Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1908)
- Date
- 1908-08-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 3^ des „Israelit". euilleton ’S- Der €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Die zweite Hälfte des Satzes enthält aller, dings eine Sittenlehre, die Quelle derselben finden Sie hier: „halte dich fern von einem Wort der Lüge — Und dann hier: Gehe nicht als Herumträger in den Kreisen deines Volkes- Und noch mehre derartige Gebote könnte ich^Jhnen zeigen — Daß aber die erste Hälfte des Satzes eine Sittenlehre enthält, das muß ich entschieden bestreiten. Daß es nicht darauf ankommt, was in den Mund hinein geht, das ist keine Lehre, sondern ein einfacher Irrtum." „Ein Irrtum? wiederholte Edwin betroffen. „Ein ganz entschiedener Irrtum, davon werden Sie sich selbst schon wiederholt überzeugt haben." „Ich sollte mich davon überzeugt haben? nein, gewiß nicht, ich wüßte gar nicht, wie ich niich davon überzeugt haben könnte." „Freilich persönuh werden Sie sich -vielleicht noch nicht davon überzeugt haben — Aber Sie lesen doch die Zeitung, wie oft werden Sie darin gefunden haben, daß Leute in der Trunkenheit den größten Unfug verübt haben, sogar Totschlag. Und Trunkenheit entsteht bekanntlich nur durch das, was in den Mund hineingegangen. Daß aber die unflätigen Reden, die aus dem Mund heraus kommen, gar häufigauch nur die Folgen dessen sind, was in den Mund hineingegangen ist, nämlich des Alkoholaenusses, das werden Sie auch nicht bestreiten können. Sie werden daher zugeben müssen, daß die erste Hälfte des von Ihnen angeführten Satzes einen entschiedenen Irrtum enthält, dessen Quelle aber nicht in dem Alten Testament enhalten ist " Edwin erwiederte nichts, doch sein wiederholter Farbenwechsel bewies, daß die Worte seines Lehrers nicht spurlos in ihm verhallt waren. Als Doktor Groß am folgenden Tage zu seinem Schüler kam, zog er ein kleines schwarzgebundenes Buch aus der Tasche. „Sie haben recht behalten, Edwin, ich habe nicht vergessen, hier überreiche ich Ihnen das Neue Testament." Doch Edwin, statt das ihm Dargereichte dankend in Empfang zu nehmen wich scheu wie vor einem giftigen Reptil, mehrere Schritte zurück.- „Ich danke," flüsterte er mit zu Boden gesenktem Blick „ich kann das nicht nehmen." „Sie können das nicht nehmen?" fragte der Andere befremdet „und gestern haben Sie mich ausdrücklich ersucht, nicht daran zu vergessen, eS Ihnen heute mitzubringen?" „Das war sehr unrecht von mir," stammelte der Knäbe in steigender Verlegenheit „bitte Herr Doktor, verzechen Sie mir." „Sie sprechen in Rätseln, Edwin, was soll ich Ihnen denn verzeihen? — Vielleicht, daß Sie mir nicht wie sonst die Hand gereicht haben? — Nun so geben Sie mir sie jetzt." Aber Edwin legte seine Hand nicht in die ihm entgeaengestreckte, sondern wich noch weiter zurück. „Verzeihen Sie mir, Herr Doktor, verzeihen Sie mir! —" Der Doktor lachte kurz und. gezwungen. „Wenn Sie nicht wollen, so lassen Sie's, darum keene Feendschaft nich, sagt der Berliner. Also setzen Sie sich und nehmen wir Mathematik. Geben Sie das Buch her." Edwin ließ sich dem Lehrer gegenüber an dem Tische nieder und reichte ihm ein Buch. „Potztausend, Edwin was haben Sie? was soll ich denn mit dem Atlas?" „Pardon!" stammelte Edwin, nur mit größter