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Der Israelit · 1908-08-27 · Heft 35 (27.8.1908) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 35 (27.8.1908)
Date
1908-08-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israelit Ein Centralorgan ISr das orthodoxe Jodentui Begründet non Dr. Lehmann in llbinz 49. Jahrgang. SSI SranMurffl.nl., Sen 27. fluguf! 1908. 30. Ow 5668. M 35. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Wftmmmottö r Gewöhnliche AuSgaÜe Mk. 1.60 vterteljLhrlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. L— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Er., Rußland l BaoH England 2 «ln, Amerika 60 cts., Niederlande 1,20 L) Abonnements bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie direkt bei der Lrvedition. HestauSgabe nur direkt. Juferate r 30 Mennig für die fechSgespaltme Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratmannahme nur durch inH aas enstein u. Bögler A^G. Louto bei der St* St* Postspurkasfe Wie« 9to* 79606« Frankfurt a. M. und deren Filialen. tkonto bei der Rigaer Lomueerzbauk tu Riga To«to bet de« St* Postfparkaffe«a«t Budapest Bo. 184Ä4. und deren Filialen in DwinSk» Libau, Bialvstok, Reval und Lodz ver llacköruck Ser Nrlikei unS eorrelvonSenren öes „Israelit“ ih nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um größere Quffäfee handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gehaftet- Die SSbnmg innerhalb der russischen Jndenleit. Bon Tpeclaior*) Eine gewaltige Gärung geht innerhalb der russischen Judenheit vor, welche ihreni ferneren Bestände ernste Gefahr droht. Jahrhunderte felsenfest auf den Grundpfeilern seiner angestammten Religion dastehend, den grausamsten Verfolgungen seiner unzähligen Feinde trotzend, hat der russische Jude einen solchen Wandel erfahren, welcher seine ganze Existenz in Frage stellt. Seit uralten Zeiten war jedem nur halbwegs denkenden Juden völlig klar, was eigentlich ein Jude ist. Jeder wußte und fühlte im Grunde seiner Seele, daß das Wesen des Judentums, sein ganzes raison ä'orri-, sein Lebensnerv — seine Religion ist. Nun wird, von Juden selbst urplötzlich die Frage aufgeworfen,' was d ch eigentlich das Judentum sei. Und kommen Vertreter verschiedener in seiner Mitte erstandener Parteien und Richtungen und maßen sich an, auf diese einfache und bereits vor einem Jahrtausend endgiltig beantwortete Frage, (und zwar von keinem geringern als von Saadia Gaon, welcher erklärte: „k"d noi« rar« uno'i» rrmTirQ*) und ausgehend von verschiedenen Weltanschauungen und diversen politischen oder sozialpolitischen Doktrinen und Hypothesen, verschiedene, einander negierende Antworten zu geben und, was weit schlimmer ist, bemühen sich unablässig, ihren Antworten eine praktische, ins Leben eingreifenbe Bedeutung zu verleihen. Sie wollen partout das alte Mrael nach eigenem Gutdünken ummodetn und modernisieren, seine alte Physiognomie mit ihren urwüchsigen, markigen historischen Zügen willkürlich verwischen und auslöscheu und ihm ein neues modernes Gepräge aufdrücken. Die einen wollen das .*) Die folgenden Ausführungen entstammen der Feder eines hochanaesehm-m russischen Gesinnungsgenossen, der feit Jahren mitten im öffentlichen Leben steht und die Erscheinungen der Zeit mit aufmerksamem Auge verfolgt hat. Wir geben seine Ausführungen unverändert wieder, obgleich wir mit den in der ^vorliegenden Einleitung entwickelten Anschauungen über den Charakter des jüdischen Bolk-s und Bölkstums nicht ganz übereinstimmen. Diese Meinungsverschiedenheit, beeinträchtigt nicht den Wert der in den nachstehenden Teilen gegebenen kritischen Betrachtung der komplizierten politischen Lage in Rußland, und es wird durch diese Betrachtung das Bild, das die Artikeherie „Das russisch-jüdische BildmtgSprobkem" unfren Lesern g^eichnet hat, in wesentlichm-Mg«r vertidst und ergänzt. D. Red. Judentum als eine Nation im modernen Sinne erklären und stellen ay dasselbe demgemäße Forderungen, die anderen sehen in ihm eine politische Partei und teilen ihm eine besondere Rolle zu und wieder andere erkennen es vorzüglich als. eine soziale Klasse und verlangen von ihm, danach zu handeln. Daß das Judentum in erster Linie und ganz besonders eine Religionsgesellschaft war und ist — und nur als solche sich behaupten kann und wird — das scheint den unberufenen Wortführern der in letzter Zeit im jüdischen Kreise