Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1908)
- Date
- 1908-09-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449335--64832-2507441- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
- Mohel 1× ep/1006163
OCR text
I. September 1908. Wähler für die Wahl des Ädvokütcn Emcmuel Earaffo eintritt, haben sich ehemaligen Schüler der Alliance Jsraelite die in einem Verbände vereinigt sind, es in den Kopf gesetzt, für einen Gesinnungsgenossen aus Smyrna, «inen gewissen Masliah Nissim, her in nuten Beziehungen zu der Alliance steht, Stimmung zu machen. Man sieht, daß die sefardischen Jünglinge in den Alliance-Schulen «twas gelernt haben. Die von ihnen veranstalteten Wahlkrawalle stehen jedenfalls denen, die man in europässche Städten bei solchen Gelegenheiten erlebt, nicht nach. Täglich ziehen sie durch die Straßen unter Kundgebungen für ihren Kandidaten und Drohungen an die Gegenpartei. Als sie eine Versammlung der Carassopartei zu sprengen suchten, kam es zu einer regerechten Prügelei, die ein Einschreiten von Militär und Polizei erforderlich machte. Interessant ist es, daß beide Kanditaten noch gar kein politisches Programm aufstellten und bis heute noch keiner sagen kann, inwiefern der eine oder andere dieser Kandidaten jüdische Interessen u vertreten fähig sei, daß überhaupt noch ein Wahlmodus ausgefertigt und kein Wahltermin einberäumt ist. Doch hofft man immer noch, daß es den einsichtigen und besonnenen Elementen bald gelingen wird, einige Klärung Ln die Verhältnisse zu bringen, und daß auch die heißblütigen Jünglinge, denen die junge Freiheit zu Kopfe gestiegen ist, bald zur klaren Besinnung gelangen/ vor allem zur Einsicht, daß man durch Krawalle, die nur ein uwn Vi*?n mit sich bringen, am allerwenigsten zum Ziele gelangt. Naläittn«. Jerusalem, 12. Aug. Bon den Freudenfesten, die hier aus Anlaß der Erteilung der. Konstitution gefeiert wurden, hat Ihre Zeitung schon des Eingehenden berichtet. Daß es auch im Kelche der Freude an bittertn Tropfen nicht fehlt, ist Ihren Lesern durch die Schilderung der Wahlmachenschaften und der gegen den Chachambaschi gerichteten Hetzen auch genügend bekannt. Diese künstlich heraufbeschworene Opposition ist ober nicht nur gegen einzelne Personen gerichtet) sie scheint es als ihre Aufgabe zu betrachten, überhaupt bei jeder Gelegenheit mittels der mißverstandenen und mißbrauchten Freiheit das religiöse Empfinden der gesetzestreuen Juden des heiligen Landes möglichst zu verletzen. Da unglücklicherweise hier das Fest der Verfassung auf Sabbath anberaumt war, so mußten sich die mitfeiernden Juden, um nVi^nDtP zu vermeiden, einige Reserve auferlegen. Nichtsdestoweniger konnten es einige hoffnungsvolle junge Juden nicht unterlassen, fortwährend aus Revolvern Ehrenschüsse abzugeben und somit das erste Fest Äer Freiheit in eine Orgie der Gesetzeslosigkeit .ausarten zu lassen. Am Samstag Abend zogen dann die Jüngliyge vor das Haus des Chachambaschi, den sie um eine Ansprache bestürmten. Der greise Rabbi sprach nun auch mutig und unerschrocken aus, was jeder Jehudi so schmerzlich empfand. Er gab auch seiner Freude über die Wendung der Dinge gebührenden Ausdruck, bat aber mit milden Worten nicht Freiheit mit Zügellosigkeit zu verwechseln und vor allem von Verletzungen der heiligen Gesetze der Thora, die ja -auch nur Liebe und sittliche Freiheit atmen, abzusehen. Darauf schienen die jungen Demonstranten uur