Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1908)
- Date
- 1908-08-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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27. Auqust 1908. Der JSraeUt. Nr. 35. Seite 5 und bekennen wollen! Sehet, des Schofars Töne lehren in Wenigem so viel. Ein gerader Ton, gebrochene Töne, und zum Schluß wieder ein gerade hingeogener, das ist die gewaltige und ehrreiche Sprache des Schofar! So spricht die Posaune zum jüdischen Menschen am Neujahrsfeste, und sie soll verstanden werden. Zuerst der gerade Ton! Das Gerade, Schlichte und Einfache pflegen wir für das Gewöhnliche zu halten. Das Ungewöhnliche, die Ausnahme stellt eine Unterbrechung vor. Daran können uns die gebrochenen Töne des iSltP erinnern. Ihnen voraus geht, ihnen folgt das Einfache und Gewöhnliche. Liegt hierin nicht eine Fundamentallehre desJndentums vingeschlofsen? Von jeher galt der Satz: Tin OTip mn v*in lJJKBn, das Regelmäßige hat stets den Vorzug gegenüber dem Außergewöhnlichen. So wurde peinlich darauf geachtet, daß im Tempel das tägliche oder beständige Opfer stets die Einladung aller Opfer zu bilden habe, eben weil es ständig gebracht wurde. Das Extraopfer des Sabbaths, der Neumonde und Festtage kam erst in zweiter Linie. Stellt doch das Tomidopfer die ständige, die tägliche Lebensweise vor, und das verschafft ihm den Vorrang gegenüber den Fest- und Feiertagen. Im gewöhnlichen Leben ’ möchte man wohl umgekehrt verfahren, das Alltägliche erscheint reizlos im Vergleich zur Ausnahme; das Seltenere will man bevorzugen. Da erinnert des Schofars gerader Ton an jenen altjüdischen Grundsatz. Glaubet nicht, mit dem Synagogenbesuch am natpn irtn und "OSD dv sei ein Pflichtvergessenes Leben vom ganzen Jahre gut gemacht. Zu den „hohen Feiertagen" bekennen ja manche ihr Judentum, von dem sie sonst nicht viel halten. Was würde man zu einem Schüler sagen, der das ganze Jahr dem Unterrichte fern bleibt, aber doch zur Prüfung erscheinen will? Dem konstant Fleißigen und Strebsamen hingegen wird auch ein kleiner Lapsus beim Examen nicht viel schaden. Unsere modernen Herbstjuden würden verwundert dreinschauen, wenn vom streng jüdischen Standpunkte aus man ihnen raten würde, lieber am und D"' ganz fern zu bleiben und dafür sonst tagtäglich mit Minjan zu beten, roir und v"' streng zu halten, nicht nsiv zu essen, ein jüdisches Haus zu führen rc. So manchem käme die Behauptung sonderbar vor, daß ein gesetzestreues Leben im Trauerjahr den Wert des bloßen Kaddischsagens übertrifft und die korrekte Verrichtung der Pflichtgebete vor letzterem den Vorzug har. Ein Blick ins jüdische Gebetbuch zeigt die hohe Bewertung dieses Gedankens. Kein Fest- und Feiertag, dessen Lehrgehalt nicht mit ins werktägige Gebet ausgenommen wäre. Kein Fest- und Feiertag, an dem nicht die Hauptteile des Werktagsgebetes den Grundstock der Liturgie abgeben. Wer die minn nzna andachtsvoll betet, versetzt sich in Empfindungen des Wochenfestes, die Stimmung des Pesachfestes überkommt uns beim Lesen des Meeresliedes (rrw), den Geist der D'fcou WO' atmet das große Bußgebet u\m tfim, jede Schemauno-Esrei von D//'1 hat Einleitung und Schluß wie am Werktage usw. Nicht nur in gehobenen Momenten des Lebens sollen wir unser Judentum hervorkehren und bekennen, die Kontinuität, die unentwegte Beharrlichkeit, die tägliche Lebensweihe ist Israels großes Prinzip. Die ny'pn, der gerade Ton soll dem gebrochenen vorangehen! Freilich, viele wollen nur die und die nynn begreifen, die gebrochenen und klagenden Töne. Erst wenn des Schicksals Wucht niederschmetternd wirkt, finden sie den Weg zu Gort. Die „Tekioh" kennen sie nicht, sie wollen sie nicht kennen. loy3v) p’W ]OBn, wurde Israel feist, so schlug es aus. Dann kündigten sich stets die D'"DtP an, die Töne des gebrochenen Herzens. Zur Zeit der Richter folgte dem Abfall von Gott stets der Druck durch Feindesgewalt, sodann der Aufschrei zum himmlischen Vater, der in dem neuen Richter einen neuen Retter sandte. Nicht anders war es zur Zeit der