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Der Israelit · 1908-08-27 · Heft 35 (27.8.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 35 (27.8.1908)
Date
1908-08-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 86 Der JSraelit. Seite 8. 37. August 1-08 ' einzelner Gesinnungsgenossen zu rügen. Zur Sachs selbst kann ich nom erklären: Es ist ohne weiteres klar, daß die religiösen Satzungen bei allen offiziellen zionistischen Institutionen durchaus berücksichtigt werden. Anderseits aber darf nicht versucht werden, die zionistische Organisation, deren Stärke darin besteht, daß sie die Juden aller Schattierungen und Meinungen für einen allgemeinen national-politischen Zweck umfaßt, etwa zu einem Vereine „Schombre Schabbes" herabzudrücken. Wir verspüren nicht die geringste Neigung, die unerquickliche Asfaire hier noch einmal aufzurollen. Mer gegen einige Unkorrektheiten und gegen den Schlußpassus der Wolffsohn'schen Erklärung muß doch Verwahrung eingelegt werden. Einmal ist es nach unserer Kenntnis der Dinge unrichtig, daß es sich um zufällige interne Arbeiten einiger Beamten — etwa hinter verschlossenen Türen — gehandelt hätte, vielmehr waren die Bureaux offiziell geöffnet, und es ist nicht einmal ganz sicher, ob nicht die oberste Leitung davon auch Kenntnis hatte. Ebenso unberechtigt sind die Vorwürfe, die der Präsident gegen die Frankfurter Misrachisten richtet. Erst nachdem das Aktionskomitee, bezw. Herr Wolffsohn verständigt war und nachdem sich herausgestellt hatte, daß diesem das Verständnis für den Ernst der bedauerlichen Ereignisse abging, ergriffen die als „gute Sabbathwächter" Verhöhnten die Flucht in die Oeffentlichkeit. Wenn dabei — horribile dictu — der „Israelit" als Publikations-Organ gewählt wurde, so dürfte Herr Wolffsohn wissend aß diese angebliche „Disziplinlosigkeit" einfach einen Akt der Notwehr gegen den Versuch des Mundtot machens darstellte, dem gerade der Hauptveteiligte sich in Wahrung der Parteidisziplin zwar unterwarf, der aber umso kräftigere Entrüstung in allen religiös fühlen^ den zionistischen Kreisen auslösen mußte. Wie wenig Herr Wolffsohn versteht, was für das Judentum der Sabbath, für den Juden eine Saübathentweihung bedeutet, das zeigt sich gerade in seiner hier vorliegenden Erklärung aufs neue. 'Er will zwar für die zionistischen Institutionen die „Berücksichtigung" der religiösen Gesetze gelten lassen, aber er glaubt sich dagegen verwahren zu müssen, daß die zionistische Partei zu einem „Scho inre-Sch abbos-Vereine" herabgedrückt werde! Was soll das nun wieder heißen? Wenn Herr Sokolow gegebenenfalls mit solchen Witzen um sich wirft, so ist man das von ihm nicht besser gewöhnt. Der Präsident einer Organisation aber, der Tausende von roiP 'nD'KP, Tausende von Männern und Frauen angehören, die in der Hut des Sabbaths durch das jüdische Volk ein Anliegen von heiligstem Ernste und nicht eine politische Opportunitätsmaßregcl erblicken, der hätte sich's doch dreimal überlegen sollen, bevor er, einer populären Redewendung zuliebe, diesem Palladium des jüdischen Volkes im Vorübcrgehen den Stempel der Inferiorität aüszudrücken suchte. Verständnislosigkeit, nicht bösen Willen erblicken wir auch in dem bedauerlichen Beschluß,dem HebräischenGymnasium zu Jaffa auf Verlangen Grund und Boden des Nationalfonds unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Die Jahres-Konferenz mußte wissen, daß zahlreiche Zionisten — nicht nur wir, die wir selbstverständlich keinen Anspruch auf Beachtung erheben — das Hebräische Gymnasium für eine das überlieferte Judentum untergrabende Bildungsanstalt halten, daß die dort fungierenden Lehrer zum großen Teil dem überlieferten Judentum in ihrer Gesinnung völlig entfremdet sind. Mit welchem Rechte durfte die Jahreskonferenz Mittel der zionistischen Gesamtheit den Zwecken des religiösen Radikalismus dienstbar machen? Und nicht nur der zionistischen Gesamtheit. Es ist Tatsache, daß zahlreiche, nichtzionistische, gesetzestreue Juden, seit Jahren dem Nationalsonds größere oder kleinere Gaben zuwenden, in der Üeberzeugung damit lediglich Sit?' zu fördern, nicht aber zur Vernichtung ihrer eigenen religiösen Ideale beizutragen. < Gegenüber all diesen Spendern bedeutet der Beschluß der Jahreskonferenz, der erstaunlicher Weise einstimmig erfolgte, unseres Erachtens eineil Vertrauensbruch, der hoffentlich praktisch vermieden werden wird. Möge doch der neu begründete Palästina- Kulturfonds