gewartet zu haben. Es erhob sich ein wilder Lärm und der Chacham mußte seine Rede ab brechen und den Platz verlassen, woraus die Bande unter Schmähungen und Drohungen weiterzog. Die Demonstration machte einen widerwärtigen Eindruck auch auf die nichtjüdische Bevölkerung und brachte einen unangenehmen Mißton in die allgemeine Festesfreude. Daß das Treiben eines Telles der Jugend, dem nichts mehr heilig ist, alle Grenzen überschreitet, beweist ferner eine Einsendung im hier erscheinenden Chabazeleth, in welcher ein Lehrer an einer Schule des Hilfsvereins sich darüber beklagt, daß am Abend des nyvn, während, wie hier üblich, die alten frommen Juden vor der heiligen West- _Der JSraeltt. mauer sitzend, Klagelieder rezitterten, eine Gruppe von Mischen Jünglingen aus dem Platze erschien, die unter Lachen und Johlen Spiele veranstatteten und die frommen Beter störten, und belästigten. Am 11. Ab starb hin: im Alter von 88 Jahren der bekannte Rabbiner Eljokum Schapira. Er war früher Rabbiner in verschiedenen Städten Rußlands und Vorsitzender des Beth in Grodno. Er gehörte zu den gefeiertsten Talmudgelehrten und berühmt n Männern Israels. Seit einigen Jahren lebte er in der heiligen Stadt einsam und zurückgezogen. Seine Beerdigung gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. «Y'asan. llermttcdier. Berlin, 26. Aug. Die Alliance Jsraölite Universelle hat für die in Stambul von -er Brandkatastrophe heimgesuchte muselmanische Bevölkerung 2000 Frcs. überwiesen. Berlin, 27. Aug. Der „Boss. Ztg." berichtet ein Leser solgenten, mehr als auffallenden Borgang- „Ich bin Jude, lebe seit 14 Jahren in Berlin und zahle regelmäßig meine Steuern an die jüdische Gemeinde zu Berlin. Nichtsdestoweniger bekam ich am 25. Februar 1908 eine Veranlagung zur Kirchen-Nachsteuer für die Zeit vom 1. November 1905 bis 31. März 1907 im Betrage von 144 Mk. 92 Pfg. zugeschickt und zwar vom gefchästSsührenden Ausschuß der Berliner Stadtsynode. Ich hielt diese Veranlagung für einen Irrtum, der fich von selbst austlären würde, und reagierte darauf nicht Wetter. Darauf erbtelt ich von demselben Ausschuß am 15. April 1908 eine zweite Aufforderung „zur Vermeidung zwangsweiser Beitreibung durch die Bollstreckungsbehörde" binnen 8 Tagen obigen Betrag zu zahlen. Nun antwortete ich umgehend, daß ich Jude sei und mich nicht für verpflichtet halte, Kirchensteuern zu zahlen, daß auf Seiten der Stadtsynode ein Irrtum vorltegen müffe. Am 13. Juni bekam ich daraus von der Stadlsynode die Mitteilung, daß fie meinen „Einspruch" als verspätet zurückwetse und mich aufforbere, innerhalb 8 Tagen zu zahlen. Sollte ich mich durch den Bescheid beschwert fühlen, so stehe mir der Rekurs bet dem Konfistorium zu. Ich zahlte darauf „unter Vorbehalt der Rückforderung" und wandte mich am 6. Juli unter Darlegung der Ber- «e an das Konfistorium, von dem ich bis heute noch Intwort erhalten habe. Selbstverständlich werde ich mich nöttgenfalls an den Minister wenden. Die Tatsache steht vorläufig fest, daß der Geschäfts führen de Ausschuß der Berliner Stadtshnode sich für berechtigt hält, von einem Juden Kirchensteuer zu erheben, weil der Einspruch gegen die Heranziehung zur Kirchensteuer verspätet einaegangen ist, obwohl diese Heranziehung doch ein Irrtum der Stadtsynode war und obwohl ich oer Kompetenz der Synode nicht unterstehe." Berlin, 31. Aug. Auf Grund der vom „Verein jüdischer ReltgionSlehrer in Berlin" entworfenen