Könige und in} späteren Jahrhunderten. Und ähnlich sollte die Gegvnwart Erfahrungen machen. Die Emanzipation um die Mitte des abgelaufenen Jahrhunderts hatte bei vielen Glaubensbrüdernden religiösen Jndifferentismus und eine Assimilationssucht ohnegleichen hervorgerufen. Da erhob der Anttsemitismus sein Haupt und erinnerte unliebsam so manchen an sein verleugnetes Judentum. Es waren die D'iav, die schmetternde Fanfare der nyvm, die aus viele so erschreckend wirken. Bitter enttäuscht und verstimmt, sieht man den Gleichheitstraum ins Extrem Umschlagen. Man kann nicht mehr laut genug seine Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm betonen. Kampf gegen das Affimilantentum wurde die Losung des Tages. Solche Erscheinung läßt sich nnr daraus erklären, daß man den ny pn - Ruf mißachtete. Der gerade Ton, der gerade Weg und Sinn leitet den wahren Iden. Nicht vermittelt trifft die Tauroh sein Ohrdie O’nnitr können ihn nicht verzagt und fassungslos machen. Die rypn soll aber vorschriftsgemäß nicht nur die ein leitensie möge auch den Abschluß der Tonreihe bilden. Die Geschichte zeigt uns tausendfach die Beispiele und die Erfahrung lehrt es täglich, daß die erzieherische Macht des Unglücks oft ausbleibt. Im Vergessen war auch Israel stets groß. tBerbot des jüdischen Jargontheaters in Russland.) Unter Alexander II. hat der jüdische Jargundichter Abraham Goldfaden das jüdische Jargontheater ins Leben gerufen, das in den von Juden bewohnten Städten mit mehr oder weniger Erfolg seine Vorstellungen gab. Unter Alexander III. wurde das Jargontheater verboten. Die jüdischen Truppen zogen nach London und Newyork, wo sie noch jetzt mit Erfolg spielen. Nach dem Oktobermanifest von 1905 wurde das jüdische Theater in Rußland wieder gestattet. Nunmehr, da die russische Judenpolitik wiederum die Bahnen Alexanders III. betrat, ist das jüdische Jargontheater wieder verboten worden. Selbst die bereits geschlossenen Verträge jüdischer Trupp en mit Theaterdirektoren wurden für ungültig erklärt. (Jüdische LtuSwanderungsbewegung im Juli.) Im verflossenen Monat Juli find im New- Aorker Hafen 4349 jüdische Einwanderer (um 365 mehr als im Juni) angekommen. Davon waren 1471 Männer, 1545 Frauen und 1333 Kinder. Es kamen aus: Rußland 3340 Oesterreich 536 Ungarn 241 Rumänien 125 Deutschland 14 England 48 Türket 42 Griechenland 1 Frankreich 1 Holland 1 Bon allen Eingewanderten blieben 3175 in New-Aork, während die übrigen 1174 nach den verschiedenen Teilen dev Landes weiterfuhren. <Ci« Ramses-Deukmal unter dem Hammer.) Aus London wird berichtet: Der Khedtde, der vor mehr als dreißig Jahren seine Erlaubnis dazu gab, daß ein alter ägyptischer Torso, eine Sandstetnfigur zum Gedächtnis des großen Ramses II., auS der Nähe des großen Felsentempels entführt wurde, mag kaum vorausgesehen haben, daß diese einzigartige Reliquie später ihren Weg in ein Londoner Auttwnslokal finden würde. Die Figur, die in den nächsten Tagen zur Versteigerung gelangen soll, trägt auf dem Rücken eine Reihe Hieroglyphen, deren Ueversetzung lautet: „Der höchst tapfere Herr des Soimitar, der gegen Hunderttausende Krieg geführt hat, der König von Ober- und Unterägypten, die wahre Stütze der Sonne, die Sonne der Sonne Ra." (Juden in der Landwirtschaft.) Seit einigen Jahren gibt es in Russisch-Polen eine große Anzahl von jüdischen Gärtnern, während dieser Beruf früher bei den Juden ganz unbekannt war. In der letzten Zeit aber hat die Gärtnerei als Berufsbeschäftigung der Juden einsolche Ausdehnung gewonnen, daß jetzt die jüdischen Gärtner die Hauptexporteure für Gemüse aus Polen nach Deutschland und auch die Hauptlieferanten in Polen selbst find. Sogar die Bauern kaufen bet den jüdischen Gärtnern das Gemüse für ihren eigenen Bedarf. Besonders große Ausdehnung hat die Gärtnerei bei den Juden in den Gouvernements Suwalki, Lomza, Siedler und Plock gefunden. Aber auch in den anderen Gouvernements vergrößert fich die Zahl der jüdischen Gärtner von Jahr zu Jahr. Hauptsächlich treiben ste Gemüsebau, und zwar