich ihn in seine Wohnung, wo ich ihm die Werke bezeichnete, die ich für 'Ihre Büchersammlung wünschenswert halte. — Aber ich hätte Ihnen dieses vielleicht nicht mitteilen sollen, vielleicht sollte es eine Ueberraschung für Sie sein." „Ach das macht nichts, ich werde es dem Großvater nicht sagen, daß Sie mir davon erzählt hab.n. — Aber — bitte, Sie wollten mir doch noch anderes mitteilen —" „Ihr Großvater, lieber Edwin, ist ein lieber alter Herr. — Sie sind ihm in Wirklichkeit teurer als sein Augapfel. — Er hat mir seine Anerkennung ausgesprochen über meine Unterrichtsmethode, er verstände zwar nicht viel von dergleichen, aber was Sie ihm davon erzählt hätten gefiel ihm ausgezeichnet und er erwarte besten Erfolg davon. Ich habe selbstverständlich erwiedert, daß ich mein Möglichstes täte und da auch Sie es an Lerneifer nicht fehlen ließen, so wollten wir das Beste hoffen. Er blickte einige Augenblicke sinnend vor sich nieder, dann sagte er, man könne, seiner Ansicht nach, auf einen vollständigen Erfolg meines Unterrichtes nur dann hoffen, wenn ich sowohl mit Ihren persönlichen Verhältniffen als auch mit Ihren Familienverhältniffen vollkommen* vertraut wäre- und da er fürchte, daß Ihre Großeltern, in ihrer zartfühlenden Weise, mit Rücksicht auf ihn, mir nicht alles mitgeteilt haoen würden, was ich in Ihrem Interesse wissen müßte, so wolle er mich von allem in Kenntnis setzen —" Was hat Ihnen mein Großvater mitgeteilt?" fragte Edwin mit stark belegter Simme. „Herr Schröder hat mir ein klares Bild Ihrer Verhältnisse gegeben, seit dem Ableben Ihres Vaters bis heute." Edwin niard bald blaß, bald rot, der Doktor vermied es absichtlich, den Blick-auf ihn zu richten. „Sie wissen alles? — alles? —" „Ich weiß alles." „Auch — auch — von —" „Auch von Ihrem ersten Aufenthalt in Althof hat mir Ihr Großvater erzählt — Wie sich Ihr Gutsnachbar Baron Brandow in Ihre Familie gedrängt hat — Und wie dann im Herbst sich ihre Familie veranlaßt gesehen hat, Sie nach B. zu dem Doktor Hasenfeld zu begeben." „Alles hat Ihnen mein Großvater erzählt? — auch? — auch? —" „Alles hat mir Ihr Großvater erzähl — auch die Veranlassung Ihrer damaligen Erkrankung." Edwin erblaßte bis auf die Lippen. „Wozu Sie das wissen mußten? — „Was hat Ihnen mein Großvater von meiner Reise gesagt?" „Von Ihrer Reise, die Sie ohne Wissen und Willen Ihres Vormunds unternommen haben —" „Das habe ich nicht gewußt," fiel Edwin hallig ein, „ich bin getäuscht worden —" „Das hat mir Ihr Großvater erzählt. Sie sowohl wie Frau Dr. Hasenfeld sind durch Ihre Mutter getäuscht worden, die Sie entführt hat." Edwin ward dunkelrot, außerstande den Blick empor zu heben. „Wenn ich nur wüßte zu welchem Zwecke?" murmelte er „darüber habe ich schon manche Nacht schlaflos verbracht — hat Ihnen mein Großvater darüber nichts mitgeteilt?" „Doch — Herr Schröder hck mir alles mitgeteilt." „Mein Großvater weiß warum — zu welchem Zweck?" Der Doktor neigte bejahend das Haupt." „Und Sie wissen es auch?" „Ich sagte Jlnen doch, in dieser Beziehung weiß ich mehr als Sie." „So sagen Sie es mir, Herr Doktor! ich bitte Sie inständigst. Es scheint ja gradezu unglaublich, daß die eigene Mutter ihr Kind entführt durch Lug und Trug — Also weshalb hat mich Mama getäuscht und mir gesagt, mein Großpapa Gotthold hätte erlaubt, daß ich mit ihr die Gesellschaftsreise nach Norwegen mitmache? Ich bitte Sie ums Himmelswillen, Herr Doktor, sagen Sie mir, was Sie darüber wissen — Ich bin doch kein Kind mehr, das willenlos mit sich spielen lassen muß." „Sie haben recht, Sie sind kein Kind mehr und sollen die Tragweite des schlimmen Spiels kennen lernen, das mit Ihnen getrieben worden ist." „Also bitte, Herr Doktor —" „Da muß ich aber auf jenen Abend zurückkommen, von dem Sie nicht gern reden hören." „Das macht nichts, das ist doch jetzt einerlei." „Freilich ist das jetzt einerlei — Also an jenem Abend als Herr Schröder durch Herrn Gotthold erfahren hatte, daß Sie erkrankt waren und auch die Ursache Ihrer plötzlichen Erkrankung, ta begab er sich sofort zu seiner Tochter, derselben Vorstellungen zu machen. Sie aber erklärte ihm mit größter Unbefangenheit, sie wäre sich keines Unrechts bewußt, da der Baron ihr Bräutigam und sie nur mit Rücksicht auf Ihren verstorbenen Vater das Ende des Trauerjahres abwarten wollten, bevor