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Der Israelit · 1908-08-20 · Heft 34 (20.8.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 34 (20.8.1908)
Date
1908-08-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette «. Nr. 34. Der gftttaeltr abgesehen: das Problem erhebt sich ja eben dort, wo der Anspruch auf das eigene Glück in Konflikt gerät mit dem Glück anderer. Nnd eS bleibt unverantwortlich, einer Zeit, die wahrlich nicht geneigt ist, Opfer zu bringen, immerund immer wieder das Recht auf das eigene Glück zu predigen und die natürlichen Triebe, die ganz von selbst danach streben, sich durchzusetzen, durch zweifelhafte Theorien und durch das Pathos einer blendenden Sprache als die allein berechtigten und wahrhaft edlen zu feiern. Lfc-Ci. orrespondenzen und Deutsches Mrtch. Serienbriefe aus Berlin. (Bon unserem Korrespondenten.) III. E. B. Berlin, 2. August. Der „große Tag" der Repräsentantenversamm? lung, über welchen ich Ihnen im letzten Brief zu berichten versprach, war einer Petition des Hereins zur Erhaltung deS überlieferten Judentums" gewidmet. Die Petition verlangt 1. die Einsetzung eines Rabbinerkollegiums mit tunlichster Beschleunigung vorzunehmen, welches in Lehre und Leben den Standpunkt des überlieferten Judentums aus Ueberzeugung vertritt- 2. in den orgelfreien Synagogen fürderhin nur Jugendgottesdienste abhalten zu lasten, welche dem überlieferten Ritus entsprechen- 3. aus Anlaß der hohen Feiertage regelmäßig eine entsprechende Zcchl von Veranstaltungen für den Jugendgottesdienst nach überliefertem Ritus einzurichten - 4. Ln den bestehenden Einrichtungen der Synagoge in der Rykestraße keinerlei weitere, dem überlieferten Ritus zuwiderlaufenden Aenderungen vorzunehmen- 5. bei oer Neuerrichtung von Synagogen weniger die Rücksichten auf die äußerliche Repräsentation als vielmeyr auf die regelmäßigen Bedürfnisse und die Tradittonen der regelmäßigen Gottesdienstbesucher als maßgebend zu erachten. Man wird gerechterweise die hier erhobenen Forderungen nicht als übertrieben bezeichnen dürfen. ' Daß Männer, die auf orthodoxem Boden stehen, die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse bei Geistlichen nicht suchen und finden können und dürfen, welche in Orgel- und gemischtchörigen Gottesdiensten Mitwirken und auch sonst die unveränderliche Verbindlichkeit der Tradition in Schrift, Wort und Tat bestreiten, liegt allzusehr auf der Hand, um erst bewiesen werden zu müssen. Es ist also lediglich ein Gebot elementarster Gerechtigkeit, wenn man diesen Kreisen, die einen respektablen Prozentsatz der Gemeindemitglieder bilden, die gesetzlich ihnen zugebilligte Seelsorge gibt, welche ihrem religiösen Empfinden und Verlangen genügtzumal sie nichts dagegen einzuwenden finden, daß man die jüdische Gemeinde sogar die Johannisstraßengemeinde mit einer ansehnlichen Subvention bedenkt. Ebenso bedeutete es geradezu einen Gewissenszwana, wenn bei den Jugendgottesdiensten an den Jomim hanauroim allein die schon in pädagogischer Hinsicht monströse «Liturgie", welche f. Zt. von dem Berliner Rabbinat verferttgt wurde und an Verstümmelung der Tefiloh das Unmöglichste leistet, zugrunde gelegt und orthodoxe Eltern vor die Alternattve gestellt werden, entweder ihre Kinder einem derarttgen Gottesdienste zuzüstihren, oder sie ohne jeden Gottesdienst sich 30. August selbst an diesen Tagen zu überlassen oder— horribile — sie an dem Kindergottesdienst der „Adaß" teilnehmen zu lassen. Die Forderung nach Parität gerade in diesem Falle, wo es sich um den Nachwuchs und die religiöse Forterhaltung der Art handelt, erscheint daher gewiß nur allzu berechttgt. lieber die Rykestraßenfrage wurde schon oben berichtet, und was das letzte Petitum betrifft, so ist es nicht eigentlich eine orthodoxe