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Der Israelit · 1908-09-03 · Heft 36 (3.9.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 36 (3.9.1908)
Date
1908-09-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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3. September 1908. religiösen Rechte den Gemeinden gibt, was den Gemeinden gebührt und uns, die Orthodoxen in München und Nürnberg, vor weiterer Verkümmerung und Beschränkung unserer Rechte schützt? Würde der GM der Negation und Obstruktion gegen die Revision, den die Ausführungen unseres verehrten Gegners atmen, im weiteren Verlaufe der Aktion Oberhand gewinnen, so würden wir, orthodoxe Laien, der bayerischer Neologie nicht das erbauliche Schauspiel des Zwists im orthodoxen Lager und die bequeme Situation des tertius gaudens bereiten; wir würden sofort von der weiteren Mitarbeit zurücktreten, und es dem Urteil der kommenden Generationen überlassen, warum — um im Texte des obigen Verses zu bleiben — ynt3 Dp rn roilN rnby jo — der bayerischen Faden- Heu auch dieses Mal kein Friede und keine Heilung erwuchs. Unser verehrter Gegner fürchtet, daß der „Krach' in der ersten Sitzung der zu wählenden Kommission erfolgt. Auch dieses Bedenken ist ein hinfälliges, weil — wie schon zu Dutzenden Malen ausgrführt — in der Kommission über die strittigen religiösen Fragen keine Abstimmungen, sondern nur ein Meinungsaustausch stattsinden wird. Mer selbst über gewisse, grundlegende Normen der neuen Gesetzgebung glauben wir uns — unter Ausschaltung der enrogierten Kulturkämpfer — mit den wirklich liberalen und demokratischen Vertretern der bayerischen Neologie in kürzester Aussprache .verständigen zu können. Wären vielleicht die jüdischen Abgeordneten des preußischen Landtags im Jahre 1876 nuter Lasker's Führung orthodox angehaucht oder sind die Herren von Hompesch und Schädler, die in jeder Reichstagssession in chrem Toleranzantrage dem liberalen Gedanken der Gewissensfreiheit vergeblich Bahn zu brechen suckien, Atheisten? Bleibt noch das bereits zu Tode gehetzt: Bedenken der „Kompetenz des Landrsvereins". Wir wollen den bayerischen Kurgast im württembergischen Schwarzwald nicht um dieses schöne Schreckgespenst bringen; es gibt, wenn dieses Bedenken die Wahl der Kommission gefährden sollte, nicht einen, sondern ein Dutzend von Auswegen, die über diese fiktive Schwierigkeit hinweghelfen. Diese Auswege hier im Einzelnen aufzuzählen, würde zu weit führen. Wer daß vom Herrn Reichskanzler Reichstagswahlen zur Wahl der 18 oder 21 Mitglieder einer Kommission zur Vorbereitung der Grundzüge kür eine Revision des Judenedikts ausgeschrieben werden, wird wohl unser verehrter Gegner selbst nicht prätendieren. Ueber alle anderen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der bayerischen Ortbodoxie hinwegzukommen, und den geschlossenen, Aufmarsch unserer Gesinnungsgenossen — Laien wie Rabbiner — vorzuoereiten, wird Aufgabe unserer für den 7. September in Aussicht genommenen Vorbesprechung sein. Bri der Wichtigkeit der Sache möchten wir aber in letzter Stunde vor zwei gefährlichen Illusionen warnen: 1. Der „bayerische Kurgast" meint, daß auch „ohne große Aktion", etwa durch eine neue interpretierende Ministerial-Entschließung den Schmerzen der orthodoxen Minoritäten von München und Nürnberg abgeholfen werden könne. Diese Erwartung ist, wie wir positiv zu wissen glauben, eme trügerische. Das Ministerium lehnt es — uüseres Erachtens mit Recht — entschieden ab, von Neuem geltendes, durch den obersten bayerischen Gerichtshof gesprochenes Recht auf dem Wege erläuternder oder interpretierenoer Ministerialentschließungen in das Gegenteil der bisherigen Judikatur zu überführen und alle paar Jahre durch Aufnähen