Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1908)
- Date
- 1908-08-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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E«ette 4 27. August 1908 AVer SftMfÜ Nr. 85. nen. In Rußland wurde aber dieses Mittel weidlich ausgenützt, um die Massen irre zu leiten. Man braucht nur einen Blick.auf die modernen Erzeugnisse der Jargon-Literatur zu werfen - man braucht nur eine Jargon-Zeitung in die Hand zu nehmen, um dieses traurige Faktum zu konstatieren. Sie, die neuen Jargonbücher sind in die Hütten und Kellerwohnungen eingedrungen und haben den Armen alles genommen; alles, Licht und Lebensglück, Glauben und Hoffnung, und ihnen nichts dafür gegeben, nichts, als Verneinung und Verzweiflung. Und jene Tausende, die die finsteren Kellerwohnungen verlassen, in die große Welt untergelaucht sind und Juden und Judentum vollends den Rücken gekehrt haben, sie haben ihren Abfall zum gu en Teil den ersten Einflüssen, den Giftkeimen der modernen Jargon-Literatur zu verdanken. — Und nun treten heute in der Hauptstadt der Bukowina die Führer und Bertteter der Jargon-Literatur zusammen, um über die Interessen dieser Literatur zu beraten. Wird wohl darüber beraten werden, wie die Volkssprache als ausgiebigstes Erziehungsmittel am besten und zweckmäßigsten gehändhabt wird? Werden wohl die" Mittel und Wege gesucht und ausfindig gemacht werden, durch die eine gesunde Bolksliteratur zu schaffen sei, welche zur sittlichen Reinheit und Stärke, zur Liebe und Treue zum angestammten Volke und zur Religion die Massen heranzieht? Die Antwort kann nichts weniger als befriedigend lauten. Die Einberufer der Konferenz sind Salom Asch, der Verfasser von „Gott der Rache", Peretz, der sein hervorragendes Talent, die besten Gaben seines Geistes daran setzt, alles Erhabene imJudentum in den Staub zu zerren, und endlich Morris Rosen seid, der geniale Dichter des Golus, der aber nur Elend und Leid, Ungemach und Verzweiflung steht, ohne nur einen Strahl der Hoffnung, einen Funken des Trostes zu erblicken, der für sein auf hoher sturmbewegter See segelndes Volk nur ein Ziel, eine Rettung sieht: — den Meeresgrund. Die Herren in Czernowitz werden daher auch die ethische Seite außer Acht lassen, sich mit überwundenen Standpunkten nicht befassen. Sie werden lediglich über jüdische Orthographie, jüdische Grammatik, jüdische Bühnen und Schauspieler verhandeln, Dinge, über die eine Einigkeit niemals erzielt werden wird und erzielt werden kann. E i n Punkt der Tagesordnung lautet zwar: „D i e jüdischeJ irgend und die jüd ischeSpr a che". Allein auch dieser Punkt ist bereits von den Vertretern der Jargonliteratur in der Praxis leider so gründlich behandelt worden, daß von den theoretischen Verhandlungen in dieser Beziehung nicht mehr viel erwartet werden darf. ves $cbofar$ Mne. Eine Elulstudie. Wenn die Tage des Spätsommers und mit ihnen der Monat Elul angebrochen, dann treffen jene lang verklungenen Tone unser Ohr, die in der Brust des wahren Juden ein eigenes Gefühl wecken. Die Lebensfreude, die Erdenlust wird gedämpft, herabgestimmt und geläutert. Die heiligen Schauer der nahen G'ima wv' machen sich vom Elulbeginn an schon bemerkbar, ein elegisches Gefühl beschleicht uns, das sich zu der Frage verdichtet: Wie stehts mit dir am Jahresschluß, von dem dich nur wenige Wochen trennen? Und zweimal täglich ergeht die innere Stimme an uns, wenn zu und nniD des Schosars Töne laut werden. Was mag es wohl sein, daß eine so ungewöhnliche, fast möchte man sagen unheimliche Kraft in diesen Tönen ruht? Die Natur dieser Töne wird wohl kaum an Schönheit sich vergleichen lassen mit der anderer Instrumente. Harfen, Psalter^ und Flöten spielte man auch im Tempel, die Levitenchöre begleitend, i er ästhetische Genuß in dem harmonischen Zusammenhang der Stimmen wird an manchen Stellen der Mischna und des Talmud hervorgehoben. Den Schofartönen aber wohnt weder der weiche Schmelz der Streichinstrumente noch die Modulationsfähigkeit “ der Blasinstrumente inne, man kann durch den Schofarton nicht Empfindungen tiefer Rührung, süßer Sehnsucht und Schwermut wecken. Aller Melodienreichtum fehlt, ist ausgeschlossen, ebenso jede Dynamik. Ein gerader, langgezogener Ton, einige