Prüfungsordnung hatten fich drei Lehrerinnen einer Prüfung VehufS Erlangung eines Zeugnisses über ihre BefShiguna als Religionslehrerin bei den Herren Prediger Dr. I. Bleichrode, Schulleiter Dr. M. Hildesheimer, Rabbiner Dr. E. Munk und Dozent Dr. I. Wohlgemuth unterworfen. Die Prüfung hat am 18. und 19. August (schriftlich), sowie am 20. August (mündlich) stattgefunden und erstreckte fich auf sämtliche in der Prüfungsordnung angegebenen Gegenständefie sollte hauptsächlich den Nachweis einer gründlichen Durchbildung in den hebräischen Fächern erbringen. Dm Kanbidattnnm war der erforderliche Nachweis gelungm, teilweise konnte ihnen sogar die Befähigung zugesprochen werdm, in dm obersten Stufm öer Religionsschule Unterricht zu erteilen. Rahden (Reg.-Bez. Minden), 30. Aug. Denwiederholten Eingabeen der hiefigm jüdischen Gemeinde ist eS gelungm, die Umwandlung der hiesigen jüdischen Privatschule in eine öffentliche jüdische Volksschule zu erlangen. Der bisherige Lehrer, Herr Rhein, ist nach 15jähriger Dienstzeit im Prwatschuldtenst nunmehr in den öffentlichen Schuldienst übernommen wordm, allerdings nach den bestehenden gesetzlichen Borschriftm für die ersten 4 Jahre nur mit den Bezügen eines einstweilig angestellten Lehrers. Die Schule war zuletzt von 22 Ktndem besucht. . Rodenberg, 29. Aug. Nach einer Bekanntmachung der kvnigl. Regierung, Abteilung für KirchenundSchulwesen in Kassel, ist die hiesige israelitische Schule mit Ermächtigung des Herrn Ministers der geistlichen, Unterrichts und Mediz nal-Angelegenheitm aufgelöst worden. (Jerein$w$e>. Frankfurt a M., 28. August. Anfang Oktover wird eine neue hochherzige Schöpfung in dem an Wohltätigkeitsanstalten reichen Frankfurt eröffnet werden können. Eine hochherzige Dame, Frau Clara B ermann, hat testamentarisch ihr Haus für Begründung eines iSraelittschen Lehrerinrenheims bestimmt, welches deutschen israelitischen Lehrerinnen, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Haus- und sonstigen Beamttnnm, sowie anderen weiblichen Angestellten höherer Bildung, wenn fie durch Alter oder aus einem sonstigen Grund arbeitsunfähig geworden, etn Heim zum dauerndm oder vorübergehenden Sette 9. Ro. 36 Aufenthalt gewahren soll. Bald nach dem Tode der edlen Sttsterin bildete sich aus der bereits in Frankfurt bestehenden Ortsgruppe der Berliner Lehrerinneuheime ein Verein, der das Haus übernahm und eS zunächst «ve Aufnahme von acht Damm einrichtete. Am 1. Oktober soll nunmehr das Heim eröffnet werbe», das hoffentlich zu reichem Segen im Sinne der edlen Sttsterin wirken wirb. Teplitz, 20. Aug. Am l iestgen Platze, der von jüdischen Kurgästen viel besucht wirb, gibt eS außer einem Reformtempel auch ein orthodoxes BethauS, welches von den Kurgästen besucht und erhaltm wird. Um nun dm Besuchern zu ermöglichm, auch während der 5kur Y131 miD zu hören, haben die Letter des Bethauses, Herr Emil Abdeß und Herr Azrtel Meisner die hier weilenden Rabbiner dafür gewonnen, regelmäßige nittni abzuhalten. ES sprachen ViS jetzt Herr Daniel Steinschneider, Beretnsrabbtner zu Preßvurg, Herr Samuel Reich, Oberrabdiner zu Berbo und Herr Reich, Rabbiner zu Sta« ghszombat. «SS OKissingen, 30. Aug. Der 'Minister Freiherr von Brettreich mit seiner Gemahlin in Begletttmg deS Herrn Hofrats FuchS besichtigten heute unter Führung von Herrn und Frau Dr. Münz die iSraelittsche Stnüerhetlstätte. Sie wurden durch einen Gesang der Kinder