eines neuen Flecks das morsch und zerrissen gewordene Gewand des alten Judenedikts zu gläubigem Vertrauen in des Herr» Richtspruch. Ab-sr, da es nun einmal die irdische Gerechtigkeit und das von Gott so genehmigte Recht erheischt, so bitte ich Sie, Herr Richter, und Sie, meine Herren Geschworenen, dem himmlischen Richterspruch Ihren irdischen jetzt folgen zu lassen, meine Klientin von der Anklage, in den letzten zwei Jahren mit dem Mitbeklagten Abraham Mühlstein in wilder Ehe gelebt zu haben, freizusprechen, und die durch das gegen sie erhobene Verfahren entstandenen Kosten der Staatskasse aufzuerlegen. Ich will nicht unterlassen, hier sogleich hinzuzufügen, daß ich meine Klientin veranlassen werde, gegen den Ankläger ' Rosenwald Widerklage wegen Uhrenkränkung zu erheben. Sonst wäre Fräulein Scheuchen Bienenfeld ja gezwungen, ihr gegenwärtiges Domizil zu wechseln, um nicht nochmals in Verdacht zu geraten, daß sie sich einem unsittlichen Wandel hingebe. .Also wiederhole ich meine Bitte um einen ehrenden Freispruch." Wie beim Beginn seiner Rede, zog Wolf wieder sein Taschentuch hervor und fuhr über sein erhitztes Gesicht. Mit der Miene eines Triumphators sah er zum Richtertisch und in den Saal, wo ein beifälliges Gemurmel den Eindruck seiner Rede erkennen ließ. Die Bauern waren sich bald einig, daß selbst der Herr Pfarrer eine solche Rede sein Lebtag nicht fertig kriegen würde und Sandel Blad gab der Ueb erzeug» ng der Stadtleute Ausdruck, wenn er behauptete, daß . der Advokat Wolf mehr Sprachen verstehe, als es überhaupt auf der Welt gebe. Ein solcher Meiwin wie dieser Wolf werde sobald nicht wieder geboren. Und wenn Schenchen frerkommen sollte, werde er ihm ein Gänsehälschen zum Füllen schicken. Die ändern Leute svrachen hie feste Uebeitzeugung aus, daß Wolf noch einmal Mm Generalprvkurator ernannt würde, denn er verstehe es Jemand auf das Schaffst hinauf und Der Israelit. Rr. 36. Seite 8 flicken. Das bayerische Kultusministerium dürfte, rvenn neue, prinzipielle Lösungen heischende Fragen an dasselbe in nächster Zeit herantrrten, den Parteien etwa folgendes erwidern: „Entweder, Ihr seid mit der gegenwärtigen Gesetzgebung zufrieden — dann verschont uns mit Euren forttvährenden guerelles de menags; oder .Ihr wollt ein neues Gesetz — dann bringt uns die Grundzüge, auf die Ihr Euch geeinigt oder auch nicht geeinigt habt, und — der Gesetzgeber wird dann seines Amtes walten und Spreu vom Weizen zu sondern wissen. Das Ministerrum ist nicht Gesetzgeber, sondern Verwaltungsbehörde, die im Rahmen der bestehenden Rechtsnormen Maßnahmen zum Schutze der Gewissensfreiheit zu ergreifen, nicht aber neues Recht zu schaffen hat." Wir zweifeln nicht, daß jeder objektiv denkende Politiker diese Erwägungen unserer obersten Verwaltungsbehörde billigen wird. Die Aera der „Interpretationen" liegt glücklich hinter pns und wir glauben, richtig informiert zu sein, wenn wir behaupten, daß bereits eine der beteiligten Kveisregierungen die Friedensvcreinbarungen von München und Nürnberg beanstandete, weil sie in einzelnen der getroffenen Bestimmungen mit Recht eine „Umbildung" des bayerischen Judenedikts erblickte. 2. Die zweite Illusion, vor der wir warnen möchten, ist die in gewissen Kreisen genährte Hoffnung, daß in den mittleren und kleineren Gemeinden durch Aufrechterhaltung der bestehenden Gesetzgebung schön im alten Schlendrian sortgewurstelt werden könne, während in den bayerischen Großgemeinden die Energie und der Einfluß einiger weniger orthodoxen Führer auch unter derzeit geltendem Rechte der traditionellen Richtung zum Siege verhelfen werde. Diese Spekulation auf die — Rauflust und den völligen Ber. brauch der körperlichen und geistigen Kräfte einzelner Weniger wird