Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1908)
- Date
- 1908-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 8. Rr. 35 Der Mraeltt 37. August 1S08. ist, keineswegs die nationalpolitische Autonomie. Hat ja Israel seine höchste geistige Entwicklung zu großem Teile in Babylonien und auf der pyrenäischen Halbinsel erlangt, und legt nicht die wunderbare Erhaltung des Judentums, trotz tausendjähriger beispiellos grausamer Bedrückung, seine noch heute ungeschmälerte geistige Frische und unbeschädigte ethische Stärke den glänzenden Beweis dafür ab, daß Israel auch ohne nationalpolitische Autonomie, einzig und allein von seiner großen religiös-ethischen Idee getragen und geeinigt, sich intellektuell stark und sittlich urkräftia erhalten und seine reichen Kräfte entwickeln uno fruchtbar machen kann? Und sehen wir nicht in dieser unleugbaren Tatsache die ewigen Worte des Prophetenn"n"K vma ron Vm uh in merkwürdiger, in die Augen springender Weise sich bewahrheiten? Freilich hat zu allen Zeiten die messianische Idee,.welche die Rückkehr ins gelobte Land und die Restauration des jüdischen Staates, also die volle national-politische Autonomie in sich schließt, jeden wahren Jehudi beseelt und begeistert. Das aber soll in übernatürlicher Weise auf dem Wege der Wunder geschehen und kann und darf nicht als Leitmotiv realer Politik dienen, welche nur mit positiven Tatsachen rechnet. Auf natürlichem Wege die messianischen Zeiten herbeiführen wollen, ohne die religiöse Idee selbst anzuerkennen und zu berücksichtigen — kann nur auf ein grobes Mißverständnis, auf eine völlige Verkennung des eigentlichen Wesens des Judentums zurückzuführen sein. Ein solch grobes Mißverständnis, eine solche völlige Verkennung des Wesens des Judentums, liegt unverkennbar der jüdischen nationalen Bewegung zugrunde, welche gegenwärtig unter einem Teile der jüdischen Jugend in Rußland das Streben nach national-politischer Autonomie, je nachdem in Palästina oder in einem beliebigen, noch zu erringenden Territorium, oder auch in ihrem jetzigen Vaterlande in der Form der zu erlangenden Autonomie für den jüdisch-deutschen Jargon, als einer jüdisch-nationalen Sprache für für Schule und Gericht und für die jüdische Gemeinde. oder in der Gestalt eines noch zu erringenden jüdisch-nationalen „Seims" (Volksvertretung). Wie verschieden all diese Ziele auch sind, so haben doch die Parteien, welche sich diese Ziele gesetzt haben — mit Ausnahme der zionistischen Gruppe „Misrachi" — das Gemeinsame miteinander, daß sie sich zu der religiösen Seite des Judentums, also zum Wesentlichen in ihm, zu seinem eigentlichen raison d'etre, zu dem, was seine Definition ausmacht, negierend, oder im besten Falle bloß indifferent verhalten, und indem sie im Judentum bloß eine N ati on, wie es jede andere ist, erkennen, fordern sie für dasselbe Aleines Feuilleton. Der freirprucb. Bon vlrthrrr Sich«. (Fortsetzung.) Dem Wunsche des Verteidigers wurde prompt entsprochen. Die erst aufgerusenen Eheleute Ammelburger verschworen sich hoch und teizer, daß Scheuchen bis auf den heutigen Tag, nach ihrer vollsten UebErzeugung nie vom Pfade der Tugend, der für ein: Jungfrau noch viel schmaler als für männliche Wesen sei, auch nur um Haaresbreite abgewichen sei. Bei oen Eheleuten Eis, ein braves Tischlersehepaar, batte Scheuchen bis vor.wenigen Jahren noch jede WoHe als Nähterin einen Tag gearbeitet und sie sei ebensi fleißig wie sittsam gewesen. .Obgleich bei den Mahlzeiten von den Gesellen manches in Gegenwart eurer ledigen Frauensperson unvorsichtige Wort gesprochen worden sei, — und die Tischlergesellen seren darin ganz besonders rücksichtslos, — so habe Schenchen dennoch in den dreißig Jahren, die sie lvöchentlich ins Haus gekommen, stets ihre weibliche Würde getoahrt. Freilich habe der Altgesell, der Rannickel, sich öfter neckische Redensarten erlaubt, namentlich auf Schenchens einundsechszigsten Geburtstag, wo er ihr einen Liebesantrag gestellt, den Schenchen aber entschieden abgelehnt habe. Die übrigen Zeugen bestätigten ihre feste Ueberzeugung, daß Schenchen zu Unrecht augeklagt sei und sicherlich auch heute noch dieselben festen Grundsätze über Tugend und Sittlichkeit habe, wie vor fünfzig und mehr Jahren. national-politische Autonomie: die „Zionisten" und „Poale Zion" in