begrüßt, worauf der Frau Minister von einem Mäbchm ein Blumenbukett überreicht wurde. Der Minister sprach seine vollste Anerkennung über die ebmso modernen wie praktischen Einrichtungen der Anstatt aus. PmoMliea. Rabbiner David Lewi» ^"81. Jllava, 24. Augusts Einen großm schmerzlichen Verlust hat unsere Ge» meinde, und mit ihr daS orthodoxe Judmtum, durch dm Heimgang ihres allverehrten Rabbiners David Lewin erlitten. Der Verblichene hat 35 Jahre in unserer Gemeinde segensreich gewirkt und durch sein liebevolle Wesen seine hervorras enden Eigenschaften fich der Liebe und Verehrung aller Kreise erfreut. Er war etn großer S2N und gehörte jmer Richtung an, welche NIM mit NUN', große talmudische Gelehrsamkeit und tiefe Frömmigkeit mit moderner Bildung in harmonischm Einklang zu bringen versteht; sein hebräischer Stil war ein geradezu klasfischer. Sein ganzes Lebm war der v'pvidi c"t? min geweiht und, ob zwar stets beschetdm zurückgezogen und stets ängstlich bemüht, seine Persönlichkett in dm Hintergrund zu stellm, wurde er dennoch M weiten Kreisen als großer osn Tö^n gekannt und gewürdigt. Er war der einzige in dieser Gegmd, der M streng orthodoxem Sinne nach dem Borbtlde unserer d'^hj seine Gemeinde leitete und über derm Institutionen treulich wachte. Die Verehrung und Hochachtung, der er sich als 21 sowohl wie auch als edler wohttättger Mensch erfreute, kam bei der att n"iy stattgefundenen n'iS zum Ausdruck. Schon am Bormittage scharte fich die Juamd im Sterbehause um dm Sarg, «'tan rezitierend. Am Nachmittag versammeltm fich die Bewohner der Stadt ohne Unterschied der Konfesfion. Der pn# wurde von beit anwesenden Rabbinern in dm Tempel getragen, wo als erster der Sohn deS Verstorbenen, der bekannte RtkolS» burger Rabbiner Dr. Mor. Le Din der Trauer der Famllie Ausdruck gab. Hernach hielt sein Schwiegersohn Dr. Max Himmler, Prediger in Nmtra einm der auf die Anwesmdm einen ttefen Eindruck machte. ES sprachen noch die Amtskollegm Dr. Mor. Diamant, Rabbiner in Trmcsm und Moses Salamon, Rabbiner in Turdofin, der GemetnbepräseS, Herr Dr. Simon Pollach Herr Nathan Sälefinger, Rabbiner in Nagy Taholcsaw und Dr. Welles in Nagy Bitze. Die KuttuSgemetnoe hat am 9. d. Mts. ihrem unvergeßltchm Lehrer zu Ehren im Tempel einen nvvn veranstaltet, der fich besonders würdig gestaltete. Herr Dr. Himmler hielt dm nvvn, der ergreifend wirkte. Der Verstorbene wirb seiner Gemeinde und dem großm Kreise seiner Verehrer unvergeßlich vleibm. ♦nro1? pi» 121 Berlin, 26. Aug. Am Sonntag, 3. Elul, feiert Henr S. Danztger in geistiger und körperlicher Arische seinen 90. Geburtstag. Der Jubilar ist in Berlin eine bekannte Persönlichkeit. Sett über einem Menschmalter betätigt er fich als Mohel mit außerordentlichem Geschick. Die Zahl derer, die er W2» crras bv imcb eingeführt hat, übersteigt die stattliche Zahl von 7000. Pose«, 26. Aug. Ein sehr betrübender Trauerfall in unserer Gemeinde hat hier allgemeine Teilnahme gefunden. Der Kaufmann Wendel Davidowitz, ist infolge Herzschlages erst 54 Jahre alt plötzlich verschieden. An oer Beerdigung, die gestern stattfanb, beteiligte fich ein großer Tell der Gemeinde. Zpiechraal. Geehrter Herr Redakteur! In Nr. 31 Ihres gesch. Mattes wird iw Artikel „Das russische Bildungsproblem" erzählt, daß Rabbiner Malbim etwa im Jahre 1878 Moyilew verlassen müßte. Die Jahreszahl ist nicht richttg. Schon am miV raw 1875 habe ich seinr nVTl in per Lhiffst-