Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1908)
- Date
- 1908-09-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Israelit. 3. Sqitember 1906. Sette 8. Nr. 36. zü erlassen, die wesentliche Erleichterungen für die Auswanderer bringt. U. A. soll die zwangsweise Abschließung der Auswanderer in den Kontrollstationen fortfallen. Damit werden Härten beseitigt, über die die russischen Aus- , Wanderer bisher geklagt haben. Darm st ad t, 27. August. Dem früheren anttsemitischen Abg. Hirschel, der wegen Unterschlagungen, die er in seiner Eigenschaft als Genoffenschaftsdirektor begangen hatte, zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden war, hat die Landwirtschaftsgenossenschaft für Oberhessen in ihrer Generalversammlung zu Friedberg ein Vertrauensvotum ausgestellt, indem sie ihn einstimmig wiederum zum Direktor wählte, trotzdem er die Kasse geschädigt und 30000 Mark uneinbringlich und eigenmächtig ausgeliehen hatte. Kenner der „Psyche" der antisemitischen Bauerbündler, bemerken dazu die Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, hatten diese „Rehabilitierung" Hirschels vorausgesehen. Es liegt hier wieder ein klassisches Beispiel dafür vor, wie fortgesetzte demagogische Agitation nach dem Muster der hessischen Anttsemiten zu einer Umkehrung alter sittlicher Begriffe führen muß. Ungarn.. SonSerbme veweiie. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 26. August. „Große Geister treffen sich." — Der wackere Kämpe der Neologie Herr Rabbiner Dr. Steinherz in Stuhlweißenbura nnd der Generalinhaber der neologen Presse in Ungarn, Herr Szcabolsci, tischen ihren andächtigen Lesern — ersterer in der vorletzten Rümmer des Bereinsorgans des neologen Rabbinerverbandes und letzteres wiederholentlich in den letzten Nummern seines Wochenblattes — einen köstlichen Beweis für die konfessionelle Einheit der Orthodoxen mit den Neologen auf: die Gestattung der Verehelichung beider Parteien miteinander. Es ist jedenfalls höchst originell, daß Wortführer derjenigen Partei, welche auch auf solche Synoden und auf noch im Amte befindliche Geistliche Hinblicken kann die die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden sogar für gestattet erüärten, — z. B. Herr „Rabbiner" Dr. Rosenberg in Arad, Herr „Rabbiner" Dr. Kecskemett in Großwardein, Herr Dr. S. Krauß, gewesener „Religions"-lehrer an der neologen Präparandie in Pest und z. Z. Docent am neologen Rabbinerseminär, der die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden für eine diskutterbare Frage hält, — daß nunmehr Wortführer dieser Partei aus Eheschließungen zwischen orthodoxen Gemeinden angehörenden und neologen Gemeinden angehörenden Juden Kapital für die „Einheit" beider, Parteien schlagen wollen! Auf dem Wege einer solchen Logik könnte man auf Grund gewisser neologen Synodalbeschlüsse und „rabbinischen" Entscheidungen und „Einsegnungen" gemischter Ehen auch die „Einheit" des Judentums mit dem Katholizismus oder Protestantismus beweisen und für dieselben eine Gemeinschaftliche gemischte — Landeskanzlei in Budapest errichten!! * * ♦ Wie es scheint hegen selbst viele nichtorthodoxe Gemeinden in Ungarn eine unüberwindliche Antipathie gegen die Anstellung von Zöglingen des Pester Rabbinerseminars. So können wir in letzter ZeitZ Rabbinerwahlen verzeichnen, bei denen wohl das Pester Rabbinerseminar die überwiegende Mehrzahl zum Contingent der betr. Probekandidaten stellte, bei der Wahl aber — leer ausging. So in Altofen, wo Dr. Funk, Binkovce, wo Dr. Marmvrstein, beide Schüler des Berliner Seminars, Bvkös, wo Dr. I. Adler, ehemaliger Schüler der Preßburger Jeschitah, gewählt