Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1908)
- Date
- 1908-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit «Llll Ein Centralorgan für das orthodoxe Judenfnm IHl »ggjgg Begründet non Or. Lehmann in llbinz bsss Ui 49. Jahrgang. sssa Sranhfurf a. M., Sen Sepfetnber ^08 M 36. 7. 6lul 5668. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements r Gewöhnliche Ausgabe Mk. ILO vterleljLhrlich. HestauSgabe auf Kunstdruckvavier Mk. 3.— vierteljährlich. (AnSlanrSpreise für hie gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Lr., RuUand 1 Rnv., England 8 »tu, Amerika 50 ets., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserater 80 Pfeunig-Kr dje stchSgespaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratmannahme nur durch inHaasensteiu u. Bögler A^G. «onto bei der «. ». B-stsparkaffe Wie« Ro. 7S««8. Frankfurt a. M. und deren Filialen. ekonto bei der Rigaer Lommergbank in Riga Tonto bei dem « P-stsparkaffenamt «nbapest Ra. 184S4. und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialhstok, Reval Lodz Der McKöruck der firtihel und Correfponden?en des „Israeli!11 ifl nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fhfi um größere fluffäbe bandelt, nur nach vorheriger Genehmigung gestattet Michael Sachs y'sn. Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages von Pros. A. Sulzbach. Das Jahr 1808 hat der Judenheit zwei hervorragende Männer geschenkt, welche, jeder in seiner Weise, dasselbe Ziel erstrebten, dieselbe Aufgabe sich gesetzt hatten: für das alte überlieferte Judentum einzutreten, dieses der Welt zu erhalten. Es waren Männer, die für die Erreichung dieses Zieles ihr ganzes Können und Sein einsetzten. Den einen hat die Judenheit vor kurzem gefeiert: Samson Raphael Hirschdie folgenden Zeilen mögen ein Gedenkblatt sein für Michael Sachs, der am 3. September 1808 (11. Ellul 5568) zn Glogau das Licht der Welt erblickte. Nach Beendigung seiner Studien auf der Universität zu ' Berlin, wo der durch seine Fähigkeiten und sein philologisches Wissen glänzende Jüngling die Augen Böckhs auf sich zog, und nach zurückgelegtem Oberlehrerexamen wurde Sachs im August 1836 nach Prag als Prediger berufen, wo er sich unter der Leitung talmudifcher Kapazitäten, wie sie Prag damals noch besaß, dem eingehenden Talmudstudium hingab. Hatte er bereits zwei Jahre vorher durch feine Uebersetzung der Psalmen sich einen Namen gemacht, so steigerte feine Beteiligung an der Herausgabe der Zunzschen Bibel (1837) durch Uebersetzung von 15 Büchern seinen Ruf als Bibelforscher und Meister der deutschen Sprache. In Berlin hatte sich indessen das Bedürfnis nach Ergänzung des Rabbinatskollegiums durch einen zeitgemäß gebildeten Mmn herausgestellt, und so erfolgte Dank den Bemühungen des Buchhändlers Beit die Berufung Sachs' dorthin im Jahre 1844. Nicht sehr leicht hatte diese Angelegenheit sich vollzogenes galt zunächst die Frage, ob man einen Rabbiner, also einen Mann wählen sollte, dem gewissermaßen die alten Rabbinatsmitglieder Oettinger und Rosenstein untergeordnet gewesen wären, oder ob man einen Rabbinatsasseffor, dein mit dem Predigeramt und dem Amt des Religionslehrers zugleich das Recht Rabbinatsfunktionen auszuüben zu eigen war, anstellen sollte? Sachs selbst lehnte es definitiv ab, als Rabbiner gewählt zu werden. „Ich kann es nicht über mich gewinnen," so schreibt er an Veit, „den mir durch Landsmannschaft und persönlich frühere Relation nahestehend>W -Whbiner Oettinger durch irgend welchen Eingriff zn verletzen." Er will nur, daß seine „Stellung eine der Gemeinde gegenüber berechtigte, anerkannte, gesicherte sei." Er will nicht von der Parte.en Gunst oder Ungunst abhängen und hat keine Lust sich „mit Antipathien und Parteien herumzubalgen." Dieser Wunsch ist gewiß berechtigt, wenn man die Parteiverhältniffe in Betracht zieht, die in der Gesamtgemeinde Berlins zu jener Zeit herrschten. In der Zeit, die zwischen diesem Brief und dem Antritt seines Amtes lag, hatte sich die Situation allerdings zu Gunsten Sachs' geändert, denn seine ärgsten Gegner, die entschiedenen Reformer, hatten sich nach einigen Verhandlungen über die Rabbinerwahl von