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Der Israelit · 1908-09-03 · Heft 36 (3.9.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 36 (3.9.1908)
Date
1908-09-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 36. Der J-raeM. Seite 3. 3. S>piember 1908. Gebrechen der Zeit aufmerksam zu machen und Versuche zur Abhilfe zu unternehmen, so stößt er auf Hemmnisse allerArt, die auch den Mutigsten zurückschrecken lassen müßten. Die Hindernisse von außen waren in letzter Zeit von den gesetzestreuen Kreisen eher zu überwinden, als je zuvor. Desto schwieriger und unüberwindlicher zeigten sich die Hindernisse^ die von Innen entstanden, sich den Thorahütern in den Weg stellten. Die Feinde im eigenen Lager haben keine Mühe gescheut und keine Gelegenheit verabsäumt, um das Ansehen der Thora und ihrer Vertreter möglichst herabzuwürdigen. Und im Besitze der modernsten schlagkräftigsten Kampsesmittel,wiePresseund Organisation, war es ihnen ein Leichtes, den Kampf gegen die Rabbiner und ihre Lehre auf der ganzen Linie, leider nicht ohne Erfolg, aufzunehmen. Man hat sich an diese traurige Tatsache längst gewöhnt und mit ihr so gut als es eben ging, abgefunden. Neu ist aber das Eingreifen der großen politischen Presse, auch außerhalb Rußlands, in diesen „Kulturkampf", das in letzter Zeit wiederholt wahrzunehmen war. Es handelt sich um eine neue Kampfesweise, eine neue Taktik. Die eigne hebräische und jüdisch-deutsche Presse, die täglich in Anrempelungen und Schmähungen gegen die Rabbonim sich nicht genüg tun kann, hat, scheint's, ihren Reiz und ihre Zugkraft verloren, da sucht man eine geistesverwandte europäische Tagespresse zur Hilfe anzurusen. Man lanziert Artikel und Artikelchen in die Tagesblätter, die offene und versteckte Angriffe gegen die Rabbiner enthalten. Man sucht die Lehrer der Gemeinden vor der großen Ocffentlichkeit lächerlich zu machen, sie als Zeloten und Finsterlinge zu denunzieren/ dann ist die Legende des jüdischen Klerikalismus hergestellt, gegen den gemeinschaftlich anzukämpfen, die höchste Aufgabe einer liberalen Presse ist. Der Rabbiner von Petrikau hat einige Anordnungen in Betreff des Gottesdienstes in Anwesenheit von Frauen getroffen/ — der Rabbiner in Jedwabno ließ es sich angelegen sein, die Frauen eindringlich auf die Wichtigkeit des jüdischen Brauches des Scheiteltragens aufmerksam zu machen/ und in Drobin hat es der Rabbiner gar gewagt, von der Kanzel herab die moderne hebräische und jüdisch-deutsche Literatur zu brandmarken und die Jugend vor diesen Giftpflanzen zu warnen. Diese Verbrechen haben die genannten Rabbiner begangen, darüber konnte man dieser Tage in allen großen politischen Zeitungen lesen. Wie verhält es sich in der Tat mit diesen rabkünischen Anordnungen? was mag denen vorausgegangen sein? Wie viel mögen wohl die Rabbiner gekämpft und gelitten haben, bis sie sich zu diesen mytP mtmn entschlossen? Davon ist in den Zeitungen nichts zu vernehmen. Aber wir wissen es, und unsre Leser sind über die innere Lage in Rußland genügend aufgeklärt, um das Vorgehen der Rabbiner nicht zu verurteilen, sondern es vielmehr zu begreifen und zu würdigen. Man denke nur an das Auftreten des Rabbiners in Dröbin — um den letzteren Fall besonders hervorzuheben — gegen die moderne jüdische Literatur, einer Art von Literatur, die wir an dieser Stelle schon