Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1908)
- Date
- 1908-09-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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WWWWWWWWWMWWWMMW t ff CO Die Juden im Urteil der griechischen und römischen Schriftsteller Ms dem literarischen Nachlasse von Solm Berlrn. (Fortsetzung.) Er (Hecataeus) erzählt: „In Aegypten habe einstmals eine pestartige Krankheit geherrscht, das Volk habe die Ursache derselben dem Zorne der jGötter zugeschrieben, weil im Lande viel Fremde lebten, die besondere Religionsgebräuche befolgten und die einheimischen vernachlässigten. Um von ihren Leiden befreit zu werden, hätten die Aegyp- 1er die Fremder: ausgetrieben. Der größte Teil dieser Ausgewiesenen habe sich nach Judäa gewandt. Ar: der Spitze dieser Ansiedler stand Moses, welcher ebenso ausgezeichnet durch Weisheit, wie durch Mut war. Er ergriff Besitz von dem Lande, gründete daselbst mehrere Städte, unter anderem Hierosolyma, welche heute die berühmteste ist. Er gründete auch einen Tempel, denk dieses Volk besondere Verehrung erweist. Er stellte von den Göttern kein Bild her, überzeugt, daß die Gottheit keine menschliche Gestalt habe. Er glaubte, daß der Himmel, der die Erde umgiebt, der einzige Gott sei und der Herr des Weltalls. Die Opfer und Gebräuche, die er einführte, waren gänzlich verschieden von denen der anderen Völker. Eingedenk der ungastlichen .Behandlung, die seinem Volke zu teil geworden war, richtete er demselben eine gegen die übrigen Menschen sich abschließende und ungastliche Lebensweise ein." Des Weitern hebt er auch hervor, daß Moses die Kindererziehung zur religiösen Pflicht gemacht habe (im Gegensatz zu der Kinderaussetzung bei den Griechen) und betont, daß es am!Ende der Gesetze heißt: „Moses hat diese Worte von Gott gehört und sie den Juden übergeben." In dieser Darstellung des Hecataeus besitzen wir die älteste ägyptische Erzählung vom Auszüge aus Aegypten. Obgleich Hecataeus sie vom ägyptischen Standpunkte mitteilt, stimmt sie doch in vezug auf die hervorgehobenen Leidender Aegypter mit der Bibel überein. Da zu seiner Zeit wohl kaum schon eine griechische Pentateuchübersetzung existiert hat, so scheint er seine Informationen aus ägyptischen Erzählungen und persönlichem Verkehr mit Juden gewonnen zu haben. Seine Kenntnis des Judentums ist nur eine oberflächliche, er verlegt die Schöpfung späterer Institutionen, wie z. B. des Tsmpels in Jerusalem, in die mosaische Zeit und hält den für ihn gleich vielen anderen Griechen und Römern unfaßbaren Gottesglauben für Pantheismustrotzdem spricht er von den gänzlich verschiedenen jüdischen Gebräuchen und von ihrer Lebensweise, obgleich er diese als ungastlich bezeichnet, nicht nur ohne Leidenschaft und Groll, sondern sogar in einem anerkennenden, wohlwollenden Tone. Aber unter dew zweiten Ptolomäer (250) ist es ein ägyptischer Priester Manetho, der einer gehässigen und feindseligen Stimmung gegen die Juden Ausdruck verleiht. Er hat ein gelehrtes Werk über die ägyptische Geschichte in griechischer Sprache verfaßt, von welchem zwei größere Bruchstücke uns erhalten sind, die aber sehr verschiedenen Charakter tragen. Während das erstere dieser Bruchstücke keine Veranlassung zr: zweifeln gibt, daß sein Inhalt, wie Manetho vorgibt, aus den ägyptischen heiligen Urkunden selbst geschöpft ist, will das letztere gar nicht als urkundliche Geschichte gelten, sondern gibt nach dem eigenen Geständniffe Manethos nur die über die Juden im Umlauf befindlichen Legenden wieder. Der König Amenophis von Aegypten, so lautet bei Manetho die Erzählung, habe alle Aussätzigen aus dem ganzen Lande, 80000 an der Zahl, an einen Ort zusammenbringen lassen habe sie in die Steinbrüche zur Arbeit geschickt. Nachdem sie dort längere Zeit gearbeitet hatten, hätten sie den König gebeten, er möge ihnen eine einst von den Hyksos bewohnte Stadt zum Wohnorte anweisen. Der König habe ihre Bitte gewährt. Als sie aber die Stadt im Besitze hatten, seien sie vom König abgefallen und hätten einen Priester Osarsiph, der den Namen Moses angenommen, zu