seiner Bestimmung gemäß das Gymnasium unterstützen; dabei weiß jeder von vornherein, woran er ist. Eine strikte Sonderung der wirtschaftlichen und kulturellen Arbeiten des Zionismus in Gestalt getrennter Kaffen liegt im Interesse der Zionisten selbst, wenn sie nicht bewußt und absichtlich diejenigen zurückstoßen wollen, die trotz prinzipiell abweichender Grundauffassungen manche wirtschaftlich wohltätige zionistische Institution gerne unterstützen. Her Wislti-geulscke Spraäien-llongretz. In der schönen Buchenstadt Czernowitz, die sich als Residenz des offiziellen, ministeriell protegierten Antisemitismus eine gewisse Popularität erworben hat, wird dieser Tage ein jüdischer Kongreß stattfinden; ein Kongreß der jüdischdeutschen Schriftsteller, aus de.n alle Fragen der Jargonliteratur zum Austrag gelangen, alle Möglichkeiten zur Erreichung einer Einheitlichkeit im jüdisch-deutschen Sprachgebrauche und einer gesunden Entwicklung der Jargonliteratur erwogen werden sollen. Man hat die Kunde von dieser Konferenz ouriosit»ti8 causa in alle Welt hinausgetragen, welche nun auf den Ausgang der eigenartigen Verhandlungen gespannt ist.. Für uns ist die Sache denn doch mehr als ein müßiges Kinderspiel und wir sehen ihr mehr mit Gefühlen der Wehmut und Beklommenheit als mit neugierigem Interesse zu. Bedenkt man, wieviel Segen unter anderen Umständen und Voraussetzungen gerade ein solcher Kongreß hätte bringen können und mit Hinblick auf seine Initiatoren und auf die Gesichtspunkte, von denen aus er nach dem Programme geleitet sein wird, nicht bringen wird, so muß man wieder die traurige Wahrnehmung machen, daß die am meisten nützlichen Elemente nach wie vor unorganisiert, zersplittert und vereinzelt, und darum unfruchtbar bleiben. Es ist gewiß hier nicht der Platz, sich in philologischen Auseinandersetzungen oder literaturhistorischen Abhandlungen über die Geschichte, die Entwicklung, die Bedeutung und die Zukunft des Jargon zu ergehen. Wir wollen ganz davon absehen, ob und inwieweit das j ü d ts ch - d eu t s ch e Idiom einen Anspruch darauf machen darf, als Sprache zu gelten und seine Existenz-Berechtigung als Nationalsprache zu behaupten; wir wollen nur auf die Tatsache Hinweisen, daß heute 10 Millionen Juden Jargon, und meistens nur Jargon sprechen und schreiben. Diese Mafien wollen und müssen Belehrung haben. Es sind keine Analphabeten, keine ungebildete, abseits der Kultur stehende, niedrige Wesen, sondern Menschen mit hoch entwickelter Empfänglichkeit für die Fragen der Zeit und für die Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Politik, der Kunst und Wissenschaft. Der Wissensdurst wird, wenn nicht für seine Befriedigung von außen gesorgt wird, sich notgedrungen die Quellen selber suchen und gar zu oft auch mit trübem Wasser vorlieb nehmen. Daran dachten wohl auch schon unsre Alten in den ftüheren Jahrhunderten, die es nicht unter ihrer Würde fanden, von Zeit zu Zeit von der Höhe des talmudischen. Lehrstuhles zum Volke herabzusteigen und ihm erbauende, belehrende, ja auch unterhaltende Werke und *iDlö ’">£D in Jüdischdeutsch zu bieten. Heute aber, nachdem sich die Verhältnisse geändert und eine fremde Kultur auch in das Ghetto, zunächst mehr verheerend und niederreißend, als bauend und auftichtend einzog, wäre der Jargon, die Volkssprache des Ghetto, das einzige zu Gebote stehende Mittel, um die Massen zu belehren und aufzuklären, sie gegen die schädlichen Einflüsse einer Pseudo-Kultur zu wappheiligen Sprache Hergesagtcn Worte und lenkten die Aufmerksamkeit wieder auf Schenchen, die jetzt ganz erschrocken inne ward, daß sich alle Augen aus sir richteten. Unter dem Lachen und Zischeln hatte der Richter aber auch eine Stimme ziemlich deutlich sagen hören: „sie hat einen hebräischen Zauberspruch gesagt und will das Gericht behexen." Wie ein Miß durchfuhr ihn der Gedanke, daß hier wieder einmal der Judenhaß eine Bosheit ausgeheckt hatte, die raich ihre willigen Abnehmer finden und sehr wahrschsinlicher Weise das armselige Weibchen vor ihm in den Ruf einer Hexe bringen konnte. Unsere heutige Generation hat, glücklicherweise, keine Ahnung davon, wie weit verbreitet noch vor vierzig Jahren der Glaube an Hexen in den unteren Volksschichten war und wieviele Bauern fest überzeugt waren, daß ihr Vieh im Stall vor Hexerei nicht sicher sei. Der harmloseste und ganz natürlichste Zufall brachte blitzschnell ein altes Weib in den verdacht der Hexerei und