der Gemeinde losgesagt. tie Wahl Sachs' war nicht nur für Berlin ein Ereignis von großer Bedeutung, sie war es für die ganze gesetzestreue Judenheil. Berlin, der Tummelplatz der Reform aller Schattierungeil von der zahmsten bis zur wildesten, eine Stadt mit einer jüdischen Bevölkerung, die zum größten Teil Anhänglichkeit an die altererbte und überlieferte Religion als rückständig und unvereinbar mit Bildung und Gesittung erachtete während eine, wenn auch sehr kleine Partei da war, die jede Bildung als religionsfeindlich perhorreszierte, diese Stadt hatte jetzt einen Mann zum geistigen Führer erhalten, der mit seiner umfassenden klassischen Bildung tiefe Thora kenntnis vereinigte, der durch seine glänzende Kanzelberedsamkeit die Hörer hinriß und seine Kollegen auf der linken Seite lvcit in den Schatten stellte, einen Mann, der neben diesen Vorzügen des Geistes einen religiösen Lebenswandel bestätigte, an dem selbst die Männer der äußersten Rechten 'nichts jaussetzen konnten. So wurde Sachs der Stolz der Berliner, und diese .Hochachtung, die ihm seine ganze Persönlichkeit erwarb, und diese Verehrung wurde noch gesteigert durch die Schätzung, mit welcher die nichtjüdische vornehme Gesellschaft ihn wertete. Die Freundschaft, die Männer wie Werder, Varnhagen von Ense, Alexander von Humboldt mit dem Gelehrten Sachs verband, erhöhte nockfein Ansehen bei seiner Gemeinde, und dies kam nicht nur der Person ihres geistigen Führers zu gute, es kam auch dem Prinzip zu gute, das er vertrat. Doch sollten ihm, dem Mann, der keine Kampfesnatur war, Kämpfe nicht erspart werden, und es mußten sich, noch ehe sie zum Ausbruch kamen, schon Vorgänge abgespielt haben, die es ihm wünschenswert erscheinen ließen, Berlin zu verlassen. Sonst ist, es nicht zu verstehen. daß er im Jahre 1853 gewillt war, seine nach außen glänzende Position zu verlassen, um einem Ruse als Rabbiner an die in Frankfurt a. M. ucugegründcte Religionsgesellschaft zu folgen. In persönlicher Besprechung in Frankfurt war die Angelegenheit geregelt worden, doch er bat, nach Berlin zurückgekehrt, uni Entbindung von seiner Zusage. Seine Frau konnte sich nicht dazu verstehen, ihre Heimatsstätte zu verlassen, die ihr umsomehr teuer geworden, als das „Haus der Ewigkeit" den Eltern einen Schatz barg, den sie kurz vorher der Erde hatten übergeben müssen. Ein blühender, vielversprechender Sohn war ihnen durch den Tod entrissen worden, die Nähe seines Grabes wollte die Mutter nicht missen. Zum offenen Ausbruche des Kampfes zwifcheu ihm und dem Gemeindevorstande kam es, als der Bau der neuen Synagoge in der Oranienburgerstraße die Orgelfrage auf die Tagesordnung stellte. Sachs wehrte sich mit seinem ganzen Mannesmute gegen die Einführung der Orgel, er bekämpfte sie in Gutachten, Eingaben und Predigten. Das Ende des Kampfes sollte er nicht erlebendie Synagoge war noch nicht vollendet, als er am 31. Januar 1864 im rüstigen Mannesalter starb. Man muß den Mann persönlich gekannt, das Glück des näheren Umganges mit rhm genossen haben, um ihn und seine Tätigkeit richtig würdigen zu können. Seine litterarischen Werke liegen vor jedem offen: seine Uebersetzungen der biblischen Schriften, seine Spanische Poesie, seine Stimmen vom Jordan und Euphrat, seine Beiträge zur Altertumskunde, seine Machsor- und Thefilloh-Uebersetzung: diese alle zeugen von seiner umfassenden Gelehrsamkeit, von seinem dichterischen Empfinden, von seiner Begeisterung für jüdische Schriften und Judentum, aber sein Wirken und sein Aufgehen in jüdischer Wissenschaft, nicht jener der Daten und Namen, sondern der, die wir schlechtweg mit dem Ansdruck „Lernen" bezeichnen, das konnte man nur aus dem Umgang mit ihm erfahren. Man muß ihn aber auch gehört haben, um zu wissen, wie sehr sein mächtiges Wort die Zuhörer hin riß. Das Lesen der Predigten, die, zum großen Teil nach Notizen, gesammelt, nach seinem Tode herausgegeben tvurden, enttäuscht, hier fehlt alles, was seine Predigten so wirksam machte. Wer ihn gehört, wird Wort für Wort unterschreiben, was Prof. Kaufmann in einem Sachs gewidmeten Nachrufe über ihn als Prediger geschrieben hat: „Für die Kanzel gleichsam geboren, vom