Mühe die aufsteigenden Tränen zurückdrängend. „Nein, ich gebe Ihnen kein Pardon," sagte der Doktor, indem er aufstand und sich dicht neben seinen Schüler setzteer schlang den Arm um ihn und legte die Hand auf seine Schulter. Edwin zuckte und schauerte in sich zusammen. Der Andere nahm keine Notiz davon. „Ich gebe Ihnen kein Pardon, Edwin, bevor Sie mir nicht sagen, was Sie gegen mich haben? — Sie wollen nicht? — Edwin lieber Edwin, wissen Sie denn nicht, daß ich's gut mit Ihnen meine?" „Das weiß ich", flüsterte der Andere „ich bin Ihnen ja so vielen vielen Dank schuldig." „Das ist nicht wahr, Danksind. Sie mir nicht schuldig, ich unterrichte Sie, dazu hat mich Ihr Großvater engagiert. Darum kann ich auch nicht Ihrem unausgesprochenen Wunsche entsprechen, jetzt fortzugehen und nicht wiederzukommen. Ihr Großvater hat mich für den ganzen Sommer engagiertich bin darauf eingegangen und muß nun mein Wort halten uno Sie müssen sich fügen — daß Ihnen das so schwer wird, tut mir sehr, sehr leid. Ich hatte Sie bisher so gern unterrichtet und hatte gehofft, daß auch Ihnen mein Unterricht nicht unangenehm — nun sehe ich zu meinem aufrichtigen Bedauern, daß ich mich geirrt." Edwin schüttelte heftig den Kop'. „Nein," flüsterte er „nein, Sie haben sich nicht geirrt. Ich habe ja so gern bei Ihnen gelernt, so gern' — Und bin Ihnen doch so vielen, vielen Dank schuldig. Denn ich weiß es ja, ich fühle es, Sie unterrichten mich, weil Sie mich besser machen wollen als ich bin. Und ich — o mein Gott! ich bin so unglücklich." Außerstande sich länger zurück zu halten ließ er den Kopf gegen die Schulter des Andern sinken, während ein Strom von Tränen seinen Augen entstürzte. „Edwin, lieber Edwin! was ist vorgegangen? was haben Sie? wollen Sie es mir nicht sagen?" „Ich kann's Ihnen nicht sagen!" schluchzte der Knabe. Einen Moment preßte der Doktor wie im Unmut die Lippen aufeinander, gleich darauf aber blickte er lächelnd auf den noch immer Weinenden. „Hören Sie auf, Edwin, wer ein Mann werden will, der yeint nicht — Und was nützen Ihnen Ihre Trärtsn? — Wenn Sie mir nicht sagen wollen oder können, was vorgegaugen ist, so will ich es Ihnen sagen. — Sie haben heute abermals Brief erhalten von dem Pater Anastasius." Edwin richtete sich hastig auf. „Woher wissen Sie das?" fragte er betroffen. „Durch Ihr verändertes Wesen — Ich will Ihnen sogar einen Teil des Inhaltes des betreffenden Briefes sagen — Der Pater verbietet Ihnen — mit welchem Recht weiß ich freilich nicht — aber er verbietet Ihnen jeglichen Verkehr mit mir, den er Ihnen als den bösen Feind schildert, durch dessen Umgang Sie das Heil ihrer Seele gefährden." „Wer hat Ihnen das gesagt?" rief Edwin. „Ihre Tränen," versetzte der Andere lächelnd. „Kleiner lieber Junge! lieber großer Kindskopf! wer wird um so etwas weinen!" und dabei streichelte er ihm die noch tränenfeuchten Wangen." „Ach! Sie wiffen nicht —" „So lassen Sie mich wissen, was ich noch nicht weiß. Zeigen Sie mir den Brief, Sie sehen,. feafc ärgste was er über mich enthalten hrcke ich berreits erraten." „Ich möchte nur wissen, wieso Sie das beinahe wörtlich erraten haben." „Das möchten Sie wiffen?" Der Doktor blickte ihn fest an. „Sie haben Recht, es wird Sie interessieren, wieso ich das nahezu wörtlich erraten habe. Zeigen Sie