dann war sie schlimmer daran wie der ärgste Verbrecher. Kinder ergriffen am belllichten Tag die Flucht v)r einer solchen Hexe, die Erwachsenen gingen ihr scheu aus dem Weg, die Dorfleute schlossen schleunigst die Viehstallc bei ihrem Erscheinen und die beherzten Männer nur wagten mutig an .ihr vorüberzugehen, wenn sie nicht etwa einen Knüttel oder Stein ergriffen, um das gefährliche Wesen zur Umkehr zu zwingen. Der Richter hatte daher sofort das Richtige ergriffen, um die Worte der Angeklagten allen Anwesenden klar zu machen. An seinem gewohnten Platz bei jeder Gerichtsverhandlung stand Schlome Bär, der ja schon bei so manchen Verhandlungen über jüdische Dinge den Ausleger abgegeben. Er verstand sofort den suchenden Blick und ohne weitere Aufforderung abzuwarten, übersetzte er, sich über die Barriere beugend, den Text der von Schenchen gesprochenen Psalmworte. Schenchen aber, die mit ihrem Gebet bereits an eine andere Textstelle angelangt war, hatte seufzend weiter gesprochen: „atto jodatoo cherposi uwoschti uchlimosi, negd' cho kol aor’ eroi". Es hatte keinen besonderen Zweck, daß der Gerichtsdiener durch ein lautes Schtl Scht! und eine heftige Armbewegung Schenchen in ihrer halblauteil Gebetssprache zu unterbrechen suchte. Sie achtete seiner nicht, und schien mit ihren Gedanken überhaupt wieder fern dem Raume zu sein, in dem sie gegenwärtig, von Mitleid, Spott und Neugierde beobachtet, di; wichtigste Person war. Sie hörte auch nicht, wie Schlome Bär sogleich ihre eben gesprochenen Worte unter dem gespannten Aushorchen des ganzen Auditoriums ins Deutsche übersetzte: „Du rennst meine Schmach, meine Schande ünd Demütigung, und mein; Widersacher sind in deiner Nähe; und die Schmach bricht mir das Herz und kränkt mich tief". Es mußte etwas in Schlome Bär's Stimme gelegen haben, was die lachlustige Menge im Zuhörerraum plötzlich ernster gemacht hatte; nicht minder wie der Inhalt der Worte selber, der das Herzeleid einer von tiefstem Kummer bedrückten Seele ausdrückte. Nein, das Schenchen war sicher keine Hexe; denn eine solche betete boch nicht so schwer seufzend zu ihrem Gott und Schöpfer. Tie Hexen hielten es ja auch nur mit dem Teufel und nicht mit Gott. Der Richter hatte das Richtige getroffen, als er di; fremdartigen Laute alsbald als Worte der heiligen Schrift durch einen so bekannten und geachteten Juden wie der Schlome war, jedem Anwesenden hatte klar machen lassen. Doch sollte die ernste Stimmung nicht von langer Dauer sein, was auch in Anbetracht des „Klageobjekts", wie sich Wolf so schön juristisch auSdrückte, gar nicht vorauszusetzen war. Und.Wolf sowohl wie Selig merkten auch gar bald, daß der Friedensrichter selbst schon nicht mehr wie anfänglich in der ernsten nachdenklichen Stimmung war, in die ihn das ans Tragische streifende Schicksal Awromchens versetzt hatte. Als ein Sproß einer französischen Emigrantenfamilie und Sohn einer Rheinländerin, floß auch in des Richters Lidern das leichtflüssige Blut der Landesbewohner, die zu ernsten Lebensverncinern nicht geboren zu sein scheinen und selbst dem Tragischen und Dramatischen eine humorvolle Seite abzugewinnen verstehen. Und zudem war es auch nur noch drei Tage bis zu den ersehnte« Fastnachtstagen, die mit schier unwiderstehlicher Kraft Alles und Alle in ihren fröhlichen Strudel hineinziehen und vor nichts Halt machen, was der Spottlusr, dem Witz und Frohsinn der Rheniländcr im Wege steht. Mußte doch selber die Justiz an solchen Tagen vor dem lebensfrohen Leichtsinn der Rheinbewohner die Segel streichen, ivas kaum Jemarrd so genau wußte, wie der sonst so grämlich dreinschauend: Gerichtsvollzieher, dem in solchen Tagen keine wirksame Pfändung gelingen wollte, weil die von ihm bedrohten Einwohner schon lange vor dem Eintritt der fröhlichen Faschingszeit ihre wertvollsten und t'eichtbeweglichsten Gegenstände pem Pfandhaus anvertrquten, um nur zu den kostspieligen Fastnachtsvergnüg.'u auch das nötige Kleingeld zu besitzen. Diese ansteckende Stimmung sollte nicht nur den Angeklagten zugute kommen, sondern auch deren Verteidigern, die ja auch sehr frohsinnige Kinder des weingefegneten Rheinhessen waren. Und gerade der catü bem bedrängten Herzen Schenchens kommende Psalmvers gab dem schlagfertigen Verteidiger noch einen neuen Gedanken, den er in seiner Verteidigungsrede zu ver, werten gedachte. Jetzt erhob sich der Advokat, holte sein feines.

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