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Der Israelit · 1908-08-27 · Heft 35 (27.8.1908) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 35 (27.8.1908)
Date
1908-08-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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27. August 1908. Der Israelit. Nr. 35. Seite 7. diese Gottesdienste KU schließen weil sie keine gemeindlichen Gottesdienste im Sinne des § 25 des Judenedrkts genannt werden können. Mit den Gegensaßen zwischen Orthodoxie und Neotogie hat das gar nichts zu tun; allein, rch glaube, es verdient doch vollste Erwägung, daß den Leuten der Gottesdienst in Zukunft gesperrt werden kann. Es ist das doch sicher ein Eingriff in die Gewissensfreiheit. Es handelt sich hier nicht um eine wirtschaftliche, sondern um eine religiöse Frage. Ich habe mir gestattet diesen Punkt, der das Neueste auf diesem Gebiete betrifft, bei dieser Gelegenheit ganz objektiv zur Sprache zu bringen Ich glaube, es wird sich Gelegenheit finden zu verhüten, daß solche Eingriffe weiter statthaben." In der Diskussion schloß sich der Abgeordnete Frank-Dillingen den Ausführungen des Referenten an, indem er betonte, daß unter den gegenwärtigen Verhältniffen die sonst in der Verfassung garantierten Grundgesetze der Gewissensfreiheit nicht beobachtet werden könnten. Wien, 18. August. Anläßlich des Geburtstagsfestes S. M. des Kaisers fanden in sämtlichen hiesigen Synagogen und Bethäusern gottes? dienstliche Veranstaltungen statt. Wie bei Anlaß des 60 jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers, so zeichneten sich auch diese Feierlichkeiten, die in bescheidenem Rahmen abgehalten wurden, durch den warmen herzlichen Ton, in dem die Gefühle der Liebe und Dankbarkeit der Juden zu ihrem Kaiser zum Ausdruck gebracht wurde. Auch aus allen anderen Städten Oesterreichs wird von imposanten Feierlichkeiten und Kundgebungen der jüdischen Gemeinden berichtet. — Die Resolution Schmid ist immer noch nicht ganz zur Ruhe gekommen und ihre Nachwehen machen sich noch hie und da bemerkbar. Der Ausschuß der Israelitischen Kultusgemeinde in Leipnik, hatte in einer Sitzung eine Resolution gefaßt, dahingehend, daß Dr. Sommer der für die Resolution Schmid stimmte seine Pflichten als Lehrer der Olmützer Handelsakademie durch seine kundgegebene antisemitische Gesinnung verletzte. Dr. Sommer fühlte sich in seiner Ehre verletzt und überreichte daher gegen den Vorsitzenden des Ausschusses der Israelitischen Kultusgemeinde zu Leipnik die Ehrenbeleidigungsklage. Die liberale Presse findet es für neu und sonderbar, daß ein Volksvertreter seine Ehre dadurch verletzt findet, wenn aus der Mitte seiner Wähler Stimmen gegen seine politische Haltung laut werden. Man glaubt auch nicht, daß die Gerichtsverhandlung dem Kläger den gewünschten Erfolg bringen wird. Ueber den Erfolg seiner Wiederwahl in den Reichsrat kann indes kein Zweifel mehr herrschen und daran wird keine Gerichtsentscheidung etwas zu ändern vermögen. Tarnow, 18. Aug. Aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers wurde hier der neue Kaiserjubiläumstempel eingeweiht. Die Feier, der die Generalität, der Bezirkshauptmann, die Offiziere der Garnison, der Bürgermeister mit der Gemeindevertretung u. a. m. beiwohnten, nahm einen schönen Verlauf und gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der Gesetzes- und Künigstreue im Sinne dä Bibelwottes 'OD {TP- Der Kreisrabbiner Schnur und der Bizebürgermeister Dr. Goldheimer hielten .glanzvolle Ansprachen. Bemerkenswert ist, daß dieser Tempelbau vor zirka 50 Jahren begonnen, nach kurzer Zeit wieder eingestellt wurde und erst jetzt nach den Plänen und unter Leitung des Architekten und Baumeisters Schwanenfeld von der Tarnower Kultusgemeinde als Kaiserjubiläumstempel aufgebaut wurde. Petersburg, 24. August. Hinsichtlich der Aufnasme von Juden in die hiesigen Hochschulen können letztere