gebrochene und schmetternde Töne, das ist der ganze Harmonienvorrat des jüdischen Schofar. Und doch bringt man diesen scheinbar nichtssagenden, ja quasi unästhetischen Tönen so hohe Achtung entgegenfeierlich horcht die Gemeinde auf, wenn man am Neujahrsfeste den Schofar bläst. Selbst die sonst Indifferenten, welche während des Jahres sich wenig um Gebet und Gotteshaus kümmern, am?wn wn möchten sie doch den Schofar hören. Man entsagt der Speise und dem Trank, Männer, Frauen und Kinder genießen nichts vor iS'itP njppn. Es ist, als ob jetzt schon buchstäblich sich das Prophetenwort alljährlich erfülle: „Unter dem Zeichen des Posaunenschalls wird Israel sich einst sammeln." Suchen wir uns die,e Tatsache näher zu deuten und besonders für die Elulwochen fruchtbar zu machen. Der Schofarton bildete in Israels großer Vergangenheit von je ein bedeutsames Signal. Als der Allmächttge unter Donner und Blitz seine heilige Thora den Ahnen gab, da vernahm man mächtigen Posaunenschall, "itM prn nsnp Vlp1 „Und des Schosars Sttmme ertönte sehr stark, so daß das ganze Volk im Lager aufschreckte." (2. B. M. 19, 16). Josua gab sieben Priestern bei dem Zuge um die Stadt Jericho Posaunen - unter den schmetternden Klängen dieser Fanfaren stürzten die gewaltigen Mauern der uneinnehmbaren Stadt. Gideon rüstete seine kleine Streitschar mit nPSItP ausder betäubende Lärm in nächtlicher Stunde schreckte die Feinde auf, trieb sie in Verwirrung und Flucht. Täglich wurde im Gottesheiligtum zu Jerusalem Schofar geblasen, beim Oeffnen der Tempeltore, beim Opfern, beim Gesänge der Leviten, beim Beginn des Sabbaths und Festtags usw. Besonders ernste Bedeutung maß man dem Schofar bei, wenn Not und Unheil herein brachen: Hungersnot, Mißwuchs, Krankheit, Krieg, Dürre, Wild- und Heuschreckenplagen, Erdbeben u. dgl. Im Traktat Taanis wird uns näheres darüber berichtet. Das Schofarblasen bildete da gleichsam ein Bußgebet, es war der Ausdruck der innersten Empfindung eines bekümmerten Gemütes, das zu Gott auffchreit. Neben Fasten, Sackanlegen, Asche aufs Haupt streuen, verschiedenster Genußentsagung, Unterbrechung der Geschäftstätigkeit rc. bildete das Schofarblasen den nnumgänglichen Mittelpunkt der Gebetversammlung. Wie ein tausendjähriger Nachhall aus jener Zeit mutet uns heute die ernste Achtsamkeit an, die man immerhin noch gerade dem zollt. Fragen wir jedoch, ob auch das Innenleben bei dieser Würdigung des Schofartones immer so durchdringend berührt und befruchtet wird, wie es sein sollte, dann müssen wir schmerzerfüllt diese Frage verneinen. Man hört den Schofar und glaubt damit seiner Pflicht genügt zu habendie L ehre dieser Töne erfaßt man nicht, will man nicht erfassen. Wohl ist nsitp ny'pn am Neujahrsfeste heilige Pflicht, wohl mögen viele mit ernstem Willen bestrebt sein, der ausdrücklich gebotenen mXJD nachzukommen. Allein der Mühe fehlt so oft der Erfolg, dem Worte die Tat, dem Baume die Frucht. Da soll der Monat aufkläreud und aufmunternd mirken! Bier Wochen vor Neujahrsbeginn empfahlen uns die Weisen s A., das Schofar zu hören. Es ist ein freiwilliges Blasen, das gerade deshalb uns den letzten Jahresmonat zu einer Zeit ernster Vorbereitung macht. Suchen wir uns die Schofartöne deshalb so zu deuten, wie sie ihrer Natur nach zu uns reden möchten. Aufschrecken, aufrusen soll der die Schlafenden und Träumenden unter uns. Ach, und es gibt deren so viele, ohne daß sie es ahnen stets Effekt machendes Taschentuch aus der Scnentasche, putzte damit mit großer Ruhe sein: blaneu Brillengläser und klappte es in nachlässiger Weise zusammen, blickte einige Sekunden lang umher, stützte sich dann mit beiden Händen an der Tischkante, räusperte sich sehr vernehmlich und begann mit volltönender Stimme: *) „Hoher GerichtshofHochverehrter Herr Richter! Meine verehrten Herren Geschworenen! Eine jener seltenen Stunden, in denen wir kraft unseres hohen Berufes, den uns die Regierung des Landes änvertraut, zu dem die unerforschliche Vorsehung uns ausersehen hat, für Recht und Wahrheit in die Schranken zu treten, ist angebrochen. Von der ungeheuren Verantwortlichkeit dieses erhabenen Berufes durchdrungen, von dem in uns stets wachen Trieb, die heiligsten Rechte der Menschen vor den Tücken und Angriffen der