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Der Israelit · 1908-09-03 · Heft 36 (3.9.1908) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 36 (3.9.1908)
Date
1908-09-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite i. Nr. 36 Der Israelit 3. September 19V8. Augenblicke s eine Inspirationen empfangend, machtvoll Wirkend durch die Würde der Erscheinung, durch den überwältigenden Zauber der Stimme, durch eine alle Register des Pathos und der Schönheit meisternde Sprachgewalt, ward Sachs ein Prediger, dem die tiefsten Wirkungen nicht versagt blieben." Und wenn man ihn in seiner sonstigen Betätigung beobachten konnte, da sah man, wie das anscheinend Kleinste auf religiös praktischem Gebiete für ihn nicht zu klein war, um seine Sorge zu erfahren,' wo er Ungehörigkeiten bemerkte, da griff er ein und sorgte für ihre Abstellung. Seine Güte, seine Zuvorkommenheit gegen jüngere Leute, die er gern in ihrem Streben förderte, ist nicht genug zu rühmen, und hier hat er manches gute Saatkorn für die Zukunft gestreut, das schön aufgegangen ist. Die letzten Jahre seiner Tätigkeit widmete er, soweit es seine amtliche Tätigkeit zuließ, ganz dem Thorastudium. „Ich habe mit meinem alten Seforim viel zu viel zu tun, als daß ich mich um die Erzeugnisse der neueren jüdischen Literatur kümmern könnte", sagte er mir einmal, als in einer Unterhaltung auf diese die Rede kam. Fragt man nun, ob das Wirken Sachs' nur seiner Gegenwart Früchte gebracht, oder ob die Spuren feiner Wirksamkeit sich bis über seinen Tod hinaus erhalten haben, so wird jeder Kenner der Verhältnisse von Berlin, wie sie lagen, als Sachs aus dem irdischen Leben abberufen wurde, sagen: was vom gesetzestreuen Judentum in Berlin aus dem Laufe der Zeiten gerettet wurde, es ist sein Verdienst. Wenn nach seinem Tode Berlin nicht arm an Männern war, die für das altererbte Judentum ihre Person einsetzten uns es als unschätzbares Gut hüteten und wahrten: Sachs hat diese Männer hcrangebildet und durch die Macht seines Wortes und durch das Beispiel seines Handelns sie mit dem Geiste beseelt, für die Religion der Väter einzutreten und dafür zu sorgen, daß sie auch ihren Kindern erhalten bleibe und immer weitere Kreise sich um die alte Standarte scharen. Orientalla. Die Entwicklung der Dinge in Konstant in opel mtb Jerusalem verdient fortgesetzt die volle Answmm s merksamkeit aller derer, denen das Schicksal des Judentums im Kreise der Hunderttausende ottomanischer Juden nicht gleichgültig ist. Fast scheint es, als sollte diesen Hunderttausenden das Loos der westeuropäischen Juden mit ihrer Tragödie des Abfalls und des religiösen Niedergangs nicht erspart bleiben Dort wie hier findet die neue Zeit ein unvorbereitetes Geschlecht. Dem mächtigen Einfluß der „Aufgeklärten", von französischer Kultur genährten, wissen die an Zahl weit überlegenen' Treugebliebenen keine Kämpfer entgegenzustellen. Ohne Kenntnis der Landessprache, unbekannt mit dm Bräuchen und Bedingungen des modernen politischen Lebens, sind sie nicht imstande ihre religiösen Ideale mit Mannesmut vor Fürsten und Staatsmännern zu vertreten, und so bleibt ihnen eigentlich nur die bange Wahl, sich entweder von der französisch-jungtürkischen oder von der zionistischen Neologie moralisch totschlagen zu lassen! Man möchte weinen, wenn man liest, wie in der heiligen Stadt, vor tauseudköpfiger Volksmenge, vom Altäre herunter der ehrwürdige Chacham-Baschi Panisel die Massen beschwört, doch nicht die Treue zum Gottesgesetz als Preis für die neue Freiheit hinzugeben, und wie drüben, vom gegenüberliegenden Fenster, genau das entgegengesetzte Losungswort aus dem Munde eines begeisterten zionistischen Jünglings mit glühender Beredsamkeit in die Menge geschleudert wird. In Konstantinope t fungiert einweilen ein sechsunddreißigjähriger junger Mann ohne jedes tiefere jüdische Wissen, der