Angelegenheit, sondern der Notstand, der darin angedeutet wird und namentlich in der vielfachen Unzulänglichkeit des Vorbeterdienstes gefunden wird, wird auch nt sehr „liberalen" Kreisen lebhaft empf nden. — Der Vorstand fand sich in seiner feinen Diplomatie denn auch in möglichst eleganter und nichtssagender Art mit dieser unbequemen Petition ab, indem er mit Schreiben vom 6. Januar die Unterzeichner dahin beschied, daß „nach gutachtlicher Aeußerung" der Rabbiner zurzeit keine Veranlassung vorlieae, bestimmte Beschlüsse zu fassen, und der Gemeindevorstand wie bisher den notwendigen, religiösen Bedürfnissen aller Gemeindemitglieder Rechnung tragen werde. . Anders die Herren Repräsentanten. Einen pikanten Reiz gewährte es schon, daß zum Referenten, der die strikte Ablehnung zu vertreten hatte, Herr, GeheimW Senator bestellt worden war, der s. Zt. als konservativer Kandidat seinen Einzug in die Repräsentantenversammlung gehalten hat. Der berühmte Kliniker Gerhard hat einmal seinen Kollegen Senator als „eine lebende Encyklopädie der medizinischen Wissenschaft" bezeichnet. Der scharfsinnige Diagnostiker fand nun hier Gelegenheit zu beweisen, daß er auch als gewandter Diplomat seinen Mann zu stellen vermagkonnte er an dem Inhalt der Petition nur wenig mit Recht krittsieren, so fand er desto mehr an dem Verein, der ihr Urheber war, auszusetzen. Der Name sei unzutreffend, weil nach seiner Ueberzeugung der größte Teil der Mitglieder derselben mit einer Menge von Ueberlieferungen gebrochen hätte, die früher als unantastbar und heilig gegolten haben - der Begriff des überlieferten Ritus sei doch ein sehr schwankender geworden ufw.- Argumente, deren durchschlagende Kraft, ihre Richtigkeit selbst vorausgesetzt, nicht allzuviele anerkennen werden. Und so beantragte er denn namens des vorberatenden Ausschusses, sich dem Antwortschreiben des Vorstandes anzuschließen. Eine schärfere Tonart fand der erste Diskussionsredner, Herr Benes Levy. Herr L. protestierte energisch gegen die Behauptung, daß der konservative Teil der Gemeinde von den Gemeindebehörden schlechter als die Liberalen behandelt würden. So habe der Vorstand bereitwilligst dem Verlangen einen Jugendgöttesdienst nach altem Ritus einzurichten, entsprechen wollen und das Rabbinat beauftragt, eine Gebetordnung festzustellen. Nach monatelangen „Arbeiten" fei aber nichts herausgekommen als das alte Minchagebet! Eine Einführung eines ebensolchen Jugendgottesdienstes in die alte Synagoge sei nie gefordert, und überdies der in der Kaiserstraßensynagoge zu schwach besucht worden, daß eine Erweiterung ganz und gar nicht erforderlich erschien. Äm besten würde dem Frieden der Gemeinde damit gedient werden, wenn dem Antrag des „Liberalen Vereins" auf Trennung der Kultusangelegenheiten in zwei Kommissionen entsprochen würde. In dieselbe Kerbe hieb dann noch Herr Professor Kulischer, der die Entdeckung machte, daß nicht nur der „Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums", sondern erst recht der „Liberale Verein" seinen Namen mit Unrecht trüge, denn in Wirklichkeit seien sie, die Liberalen, die reaktionäre Partei, da sie zur Glanzzeit des religiösen Lebens im Judentum zurückkehren wollen. Im Uebrigen fand auch er, daß die Orthodoxen so gut behandelt werden, daß sie über nichts zu klagen hätten. Mit aller Entschiedenheit aber bekämpfte er den Plan gesonderter Kultuskommisfionen, da derselbe den. Anfang vom Ende der Gemeindeeinheit bedeute. — Bon der konservativen Seite fand kräftige Töne nur Herr Hirsch, der durch seine Benterknng, daß das orthodoxe Judentum allein geeignet fei, das Judentum zu erhalten, den hellen Zorn der liberalen Seite wachrief. Nach langem Hin und Her wurde dann die Petition des „Vereins zur Erhaltung des gesetzestreuen Judentums" zusammen