ihrem Oberhaupte gewählt. — Dieser habe ihnen neue Gesetze gegeben, in welchen namentlich geboten war, keine Götter zu verehren und die bei den Aegypteru heilig gehaltenen Tiere zu schlachten. Mit den zur Hilfe herbeigerufenen Hyksos aus Jerusalem hätten die Aussätzigen den König Amenophis vertrieben und Aegypten 13 Jahre lang beherrscht. Nach 13 Jahren seien dann die Hyksos und die Aussätzigen wieder aus Aegypten vertrieben worden. — Dies ist der erste Schlag, der gegen die Juden geführt wurde, indem durch diese Entstellung der Tatsachen die ehrwürdige geschichtliche Vergangenheit des jüdischen Volkes verunglimpft und herabgewürdigt wurde. Die Ursache dieser Gehässigkeit, welche charakteristischer Weise nicht von einem Hellenen, sondern von einem Aegypter ausgeht und sich nicht gegen die Charaktereigenschaften der Juden, sondern gegen ihre geschichtliche Vergangenheit richtet, liegt klar zu Tage. Manetho lebte in Alexandrien. Die alexandrinische Judenschaft war schnell zur Blüte gekommen. Auf ihre Religion war die weitgehendste Rücksicht genommen, sie . bildeten einen Staat im Staate und hatten im Wettbewerb der Nationalitäten den arbeitsscheuen Aegyptern und Hellenen bald einen Vorsprung abgerungen. Mit Eifer hatten sich die Juden, die bisher nur ein ackerbautreibendes Volk gewesen, auf Schiffahrt und Handel geworfen und waren zu Wohlstand gelangt. Aber auch in Kunstfertigkeiten machten sie Fortschritte und brachten es zu einer gewissen' Meisterschaft in griechischer Wissenschaft und Sprache, so daß sie es schon unter dem zweiten Ptolomäer unternehme:: konnten, eine Uebersetzung der Bibel ins Griechische herzustellen. Sie hatten die Genugtuung, ihre Bibel in die alexandrinische Bibliothek ausgenommen zu sehen, und mit Recht hat Grätz diese Bibel den ersten Apostel genannt, den das Judentum in die Welt gesandt. Die nächste Wirkung aber, welche das Bekanntwerden derselben hervörbrachte, war ganz anderer Art. Sie ließ die Aegypter es als eine Kränkung ihrer nattonalen Gefühle empfinden, daß bei der im zweiten Buche Moses gegebenen Darstellung der Entstehungs--- aeschichte des jüdischen Volkes ihres eigenen Volkes Geschichte so nachteilig beurteilt und geschildert wurde. Mit dem gekränkten Stolze der Aegypter verband sich Neid über die durch Rührigkeit, Intelligenz, Wohlstand und Einfluß hervorragende alexandrinisch-jüdische Gemeinde. Sie kehrten darum einfach die biblischen Berichte um und machte die Juden zu vertriebenen Aussätzigen. Dieser niedrigen Gesinnung schmeichelt Manetho, indem er die Lüge durch die Autorität seines Namens stützte. ' Die Juden jener Zeit haben wohl kaum geahnt, welche gefährliche Macht eine Literatur gewinnen kann, wenn sie sich mit herrschenden Leidenschaften und Vorurteilen der öffentlichen Meiuung verbindet. Sicher unter dem Schutze ihrer Herrscher, stolz auf ihre einflußreiche Stellung, auf ihren Glauben, der sie verächtlich auf die heidnischen Torheiten herabsehen ließ, verfaßten sie als Antwort Schriften in griechischer Sprache, in denen sie den Wahn des Heidentums bekämpften und die göttliche Wahrheit der Bibel zur Anerkennung zu bringen sich bestrebten. Dies verletzte auch die Eitelkeit der Hellenen, die nicht minder stolz auf die geistigen Errungenschaften ihres Volkes waren und nicht vertragen konnten, ' daß barbarische Schriften etwas enthalten sollten, was maßgebender zu sein behauptete als ihre eigenen, und so stimmen schon ein Jahrhundert später auch Hellenen in den Ton mit ein, indem sie die üble Nachrede Manethos vergrößert und mit Verleumdungen vermehrt in Pamphleten, die ober damals für wissenschaftliche Arbeiten gatten, weiter noch verbreiten So der berühmte Geschichtsschreiber und stoische Philosoph Pofidonius 130—55, der in Rhodus wirkte, wo ebenfalls eine blühende jüdische Gemeinde war. Haß und Neid, die ihn erfüllten, ließen ihn die schönen Lehren seiner stoischen Lebensregel vergessen und brachten ihn dahin, den alexandrinischen Lügen noch die ebenso lächerliche wie boshafte Fabel hinzuzufügen, daß die Juden im Allerheiligsten ihres Tempels einen Esel ver-