sich nach unseren Informationen leider sehr bald als eine verfehlte erweisen. Was wir in der gestrigen Sidra lasen: psn ■piil/ trifft aus die bayerische Judenheit im gegenwärtigen Moment besonders zu. Der Weg zur Revision der Gesetzgebung ist seitens des Ministeriums und des Landtags, wie die Verhandlungen gezeigt haben, geebnet und an nn§ ist es, ihn mit Energie und Arbeitsfreudigkeit zu betreten. Versagen wir auch in diesem Momente wie vor 50 Jahren wieder, dann wird sich die Lösung in aller Stille über Nacht vorbereiten. Wir glauben aber nicht fehl zu gehen, wenn wir der Befürchtung Ausdruck geben, daß diese Lösung weder zur Wahrung und Stärkung der Autorität der bayerischen Rabbiner, noch zur Verteidigung der heiligen Interessen, die ihrem Schutze und ihrer Obsorge anvertraut sind, tvesentlich beitragen wird. Nachdem Herr S.F. feierlich erklärt hat, daß Är ihn und seine Freunde die Auf rechte rjaltung der rabbinischen Autorität und des obligadorischen Charakters i>er vom Schulchan-Aruch vorgeschriebenen Gemeinde-Institutionen .durch die Gesetzgebung, in jedem Stadium der Reserve eine unbedingte, vielmehr alles bedingende Forderung bleiben werde, "könnten sich, unseres Erachtens, auch die von dem nachdenklichen Schwarzwald-Kurgast vertretenen Kreise mit ganzem Herzen an dem Revisionswerk beteiligen. Gegen den Willen und über den Kopf dieser Kreise, wird das Gesetz, auch wenn es bereits beim Landtag sein sollte, nicht gemacht werden; sie brau herunterzureden. Unweit der das Publikum Vom Gerichtssaal trennenden Barriere, ragte über alle Anwesenden ein hünenhafter Mensch, mit breiten massigen Gliedern, in Arbeitertracht, der seinem bartlosen harten Gesicht einen wichttgen Ausdruck zu geben bemüht war, wobei oft ein vergnügtes Grinsen entstand, bei dem das gewaltige Gebiß mit werßen gesunden Zähnen in dem düstern Tageslicht förmlich leuchtete. Mit verschränkten Armen, die fast bis zur Schulter entblößt waren, gewichig umhertblickend, machte der Hüne hin- und herwregende Bewegungen, wie man iie an danach beschaffen, um einer Anwandlung menschlicher Bären und Elephanten häufig beobachten kann. Nur wenn das neben ihm stehende hagere Weib, mit den sonnverbrannten Gesicht ihn zuweilen unwillig anstieß, unterbrach er die Wiegebewegungen so lange, bis er sich wieder vergaß und von Neuem damit begann. Ganz im Hintergrund des Saales ragte noch ein anderer Mensch über die übrigen Leute hinweg, der aber, trotz der breiten, wagrechten Schultern nicht so herkulisch gebaut war, wie der Mann im Vordergrund oc§ Raumes. Beide Männer sollten im Bedarfsfall als „Entlastungszeugen" für Abraham Mühlstein ins Treffen geführt werden, und waren als eine sehr wirksame Staffage für Selig's Verteidigungsrede von diesem hierher zittert worden. Auch dieser Enakssohn, im Bolksmund der weingrüne Heinrich, und seines Zeichens Küfer, stand mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen patzig dä. Ein verschmitztes Lächeln glitt zuweilen über sein wrinrotes Gesicht mit den Kfng «nb heiter blinkenden Aeuglein. Das Zeugengeld vertrinken wir zusammen," zischelte er dem andern Riesen zu, der Mit einem verstandvollem Kopfnicken herübergrinste, wobei die weißen Prachtzähne wieder leuchtete». chen also keineswegs zu fürchten, daß der Pfeil ihrer Hand einmal entflohen, dem Einfluß des Schützen sich entziehen werde. Andererseits wünschen ja auch jene Kreise, daß die Konstituierung selbständiger Gemeinden nach dem Prinzipe der Gewissensfreiheit endlich auch in Bayern ermöglicht werden müsse. Das aber ist die Revision des Judenedikts, möge man sich auch tausendmal scheuen, das Kind beim rechten Namen zu nennen. Wenn aber schließlich religiöse Bedenken gegen die Einführung des preußischen