mit der Petition des „Liberalen Vereins" wegen Bildung zweier Kultuskommissionen einer gemischten Kommission zur Weiterbehandlung überwiesen. Daß dieser Beschluß nichts anderes als ein Begräbnis erster Klaffe bedeutet, ist klar. Ob dieser Ausgang die Herren vom „V. z. E. d. I." mit Recht überraschen dürfte? Schwerlich! Ihre Forderungen sind sicherlich nichfs weniger als unbescheideneher könnte man ihnen, was gerade von liberaler Seite geschah, den Vorwurf machen, „daß die Forderungen des orthodoxen Vereins so unbedeutend seien, daß es sich kaum lohne, darüber zu sprechen". Aber die Herren übersehen immer wieder das eine, grundlegende Moment, welches ihr ganzes Svstem als verfehlt und fehlerhaft erweist. Steyt man wie die Herren auf dem Boden der Gemeindeeinheit, d. h. stellt man die äußerliche. Ungetrenntheit der ganzen Judenschaft einer Stadt, mag sie'innerlich auch so gespalten sein, daß in ihr neben religiösen Nihilisten auch wahrhaft orthodoxe Männer, neben .L^ten, die mit einem Fuße bereits außerhalb des Judentums stehen, überzeugte und überzeugungstreue Juden ihren Platz behaupten, stellt man die äußerliche Einheit dieser heterogenen Elemente über die Pflicht zur Wahrheit und Klarheit sich selbst gegenüberkonstruiert man die Möglichkeit einer Gemeindeeinheit, die „allen Richtungen" gerecht zu werden vermag und allen gerecht zu werden die Pflicht hat — dann hat man kein Recht sich zu wundern und zu beklagen, wenn dieses System zu denjenigen Ungeheuerlichkeiten führt, die der „V. z. E. d. I." in richtiger Weise in seinen Protestversammlungen und Beschwerden schildert und geißelt. Halbheit ist nirgends so verhängnisvoll wie in religiösen Dingen und wer Toleranz in Fragen predigt, die das heiligste Empfindungsleben aufrühren und bewegen, muß die Konsequenzen dieser Selbstentäußerung mit Würde zu ertragen wissen.-- Bon sonstigen Ereignissen aus dem Leben der jüdischen Gemeinde wären noch folgende zu erwähnen: Zum Rabbiner wurde in der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung Herr Dr. Bergmann aus Frankfurt a. O. gewählt, der, wie man sagt, sich zur „Mittelpartei" rechnet. Damit hätte die Berliner Gemeinde sich ihren dritten Seelsorger, direkt oder indirekt, aus Frankfurt a. O. geholt. Die dortige Stelle dürfte fortan von allen denen, die nach Berlin wollen — und wer fühlte nicht dazu das Zeug in sich? — mit einer gewissen abergläubigen Ehrfurcht betrachtet und als Sprungbrett nach Berlin geschätzt werden. Dann ist die „Santtätsrat Cohnsche Stiftung" in den letzten Wochen perfekt geworden und hat die landesherrliche Bestätigung gefunden. Die Annahme dieser Stiftung im Jahre 1894 gehört zu den häßlichsten Blättern in der Geschichte der jüdischen Gemeinde. Berlin. Schreibt ihr Stiftungsbrief doch vor, daß sie zur Unterstützung von Handwerkslehrlingen jüdischen Glaubens dienen soll, die gehalten sind amSabbath zu arbeiten und außer an den staatlichen Feiertagen nur noch am USD rwl ruvn wn zu feiern! „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen", so schrieb ich damals im Israelit (Nr. 18), „wollen wir dermaleinst vor unserem Richter mit gutem Gewissen ausruftn können, wenn von uns Rechenschaft gefordert wird für die Seelen, die dort gemoroet werden sollen, wenn für den frommen Kinderglaubeu, den mit Geld zu ersticken man sich anschickt, Klage gegen uns erhoben wird." Non ölet! Heute, da diese Schandstiftung zur Tat geworden, findet sich in der ganzen großen jüdischen Gemeinde Berlins nicht einer, der daraus die allein richtige, gegebene, pflichtmäßige Konsequenz zu ziehen Anlaß fände! Es ist ja der Stolz der Berliner Judenschaft, daß in ihrer Gemeirwe „alle Richtungen" Platz finden. Und der „Konservativen" nicht zuletzt!

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