in drei Kategorien geteilt werden - 1. in Hochschulen, wo Juden in unbegrenzter Zahl ausgenommen werden können- 2. in Hochschulen, wo Juden nur unter Berücksichtigung des festgesetzten Prozentsatzes ausgenommen werden dürfen und 3. in Hochschulen, wo Juden überhaupt keine Aufnahme finden. Zur ersten Kategorie gehören von den staatlichen Lehranstalten ausschließlich die Höhere Kunstschule an der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, ferner das Psychoneurologische Institut und die meisten privaten höheren Kurse. Zur zweiten Kategorie gehören von den staatlichen Hochschulen das Berginstitut der Kaiser Katharina II. (5 Proz.), das Technologische Institut des Kaisers NikolausI. (3 Proz.), das Forstkorps (3 Proz.), die Universität (3 Proz.), das Polytechnische Institut für Frauen (3 Proz.), das Medizinische Institut für Frauen (3 Proz.) und das Marien-Hebammeninstitut. Zur dritten Kategorie gehören: das Institut Kaiser Alexander III., die Militärmedizinische Akademie (die Frage hinsichtlich der Aufnahme von Juden in diese Hochschule ist übrigens noch nicht definitiv entschieden), das Historisch-Philologische Institut und die sogen. Roshdestwenski-Kurse für Heilgehilfinnen. In sämtlichen Hochschulen der Residenz können nach der „Retsch" zum Beginn des akademischen Jahres insgesamt 159 Juden ausgenommen werden. Odessa, 23. Aug. Nach längerer Pause wollten es die hiesigen Hooligans wieder einmal mit einem kleinen Pogrom oder, wie sich der Polizeibericht vorsichtig ausdrückt, mit einem kleinen Ueberfall auf die Juden versuchen. 2T am letzten Sabbathabend wie gewöhnlich viele Juden ahnungslos in der Hafenpromenade sich ergingen, da erschien plötzlich eine Gruppe handfester Gesellen, die sofort auf die harmlosen Spaziergänger ohne jeglichen Grund dreinzuhauen begannen. Einige der Angreifer waren auch mit Revolvern versehen, von denen sie nun auch ohne weiteres Gebrauch machten. Nachdem die Juden unter Hinterlassung einiger Verwundeten geflüchtet waren, verließen die Mordgejellen ruhig den Platz, um sich in anderen Stadtgegenden nach Beute umzusehen. Als die Polizei erschien, war keiner von den Beteiligten mehr zu sehen, d. h. keiner von den wackeren Schützen. Die anderen 36 Raufbrüder, die an Ort und Stelle vernommen wurden, wurden wieder entlassen, nachdem sie nachgewiesen, daß sie keine Revolver bei sich führten. Der Generalgouverneur Tolmatschew, der auch sonst den guten Willen zeigt, derartigen Ausschreitungen energisch entgegenzutreten, ließ eine Bekanntmachung, sowie ein Rundschreiben an die Polizei ergehen, in welchem er die Vorfälle bedauert und es den letzteren zur Pflicht macht, mit der ganzen Strenge des Gesetzes gegen die Rädelsführer vorzugehen. Das Eintreten des Generals hat nun auch zur Beruhigung der Gemüter etwas beigetragen. Helsingfors, 20. Aug. Der neugewählte Landtag ist dieser Tage zusammenaetreten und hat seine Arbeit begonnen. Die Juden Finnlands dürfen auch von diesem Landtage so aut wie garnichts zu hoffen haben. Das finnländische Volk, das sich die Freiheit und Selbständigkeit errungen hat, gibt sich nun zufrieden, und seine Vertreter, die größtenteils aus den agrarischaristokratischen. Kreisen bestehen, denken nicht im entferntesten daran, die Wohltat des freien Bürgerrechtes, für die sie im Namen der Freiheit und Menschlichkeit so eifrig gekämpft und das europäische Gewiffen erwärmt haben, auch den anderen unterdrückken Nationen in ihrer Mitte, am wenigsten den Juden, zuteil werden zu laffen. Indes läßt sich die Judenfrage hier nicht aus der Welt schaffensie wird auf diese oder jene Art früher oder später ihre Lösung finden müssen. Denn sie beunruhigt die Gemüter und beschäftigt unablässig alle BolkSkreise. Vor einem halben Jahre beschäftigte sich hier eine Agrarier-Versammlung mit dieser Angelegenheit, die ihre antisemitischen Tendenzen offen zur Schau trug und laut verkündete. Es