produzieren fie besonders Gurken, Rüben aller Art und Kraut. Man steht auch daran, schreiben die „Mitteilungen des Vereins zurs Abwehr des Antisemitismus", daß die Juden durchaus fich nicht freiwillig auf den Handel beschränken. Wo die Verhältnisse es ihnen einigermaßen gestatten, da arbeiten fie fich auch in jeden anderen Beruf sehr rasch ein, wobei ihnen in vielen Füllm ihre kaufmännische Beranlagung zustatten kommen mag. I Wenige Jahre nach der ersten Tempelzerstörung waren die Juden „Vollblutperser" geworden, opferten Muttersprache, Familienreinheit, Heimatliebe und Vätergtauben auf Babylons Boden. Und aus dem Leben gesprochen: sehen wir nicht so Manchen während der „hohen Feiertage" im Gotteshause, von dem wir stillschweigend annehmen müssen, daß er nachher die Synagoge meidet, daß er nachher wieder raer und arbeitet? Aehnliches denken wir von so manchem foit. Vorübergehend wirkt der Ernst auf den Menschen ein, ohne Nachhaltigkeit fürs spätere Leben. Wo bleibt die abschließende rypn? Vernehmen wir darum nicht nur äußerlich des Schofars Töne im Elulmonat. Noch trennen uns Tage und Wochen vom Tischri, noch ist uns mannigfachste Gelegenheit geboten, einzulenken auf den geraden Weg. Benützen wir jetzt schon die Tage und Wochen im gleichen Ernste, den wir an den DWTO 0'»' zu Schau tragen. Beherzigen die Lehre der geraden und gebrochenen Töne allezeit, vor und nach den kommenden Festtagen, dann tragen wir unser gut Teil bei zur Vorbereitung jener herrlichen Zukunft, wo der himmlische Schofarruf dem Heile der Allmenschheit ertönt. yprv Kinn ova rvm a^rnim nw« tD'-ottn itoi ‘mi 'n nnn nnntrm o'-isa „Und es wird geschehen an jenem Tage, da man in die große Posaune blöst, so kommen herbei jene, die im Lande Aschur verloren waren und die nach Egypten Verstoßenen, und sie werden sich niederwerfen auf dem heiligen Berge in Jerusalem." Die Trennung pon Kircbe und Stasi in Basel. Von Rabbiner Dr. A. Cohn m Basel. In Basel gab es bis jetzt 2 Landeskirchen, die evangelische und altkatholische, deren Kultus aus öffentlichen Mitteln bestritten werden. Alle anderen Kulte gingen leer aus, nicht nur die jüdische Religionsgemeinschaft mit ihren 300 Seelen, sondern auch die römisch-katholische, zu der sich 40,000 Seelen bekennen. Daß dieser Zustand der Billigkeit und Gerechttgkeit nicht entsprach, wurde allseitig zugeftanden. Wie ihm abgeholfen werden sollte, darüber waren die Ansichten verschieden. Die Einen — und hier vereinigten sich seltsamerweise Sozialisten und Konservative — waren für Trennung von Kirche und Staatdie Anderen — die Liberalen — wollten der bisherigen Ungerechtigkeit durch Subventionierung des katholischen und eventuell des jüdischen Kultus abhelfen. Am 1. November 1906 beschloß der Große Rat die Negierung zu ersuchen, die Trennung von Kirche und Staat zu prüfen, zu gleicher Zeit wurde mit 65 gegen 60 Stimmen der Regierung ein Antrag betr. Subventionierung des katholischen Kultus zur Berichterstattung überwiesen. Nunmehr nach fast 2 Jahren liegt der motivierte Gesetzes-Entwurs der Negierung, in der Schweiz „Ratschlag" genannt, vor, verfaßt vom Vorsteher des Justiz- Departements, Prof. Burckhardt. Die sehr fleißige, gediegene, großzügige und — sagen wir es gleich — vom Geiste echter Toleranz getragene Arbeit umfaßt 182 Druckseiten. Der Entwurf beleuchtet zunächst die finanziellen Verhältnisie der außerhalb der Landeskirchen stehenden Religionsgemeinsch ften. Die Katholiken bilden den ärmsten Teil der Bevölkerung. Die Steuerquote, die sie dem Staat entrichten, beträgt kaum mehr als die Hälfte des Durchschnitts, während die Beittäge der Evangelischen um 17 Pr zent, die der Juden um 78 Prozent den Durchschnitt übersteigen. Um so höher ist es anzuerkennen, was die verhältnismäßig arme katholische Bevölkerung für ihren Kultus (ca. 150 000 Frcs. jährlich, wobei an G hält xn für 16 Beamte nur 35000 Frcs.!) und für zahlreiche wohltätige und gemeinnützige Zwecke aufbringt, zumal sie keine bestimmten Umlagen erhalten, sondern alles der freiwilligen