mir den Brief, den Sie heute erhalten haben, dann werde ich Ihnen sagen oder vielmehr zeigen, woher meine diesbezügliche Weisheit stammt." „Wenn Sie es durchaus verlangen, so muß ich Ihnen den Brief wohl geben — aber ich tue es ungern — nie habe ich solche ungerechte Worte von dem hochwürdigen Herrn vernommen — Und auch das andere, bitte Herr Doktor, lesen Sie es aufmerksam, damit Sie mir raten können, was ich thue, vor allem, was ich antworten muß. — Aber werden Sie sich auch nicht ärgern?" „Unbesorgt Edwin, ich ärgere mich nicht so leicht, und über dergleichen gewiß nicht, da überkommt mich eine ganz andere Empfindung als Aeraer. Also geben Sie her." Er nahm das Schreiben, das der Knabe noch , immer zögernd, chm reichte, entfaltete dasselbe und las. Der erste Teil entsprach nahezu wörtlich seiner Vermutung, mit entschiedenster Entschiedenheit, wie der Pater sich ausdrückte, verbot er dem Knaben, als dessen Seelsorger er sich gerierte, jeden Verkehr mit seinem ketzerischen Gottesleugnenden Lehrer, durch den er das Andenken seines Vaters schmähe, „denn Sie wiffen doch, was ich für Ihren Vater getan habe." „Was soll das heißen?" fragte der Doktor, „was hat Pater Anastasius für Ihren Vater getan?" Edwin ward bald blaß bald rot, zögernd und wiederholt stockend erklärte er, daß der hochwürdige Herr soviel für das Seelenheil feines verstorbenen Vaters gebetet und so viele Messen für ihn gelesen habe, daß er ihn versichert habe, er wisse mit Bestimmtheit, daß fein Vater, obgleich nicht getauft, dennoch des ewigen Heiles teilhaft geworden wäre. „Die Versicherung hätte ich Ihnen auch geben können. Wer so gelebt hat, wie Ihr Vater, der ist des ewigen Heiles sicher, auch wenn kein Mensch für Ihn betet. Aber Sie, lieber Edwin, mit Ihrem hellen klaren Verstand, haben Sie wirklich geglaubt, daß man die Seele eines Andern in's Himmelreich hinein beten könne?" „Die Väter der Gesellschaft Jesu vermögen viel" versetzte Edwin mit tiefem großem Ernst. „Da haben Sie Recht, die Väter der Gesellschaft Jesu vermögen sehr viel. Wenn Sie sich dafür interesieren, will ich Ihnen in der Stqdtbibliotek eine Geschichte der Gesellschaft Jesu «ben, daraus werden Sie ersehen, was alles die Väter der Gesellschaft Jesu vermögen." „Haben Sie auch das andere gelesen, Herr Doktor," ftagte Edwin, indem er den Brief wieder zusammenfaltete und in die Tasche schob. „Selbstverständlich, ich habe den ganzen Brief gelesen." „Nun, was raten Sie mir, was soll ich dem hochwürdigen Herrn antworten?" „Sie müssen chm die Sache auseinandersetzen, daß Sie, meinetwegen zu ihrem Bedauern, nicht in der Lage sind, den Befehlen des hochwürdigen Herrn Folge leisten zu können. Da Ihr Vormund Ihnen jeden Verkehr, sowohl mit Ihrer Mutter als auch mit oem Baron Brandow trengstens untersagt hat, so sind Sie gezwungen, ich von Beiden fern zu halten. Von dem chrecklichen Menschen jedoch, dem entsetzlichen Doktor der Philosophie, der das Heil Ihrer Seele in Gefahr bringt, können Sie sich, gleichfalls zu Ihrem Bedauern, nicht los machen, da Ihr Vormund denselben als Lehrer für Sie bestellt hat. — Ich glaube sogar von Ihnen gehört zu haben, daß Pater Anastasius selbst erklärt hat, Sie wären verpflichtet, den Anordnungen Ihres Großvaters Folge zu leisten. Daran sdllterKSie ihn erinnern."