Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1908)
- Date
- 1908-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 20. Hlugrrft 190» Der Jsroeltt. Nr. 84. melden, die Frage der Parlamentswahl in Jerusalem schon' vor 14 Tagen in jüdischen Kreisen eifrig erörtert worden war. Dabei zeigt sich sofort wieder, wie verhängnisvoll es für die palästinensischen Inden ist, daß sie ihre Kinder bisher dem Studium der Landessprache entzogen haben. An Kennern des Türkischen herrscht Mangel, besonders unter den Gesetzestreuen, und so taucht denn als Parlamentskandidat der Mann auf, dessen unheilvolles Wirken vor aller Augen steht Herr Ante bi, der Geschäftsträger der Alliance israelite, ein Mann, der aus steinen unjüdischen Gesinnungen gar kein Hehl macht, und der nun als „Vertreter" einer vieltäusendköpfigen echtjüdischen Bevölkerung, (in Betracht kommen freilich nur die türkischen Untertanen) die Interessen dieser Tausende, und nicht zum wenigsten ihre religiösen Interessen wahrnchmen soll! Schlimmer noch ist der große Putsch, der sich unter den Auspizien der Alliance in Konstantinopel vollzogen hat. Daß Chacham- Baschi Morse Levy, der hochbetagt und der neuen Aera wohl nicht gewachsen ist, dort sein Amt niedergelegt, daß man den alten Mann von jüdischer Seite mit unsanftem Drängen beiseite geschoben, seine Amtsentsetzung gefordert hat mag noch hingehen. Ein schweres Unglück aber für die ganze orientalische Judenheit ist die von der Alliance israelite triumphierend in die Welt telegraphierte Ernennung des Herrn H a j i m 9h* i) o« nt zum Chacham Baschi der türkischen Judenheit. Die Tatsache, daß Herr Nahoum-Lehrer an dem Rabbinerseminar der Alliance zu Konstantinopel ist, genügt, um seine religiöse Richtung zu kennzeichnen': sein Ideal wird und mutz.es sein, den orientalischen Juden die Kultur der französischen Aufklärung mit vollen Händen zu spenden und an die Stelle der alten jüdischen Thoragclehrsamkeit die Katechismus-Weisheit eines salonfähigen Modejudentums zu pflanzen. Ob die jüdischen Untertanen des Sultans sich die Oktroyierung eines solchen Oberhauptes gefallen lassen werden, ob ihre Kraft und ihr Mut gegenüber der Leider allmächtigen „Alliance israslite" ausreichen wird, um ihre Herzensmci nung mir dem genügenden Nachdruck bis nach Konstanlinopet gelangen zu lassen diese Fragen kann erst die Zukunft beantworten. Eine traurige Folge dürfte der Chacham- Baschi-Staatsstreich jedenfalls haben: die Kluft zwischen Aschkenasim und Sefardim wird größer werden als bisher, und, was noch schlimmer ist, die frommen aschkenasischen und sefardischeu Juden, die fremde Untertanen sind, werden es sich jetzt zehnmal'überlegen, ehe sie das türkische Staatsbürgerrecht erwerben und damit ihre und ihrer Kinder religiöse. Zukunft dem Belieben eines neologen „Grand-Räbbin" überantworten! Dieser Gesichtspunkt dürfte besonders dazu beitragen, daß auch die zionistischen Kreise im Orient von der Ernemumg des Herrn Nahoum keineswegs erbaut sind. Man darf der weiteren Entwickelung der Tinge mit Spannung entgegensehen. Sur innerjtföifdien Lage in Rußland. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so gehen die jüdischen Gemeinden in Rußland einer durchgreifenden Reorganisation entgegen. Von überall her im weiten Zarenreiche laufen Berichte ein über abgehaltene Rabbinerversammlungen, in denen die brennenden Fragen des jüdischen Gemeindewesens zur Verhandlung gelangen. Die wunden Punkte, die — abgesehen von den tiefer greifenden allgemeinen Schäden — der Sanierung harren, sind überall die gleichen, die Fleisch- und Lichtst euer, die die arme jüdische Bevölkerung bedrückt, ohne ihr den geringsten sozialen Nutzen zu bringen, die Misere, die durch die heillose Unordnung in den jüdischen Familienregistern entstanden, allenthalben so bitter und so schwer empfunden wird und dergleichen mehr. Es kommen auch hie und da kulturelle Fragen zur Sprache, die zumeist die D'vin, die Gründung von Rabbiner- und Lehrerseminarien, auch die Stellung der 'O'ia’i in den Gemeinden betreffen. Besondere Beachtung verdient, wie ja unser russischer Korrespondent in der vorigen Nummer hervorgehoben, die Rabbinerversammlung in Cherson. Wenn berichtet wird, daß neben den sogenannten Kronräbbinern an dieser Versammlung auch D'Wi teilgenommen hätten, so ist es bedauerlich, daß dabei keine Namen genannt werden. Wir glauben nämlich nicht, daß aus