wurden. Lauter Kongreßgemeinden, die von einem Pester Zögling nichts wissen wollen! Budapest, 27. August. Die Dummheit ist unhellbar und unsterblich. Ern Fall, der sich vor einigen Tagen in dem Dorfe Abasär im Com. Heves ereignete bietet wieder einen traurigen Beweis für obige Behauptung. Bei dem Spezereihändler Siegmund Mandl in Abasar war ein 18 jähriges Mädchen mit Namen Elisabeth Bernär im Dienste, das plötzlich auf unerklärliche Weise verschwand. Da beeilte sich der wackere „Kleinrichter" des Ortes, Johann Pataki, die Nachricht zu verbreiten, daß die Juden das Mädchen gemordet und dessen Blut zu rituellen Zwenen verwendet haben. Die Worte des Kteinrichters verfehlten ihre Wirkung nicht, das Bauernvolk rottete sich zusammen und wollte die Juden des Dorfes überfallen, so daß dieselben sich ins Gemeindehaus stüchten mußten. Nun aber wollte das aufgewiegelte Vvlk das Gemeindehaus bestürmen. Zum Glücke waren in der letzten Minute auf Veranlassung der Ortsbehöroe Gendarmen aus dem Nachbarorte eingetroffen, die den wüsten Ausschreitungen ein rasches Ende machten. Nun ging die Gendarmerie aus die Suche, und ihr Suchen war von Erfolg. Das Mädchen kam zum Vorschein und gab an, der Spezereihändler Mandl hätte sie . in ein.. entlegenes Zimmer gelockt um ihr das Blut zu nehmen, und sie blos aus Furcht vor dem Zorne des Volkes freigelaffen. Nun schrie der Kleinrichter Pataki, daß die Juden die Ortsbehörde und die Gendarmen bestochen nnd dem zufolge christliche Mädchen unbestraft morden dürfen. Das Lügengewebe war aber gar zu unhaltbar und im Verhöre stellte es sich heraus, daß das vermißte Mädchen zwei Nächte auf einem in der Nachbarschaft der Wohnung Mandls sich befindenden Heuboden verbracht, woselbst sie 'sich auf sündhaftem Wege der keimenden Frucht ihres sträflichen Verhältnisses mit dem Kleinrichter entledigt hatte. Nun war alles aufgeklärt. Das saubere Pärchen dachte auf diese originelle Weise die Folgen seiner sträflichen Liebe vertuschen zu können. Aber — wie bereits gesagt — die Dummheit ist von unsterblicher Natur. Das biedere Bauernvo!k von Abasar wollte diesem im Verhöre sich herausgestellten. Sachverhalte keinen Glauben schenken und nahm den Juden gegenüber eine solch drohende Haltung an, daß auf Instruktion des Bizegespans des Comitats Heves eine ganze Abteilung Gendarmerie aus Gyöngyös nach AbasLr ziehen mußte. So geschehen im Jahrhundert der Aufklärung! RuMand. Neue Pogrome. Jekaterinoslaw, 20. Aug. Drei Jahre ohne Progome! Länger geht's in Südrußland nicht, und ~'bfc Holigäns, die ui. Odessa in der Arbeit gestört worden sind, fanden hier ein besseres Arbeitsfeld und brachten es fertig, am 15. August hier einen Pogrom, Wohl in etwas bescheidenem Maßstabe, aber nach allen Regeln der schwarzen echt russischen Kunst zu veranstalten. Angefangen haben die Exzesse mit der Gründung einer neuen Gesellschaft unter dem Namen: „Der zweiköpfige Adler", die zumeist sich aus jungen Leuten konstruiert, denen der Echtrussische Verband nicht mehr rasch und energisch genug arbeitet und dir darum aus demselben ausgetreten sind. Am Sonntag Abend wußten die Verbündeten das Einweihungsfest des neuen Vereins nicht besser zu feiern, als indem sie. johlend, mit Stöcken und Gummischläuchen bewaffnet, durch die Straßen zogen und auf jeden sichtbar werdenden Juden einschlugen. Durch das passive Verhalten der Polizei ermutigt, wiederholten sie am Montag ihre Streifzüge, die dieses Mal schon recht bedrohliche Formen annahmen. Zunächst überfielen sie das Haus eines Juden namens WarHischitz, das von etwa 15 jüdischen Familien bewohnt wird. Sie plünderten fast alle Wohnungen