oft genug gekennzeichnet haben, und man wird den Rabbinern nur Dank und Anerkennung wissen für die aufopferungsvolle Liebe zu ihren Gemeinden, die allein unter solchen kritischen Umständen ihnen den Mannesmut noch erhalten kann und sie über die Gefahren hinwegsehen und das richtige Wort finden läßt. Wenn wir den geistigen Führern der Gemeinden in Rußland einen Vorwurf zu machen hätten, so wäre es höchstens der, daß sie. bis dahin zu wenig energisch und nachdrücklich vorgingen. Ihr Auftreten würde, dünkt uns, vielleicht auch jetzt von besserem Erfolge gekrönt sein, wenn es von einheitlicherem Charakter wäre, wenn die Rabbiner statt vereinzelt und zersplittert, mit gemeinsamer Kraft, und zwar mit Hilfe der gleichen modernen Waffen, wie Organisation und Presse, in die Bresche träten, bevor es noch zu spät ist. Diese vereinzelten Eingriffe der Rabbiner, die wie wir nebenbei bemerken, trotz allen Verspottungen und Verleunidungen ihre Wirkung in den Gemeinden nicht verfehlt haben, beweisen am besten wieviel man erst von einem geschloffenen Auftreten des Gesetzestreuen für die allenthalben ersehnte Besserung der innerjüdischen Verhältnisse in Rußland zu erwarten hätte. Vas bayrisch« RwUionsuwk. Noch niemals haben sich schwerwiegende politische oder legislatorische Aenderungen ohne harten Kampf der Geister vollzogen, und es ist kein schlechtes Zeichen für Personen und Verhältnisse, wenn die naturgemäß sich entfaltenden verschiedenen Betrachtungsweisen der Dinge ihre entschlossenen Vertreter finden. Wir glauben darum, daß es der Sache zum Vorteil gereicht, wenn wir heute, unmitelbar vor der entscheidenden Sitzung in Nürnberg, noch einmal die beibcit hochgeschätzten Gesinnungsgenossen, die zwei verschiedene Strömungen innerhalb der bayerischen Orthodoxie repräsentieren, zu Worte kommen lassen. Aus ihren Aeußerungen geht klar hervor, daß in den Prinzipien und in der Erfassung des Zieles keinerlei Meinungsverschiedenheit besteht, daß vielmehr" lediglich eine gewisse Verschiedenheit des den die Juden, denen, fern von allen politischen Umtrieben, nur daran liegt, ihres Lebens und Eigentums sicher, ihrem Gewerbe nachgehen zu können, die ersten sein, die erleichtert ausatmen, wenn endlich einmal die politische Lage geklärt und Ruhe und Ordnung in das Land einzieht. Ob für die Lage der Juden der Regentenwechsel eine nennenswerte Aenderung oder eine Besserung bringen wird, ist jetzt noch schwer zu sagen. Muley Haifid und seine Partei, die unter der Parole: „Los von der Fremdenherrschaft" ihre Triumphzüge halten, werden wohl kaum den Juden, die sie nach den maurischen Begriffen ebenfalls als Fremde betrachten, sonderlich geneigt sein. Zudem kann es auch nicht vom Vorteile für die Juden in Marokko sein, wenn der europäische Einfluß dort Einbuße erleiden sollte. Indessen spricht man jetzt schon von einer neuen internationalen diplomatischen, Konferenz, die über die einheitliche Stellung der Mächte zu der neuen Regierung in Marokko beraten soll. Ob wohl diese Konferenz, was seiner Zeit in Algeciras nicht geschehen ist, auch die Juden in den Bereich ihrer Beratungen ziehen wird? Ob sie daran denken wird, daß es nicht nur Handelsbeziehungen gibt, die eine „offene Türe" in Marokko wünschenswert machen, sondern auch primitive Menschenrechte, die dort mit Füßen getreten werden, daß es dort so viele. tausende