Zögling eines französischen Rabbiner-Seminars, als stellvertretendes geistliches Oberhaupt aller türkischen Juden! Und ihm zur Seite ein Gemeinde-Ausschuß der ungefähr ebenso qualifiziert ist, wie unsre heimischen Justiz- Geheim- und Kommerzienräte zur Leitung aller jüdischen Gemeinden. Neuerdings wird gemeldet, daß man seitens der „Alliance" nicht beabsichtige, den jungen Herrn Nahoum im alleinigen Besitze seiner Würde zu belassen (der abgesetzte Chacham-Baschi Rabbi Moise Halevy war Zeit seines Lebens „stellvertretender" Chacham-Baschi), sondern er solle nur der Inspirator bleiben, während Rabbi Jacob Meir aus Salonichi zum Chacham-Baschi in Konstantinopel ausersehen sei. Rabbi Jacob Meir soll Persönlich ein überaus achtungswerter sefardischer Chacham mit tüchtiger talmudischer Gelehrsamkeit sein, und er wäre vielleicht der rechte Mann in schwerer Zeit gewesen, hätte er nicht den schweren Fehler begangen, sich in Jerusalem von den unjüdischsten Elementen emportragen zu lassen. Was Rabbi Jacob Meir im Innersten seines Herzens von Männern wie Antebi, Ben-Jehuda uiib den ihnen gleichgesinnten Feinden des gesetzestreuen Judentums denkt, wer vermöchte es zu sagen! Aber wie und was er auch denken möge, diese Elemente werden ihren Günstling, selbst, wenn er schon fest im Sattel sitzt, so schnell nicht seiner ewigen Dankesschuld ledig sprechen und sie waren schlau genug, durch die Einsetzung des Herrn Haim Nahoum zum ständigen „Stellvertreter", dem kommenden Manne von vornherein eine wirksame französische Kontrolle auf die Nase zu setzen. Diese Entivicklung der Dinge in Konstantinopel und die ganz analoge Verleumdungs-Aktion, welche man gegen Chacham-Baschi und sesardische Verwaltung in Jerusalem in Szene gesetzt hat, wird sich, wir betonen das nochmals, nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer Beziehung als höchst unheilvoll erweisen. Denn sie hemmt die Neberführung der Zehntausende fremder jüdischer Untertanen in den türkischen Staatsverband, wo ihrer die liebevolle Seelsorge der Herren Nahoum und Antöbi wartet. Es ist ein Jammer, daß sich unter den türkischen Juden keiner zu finden scheint, der den leitenden Staatsmännern das klar zu machen und durch die Herbeiführung normaler Gemeindeverhältnisse — religiöse, altjüdisch gelehrte Führer für religiöse Gemeinden — auch dein Mohle des ottomanischen Reiches den größten Dienst zu leisten vermöchte. Marokko. In Marokko, wo die feindlichen Brüder seit langem erbittert miteinander um den Thron kämpften, sind die Würfel gefallen. Mnley Haifid hat einen vollen entscheidenden Sieg errungen und gilt null allgemein als der Beherrscher des Landes. Dieses Ereiznis, von dem die Tageszeitungen dieser Tage berichteten, läßt bei uns wieder den Gedanken an unsere dort in Elend und Not schmachtenden Glaubensgenossen erwachen, da auch wohl ihre Lage von dieser innerpolitischen Umwälzung nicht ullbeeinflußt bleiben wird. In Marokko leben ungefähr 150000 Juden in Verhältnissen, die allen Begriffen der Menschlichkeit Hohn sprechen. Ihre gedrückte Lage hat sich aber während des wütenden Bruderkrieges oft bis ins Uilerträgliche verschlimmert. Abgesehen davon, daß sie unter den allgemeinen durch die politischen Wirren hervorgerufenen elenden Zuständen nicht minder als die anderen Teile der Bevölkerung litten, hatten sie auch noch ganz besonders als Juden zu leiden. Mehr als einmal mußten sie als Opfer herhalten, mehr als einmal wurden die Ghetti im Innern des Landes von den sich befehdenden Scharen bedroht und bestürmt. Der Sieg des Muley Haifid ist auch mit jüdischem Blute erkauft. Hub gewißwer- Jm Laufe dieses Monats beginnen wir mit dein Abdruck des bereits angekündigten historischen Romans: Samuel ha Ragid. .'Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. Eine poetische Darstellung des reichen Lebens dieses jüdischen Großen war bisher nicht vorhanden. Zerstreut und versteckt in Auszeichnungen vorwiegend nichtjüdischer Schriftsteller, oft in Sprachen einer Zeit und von Völkern, die kaum mehr für uns verstänvlich, war die fesselnde Geschichte von Samuels Leben nur einem kleinen Kreise von Gelehrten zugänglich. Und auch das nicht in einheitlicher Form, denn während in dem einen Werke seine politischen Kümpfe, sein Mannesmut aus dem Schlachtfeld: geschildert sind, befassen sich andere mit seinen Federkriegen aus dem Gebiete der jüdischen Sprachwissenschaft, andere würdigen ihn als Dichter, wieder andere als Rabbi und in seiner Bedeutung als Talmudist und Oberhaupt der andalusischen Gemeinden. Es ist das Verdienst des Verfassers unserer neuen Erzählung, das Bild des hochragenden Maunes aus den einzelnen Bruchstücken und Resten wieder zusammengesetzt und erschlossen und das. was er in den izst spärlich fließenden Quellen nicht fand, mit.künstlerischem Verständnis ergänzt zu habe». Die Form des Romans mußte gewählt werden, weil nur in ihr die Seelenkämpfs, die Samuel zu bestehen hatte, geschildert, der Charakter aus den gegebenen Verhältnissen heraus wieder entwickelt und so die Lücken, die die Wissenschaft läßt, ausgesüllt werden konnten. So steigen denn glänzende Bilder jüdischen Lebens aus der Zeiten Dunkel empor. Hier verschmelzen maurische und orientalisch-jüdische Gesittung zu einem reizvollen Ganzen. Ihre höchste Menschenblütr aber war Samuel, der fromme jüdische Fürst, ein wahrhafter Held — ein jüdischer Weiser vor Königsthronen. Redaktion nnd Verlag des „Israelit". vle Gebote des Retzens. Zum Wochenakschnitt. Dien ntf nWn rhv 'w "pjs1? '■nsx p K'np'» .o”n mann 121212 '3 -p1? mxa idbtd n"pt .(«xn '3 Nöirnn) „Wenn ein Vogelnest vor Dir auf dem Wege betroffen wird usw. Fretschicken sollst die Mutier usw. Daraufhin deutet auch der Satz in den Sprüchen Salomos IV. „Bor allem behüte dein Herz, da von ihm das Leben ausgeht." Dazu bemerkt noch ferner R. Adda: „248 positive Gebote enthält die Thora so viel als die Gliedermaßen im menschlichen O ganismus, die laut dem Mensa en zurufen: beobachte diese Gebote, daß wir gesund erhalten bleiben, Du lebest und es Dir wohlergeh'. Die Zahl d.r n cg attven Gebote d. h. der Verbote der Tyora beträgt aber 305, so viel wie die Tage des Jahres, da mit jedem beginnenden Tage die Warnung an den Menschen h.rantritt, nicht zu übertreten das Verbot der Thora und sich und die Welt nicht dem Verderben preiszu reben. 613 ijt die Gesamtzahl aller Ge- und Verbote, die alle den gleichen Wert haben und alle gleich hoch und heilig gehalten w>rden müssen, was schon 'daraus he vorgeht, daß nur bei 2 Geboten, bei dem vermeintlich wichtigsten und dem vermeintlich leichtesten, der Lohn, und zwar i > beiden Fällen der gleiche Lohn, angegegeben wird. Das 5. Gebot, das die Ehrung von Vatcr und Mutter befiehlt, verspricht Wohlergehen und langes Leben, las Gebot des Vogelnestes, das nach menschlicher Auffassung wohl zu den leichteren gehören dürste, verheißt ebenfalls als Lohn Wohlergehen und langes Leben." Dies gleicht jenem Könige, der Arbeiter für seinen Garten anstellte, in dem sich die verschiedenartigsten Bäum: und Pflanzen befanden. Der König machte aber die Arbeiter mit den Werten der verschiedenen Pflanzengattungen nicht bekannt und bestimmte auch nicht den Lohn. Als am Abend nach getaner Arbeit alle den gleichen L<hn erhielten, da fragten sie sich verwundert: Sollte wohl d e Best llung der Prachtbäume und Edelpflanzen nicht mehr einbringen als die der einfachen Sträucher und Kräuter? „To es in meiner Absicht liegt — antwortet der König — daß der ganze Garten bestellt und gepflegt wirb, so habt Ihr mir alle gleich gedient und verdient alle den gleichen Lohn." — So verhält es sich auch mit dem Weinberge des Herrn, mit dem

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