und verwundeten mehr oder weniger deren Bewohner. Dann zoaen sie an das bekannte Teehaus des Herrn Rifkin im Zentrum der Stadt. Bald war das Haus erstürmt, der Hausbesitzer, der feine Familie schützend den wilden Gesellen entgegentrat, verwundet und ein Kind von 3 Jahren in brutalster Weise getötet, während alles Hausgerät kurz und klein zerschlagen wurde. Am Dienstag und Mittwoch wurde die Berwüstungsarbeit ungestört fortgesetzt. Ein ähnliches Schicksal wie Rifkin, erfuhr auch die Familie Sender, die auf dem Oseereplatz ein Teehaus besitzt. Erst am Donnerstag Abend, nachdem noch viele Läden ausgeraubt, viele Häuser geplündert und viele Juden mißhandelt wurden, fand es die Polizei an der Zeit, einzutreten. Bis jetzt sind zwei der Raubgesellen arretiert, die als Mitglieder des hiesigen echtrussischen Ortsvereins bekannt sind. Wie man hört, wurden die Pogrome sowohl hier als in Kiew von der Zentrale des Echtrussischen Verbandes in Odessa geleitet, die auch ihre Abgesandten und Agitatoren nach allen Städten Südrußlands schickt. Kiew, 16. August. Ein kleiner Pogrom spielt sich soeben auf dem Podolsky - Markt ab, der keicht größeren Umfang hätte annehmen können, Ein gewisser Kassatkin, der aus Odessa kam, und eine seltsame Uniform trug, geziert mit einem Orden ähnlich dem Georgskreuz, rief auf dem Markte einen Menschenhaufen herbei uud verkündete laut: „Es ist Zeit, die Juden zu erschlagen, wir in Odessa haben mit ihnen abgerechnet, jetzt muß dasselbe in Kiew geschehen!" Von den etwa 400 Leuten, die sich versammelt hatten, protestierten die meisten und verlangten von den herbeieilenden Polizisten, daß der Unruhestifter verhaftet werde. Das geschah auch, aber inzwischen war das Publikum von einer großen Erregung begriffen, denn die Volksbündler mischten sich in die Angelegenhe it und forderten die Befreiung des Arretierten. Die Alexanderstraße, der Dnjepr-Kai, die Chorewa- und Meschigorska-Straße waren plötzlich von Menschen gefüllt. Es ließen sich Schmähungen gegen die Juden vernehmen und die Sttmmung begann bedrohlich zu werden. Ein Trupp von von Konstablern und berittenen Schutzleuten erschienen auf dem Plan und suchten die Leute auseinander zu treiben. Unter ihnen befanden sich augenscheinlich mehrere Genossen von Kassatkin, der nicht allein aus Odessa zur Agitationsarbeit gekommen war. Er wurde merkwürdigerweise bald wieder in Freiheit gesetzt, und man fürchtet, daß seine weitere Agitation nicht ohne Erfolg bleiben wird. Helsingfors,, 27. August. Im Anschluß an die Korrespondenz aus Finnland in der letzten Nummer des „Israelit" können wir Ihnen heute berichten, daß die Sozialdemokraten ihren Beschluß, die Judenfrage im Landtage aufzurollen, bereits zur Ausführung gebracht haben. Der Abgeordnete Jrala brachte nun im Namen aller sozialdemokratischen Gruppen des Landes einen Antrag auf Gleichberechtigung der Juden in Finnland ein. Man darf auf den Asusgang der Verhandlungen über diese Petttton, die schon in den nächsten Tugen stattfinden soll, äußerst gespannt sein. Türkei. Salonik, den 21. August. Der erste, Freudenrausch ob der Erteilung der Konstitution hat naturgemäß auch unerquickliche Auswüchse gezeitigt. Der Freudentaumel nimmt nach und nach ab und macht einer politischen Erregung Platz, wie sie hier im Oriente nie offen zu Tage trat. Leider müssen wir die traurige Tatsache verzeichnen, daß die Wahlkrawalle, wohl die ersten in hiesiger Stadt, und vielleicht in der Türkei überhaupt, von jüdischer Seite veranlaßt wurden. Die hiesige jüdische Bevölkerung zählt ungefähr 70 000 Seelen, die mehr als 10 000 Wähler ergeben. Während die Mehrzahl der jüdischen