Juden gibt, die recht- und schutzlos unter einer fanatischen llmgebung schmachten und perkümmern, und denen man bei der Neugestaltung der Dinge vielleicht mit einem Federstrich Menschenrecht und Menschenwürde für alle Zeiten sichern könnte? Die nächste Zukunft wird es zeigen. Jedenfalls werden die maßgebenden jüdischen Kreise rechtzeitig ihr Augenmerk nach dieser Richtung lenken müssen, und alles versuchen und äufbieten, um tiefen entscheidenden Wendepunkt zu Gunsten unserer hart bedrängten Glaubensgenossen in Marokko möglichst auszunutzen. Vom jiföiSthen Kulturkämpfe. Die Rabbiner in Rußland haben einen schweren Stand. Als Lehrer und Führer der Gemeinden dazu berufen, über das religiöse und geistige Leben derselben zu wachen, fehlt es ihnen gar oft an den Mitteln, auch die Rechte ihres Standes zur Geltung zu bringen, die Rechte, ohne die eine Lösung ihrer verantwortlichen Aufgabe undenkbar ist. , Sie, die mit dem Volke leben und leiden, seine Wünsche und Bedürfnisse am besten kennen, sind oft zum Schweigen und zur Untätigkeit verurteilt, wo die Verhältnisse . zu Taten drängen. Und wagt es einer von ihnen, aus der Reserve herauszutreten, auf die lieblichen Gottes-Garten der Thora, für den wir Juden als Arbeiter berufen find. Ungenannt bleibt die Belohnung für die Erfüllung der einzelnen 7>vkv, damit sie uns gleich wichtig und heilig find. — Darauf deutet denn auch der angeführte Satz Salomos: Bor allem tehüte dein Herz, da von ihm das Leben ausgeht." (Soweit Midr.sch Tanchuma zu um iD)-" Muten die ersten Worte des Midrasch, die das Thoragebot vom Bogeincste in eine Verbindung mit dem Spruche des weisen Königs über das Herz als Quelle des Lebens bringen, etwas sonderbar an, so klingt doch die nachfolgende Darlegung des R. Adda, die mit seltener Klarheit und Anschaulichkeit uns in anmutiger Sprache ein Bild von der Berpflichiungskraft der Thora und ihrem organischen Zusammenhänge mit dem Menschen entwirft, zugleich wie eine Erklärung und Beleuchtung jener eigenartigen Synthese. Das Verhältnis jener beiden scheinbar wett auseinander gehenden Btbelsätze zueinander erscheint uns im Lichte ier Erläuterung Rabbi AddaS klar und rerstündlich. Nicht der denkende Kopf, der kalt abwägende Verstand und die reine Vernunft find cs, die wir bei der Beobachtung der Thora und der darin enthaltenen Ge- und Verbote zu Rate ziehen sollen. Sie find zu unzuverlässige Ratgeber und lasien uns, da ihre Fassung kraft nur allzubald die Grenze erreicht, im Stich, daS Herz ist es, vor allem das „Herz, von dem das Leben ausgeht-" das empfindende, heitzschla gende Herz, das den Menschen und den Juden um seiner selbst willen zur Hochhaltung der ihm gewordenen Gesetze des Lebens antretbt und ermutigt. 248 Gebote! Und ebensoviel Gliedmaßen find es, die in der Furchung des menschlichen Organismus enthalten find. Die Glieder des menschlichen Organismus, haben an der Thora die Quelle, aus der fie Leben und Gesundung schöpfen. Ist es doch gerade unser Organismus, der enge körperliche Rahmen unseres Da! eins, der den stch empörenden, in kühnem Schwünge mit dem Rufe 33/ lnCÜ 7$ ffr,5M fernen unbekannten Höhen zustrebenoen Geist in seine Schranken weist. AiS der römische Kaiser einst im Cäsarwahnfinn Gott den Krieg erklären wollte, sagte man ihm: „Gehe hinaus aus feinem Pataste, verlasse seine Wohnung, nachdem du seine Macht und Herrschaft nicht mehr anerkennst." Doch, wie die weltumfassende Wohnstätte Gottes verlaßen, wie der engen Schranken deS irdischen Lebens der Schranken des Menschtums entraten? „Könnt ihr die von Ihm gezogenen Grenzen überschreiten, könnt ihr aus dem euch zugeteilten Rahmen hinaustretcn und Golt um, in und über euch verleugnen?" möchte, man all den Gottesstürmern, all den Naturanbetern, all den Heiden der Gegenwart zurufen. 