Austritts-Rechtes geltend gemacht und Befürchtungen geäußert werden, die Samson Raphael Kirsch und Israel Hildesheimer V'XT offenbar nicht gehegt, wenn auch sehr wohl gekannt haben, so glauben wir, daß hier eine Verwechselung des Prinzips 'im paw Yivv 2viv mit einem bisher nicht bekannten j'Dntt rnner aöiö vorliegt! Möchte das unsere Freunde nicht beirren. Das Prinzip der Gewissensfreiheit nicht nur, sondern mehr noch die Zerstörung des wahrheitswidrigen Wahnes, als sei das historische Judentum eine „Partei im Judentum" — das sind so gewaltige, die Jntereffen des Einzelnen üoerragende Ideale, daß ihnen gegenüber nicht nur die Gegenwart, sondern vor allem die Zukunft ins Auge gefaßt werden muß. Wäre es selbst wahr, daß heute nur wenige da und, dort zu selbständigen Gemeinwesen sich zusammenfinden würden — diese Wenigen bildeten dennoch einen lebenskräftigen Kern, um den sich die Anderen — das beweist die Erfahrung — zu gedeihlichem gemeinsamen Wirken mit der Zeit gruppieren würden. Gewiß ist das preußische Austrittsgesetz in legislatorischer Beziehung nicht der Weisheit letzter Schluß, und es lassen sich sehr wohl beweglichere Gesetzesformen denken, die der Mannigfaltigkeit der Verhältnisse auch in Bayern in höherem Grade entsprechen und die für eine gewisse soziale Ge > einsamkeit religiös geschiedener Gemeinwesen den Rahmen abgeben könnten. All das sind Einzelheiten, die in späteren Stadien zu erwägen sein werden. Unsre bayrischen Gesinnungsgenossen sollten mit stolzer Zuversicht an die Neuschöpfung eines von echtjüdischem Geiste getragenen modernen Gemeinderats herantreten, durch das sie befruchtend und anregend für die weitesten Kreise der deutschen Judenheit werden wirken können. Die Gärung itmerbalb der russischen Judtttbeit. Bon Speetntor (Fortsetzung.) Nicht besser ist es mit den beiden „Nationalsprachen" bestellt, von denen die eine die Hebrä- Diese beiden Männer sollt:«, wir bereits erwähnt, nöttgenfalls für den Leumund Awromchens als besonders lebendes Beispiel für dessen aufopferungsfähigen. Wagemut vorgeführt werden. Nicht etwa, daß Awromchen mit diesen Beiden sich je in einen aussichtslosen Raufhandel eingelassen hätte, im Gegenteil war er einst der Lebensretter des einen geworden, indem er ihn vor der Gefahr des Ertrinkens in den Fluten des Rheins, den andern vor dem Erfrierungstod gerettet hatte. Der wringrüne Heinrich war an einem sehr kalten Winternachmittag auf ein benachbartes Dorf, wo es stets einen sehr guten Schoppen und viele hübsche Bauecndirnen gab, gewandert, und hatte nur ein ganz „klein wenig zu viel" getrunken, was er eigentlich.der Ehre seines Berufes als Küfer schuldig war. Dieses ganz Kein wenig zuviel hätte ihm aber beinahe das Leben gekostet. Vom Tanz und Wein erhitzt hatte der weingrüne Heinrich dm Heimweg angetreten, und 'als es ibm immer warmer wurde, zog er seinen Rock, bann die . Weste aus, und bei dieser Beschäftigung gaukelte ihm fein Rausch wohl vor, daß er zu Hause in seiner Schlafkammer und es Schlafenszeit sei und legte sich in den Chausseegraben. Kurze Zeit darauf kam Awvomchen vorüber und sah den haw entkleideten Menschen an der einsamen Landstraße liegen, wo er sicher dem Todesschlaf entgegegschlief. Alles Rütteln und Schütterln hatte werter keinen Erfolg, als daß der Betrunkme den StörenfriÄ» feiner Ruhe mit Den Drohungen bedachte, ohnr auch nur die Augen M öffnen. Da kam Awromchen aus den Gedanken, den Burschen ruhig liegen zu lassen und als er wieder sorfort -in tiefen Schlummer gesunken war, deckte ihn Awromchen mit seinen Klediern zu, legte noch fürsorglich seinen eigenen dicken Mantel aus ihn und holte aus dem nächsten Dorfe Hilfe. Willig folgten

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