Palästina^ die „Territorialisten" und die „Zionisten-Sozialiften" in irgend einem noch zu erwerbenden Lande, die „Nationalisten" meinen die zu erringende Autonomie des jüdischen Jargons als Schul- und Gerichtssprache erreichen, während die „Seimisten" die gesetzliche Erwirkung eines jüdischen „Seims" anstreben, welcher das jüdische Leben nach innen und nach außen regeln und ordnen und so mit die Juden gewissermaßen einen „Status in statu" bilden lassen. National-politische, oder national kulturelle Autonomie, welcher Art uno wo diese auch immer sei, soll demnach von nun an die Religion Israels ersetzen, sie soll dem Judentum Halt und Inhalt, Einheit und Einigkeit gewähren und vor Auflösung und Aufgehen in seiner Umgebung bewahren. Seit Jahrtausenden des nationalen Territoriums beraubt und aus demselben über das weite Erdenrund vertrieben, der nationalen Sprache verlustig und die Sprache fremder Völker im Munde führend, unter unzähligen Nationen als winzige Minorität zerstreut, wie. sollte das Judentum seine Nattonalität geltend machen und behaupten und zumal es seine bisherige nationale Kultur, die religiös-ethische war, die es erhielt und um deren Erhaltung es Jahrtausende mit beispiellosem Heroismus kämpfte. Und wieder erscholl der wohlbekannte Ruf des Abfalls o'öyn tes rvna D'un mnstMD d. h. „Wir wollen gleich allen Völkern nach national-politischer Autonomie streben." „Noch ist Palästina von dem Erdball nicht verschwunden", sagen die Zionisten. Haben wir nicht anstatt einer, zwei Nationalsprachen — Hebräisch und Jargon — und da wir einmal Nation sind, hängt es nicht von uns ab, nach dem wir unsere alte nationale Kultur aufgegeben haben, uns eine neue, mehr dem Zeitgeist entsprechende zu schaffen? Allerdings scheint der Schöpfer des politischen Zionismus, Herzl, selbst an dem letzteren schließlich verzweifelend trotz all seiner diplomatischen Erfolge, die Ueberzeugung gewonnen zu haben, daß eine „öffentliche, rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina" zu begründen, nichts als ein poetischer Traum, als ein Ideal ist. Wohl mußte der Führer der russischen „realistischen Zionisten", Ussischkin, auf dem Haager Kongresse öffentlich eingestehen, „daß kein Volk sich weniger zu agrarischer Kolonisation eigne, als das jüdische, daß kein Land weniger zur Immigration geeignet sei als Palästina und daß die Bedingungen in Palästina am wenigsten zu industrieller und kommerzieller Entwicklung angetan seien und daß die Beschaffenheit der türkischen Regierung äußerst ungünstig ist für eine so schwierige Kulturausgabe, wie die Kolonisierung und Restauration Palästinas eineist,", aber nichtsdestoweniger hört derselbe gleich seinem entschiedensten Gegner — Nordau — nicht auf, aus die verhängnisvolle Alternative hinzuweisen: „Zionismus — oder völliges, spurloses Aufgehen Israels in seine Umgebung." (Fortsetzung folgt.) 3m jioniflischen Jahresftonferen;. ochmruiröschan. Wir haben bereits in der vorigen Nummer ausführlich über den Verlauf der zionistischen Jahreskonfcrenz in Cöln berichtet, die natürlich ideell von der in der Türkei vollzogenen großen Staatsumwälzung und von den möglichen Folgen der politischen Ereignisse für die Zukunft Palästinas beherrscht war. Es wird sich noch reichlich Gelegenheit bieten, aus diese Dinge auch von unserem Standpunkte aus zurückzukommen. Inzwischen gebietet die journalistische Pflicht von einer Erklärung Kenntnis zu nehmen, die der Präsident, Herr Wolffsohn, auf Attregung eines Delegierten in Sachen der Cölner Sabbath-Entweihung abgab und die folgendermaßen lautet: W o l s s o h n: Die eben vorgebrachte Bemerkung ist auf Dinge znrückzuführen, die. etwa ein halbes Jahr zurückliegen und uns schon Mehrfach beschäftigt haben. Zunächst möchte ich betonen: Es ist selbstverständlich, daß die Sabbatruhe in unseren Bureaus eingehakten wiro. Die Bureaus in Köln waren auch immer am (Sabbat offiziell geschlossen. Indessen ist es vorgekommen, daß einzelne Beamte auch während des Sabbats gearbeitet haben. Als wir darauf aufmerksam gemacht wurden, haben wir sofort die erforderlichen Maßregeln getroffen, die es in Zukunft auch für das nichtjüdische Personal unmöglich machen, am Sabbat in den Bureauräümen zu arbeiten. Als diese Angelegenheit zur Kenntnis einiger misrachistischer Gesinnungsgenossen