sie ihre Verlobung veröffentlichten. Vergebens bemühte sich Herr Schröder seine Tochter von dem unglückseligen Vorhaben abzubringen, sowohl mit Rücksicht auf Sie und aus Ihren verstorbenen Vater, dem sie keinen solch elenden Nachfolger geben dürfe, als auch aus Rücksicht auf ihr eigenes Wohl, da der Baron des denkbar schlechtesten Rufes sich erfreue und wenn er sie vor der Welt zu seiner Frau machen wolle, dieses einzig und allein im Hinblick auf die Millionen ihres Vaters beabsichtige. Frau Gotthold widersprach dem auf's Entschiedenste und beharrte dabei, sie werde sich demnächst taufen lassen und dann dem Baron zum Altar folgen. Darüber geriet Herr Schröder außer sich und erklärte ihr, falls sie sich taufen lassen würde, würde er sie enterben und würde dafür sorgen, daß dieses dem Baron zu Ohren komme, der sich dann schwerlich zur Heirat mit ihr werde bereit finden lassen. Er rate ihr daher vor ihrer Taufe den Baron von dem unwiderruflichen Beschluß ihres Vaters in Kenntnis zu setzen, sonst könne sie riskieren sich von ihrem Vater losgesagt zu haben ohne ihr Ziel Baronin zu werden, zu erreichen — Am folgenden Tage schrieb sie ihrem Vater, sie habe seinen Rat befolgt und sehe ein, daß er den Baron richtiger beurteilt habe als sie und habe sie deshalb definitiv mit ihm gebrochen, er werde nie wieder ihr Haus betreten. Trotzdem erfuhr Herr Schröder, daß der Baron in das Haus seiner Tochter allerdings nicht mehr komme, daß sie aber häufig wo anders zusammen träfen und im Sommer auf ihren Reisen stets zusammen gesehen wurden. Bis hierher habe ich Ihnen Tatsachen berichtet, wie Ihr Großvater mir dieselben mitgeteilt hat, was nun folgt ist jedoch mehr Combination Ihres Großvaters. Wenn Sie jedoch alle Umstände in Erwägung ziehen, so werden Sie zugel en müssen, daß diese Kombination den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit für sich hat. Da seine Tochter ihm wiederholt erklärt hatte, daß sie mit dem Baron vollständig gebrochen und er aus bester Quelle wußte, daß dieses nicht der Fall war, erkannte er daraus, daß sie beschlossen hatten, auf seinen Tod zu warten, erst seine Millionen zu erben und dann ihr schmähliches Vorhaben anszuftthren gedachten — Es muß ihnen jedoch die Zeit zu lange gedauert haben. Ihr Großvater hat zwar nie wieder mit seiner Tochter über diese Angelegenheit gesprochen, denn er wußte im vorhineill, daß alle seine Vorstellungen vergebens sein würden, als er Nachricht von Ihrer Entführung erhielt, zweifelte er keinen Augenblick, daß der Baron dahinter stecke, nur konnte er nicht begreifen, welchen Vorteil derselbe davon erwarte. Als jedoch Ihr Brief aus Singapore eintraf, in dem Sie mit schwärmerischer Begeisterung von dem Pater Anastasius sprachen —" „Fch bin ihm Dank schuldig," fiel Edwin erglühend ein „er hat viel für mich getan." „Dem will ich nicht widersprechen. Aber Ihre Angehörigen erkannten daraus die Motive Ihrer Entführung." Edwin blickte betroffen auf. „Das begreife ich nicht." „Weil Sie ein unschuldiger Knabe sind, der noch feine Ahnung hat von der Schlechtigkeit der Menschen. Edwin schüttelte noch immer verständnislos den Kopf. „Begreifen Sie den Zusammenhang?" „Ihr Großvater hat mir alles erklärt, sonst würde ich es vermutlich auch nicht begreifen. Daß aber seine Erklärung richtig ist, geht daraus hervor, daß er derselben entsprechend Anordnungen getroffen hat, durch welche die Betreffenden veranlaßt worden sind ihre Reise zu unterbrechen und heimzukehren." „Ich verstehe keine Silbe, bitte Herr Doktor^ erklären Sie mir —" „Das will ich eben — aber ich gestehe, es wird mir nicht leicht." — „Also sehen Sie, Ihre Mutter weiß, wie unaussprechlich teuer Sie. Ihrem Großvater sind, sie hält es gradezu für undenkbar, daß er Ihnen einen Wunsch verweigern könnte. Darum ist der Pater Anastasius bestellt worden — Sie haben denselben freilich für einen zufälligen Reisegefährten gehalten. Ihr Großvater aber behauptet, derselbe wäre eigens für Sie engagiert worden um vor allem durch sein leutseliges Wesen, durch sein hilfreiches Benehmen Ihnen gegenüber Ihre Zuneigung zu gewinnen, dann sich zu bemühen, Ihnen die Religion, in der Sie geboren sind, verhaßt und verächtlich zu machen und Ihnen seine eigene Religion als die allein seligmachend^ anzupreisen und Sie dem Uebertritt zu der-