dem Kreise der russischen D’Vna viele geneigt sein werden, mit den Herren Temkin und Schernowitz jüdische Angelegenheiten oder gar solche religiösen Charakters gemeinsam zu beraten. Immer- ' hin ist es bedeutsam, daß sogar diese Herren, die von dem Verdachte des niTDn völlig frei sind, die durch die Mißwirtschaft einer sogenannten jüdischen Hochintelligenz, zu der nicht zum geringen Teile auch die Herren Kronrabbiner zählen, hervorgerusenen ungesunden, ja völlig unhaltbare Zustände unumwunden zugeben mußten. Wenn man bisher von einsichtiger Seite etwas an den öffentlichen jüdischen Schulen auszusetzen wagte, so war man in der Gegenpartei gleich mit den Ehrentiteln „Zeloten" und „ F i nst erlinge " bei der Hand. Man sprach in sittlickier Entrüstung von Kultur- und Bildungsseinden, die jedem Fortschritte im Wege stehen. Nun waren es aber keine „Finsterlinge" und „Kulturfeinde", sondern die Herren Temkin und Genossen, Kronrabbiner, die als Kronzeugen gegen diese Kultureinrichtungen aussagten, und die für die Abschaffung der Lichtsteuer plädierten, weil die öffentlichen „jüdischen" Lehranstalten, die von dieser Steuer genährt werden, ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Tie Herren Kronrabbiner in Cherson waren auch offen und ehrlich genug, um einzugeftehen, daß nicht sie die kompetenten Organe zur Ausführung und Regelung von religiösen und rituellen Angelegenheiten seien, sondern die Rabbonim, die das Vertrauen der Gemeinde besitzen und deren Autorität unter allen Umständen nach innen und außen gewahrt werden müsse. „Der Kronrabbiner solle nur als Vermittler und Wortführer der Gemeinde den Behörden gegenüber fungieren und den Vorsitz in der Gemeindeverwaltung führen." Es scheint uns indessen, im Gegensatz zu unserem Korrespondenten, daß durch diesen bedenklichen Nachsatz der Wert der von den Herren Rabbinern zur Schau getragenen Bescheidenheit und Nachgiebigkeit stark in Frage gestellt ist.. Hat doch die Erfahrung gezeigt, daß es gerade den Vermittlern und Wortführern der Gemeinden vor den B e h ö r d e n von jeher in Rußlatid gelungen ist, sich als offizielle Vertreter der Massen zu gerieten und die interne Gemeindepolitik ganz nach ihrem Köpfe zuzufchneiden. Darum wird man trotz allem Wohlwollen und aller Achtung, die man den Rabbonim in dieser Versammlung entgegenbrachte, sie doch ernstlich und eindringlich zur Vorsicht inahnen müssen. Nicht weniger Vorsicht werden die Rabbonim auch bei der Einsetzung der Kommission zur Prüfung der Melamdim zu bcobachteti haben. Sie werden vor allem darauf dringen müssen, daß es dabei nicht mit der huldvollen Erlaubnis zum Mittun sein Bewendenhat, sondern daß diese Angelegenheit der Bolkserziehung, von toelcher der Fortbestand, das Sein und Nichtsein des russischen Judentums abhängt, vielmehr ausschließlich in ihre Hand gelegt wird. Dazu wäre vor allem die baldige Aktivierung des - Verbandes notwendig, dessen ungeheure Bedeutung durch nichts besser illustriert wird, als durch die krampfhaften Bemühungen der offenen und heimlichen Gegner, diese zeitgemäße Organisation schon in ihrem Werden und mit allen Mitteln zu Grunde zu richten. Es ist schwer, in der drückenden Atmosphäre des Zarenreiches Mut und Selbstbewußtscin zu bewahren und doch tut Mut und Selbstbcw u ß t s e i n vor allem den D'KT* in Rußland not, von deren politischer Tatkraft nach me n s ch - Und mitten drin die Flammen. Es brennt der Orl-City Schacht. Ein Jahr lang hatte man zu seiner Bohrung gebraucht, ^Dam». schoß ijjit. einem Male das. Oei aus der Erde wie ein Geiser. .Dampfend, gurgelnd, sprudelnd. Nicht einmal die ältesten Leute konnten sich entsinnen, je solchen Reichtum geschaut z.i haben. Daraus war man nicht vorbereitet. Pioniere mutzten weite Becken in die Erde graben, drein »ich der Strom zischend ergoß. Uno aus den künstlichen welchen stieg das Oel, kroch über die Hügel von Tustanowice, schwamm wie eine scheußliche Herde von braunen und grünen Mollusken auf den trüben Wässern der Thsmienica hinab gegen Boryslaw.. Man sieht, die.Geschichte des Oil-City-Schachtes beginnt ganz so wie manche Fabel, die wir in der Schule lernten: „von törichten Menschen, die den Reichtum wünschten". Und das Strasegricht folgte auf dem'Fuße. Gewitterwolken sammelten sich aus heiterem Himmel. Krachend schlug der Blitz nieder. Jubelnd züngelten die Flammen empor, wie Geister, die ihr Herr ri^st. .Gierig