248 Gliedmaßen enthält der menschliche Körper, deren Entstehung und Entwicklung, deren Erhaltung und Auflösung nicht vom Menschen abhängen, die unerklärlich und geheimnisvoll, wie fie find, von einem unsichtbaren Schöpfer, vom Herrn über Leben und Tod zeugen. Und darum achte auf die 248 Gliederungen' in jenem Buche des Lebens, auf die l48 Gebote, die dem Leben eine Richtschnur geben, dem Dasein Ziel und Zweck verleihen! - 65 Mal im Jahre geht die Sonne auf und unter. Wie viel Neues schafft sie jeden Tag, und wie viel Eretgniffe und Begebenheiten beleuchtet fie/ wie viel Beherzigenswertes lehren fie uns, die warmen Strahlen der Sonne, diese täglichen Wunder der Schöpfung. (TY'BWQ 'WyD DV Sie beleuchten unser Leben und leuchten in die dunkelsten Ecken unseres Geistes, unseres Herzens, unserer Seele hinein. 3/131 □l»? Dl1 □■»■Ql piO •'ÖN pN "ICH* Lautlos führen fie gleichwohl eine beredte Sprache, und ihre Morte besagen: „Beachte die 365 Verbote. Eine Welt ist erhalten, wenn der Mensch dm Willen seines Schöpfers erfüllt und so zur Durchführung des großen Schöpfungsplanes beiträgt, eine Welt geht dem Verderben entgegen, so der Mensch dom Wege der Pflicht und Tugend abweicht und dem Plane der Schöpfung cntgegenarbeitet." Ein Auf- und Untergchen, ein Kommen und Ziehen, ein Erscheinen und Verschwinden — das sind die Offenbarungszeichen der Natur. Handeln und Unterlasten- NLtZ/N M und TWV Erfüllung göttlicher O.dnung bedeuten auch die Ge- und Verbote der Tbora, die von der lcbcnschaffenden Gewalt der Naturelemente, vom Licht und von der Kraft der Sonnenstrahlen gewiffermaßen in fich enthalten und dem Juden Wohlergehen, Glück und Leben verheißen, so er nt t, durchdrungen vcn ihnen, fie zur Richtschnur seines Lebens macht. Und nun kann cs wahrlich nicht daraus ankommen, ob leicht oder schwer, ob groß oder klein, ob wichtig oder bedeutungslos uns das Gebot an fich dünkt. Auch das kleinste, an sich wertlos scheinende Geschenk eines großen Königs wird in Ehren gehalten. Ist doch jedes Ge ot, auch das scheinbar kleinste und unwichtigste, ein Ausdruck Seiner Güte, ein Zeichen^ Seiner Hulo, ein Mittel zu unserer Beglückung. Der ganze Gvttesgart.en in allen, seinen Teilen muß gehütet, bebaut und bestellt werden, und die gleiche Belohnung winkt jedem, gleichviel ob er das dem Oberflächlichen geringfügig dünkende Gebot des Vogelnestes oder eines der höchsten Gebote der Menschheit und des Judentums, das Gebot der Ehrung von Vater und Mutter erfüllt hat. So wird das Gebot des Vogelnestes, das uns zu so ernster Betrachtnng führt, das uns im Lichte der Midrasch-Erklärung ganz neue Gesichtspunkte eröffnet, von denen aus wir den einheitlichen Wett der Thora betrachten und beurteilen, an die' weifen Wotte Salomos uns erinnern, die nicht dem scharfen Verstände, nicht d« reinen Vernunft, nicht dem abwägenden klaren

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