waren meistens Gutsbesitzer, Lehrer und Beamten, die es schon riskieren konnten, ihre gehässigen Ansichten den Juden gegenüber offen und unumwunden zum Ausdrua zu bringen. Etwas schmier ger hatten es jedoch die finnländischen Kaufleute, die am 19. August in St. Michel eine Versammlung abhielten, in welcher ebenfalls über die Judenfrage verhandelt werden sollte. Mit Rücksicht auf oie vielfachen Beziehungen zu den Juden mußten einige Kaufleute und Großindustriellen sich Reserve auferlegen, nichtsdestoweniger kam auch hier der Antisemittsmus wohl heimlich und versteckt und darum desto widerlicher und gefährlicher zur Geltung. Die Frage, die zur Diskussion gestellt wurde, lautete: „Wird die Erteilung der Bürgerrechte an die Juden dem Lande Nutzen oder Schaden bringen?" Die Meinungen gingen darüber auseinander, doch waren sich alle darüber einig, daß die Emanzipation der Juden unter allen Umständen möglichst hintenan zu halten sei. Es fehlte auch nicht an einigen „Rücksichtslosen", die ihre Reden mit den altbewährten Anklagen und Anschuldungen, auch den Kraftworten aus dem Wörterbuchs der westeuropäischen Antisemiten, die hier von jeher als Muster dienen, würzten. Die Versammlung endete mit einer Resolution, den finnländischen Landtag zu ersuchen, sich nicht eher mit der Judenfrage zu befassen, als bis eine von der Versammlung einzusetzende Kommission die Sache vorbereitet und das einschlägige Material gesammelt und geprüft habe. Welches Material da gesammelt werden soll und welche Erfolge die j Prüfung ergeben wird, darüber kann nach dem Gang der Verhandlungen und nach der Sttmmung, die in diesen Kreisen herrscht, kein Zweifel sein. Zur gleichen Zeit faßten jedoch die finnischen Sozialdemokraten in einer zu dem Zwecke abgehaltenen Besammlung den Beschluß, einen Anttag auf Erteilung des Bürgerrechtes an die Juden unter allen Umständen im Landtag einzubringen und mit aller Kraft für denselben einzutreten. Ob sie all den reaktionären und judenfeindlichen Elementen ein genügendes Gegengewicht bieten? Die nächsten Wochen werden es zeigen. gvankveixfy. Paris, 23. Aug. Die Einwanderung östlicher Juden nach Frankreich nimmt täglich zu. Es find zumeist jüdische Arbeiter, die aus Rußland, Rumänien und Galizien kommend, sich in der französischen Metropole niederlassen. Welch' wichttge Rolle diese jüdischen Arbeiter in dem Pariser Gewerkschaftsleben schon heute spielen, geht aus einer intereffanten Nottz hervor, die wir in dem Fachorgane der Kürschner lesen. „In Paris gibt es ungefähr 900 jüdische Kürschnergehülfen und trotz dem besten Willen der Pariser Organisation war es nicht möglich, sie gewerkschaftlich zu organisieren. Die Ursache hiervon war, daß die jüdischen Arbeiter weder ftanzösisch noch deutsch verstehen, so, daß es dem Fachverband unmöglich war, eine richtige Agitaton zu führen. Die Lage der jüdischen Arbeiter wurde eine immer schlechtere. Aber auch die nichtjüdischen Arbeiter hatten unter diesem Mißstand viel zu leiden, da die Konkurrenz der billigen Arbeitskräfte ihnen sehr schädlich war. Schließlich gelang es, am 15. November 1907, eine eigene Sektion jüdischer Kürschnerarbeiter zu gründen und den Beschluß durchzusetzen, daß die neugegründete Organisation dem Fachverbande beitrete. Es sind nunmehr 8 Monate verflossen, seitdem diese jüdische Organisation gegründet wurde und schon ist ein großer Fortschritt zu verzeichnen. Die Sektton ist in allen ihren Handlungen selbstständig, die Leitung ist musterhaft." Qixnetnavk. Kopenhagen, 14. August. Heute sind hier von S. K. H. dem Kronprinzen Christian von Dänemark die Jnternatialen Orientalischen Kongresse feierlich eröffnet wgrden. Es find auch viele jüdische Gelehrten von Ruf am Kongresse vertreten, die Borträge über jüdisch-wissenschaftliche Temata halten werden. Besonders in der Sektion für Semitische Sprachen und

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