wie Pilze rasch aufeinander emporschießenden Parteien und Fraktionen ein überwundener Standpunkt, ein Anachronismus zu sein, welcher in das Archiv gehört. Die eigenartige äußerst komplizierte Individualität des jüdischen Stammes, sein urwüchsiges, ethnisches und zufolge feiner besonders gearteten Geschichte eigentümliches, politisches und soziales Wesen bieten freilich ein Problem dar, welches zu verschiedenartiger Auffassung und Erklärung Anlaß gibt. Außer einer gemeinsamen Konfession hat der jüdische Stamm eine gemeinsame Abstammung uyd eine gemeinsame innere —durch die Religion — und äußere — durch das fast überall gleichartige historische Schicksal — Erziehung genossen, welche insgesamt dem jüdischen Stamme ein eigenartiges, charakteristisches Gepräge aufgedrückt hat. So zeichnen sich die Juden aller Länder mehr oder minder durch eine physiologischpfychologische und sittlich - intelligente Eigenart aus, welche sie für den einen Kulturzweig mehr für den andernweniger befähigt! Diese auf gemeinsamer Abstammung und historischer Erziehung beruhende kulturelle Gemeinschaft, welche die Grundbedingung zu einer eigenen Kulturmission, oder geschichtlichen Aufgabe, ist, macht unstreitig ein wesentliches Element der Nationalität aus, aber sie erschöpft sie nicht! Die Nation im modernen Sinne, wttche auf national-politische Autonomie berechtigten Anspruch erhebt, hat außer ihrer ethnisch-historischen Eigenart noch ganz andere und sehr wesentliche Atribute, welche hauptsächlich ihre Ansprüche rechtfertigen, auf ein gemeinsames, angestammtes Territorium, aus welchem sie lebt und auf eine gemeinsame, ureigene, lebendige, volkstümliche Umgangs^ und Literaturspra ch e, welche als mächtiges Bindemittel alle Angehörigen der betreffenden ethnischen Gruppe Vereinigt und erhält. In ihrer ursprünglichen Heimat vereirtt lebend und ihre ureigene VoWsprache sührwd, welche die Grundlage jeder nationalen Kultur ist, möchten sie auch die volle unbeschränkte Möglichkeit Haben, ihre nationale Kultur ungehemmt und ungehindert entwickeln und entfalten zu können, was aber unter ftemder Herrschaft in den Rahmen einer politischen Ordnung eingeengt, welche ihr aufgezwungen ist, nicht gut möglich ist. Sie möchte daher stch eine politische Ordnung schaffen und nach Gesetzen leben, welche ihrer nationalen Individualität, ihrer nationalen Psyche entkeimen und daher derselben angemeffen find. Diese unbedingt ebenso rationelle, als berechtigte Forderung hat das Streben der unterdrückten, unter verhaßter Fremdherrschaft schmachtender Nationen nach politischer Autonomie zur Folge. Das ist aber bei uns Juden nicht der Fall. Was dem Judentum im Verlauf seiner vier- - tausendjährigen Geschichte Einheit und Halt verliehen hat, war und blieb die Religion. Der Abfall der Könige und des Volkes im Reiche Israel hat den Verfall und den Untergang der letzteren beschleunigt, ja unvermeidlich gemacht. Die eigentliche große historische Bedeutung unserer Propheten gipfelt eben in der häufig wiederholten nachdrücklichen Hinweisung auf das religiös-ethische Grundwesen des "□'Dyn Sdö nSt© t=y„ und finden in der markigen unvergänglichen Mahnung ona rrnn '\n conn Sy rvnym 121 D'oyn 'via d’höik ihren adäquaten Ausdruck Und so oft Israel nach dem Beispiel seiner Umgebung, fremden Idealen nachgehend, seine Existenz als Gemeinschaft auf anderer, als auf der ihm eigenen religiös-ethischen Grundlage, — wie z. B. zur Zeit des Hellenismus — begründen wollte, hat es verhängnisvolle Folgen zu beklagen. Und noch bis heute ist der einzelne Jude, der es mit der religiös-ethischen Seite des Judentums wissentlich gebrochen hat, unrettbar für das letztere verloren, und möge er sich noch immer Jude nennen. * Auch die Kulturmission oder die historische Aufgabe des Judentums hat sich bis jetzt als eine eminent religiös-ethische manifestiert und betätigt und ist es kaum anzunehmen, daß es künftighin diese seine historische Bestimmung ändern sollte. Die Großen Israels, seine Helden, die seiner Geschichte einen charakteristischen Stempel aufdrückten, waren von jeher Geistesheroen rmn 'voa, Träger, Vorkämpfer und Verfechter seiner religiös-ethischen Lehren und Ideale. Diese letzteren bedürfen zu ihrer Betätigung und Verwirklichung der Gewissensfreiheit^- welche auch in der DiaSpora zu erlangen möglich 1' ' -5 4 m

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