in Frankfurt gelangte, wurde von diesen leider nicht die erforderliche Disziplin beobachtet. Statt sich zunächst an das A. zu wenden, wurden vielmehr in öffentlichen Versammlungen heftige Vorwürfe erhoben und Resolutionen gefaßt, die in nichtzionistischen oder gar gegnerischen Blättern erschienen, und Anlaß zu einer Agitation boten, die allmählich in eine Hetze ausartete. Die Angelegenheit gelangte auch ans dem Delegiertentag der deutschen Zionisten in Breslau zur Sprache, der es, obgleich die Sache längst in der befriedigendsten Weise geregelt war, für nötig fand, sein. Bedauern über die Vorkommnisse im Zentralbnrcau anszndrücken, während er anderseits unbegreislicherweise verabsäumte, die zutage getretene schwere Jndiszivlin Me Zeugenvernehmung, in die der Verteidiger Schenchens öfter eingriff und noch häufiger durch das überaus temperamentvolle Ehepaar Ammelburg-r unterbrochen wurde, nahm geraume Zeit in Anspruch. Besagtes Ehepaar, das schon öfter vor dem Forum des Richters gestanden, und nicht allzu häufig gerade nur als Zeugen, sondern in der Regel wegen Verbalinjurien und gemeinsam verübter Gewalttätigkeiten, siel ununterbrochen aus der Rolle der Zeugen und stieß abwechselnd gegen die Urheber der Anklage schwer; Drohungen aus. Sie fühlten sich in ihrer bürgerlichen Reputation als Mietsherren Schenchens mitbeleidigt und, obgleich eben erst wieder mit einer Ordnungsstrafe bedroht, versicherte die wahrlich nicht schmächtige Ehegattin des „Achtundvierzigers", wenn der Rossnwald ihr in den Weg laufen sollte, dann habe es geschellt, was eine neue Drohung in sich barg. Und raum zur Ruhe verwiesen, setzte der Ehemann hinzu, daß der Rosenwald so sicher wie dreimaldrei neun sei, von 'ihm eine „Portion Fäng kriege", daß er die Engel im Himmel pfeifen hören würde, was ebenfalls nicht eine erfreuliche Aussicht für den Kläger bedeutete. Endlich war auch, das Witwenpaar Goldschmidt und Heß auf den Zeugenstand gelangt. Deren Wahrheitsliebe war völlig einwands- und bedenkfrei, wenn es galt, einen lieben Nächsten rrach seinen Schattenseiten und etwaigen dunklen Punkten in seiner Vergangenheit zu schildern. Als daher aus die an sie gerichtete Frage beide beteuerten, daß sie nie etwas Unrechtes an Schenchen entdeckt, war die Angellagt: weit mehr entlastet, als wenn ein ganzes Regiment weiterer Zeugen für ihren Leumund gesprochen hätte. Dann konnte Schenchen auch vor dem höchsten Rechter bestehen, zumal diese beiden Frauen fast übereinstimmend die an sie gerichteten Fragen beantworteten, was ein neues Dokument des Triumphes für Schenchen war, denn noch nie hatten die beiden Witwen sich gegenseitig, — und dies trotz ihrer Freundschaft, je unwidersprochen gelassen. In Anbetracht dieser interessanten Tatsache legte das Auditorium eine ungewöhnliche Geduld an den Tag, bevor die mit großer Spannung erwarteten Reden der Verteidiger, als den Höhepunkt des Tages, den . Urteilsspruch zeitigen sollten. Während Richter, Advokat und Zeugen bemüht waren, Schenchens Vergangenheit bis auf dielen Tag aus ihren Reingehalt zu prüfen, saß die Heldin der Verhandlung zusammengesunkcn auf ihrem Sitz, uno hielt sich das Tüchelchen vor die weinenden Augen. Doch trotzdem der Richter sich mit den Zeugen beschäftigte, war es ihm nicht entgangen, daß sie, mit der linken Hand ihr runzeliges Gesichtchen verdeckend, die Rechte zu einer kleinen dürren Faust geballt hatte und kaum merllich, in rythmischen Schlägen gegen die Brust schlug. Und wenn das Tüchlem einmal zur Seite fuhr, dann bemerkte der Richter, daß Schenchens Lippen und Kinn sich lebhaft bewegten. Er wußte denn auch alsbald, daß das alte Weibchen still vor sich hinbetete, tvenn er auch nicht wußte, daß Schenchen in diesem Augenblick die „Widdui" beendet hatte und nun leise die Psalmen lispelte. Sie ahnte nur, hörte ihrer Schwerhörigkeit halber aber nicht, daß in diesem Augenblick sich die Verhandlung, um ihre Person drehte. In ihrer Taubheit sich vergessend, sggte sie plötzlich laut in das Verhör hinein den Vers aus dem zweiundachtzigstru Psalm: „Wie lange wollt Ihr noch ungerechtes Urteil fällen und das Antlitz des - Schuldigen beachten? Sprechet Recht dem Armen und der Waise, verschafft sein Recht dem Bedrückten und Besitzlosen' . . . . Ein allgemeines Lachen unterbrach die in der -s