Bosheit und Verleumdung zu schützen angespornt, stehe ich in dieser feierlichen Stunde hier, als der von meiner Klientin ausersehene Verteidiger, um ihre tief gekränkte Unschuld zu verteidigen. Aber ich stehe hier nicht nur im Namen dieser bis in dre tiefsten Tiefen ihrer reinen Seele gekränkten Jungfrau, sondern auch als ihr von Gott noch ganz besonders ausersehener Anwalt. Haben Sir nicht Alle hier, noch vor wenigen Minuten gehört, wie dieses edle Weib, das hier, vernichtet von der unerhörten Bosheit ihres Verleumders, der nicht gewagt hat hier an dieser cherlkgen Gerichts statte seine Anklage persönlich zu wiederholen, Haben Sie nicht alle gehört. *) Die hier folgenden beiden Reden sind wörtlich so gehalten tvorden, wie hier wiedergegeben. Der Mehrerwähnte Aktuar hatte sie stenographiert und vor etUM acht Jahren dem Erzähler für kurze Zeit zur Abschrift geliehen. wie sie aus ihres Busens Tiefe ausrief: „nähere dich meiner Seele und rette sie?" Nun, meine Herren des hohen Gerichtshofes, als ich diese Worte aus dem Munde dieser edlen Jungfrau vernahm, da kam es wie eine göttliche Eingebung über mich, daß mich der Richter im Himmel da droben, als seinen Stellvertreter für die unschuldig verfolgte Jungfrau Scheuchen Biencnfeld ausersehen, daß es heute der erhabenste Tag meines Lebens und verantwortungsvollen Berufes ist, wo ich vor tausend Zeugen ihren sonnrnklaren Tugendpfad beleuchten kann, so daß alle Verleumdungen zu Schanden werden müssen." Hier machte Wolf eine kurze Pause. Der Eindruck seiner Rede schien ihm nicht stark genug zu sein. Er wollte Männer sehen, denen die Tränen über die Wangen rollten und wollte Frauen schluchzen hören, wie das schon öfter bei .seinen rhetorischen Kraftleistungen vorgekommen war und ihn berühmt gemacht hatte. „Hoher Gerichtshof!" begann er dann wieder, mit noch reichlicherem Pathos, „Sie sehen hier ein edles Weib auf der Anklagebank.sitzen, welches der Gram der letzten Wochen um den letzten Rest ihrer einstigen Schönheit gebracht hat. Einst blühte sie, — allerdings schon vor zirka sechzig Jahren, — wie die Rose im Tale von Saron. Hell blitzte das Auge und ihr Lockenhaar, welches ihr liebliches Rosenantlrtz umwogte, war noch nicht gebleicht von dem Leid unschuldig erlittener Verfolgung. Und wenn Sie mich fragen: „Wer Hut denn diese früher so Artzückende Sattheit zerstört?" so antworte ich mit Grabesstimme: „Der Mann ,der ihre Tugend verdächtigt hat, ihre Tugend, die sechs Jahrzehnte lang unangetastet Jjebtieben war." Und wenn Sie mich fragen: „Mer hat aus dieser Lockenfülle eine Anzahl grauer Strähne gemacht?" Ja, dann antworte ich nochmals mit Grubesstimme: „Nicht allein die durchlebten Jahrzehnte, sondern auch das tiefe Herzeleid, das seit Wachen ihren einstigen Busen durchwühlt, daß, ein vielleicht früher einmal abgewiesener Liebhaber, ihre Jungfräulichkeit anschwärzen und vor den Blicken aller Menschen blosstellen durste." Ta sitzt sie nun, di? Märtyrerin, von der ich fast ausrufen möchte: ecce domo! Sehet an diesen Menschen! Da sitzt rin unglückliches keusches Weib, rein wie die Sonne am Firmament, in ihrem heiligsten Gefühl gekränkt, denn ein srevelmütiger Ankläger droht ihr den mit Seid? gewundenen Jungfernkranz vom altehrwürdigen Haupt zu reißen. O! ich kann mir lebhaft vorstellen, wie . sie, einst jung und schön, wie wir selber waren, über blumige Wiesen hinschritt, wie die Gazelle im Hohenlied c Salomos. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wir sie, blühend und schon, einst umflattert wurde und umgaukelt wie Blumen von Schmetterlingen. Doch nur einen Schmetterling duldete das sittige, schön? ' Kind um sich, und dieser Schmetterling sitzt jetzt mit matten Flügeln neben thr. Ja, ich sehe von hier aus Tränen in ihren Augen blinken", — hier nahm der , Verteidiger seine Brille ab, und blickt: in den Zu-- Hörerraum, „ja, ich höre sogar unterdrücktes Schluchzen", fuhr er laut fort, obgleichweder blinkende Tränen : noch Schluchzen, .dahingegen ein fröhliches Kichern und Murmeln wahrnehmbar waren, „ja, tun Sie Ihrem Mitgefühl keinen Zwang an," fuhr Wolf einladend ladend fort, „weinen Sie mit dieser schicksalgeprüften holden Jungfer Schenchen Bienenfeld, sie ist Ihrer Tränen wert." (Fortsetzung folgt.)