breitet sich das Feuer über die Landschaft. Bisher sind alle Versuche, den Brand des Oil- City-Schachtes einzudämrnen, vergeblich geblieben. Man schob lange Röhren unter die Flammen, um das Oel abzuleiten. Mer dann brannte es in den Röhr'»» weiter. Und die Röhren brachen. Das Feuer ergoß sich in die braunen Oetteiche, brach in Flammenbächen durch die kunstvoll gezogenen Graben, lind schließlich mußte man gar das abgeleitete Oel aus der Tysmienica anzünden, dimit es nicht die Felder verwüste. Der breimende Fluß! Zuerst Hüpfen die Flammen zaghaft über die Wellen. Dann bekommen sie Mut, pfauchen wie böse Katzen. Schließlich werden sie ausgelassen, knattern und prasseln. Reiten stolz auf dem Nacken des Flusses, der angstvoll rauscht. Es gibt Leute, die felsenfest davon überzeugt sind. der Brand müsse als ewige Fackel gen Himmel lohen und könne nimmer verlöschen. Und beinahe sieht es .so aus, als ob man ratlos die. Flammen sich selbst überließe, als ob man sie anshungern wollte. Nur die jüdischen Erdarbeiter von Boryslaw haben den Kampf nicht aufgegeben. Zerrissene Säcke gürten ihre Lenden. Zerrissene Säcke haben sie über ihr Haupt gestülpt. L>o schreiten sie unerschrocken bis oicht an das Feuer und schütten Erdmassen in die kochend? Gischt. Mit einer raschen Bewegung ersticken sie di? Flammen, die an ihnen cmporklettern. Taumeln erschöpft zurück uud werfen sich der Lauge nach auf den Boden, um ihr Llühenves Gesicht in der aufgewühlten Erde zu kühlen. Und gleich daraus beginnen sie ihren Weg von neuem, den Rücken gebeugt unter der schweren Last. Wochenlang setzen sie diese Arbeit fort, stumm, geduldig, unermüdlich. Tie Flanrnien spotten ihrer. ' Mer gerade durch ihre Vergeblichkeit wächst ihr Kampf ins Heldenhafte, ins Mem'chlich-Ewige. (Bom Historiker-Kongreß.) Aus dem Historiker- Kongreß in Sonbon hat Pros. Dr. E. Sellin (bisher in Wien, jetzt in Rostock) „die Ergebnisse der Ausgrabungen in Palästina für die vorisraelitische Geschichte des Landes" in längeren Ausführungen behandelt. Er gab zunächst eine Uebcrsicht über die Geschichte der bisherigen Ausgrabungen,in Palästina und über die Daten, die die^ außerpalästinensischen Inschriften für die Geschichte Palästinas im dritten und zweiten Jahrtausend ergeben haben. Daran knüpft er di: Frage: was haben nun jene -zur Erweiterung oder Bestätigung dieser beigetragen? Eine Antwort darauf gibt er in dreifacher Richtung. 1) Neue inschristlich verbürgte Daten für die politische Geschichte haben wir so gut wie gar nicht erhalten. Tie inschriftlichen Funde beschränken sich ans die in Bliß in Bakisch Msundenen keilinschriftliche Tontafel und das von Sellin in Taanach aufgedeckte kleine Tontafelarchiv des kanaanitischen Königs dieser Stadt. Tie Briefe sind Lokalkorrespondenz, die Namenlisten, Bauern- oder Soldatenverzeichnisse. Nene welterschüttcrnde Ereignisse lehren sie uns nicht kennen, aber sie bereichern das schon bekannte historische Bild um manche interessante Einzelzügc; die Listen z. B. bieten uns das reichste Eigennamenmaterial der kanaanitischen Bevölkerung Palästinas dar, das wir überhaupt besitzen. Ist es in dieser Richtung also auch noch nicht viel, was die Ausgrabungen ergeben haben, so doch genug, um weiter zu hoffen und weiter zu arbeite»». 2) Ungleich reichhaltiger gestatten sich die Ergebnisse, wen»» man eiinnal von unmittelbaren, geschichtlichen Urkunden absieht und die kulturgeschichtlichen Resultate als Ganzes ins Auge faßt. Diese spiegeln nämlich deutlich eine ga»»ze Geschichte wieder. Zunächst^ wenn man den in jenen bemerkbaren ausländischen Einflüssen nachgeht. Drei ausländische Kulturkrerse haben offenbar aus das vorisraelitische Kanaan eingewickt. Erstens der babylonische. Rein äußerlich betrachtet verhalten sich die Einzelsunde babyonischer Provenienz zu dene»» ägyptischer Herkunft allerdings nur wie 1:50. Aber mau darf hier nicht mit einer solchen Statistik arbeiten, gerade^auf die Grundlagen der ganzen geistigen Kultur Kanaans hat Babylon maßgebend eingewirkt. Das beweisen sowohl bas religiöse Pantheon wie die Schrift der Tontaseln und die Darstellung auf der in Gezer gefundenen sogen. Zodiakustablette. Der ägyptische Einfluß macht sich am stärksten i,n Süden bemerkbar, die dort ausgegrabenen Städte machen in einzelnen Schichten geradezu den Eindruck ägyptischer Städte,, auch in ^der Jssrselebrnz hat er *%. -Vv v" ■ iiültLlSt*